NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Die Wüste lebt gut

© Aurore Belkin, Dubai
Nayla Al Khaja: «Bei mir zu Hause wohnt Usama bin Ladin.» Linktext
Dubai erfindet sich neu, und alle träumen von einer besseren Zukunft. Zwei ­Einheimische und zwei Schweizer über ihre Suche nach dem Glück.

Von Michael Schindhelm, Andreas Heller und Kristina Bergmann

Nayla Al Khaja, die Regisseurin

Sie trägt eine schwarze Abaya, ihr Kopf aber ist unverhüllt. Sie hat einen südindischen Teint, nahezu schwarze Augen, die Haare für eine Einheimische ungewöhnlich kurz, die Stupsnase gibt ihr einen spöttischen Ausdruck, und sie redet wie ein Wasserfall: «Es ist verrückt: Vorgestern war ich noch in New York, übermorgen gehe ich schon wieder nach LA. Letzte Woche habe ich in Brooklyn einen Vortrag über meine Erfahrungen als Filmemacherin in Dubai gehalten. Die Leute kamen aus der Filmindustrie, es waren Künstler und Journalisten darunter. So etwas wird es in Dubai so bald nicht geben. Wenn du ein gutes Drehbuch machen willst, dann musst du die richtigen Leute in LA treffen. Ich weiss nicht, wie lange ich noch in Dubai bleiben soll. Wenn sich im nächsten Jahr nicht etwas ändert, gehe ich für immer. In die Staaten oder nach Deutschland. Mal sehen.»

Die Filmemacherin Nayla Al Khaja wurde vor dreissig Jahren in Dubai geboren, da war die Stadt noch winzig, und die Einheimischen wohnten alle am Creek, jener sich tief in die Wüste hineinschiebenden Bucht, an deren Ende Flamingos auf Salzbänken stehen. Nicht weit entfernt von dort wohnt Nayla bei ihrer Mutter, und weil das Haus inzwischen in einer der Flugschneisen des Dubai International Airport liegt, hat sie einmal Scheich Mohammed an einem öffentlichen Anlass gefragt, warum man den Flughafen nicht ausserhalb der Stadt gebaut habe. Die Leute in ihrer Umgebung seien ziemlich erschrocken gewesen, weil sie den Scheich öffentlich mit einer so heiklen Frage konfrontiert habe. Der habe ihr aber geantwortet, Dubai werde einen neuen Flughafen bauen, weit draussen in der Wüste – und manchmal müssten sich manche Menschen eben im Interesse der Zukunft aller Einwohner von Dubai von den Häusern trennen, in denen sie und ihre Familien immer gelebt hätten.

Nayla bekommt während des Gesprächs in der Passerelle neben dem Dubai International Financial Centre Mails von ihrem Ex-Lover, einem Italiener. «Ich habe ihn sehr geliebt, aber er war verheiratet.» Er schwört ihr ­«amore», sie antwortet «shut up». Warum will sie in den Westen? «Ich mag Jeans und trinke gern mal Alkohol, und ich trage nicht gern Abayas.» Und wenn sie hier Jeans tragen würde? Mit einer Geste deutet sie Halsabschneiden an. «Bei mir zu Hause wohnt Usama bin Ladin. Meine Eltern sind sehr konservativ. Mein Vater würde mich verstossen. Er und mein Bruder reden schon seit einem halben Jahr nicht mehr mit mir, weil ich zu einer Konferenz nach Genf geflogen bin, ohne um Erlaubnis zu fragen.»

Weil ihre Eltern sie nicht auf dem Fine Arts College in Dundee studieren liessen, obwohl sie die Zulassung und ein Stipendium hatte, besuchte sie das Dubai Women’s College. Sie habe zwar nicht so viel gelernt, aber viele wichtige Beziehungen geknüpft. Mit ihr studierten die Töchter der einflussreichsten Familien, sie konnte ein Netzwerk knüpfen, von dem sie noch heute profitiert.

Nach dem College, mit 22, wollte sie in Toronto Film studieren. Aber die Eltern sagten ihr, sie dürfe erst nach Kanada, wenn sie verheiratet sei. Sie fand einen Mann, der dazu bereit war. «Ein wunderbarer Mensch», sagt sie, «aber wir waren nicht verliebt.» Gleich nach der Hochzeit ging sie nach Toronto. Sie blieb vier Jahre und veränderte sich. «Ich wollte immer anders sein als die Leute in meiner Umgebung, seit Toronto weiss ich, das hatte mit dem Film zu tun. Als ich zurückkam, haben wir uns sofort scheiden lassen. Jetzt muss ich mein Leben sortieren. Ich würde gern jemanden aus Liebe heiraten. Aber ich habe noch nicht den Richtigen gefunden, und ein Emirati kommt sowieso nicht in Frage. Ein Emirati würde mich nicht aushalten. Ich werde in den Armen eines Ausländers enden.»

