«QUE J'AIME à faire apprendre un nombre utile aux sages! Immortel Archimède, artiste, ingénieur, qui de ton jugement peut priser la valeur? Pour moi ton problème eut de sérieux avantages.» Die Ode an Archimedes mag nicht der Gipfel französischer Dichtkunst sein. Sie hat aber den grossen Nutzen, dass damit das Auswendiglernen von Pi (p) den Schrecken verliert: Die Anzahl Buchstaben der einzelnen Wörter entspricht den ersten 31 Stellen der Zahl: 3,141592653 589793238462643383279. Ein Gedicht des Amerikaners Michael Keith liefert sogar 740 Stellen. Es gibt aber auch Menschen, die sich den Zahlenwurm ohne lyrische Krücken merken können. 1995 sagte der Japaner Hiroyuki Goto 42 000 Stellen von p auswendig auf. Er brauchte dazu neun Stunden Sprechzeit.
Was ist p? Wir kennen die Zahl als jene Konstante, die wir brauchen, um aus dem Radius r den Umfang eines Kreises (2·r·p), eine Kreisfläche ((r hoch 2) ·p) oder einen Kugelinhalt ((4/3·r hoch 3)·p) zu berechnen. Die Rolle von p als Proportionalfaktor zwischen rund und gerade hat Legionen von Mathematikern fast um den Verstand gebracht. Ihre Versuche, mit Zirkel und Lineal aus einem Kreis ein Quadrat gleicher Fläche zu konstruieren, mussten scheitern: p ist eine transzendente Zahl - ein Phantom mit unendlich vielen Stellen, durch keine algebraische Gleichung darstellbar.
Das zieht die Zahlenfreaks bis heute in den Bann. Die Erforschung von p , wie sie der Franzose Jean-Paul Delahaye im Buch «Pi - die Story» schildert, ist ein Marathon durch die unterschiedlichsten Gebiete der Mathematik, wie ihn wohl keine andere Zahl zu bieten hat. Im 5. Jahrhundert entdeckte der Chinese Tsu Chung-Chih, dass der Bruch 355/113 die ersten sieben Stellen von p bringt. Später wurden Verfahren entwickelt, wie man mit einer unendlichen Kette von Brüchen oder Multiplikationen der Zahl p umso näher kommt, je mehr Glieder man berechnet. Hier ein Beispiel: p=2·(4/3 · 16/15 · 36/35 · 64/63 ·...).
«Die Zahl p zu erforschen, bedeutet, das Universum zu erforschen», sagt David Chudnovsky. Er und sein Bruder Gregory kreierten mit raffinierten Formeln und schnellen Rechnern laufend präzisere p-Würmer. Die beiden sind 1977 aus der Ukraine nach New York emigriert und haben sich den eigenen Supercomputer gebastelt. Seither läuft das Monster Tag und Nacht in ihrer chaotischen Wohnung. 1989 machten sie mit einer Milliarde berechneter Stellen von p Furore; 1994 waren es bereits vier Milliarden (was in Buchform 4000 Bände zu je 400 Seiten füllen würde). Der schärfste Konkurrent der Gebrüder Chudnovsky ist Yasumasa Kanada von der Universität Tokio. Ihm gelang 1999 mit einem der leistungsstärksten Rechner der Welt der Rekord von über 68 Milliarden p -Stellen.
Natürlich gibt es schon längst keine praktische Notwendigkeit mehr, p so genau zu kennen. Die Jagd nach dem Phantom lässt die Mathematiker jedoch immer effizientere Verfahren zur Verarbeitung riesiger Datenmengen entdecken, die jetzt etwa auch in Geräten zur Bilderzeugung in der Medizin Anwendung finden.