Eduardo Marigliano, Neapel, Italien,
ist 49 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau Pina in einer Eigentumswohnung an der Piazza Carlo III in einem Arbeiterviertel. Seine Hobbies sind Fussballspielen und Walzertanzen. Er fährt einen Seat Vario Kombi, Jahrgang 2000, Zählerstand 147 000 Kilometer.
Die Stadt Neapel hat offiziell 1,2 Millionen Einwohner, inoffiziell 1,7 Millionen und liegt in der Region Kampanien im südlichen Teil Italiens. Eduardo Marigliano verdient im Monat durchschnittlich 2400 Franken.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Manchmal komme ich auf über achtzig Stunden – wenn es regnet zum Beispiel. Wir Taxifahrer in Neapel sind der Regenschirm des Volkes.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Im August, wie jedes Jahr. Dann fahre ich mit meiner Familie für zwei Wochen in unsere Ferienwohnung nach Agropoli.
Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?
Ich bin da reingerutscht, als ich noch an der Universität eingeschrieben war. Ich wollte meiner Familie nicht länger auf der Tasche liegen.
Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?
In der Musikbranche oder beim Theater würde es mir gefallen. Ich spiele manchmal mit Freunden kurze Sketches, die wir unseren Familien vorführen.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Von Neapel nach Fiuggi, da fahre ich regelmässig ein paar ältere Damen hin, die dort in die Thermalanlagen zur Kur gehen. Die Fahrt kostet um die 250 Euro.
Wie verhalten Sie sich im Stau?
Auf jeden Fall nicht aggressiv wie viele andere. Ich warte ab. Der Stau gehört zu meinem Leben wie mein Auto.
Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?
Ich fuhr einmal eine junge Frau nach Hause, die von Sinnen war, nachdem ihr Verlobter sie sitzengelassen hatte. Ich hatte ihre Eltern zum Bahnhof von Castellammare gebracht, wo sie von der Polizei aufgegriffen worden war. Auf dem Rückweg sass sie zwischen ihren Eltern, brabbelte vor sich hin. Plötzlich gab sie mir eine Ohrfeige und schrie mich an.
Gibt es besondere Aufträge für Taxifahrer in Neapel?
Ich werde immer wieder beauftragt, jemanden zu beschatten. Das sind in der Regel lukrative Jobs: Ich erinnere mich an eine reiche Frau, die mehrere Schönheitssalons besitzt und wissen wollte, ob ihr Mann, ein renommierter Zahnarzt, mit ihrer Gesellschafterin ein Verhältnis hatte – hatte er aber nicht.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Knapp 100 Euro, mein Kunde musste unbedingt sein Flugzeug erwischen, da seine Frau notoperiert werden sollte.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Ein Sack Kartoffeln zum Beispiel. Und eine sündhaft teure Lederjacke von Gucci. Weil die niemand im Fundbüro abgeholt hat, hat meine Frau sie getragen.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Fast immer! Mir gefällt es, etwas aus ihrem Privatleben zu erfahren. Am Anfang habe ich sogar alles aufgeschrieben.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Einmal musste ich wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auf einer Landstrasse 600 Euro bezahlen.
Welches ist der schönste Ort in Neapel?
Für mich ist das der äusserste Punkt von Posillipo. Dort hat man einen einzigartigen Blick sowohl auf den Golf von Neapel als auch auf die Phlegräischen Felder. Die Fahrt kostet um die 12 Euro.
Was macht in Neapel einen guten Taxifahrer aus?
Er muss zuhören können. Die Menschen suchen förmlich nach jemandem, dem sie sich anvertrauen können. Ihre Eheprobleme zum Beispiel. Vor Jahren hatte ich eine Frau im Wagen, die gerade ihren Mann verlassen hatte, weil sie ihn mit ihrer Schwester im Bett ertappt hatte.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Wer in Neapel Taxi fährt, muss mit zwei Dingen rechnen: Staus und Gefahr. Heute ist es nicht mehr so schlimm, aber in den 1980er Jahren bildeten Mafiosi, Prostituierte und Spieler den grössten Teil unserer nächtlichen Kundschaft.
Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?
Ich hatte an einer Ampel eine Auseinandersetzung mit einem Fussgänger. Als er plötzlich die Pistole zog, nahm ich beide Hände hoch und gab klein bei.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Ich zahle monatlich einen Betrag für die Rente in eine Kooperative ein. Zusätzlich habe ich Versicherungen.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Reisen. Am liebsten würde ich zu Fuss durch fremde Städte laufen und unterwegs Menschen kennenlernen.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich fahre ans Meer. Den Wellen zuzusehen, wie sie sich an den Felsen brechen, und einfach dazusitzen, das ist für mich das Schönste, was es gibt.
Taxameter
Grundgebühr 4 Franken 20, jeder weitere Kilometer 1 Franken 10. Eine Fahrt vom Flughafen an den Hafen Molo Beverello kostet rund 25 Franken.
Italien
Einwohner: 58 Millionen
BIP pro Kopf: 38 700 Franken
Benzin: 1 l CHF 2.–
Milch: 1 l CHF 2.60
Brot: 1 kg CHF 2.40
Reis: 1 kg CHF 2.10
Coca-Cola: 1 l CHF 2.60
Kinobillett: CHF 11.–
Zigaretten: CHF 5.–
Büffelmozzarella: 1 kg CHF 19.–
Stefanie Sonnentag ist freie Journalistin und lebt in Neapel.