Demnächst wird sie einen deutschen Produktionsmitarbeiter haben, Sebastian Funke (sie spricht es aus wie funky: «Lustiger Name, oder?»). Irgendwie habe sie immer mit Deutschen zu tun, sie wisse auch nicht, warum. In ihrem ersten Film zeigte sie einem Deutschen, mit dem sie vorher in Toronto auf der Schule gewesen war, Dubai. «Unveiling Dubai» habe den Behörden hier gut gefallen. «Du musst ja dein Skript immer bei der Media Agency in Abu Dhabi einreichen, und die sind sehr schwierig. Aber der Film hat allen gepasst, irgendwie war er Werbung für die Stadt.»

Ihr neues Projekt wird ihr und den Behörden wahrscheinlich mehr Probleme bereiten. Sie will die Geschichte ihrer ersten Nacht mit einem Mann erzählen. Es sei ziemlich traumatisch gewesen. Sie habe sich von zu Hause weggestohlen und den Mann in seiner Wohnung getroffen. Später seien Leute aufgetaucht und hätten eine halbe Stunde lang an die Tür geklopft. «Ich wusste nicht, ob ich überhaupt wieder zurück nach Hause konnte.» Sie sieht sich um im Café, das von Lunchgästen verlassen wird. «Ich bin total erschöpft. Eigentlich bin ich nur zurückgekommen, weil ich heute unseren Filmclub schmeissen muss. Wir zeigen diesmal nur Filme von Regisseurinnen, die am Golf zu Hause sind. Man ahnt gar nicht, was die Frauen hier inzwischen für interessante Filme machen.»

Michael Schindhelm


Peter Harradine, der Gärtner

Als er das erste Mal nach Dubai kam, war das Land wüst und leer. «Eigentlich wollte ich bloss meinen Job erledigen und schnell wieder weg», sagt Peter Harradine. «Nun bin ich schon 31 Jahre hier, eigentlich unglaublich.»

Der Doyen der 1260 Personen zählenden Schweizer Gemeinde im Wüstenemirat tigert durch das Büro des Swiss Business Council. Immer wieder meldet sich mit rockigem Klingelton das Handy des 63-jährigen Gartenbauunternehmers und Golfplatzbauers. Harradine antwortet auf englisch, französisch, arabisch, und als ein alter Freund anruft, fällt er in den mit Ü und Ö gewürzten Tessiner Dialekt. Zwischen den Telefonaten erzählt er in gemütlichem Schweizerdeutsch seine Lebensgeschichte, die sich anhört wie ein Märchen aus «1001 Nacht».

Harradines Vorfahren stammen aus England, in Bern ist er geboren, im Tessin aufgewachsen. Er studierte in den USA Landschaftsarchitektur, arbeitete als Bewässerungsspezialist und Golfplatzbauer in der ganzen Welt, bis ihn seine Firma Ende der 1970er Jahre nach Dubai schickte: Scheich Raschid, der Vater des heutigen Herrschers, hatte eine Sprinkleranlage für die Strasse zum neuen Flughafen geordert. Kurze Zeit später bestellte ein anderer Scheich bei Harradine ebenfalls eine Sprinkleranlage, um Futter für seine Rennkamele anzubauen. Der Schweizer tat, wie ihm geheissen, bewässerte das Land und pflanzte Luzernen, die auf Anhieb prächtig gediehen – worauf der Scheich ihm vorschlug, gemeinsam eine Gartenbaufirma zu gründen. Harradine winkte ab. Da steckte ihm der Scheich ein Couvert mit 100 000 Dirham zu, das gesamte Startkapital. «Da konnte ich nicht mehr Nein sagen, und seither spiele ich hier unten ein bisschen den lieben Gott, indem ich die Wüste in blühende Gartenanlagen verwandle.»

Die Bewässerungs- und Gartenbaufirma Orient Irrigation Services beschäftigt über 1000 Leute und bestellt im Auftrag der Regierung fast alle Parkanlagen von Dubai sowie die Gärten fast aller grossen Hotels. Das Geschäft laufe auf Hochtouren, sagt Harradine. Er könnte problemlos weitere 500 Leute anstellen, nur erhalte man leider auch in Dubai nicht mehr unbeschränkt Arbeitsbewilligungen.

