«DIE ARBEIT von Frank Stella würde etwas mehr Raumvolumen brauchen, von hier oben sieht man nur einen Teil davon. Sie trägt den Titel <Enter Ahab> und ist eines der schönsten Werke aus Stellas Moby-Dick-Zyklus. Der grosse Baselitz heisst <Elke>, ich finde es eines seiner ganz guten Bilder. Ich hatte es in meiner Baselitz-Ausstellung. Ob es hier bleibt, weiss ich noch nicht. Es gehört der Galerie, ich bin ja Galeristin und Kunstsammlerin zugleich.
Die Vasen sind zufällig auf dem Boden gelandet, sie standen zuvor auf den Tischchen. Pipilotti Rist fand sie dann aber so schön zusammen mit den Früchten ihrer Installation, dass ich sie vorläufig da stehenlasse. Ich habe immer mal wieder eine Vase gekauft, die mir gefiel, besonders gut kenne ich mich damit aber nicht aus. Hinter der Säule hängt noch ein kleinerer Stella, <Young but daily growing>. Ich habe mich in diesem Raum mit Stücken meiner Sammlung umgeben, die mir lieb sind. Mit Chillida, dem Schöpfer der Keramik-Skulptur, verbindet meinen Mann und mich eine langjährige Freundschaft. Das Bild von Lohse, das ich hier einfach mal auf den Boden gestellt habe, begleitet mich sicher schon seit 20 Jahren. Und den Leuchter hat Tinguely mich aussuchen lassen, als Geschenk für alles, was ich für die Kunst tue, wie er sagte.
Mein Mann und ich sind erst Anfang Jahr in dieses Haus gezogen, es ist ganz neu. Wir haben schon vorher einige Jahre hier an der Südstrasse in Zürich Riesbach gewohnt, zur Miete, zwei Häuser von hier entfernt. Davor wohnten wir während etwa sechs Jahren an der Stadelhoferstrasse, also mitten in der Stadt, nahe beim Bellevue, als Nachbarn von Max Frisch. Ich liebe die Stadt, und eigentlich wäre ich gerne geblieben. Es war schön, dass man sozusagen im Pyjama ins Kino gehen konnte, dass es in der Nähe mehrere Buchhandlungen gab, man die ganze Stadt zur Verfügung hatte. Hier sind wir ein bisschen ausserhalb. Ich brauche den Bus und das Tram oder das Auto, um in die Stadt zu gelangen. Mich hat aber die Architektur des Hauses gereizt, das mein Mann, Dolf Schnebli, gebaut hat. Einmal im Leben wollte ich Räume haben, in denen auch grossformatige Kunstwerke zur Geltung kommen. Die Wohnung im Stadelhofen war zwar sehr schön, Ernst Gisel hat sie gebaut, aber die Räume hatten halt die üblichen 2 Meter 40 Höhe.
Hier ist es ländlich und städtisch zugleich. Es ist wie das Tor zu einer Stadt. Auf meinem Heimweg komme ich vom Stadtzentrum durch die baumgesäumte Zollikerstrasse hierher. Die drei weissen Kalksandsteinhäuser mit ihrer schönen, urbanen Architektur passen gut in diese noch ländliche Landschaft an der städtischen Peripherie. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich zur einen Seite direkt an einen Rebberg und zur anderen auf den See und über Hausdächer zur Stadt. Vorher war hier eine Wiese, ziemlich wild. Tiere gibt es immer noch, Vögel, auch Fischreiher - durch das Gelände fliesst ein Bach -, und auch Füchse. Nachts hören wir manchmal Laute wie aus einem Urwald.
In die Stadt gehören städtische Häuser und aufs Land ländliche Häuser, finde ich. Ich mag es gar nicht, wenn das vermischt wird. Schauen Sie sich nur Zumikon, Zollikon und all die anderen Dörfer mit -kon am Ende an. Da sehen Sie, wie Landhäuser zu pro forma städtischen Häusern umgebaut wurden, während man mitten in der Stadt heimelig-ländlich baut. So verdörflicht die Stadt und verstädtert das Dorf.
Ich habe nicht immer, aber meistens in Zürich gewohnt; ich bin auch weitgehend hier aufgewachsen. Geboren wurde ich in Genf, mein Vater war Perser. Er war Musiker, Violinist. Die Schulzeit habe ich in der Enge verbracht. Dort konnte ich miterleben, wie die Stadt mit der Entflechtung von Arbeiten und Wohnen veröden kann.
Beim Bau dieses Hauses war ich die Bauherrin, mein Mann der Architekt. Das war ein ideales Zusammenspiel, wir waren uns buchstäblich immer einig. Mein Mann kannte die Kunstwerke, die ich in den Räumen zur Geltung bringen wollte, und ich schätze seinen Sinn für architektonische Feinheiten, für die Lichtführung, für die Proportionen und Rhythmen der Teile und des Ganzen. Dabei durften wir nicht ausser acht lassen, dass die Öffnungen gross genug für die grossformatigen Kunstwerke sein mussten. Als wir den Baselitz hierherbrachten, ging es um Millimeter.
Dieser Raum strahlt viel Ruhe aus. Hierher ziehen wir uns zurück, um miteinander zu reden, zu lesen. Es ist der Raum, in dem mein Mann, mein Sohn und ich gerne sind. Wenn Leute bei uns sind, ist er voller Stimmen. Wir sind gastfreundlich, kochen gerne für unsere Freunde. Oft wohnen Gäste auch bei uns.
Dieser Raum ist 12 mal 6 Meter gross und 3 Meter 66 Zentimeter hoch; wo er sich über zwei Geschosse erstreckt, ist er über 7 Meter hoch. An der Aufrichte waren wir mit allen Arbeitern sicher 100 Leute hier. Das war sehr lustig. «Les reines prochaines» machten Musik, wir grillierten und kochten. Der Raum wird auch von meinem Sohn sehr geschätzt. Er ist Künstler und legt oft auf dem Boden seine Zeichnungen für Bilder und Skulpturen aus. Früher hat er Möbel entworfen und eigenhändig gefertigt. Die beiden Tischchen zum Beispiel stammen von ihm.
Ganz schwer tat ich mich mit der Entscheidung für den Bodenbelag. Einerseits fand ich den Stein, den brasilianischen Quarzit, sehr schön, anderseits befürchtete ich, die rosa Farbe würde die Bilder stören. Nun, da alles fertig gebaut ist, finde ich, dass es schöner gar nicht sein könnte.»