NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich erwarte nichts vom Staat, ehrlich gesagt

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Von Babette Pfander

SERGEI SCHURAWLIOW, BISCHKEK (KS), ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Der Sohn ist 18, die Tochter 12 Jahre alt. Die Familie wohnt in einem eigenen kleinen Haus am Rand der Stadt. In seiner Freizeit geniesst er es, am Auto Reparaturen vorzunehmen. Er fährt einen Audi 80, Jahrgang 1990, Zählerstand: 200 000 Kilometer.
Bischkek, die Hauptstadt Kirgistans, hat 800 000 Einwohner.
Sergei Schurawliow verdient im Monat rund 8000 Som (CHF 250), was die Lebenshaltungskosten der Familie ausreichend abdeckt. Seine Frau ist auch Taxifahrerin, arbeitet jedoch im Moment nicht, weil sie sich die Ersatzteile für ihr Auto nicht leisten kann.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Jede Woche mindestens an fünf Tagen je zwölf Stunden. Wenn zu Hause viel Arbeit ansteht, etwa Reparaturen am Haus, bleibe ich auch mal einen Tag mehr zu Hause. Da ich selbständig bin, bin ich sehr flexibel.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Ich löse jeden Monat meine Lizenz neu. Meine Pension wird davon abhängen, wie lange ich als Taxifahrer registriert war. Aber ich erwarte nichts vom Staat, ehrlich gesagt. Ich gehe davon aus, dass ich arbeiten muss, solange es meine Gesundheit zulässt.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

Im letzten Sommer. Wir fuhren mit einer befreundeten Familie für eine ganze Woche an den Issyk-Kul-See. Da fahren wir jeden Sommer hin, das ist eine Tradition, die von vielen Familien in Kirgistan aufrechterhalten wird. Ein Sommer ohne Ferien am Issyk Kul ist kein Sommer.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Ich bin eigentlich ausgebildeter Koch, aber hier ist es schwierig, als Koch eine gute Stelle zu finden oder selbst ein Lokal zu eröffnen. Taxifahrer wurde ich, weil es relativ einfach ist, in diesem Bereich selbständig zu arbeiten.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Einmal brachte ich morgens um halb vier einen Kunden vom Flughafen in die Stadt. Vor dem Hotel bat er mich, gleich weiter an den Issyk-Kul-See zu fahren, das sind etwa 250 Kilometer.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Ich lese Bücher und Zeitungen, manchmal sitze ich auch einfach im Auto und schaue den vorbeigehenden Leuten zu. Oder ich unterhalte mich mit den anderen Taxifahrern am Stand, meistens über Politik. Wir sind sehr am Geschehen in Kirgistan und vor allem in Russland interessiert. Manchmal spielen wir auch Karten auf der Motorhaube eines der Taxis.

Wer war Ihr prominentester Gast?

Berühmte Leute fahren hier nicht mit öffentlichen Taxis. Mein aussergewöhnlichster Gast war der Mann, der mich überfiel und mich umzubringen drohte. Er nahm mir all mein Geld ab, stahl meinen Ehering, das Radio und machte sich davon. Das war 1989.

Haben Sie jetzt Angst vor Überfällen?

Nein, ich bin immer am gleichen Taxistandplatz und habe meine Stammkundschaft. Für Neueinsteiger ist es viel gefährlicher als für uns alte Hasen, denn die müssen immer wieder an anderen Plätzen auf Kunden warten und öfter unbekannte Fahrgäste bedienen.

Bekommen Sie manchmal Trinkgeld?

Sehr selten. Meistens von Ausländern. Ab und zu kommt es vor, dass einem Fahrgast gerade etwas Gutes widerfahren ist und er seine gute Laune in Form eines Trinkgelds mit mir teilt.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Meine höchste Busse war 4 Franken 50 für Falschparkieren. Oft werden wir Taxifahrer von der Polizei angehalten und unter irgendeinem Vorwand zu einer Busse verknurrt. Die Höhe der Busse hängt von der Laune des Polizisten und dem Verhandlungsgeschick des «Verkehrssünders» ab.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt, und was kostet eine Fahrt dorthin vom Flughafen aus?

Der schönste Ort ist der Ala-Too- Platz, wo bis vor kurzem noch das Lenindenkmal stand. Ich bin in der Sowjetzeit aufgewachsen, wir wurden alle zu Patrioten erzogen. Deshalb ist der Platz für mich ein Symbol für Freiheit und Vaterland. Eine Fahrt vom Flughafen dahin kostet zehn bis zwanzig Franken, je nach Verhandlung.

Womit verwöhnen Sie sich?

Das Schönste für mich ist Erholung im Familienkreis, zu Hause oder in einem gemütlichen Restaurant. Manchmal lade ich die Familie in ein einfaches Restaurant ein, oder wir öffnen eine gute Flasche süssen Wein, bestellen uns Pizze und geniessen den Abend zu Hause.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde ein kleines Restaurant mit traditioneller russischer Küche eröffnen. Ich bin kein Nationalist, aber ich liebe die russischen Traditionen. Ich würde nach den alten Rezepten unserer Grossmütter kochen, um so Kundschaft anzulocken. 


Taxameter gibt es in Kirgistan keine. Preise werden ausgehandelt. In der Stadt kostet ein Kilometer ungefähr 30 Rappen.

Kirgistan
Einwohner: 5 000 000
BIP pro Kopf: CHF 420
Benzin: 1 l CHF 0.5
Milch: 1 l CHF 0.35
Coca-Cola: 1 l CHF 0.85
Brot: 1 kg CHF 0.3
Reis: 1 kg CHF 0.8
Kinobillett: CHF 0.6
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.45


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