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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Versager auf vier Pfoten
© Keystone/Everett Collection
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| Nur im Film? Lassie hilft in einer Notsituation. |
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Hund rettet Kind! Hund warnte vor Feuer! – Die Psychologen William Roberts und Krista Macpherson wollten herausfinden, was hinter solchen Meldungen steckt – und erlebten eine böse Überraschung.
Von Reto U. Schneider
Es geschah auf einem Spaziergang, den Silke S., wie sie später in der Zeitung genannt wurde, oft mit ihrem Berner Sennenhund Balu unternahm: Mitten im Wald bedrohten plötzlich zwei Männer die junge Frau. Balu, der sonst selbst vor kleinen Hunden die Flucht ergriff, «wuchs über sich hinaus und verteidigte Silke S. gegen die Angreifer» bis sie sich aus dem Staub machten.
Für die mutige Tat verlieh die Zeitschrift «Ein Herz für Tiere» Balu den Titel «Retter auf vier Pfoten». Er erhielt ein goldenes Herz und einen «Pedigree»-Fresskorb.
Wenn es nach dem Psychologen William A. Roberts von der Universität Western Ontario ginge, müsste Balu seinen Preis wohl zurückgeben. Natürlich weiss Roberts, dass Hunde erstaunliche Fähigkeiten erwerben können: Sie führen Blinde oder spüren Lawinenopfer auf. Doch darauf muss man sie lange und intensiv vorbereiten. Was Roberts nicht recht glauben will, ist, dass ein untrainierter Hund erkennen kann, wann ein Mensch Hilfe braucht.
Aus Sicht vieler Tierbesitzer ist das ein dicker Hund. Schliesslich kann man immer wieder in der Zeitung lesen, welch aussergewöhnliche Taten Hunde vollbringen. Schäfer Freddie zog sein Herrchen aus dem eisigen Wasser. Irish Setter Caleigh holte Hilfe, als sein Besitzer einen Herzinfarkt erlitt. Golden Retriever Toby sprang seinem Frauchen auf den Brustkorb, als diese an einem Apfelstückchen zu ersticken drohte.
«Ich zweifle nicht daran, dass Hunde Dinge tun, die Menschen in Notfällen helfen, sondern daran, dass sie dies mit Absicht tun», sagt Roberts. Die Tatsache, dass es so viele Geschichten über Hunde als Retter gebe, sei vielleicht bloss darauf zurückzuführen, dass Hunde die häufigsten Haustiere sind. «Deshalb sind sie oft zugegen, wenn jemand in Not gerät, und tun manchmal aus purem Zufall das Richtige.» Und damit werden sie dann bekannt. Ein Hund hingegen, der sein Herrchen im Blut liegen lässt, um einer Hundedame ins Gebüsch zu folgen, macht keine Schlagzeilen. Damit er in die Zeitung kommt, wenn er das Falsche tut, muss er schon durch eine gewisse Originalität auffallen, wie jener Jagdhund, der in Texas seinen Meister erschoss, als er den Abzughahn streifte.
Roberts besitzt selbst keinen Hund und kannte sich mit den Tieren auch nicht besonders gut aus, deshalb dauerte es eine Weile, bis er seinen Zweifeln auf den Grund gehen konnte. 2005 sass Krista Macpherson in einem seiner Kurse an der Uni. Als Roberts erfuhr, dass sie Hundezüchterin und Hundetrainerin war, schlug er ihr vor, die Hilfsbereitschaft von Hunden in einem Experiment wissenschaftlich zu untersuchen.
Als erstes mussten sich die beiden Forscher für einen Notfall entscheiden, der sich für den Versuch einfach inszenieren liess. Die naheliegendsten Ideen waren: «Herrchen ist am Ertrinken» oder «Frauchen wird angegriffen». Roberts und Macpherson verwarfen beide. «Wir befürchteten, dass tatsächlich jemand hätte ertrinken oder gebissen werden können», erinnert sich Roberts. Sie entschieden sich für zwei andere Situationen: einen simulierten Herzinfarkt und einen unter einem umgestürzten Regal gefangenen Menschen. Beide waren inspiriert von den berühmten Studien aus den 1960er Jahren über die Hilfsbereitschaft von Menschen (siehe «Das Experiment», Folio 4/07).
Anders als bei den meisten wissenschaftlichen Studien mit Versuchstieren war die Rekrutierung der Hunde kinderleicht. Die Hundebesitzer verlangten geradezu, dass ihr Hund getestet würde – immer in der unausgesprochenen Annahme, er würde sich als heldenhafter Retter erweisen.
Der Pudel will gestreichelt werden
Für den Versuch mit dem Herzinfarkt trainierte Macpherson zwölf Hundebesitzer darin, einen Herzinfarkt vorzutäuschen. Dann schickte sie einen nach dem anderen mit ihrem Hund auf den verlassenen Schulhof, der ihr für die Experimente zur Verfügung stand. In der Mitte des Hofes brachen sie zusammen. In elf Metern Entfernung sass eine Person auf einem Stuhl und las Zeitung (manchmal waren es auch zwei Personen).
Mit einer einzigen Ausnahme berührte kein Hund die zeitungslesenden Personen, um sie auf den Notfall aufmerksam zu machen. Sie bellten auch nicht. Vielmehr vertrieben sie sich die sechs Minuten, bis der Test zu Ende war, damit, in der Nähe des Opfers herumzuschnüffeln und hie und da ein wenig am Boden zu scharren. Die Ausnahme war ein kleiner Pudel, der nach dem Herzinfarkt seines Besitzers sofort auf den Schoss des Zeitungslesers sprang; er wollte gestreichelt werden.
Beim zweiten Test begrub ein Bücherregal die Hundebesitzer unter sich, so dass sie sich nicht mehr regen konnten, aber bei Bewusstsein waren. Sie simulierten Schmerzen und befahlen dem Hund, bei der Person, die er zuvor im Nebenraum gesehen hatte, Hilfe zu holen.
Doch auch bei diesem Versuch versagten die Hunde: Kein einziger ging Hilfe holen! Eine Hundebesitzerin war darüber so wütend, dass sie ihren Hund anschrie: «Du bist die 700 Dollar nicht wert, die ich für dich bezahlt habe!»
Als die Resultate publik wurden, waren Roberts und Macpherson tagelang mit Radio- und Fernsehinterviews beschäftigt. Viele Hundebesitzer wollten ihre Schlussfolgerung aber nicht glauben, dass Hunden die Gabe fehle, zu erkennen, wann ein Mensch in Not sei. Sie riefen in die Sendung an und steuerten ihre eigenen Anekdoten von den Rettern auf vier Pfoten bei.
Kritiker warfen Roberts und Macpherson vor, ihre Szenarien seien nicht dramatisch genug gewesen. Nur bei der Bedrohung durch Feuer oder durch einen Gewalttäter oder beim Ertrinken produziere ein Opfer die Pheromone, die einen Hund merken liessen, dass es sich wirklich um einen Notfall handle.
Roberts weiss, dass mit dieser Studie nicht das letzte Wort zum Thema Hunde als Retter gesprochen ist, aber dass sich von den 44 Hunden aus 15 Rassen kein einziger als Lassie hervorgetan hat, verlangt nach einer Erklärung.
Hunde sind die ältesten Haustiere; seit 10 000 oder 15 000 Jahren Begleiter des Menschen. Roberts vermutet, dass in dieser Zeit die Fähigkeit, sich selbständig in der Welt zu bewegen, herausgezüchtet worden ist. «Auf sich selbst gestellt, sind Hunde nicht besonders gut.»
Während der Domestizierung ist den Hunden offenbar auch ihr räumliches Gedächtnis abhanden gekommen. In Labyrinthversuchen, die Roberts und Macpherson kürzlich unternommen haben, schnitten sie jedenfalls deutlich schlechter ab als Ratten und Tauben.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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