In seinem zweiten Job ist Harradine Golfplatzarchitekt, was gewissermassen in der Familie liegt: Sein Grossvater baute den ersten Golfplatz in Bad Ragaz, sein Vater den zweiten. Er selber entwarf den dritten, den Golfplatz Heidiland. Zweihundert Golfplätze hat er schon entworfen, in der Schweiz, in Euro­pa, in Nordafrika, in Russland und natürlich auch in den Emiraten. Es sei keine Kunst, einen Golfplatz in die Wüste zu setzen, meint Harradine, im Gegenteil. «Die Leere der Wüste gibt mir die absolute Freiheit, eine Landschaft zu gestalten, und Sand ist das beste Material für den Bau eines Golfplatzes.» Was es allerdings braucht, sind Bewässerungsanlagen – eine halbe Million Liter säuft ein Golfplatz jeden Tag. Es stammt aus den Kläranlagen des Emirats. «Was sollte man sonst damit machen?» fragt Harradine. «Trinken kann man es ja nicht.» Also wird es gebraucht, um den Rasen zu bewässern und Kanäle und kleine Seen anzulegen. Am liebsten hätten die Wüstensöhne liebliche grüne Landschaften, «ein bisschen wie Lugano».

Irgendwann will Harradine ins Tessin zurückkehren. Er könnte sich vorstellen, sich in ein paar Jahren in seinem Heimatdorf Caslano um das Amt des Bürgermeisters zu bewerben, um seiner Heimat etwas von der in Dubai erlebten Aufbruchstimmung einzuimpfen. Die Schweizer seien bequem geworden, sagt der Initiator des privaten Swiss Business Council, der die geschäftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Schweiz und den Emiraten fördert, und die politischen Prozesse in seinem Heimatland sind für seinen Geschmack viel zu kompliziert und langsam. «In der Schweiz braucht man für den Bau eines Strassenkreisels so lange wie in Dubai für einen Wolkenkratzer. So geht das doch nicht, Sakrament!» Erneut klingelt das Handy. Das Taxi wartet, Harradine muss zum Flughafen. Morgen wird er in Südspanien erwartet, dann geht es weiter nach Bulgarien und Albanien. Am wohlsten, so scheint es, fühlt sich der umtriebige Unternehmer, wenn er unterwegs ist, draussen in der grossen weiten Welt.

Andreas Heller


Hassan Sharif, der Künstler

Mit seinen Werkstätten, Lagerhallen, Highways, Labor-Camps, Tierkliniken und Billigresidenzen für die weniger reichen Einheimischen ist der Stadtteil Al Quoz ein interessantes Zwischenreich, eine Art Pufferzone zwischen der brodelnden Metropolis Dubai und dem Hinterland, der Wüste. Hier tummeln sich viele der jungen kreativen Expats, Fotografen, Designer, Musiker und IT-Unternehmer, hier befinden sich die meisten Galerien, in denen inzwischen wohlhabende Sammler iranischer und arabischer Kunst aus aller Welt verkehren und auch der britische Fotograf Martin Parr mal eine Ausstellung macht.

In einer Gasse mit Lehmboden, in der sich links und rechts zweistöckige Häuser hinter die zwei Meter hohen Mauern ducken, verrostete Mitsubishis in der Hitze dösen und Hibiskusbüsche aus winzigen Gärten herauswuchern, befindet sich das Flying House, Wohn- und Arbeitsstätte einiger emiratischer Künstler. Einer von ihnen ist Hassan Sharif, der gut fünfzig Jahre alt ist. Er hat nur noch wenige graue Haare, einen buschigen Schnauz, vom Zigarettenrauchen leicht vergilbt, und einen Spitzbauch, aber hinter den runden Brillengläsern ruht ein tiefer melancholischer Blick.

In den 1960er Jahren, als Hassan zur Schule ging – in die einzige öffentliche Schule, in der es damals Zeichenunterricht gab –, galt er als Aussenseiter: Wer sich nicht für Sport interessierte, gehörte nicht zur Clique. Weil Hassan zeichnete und in eine öffentliche Schule ging, nannte man ihn bald den öffentlichen Zeichner. Nach der Schule wurde er Karikaturist. Das Land sei damals so sehr mit dem Aufbau beschäftigt gewesen, dass Kritik an Gesellschaft und Politik möglich gewesen sei. Einige seiner Karikaturen könnte er heute wahrscheinlich nicht mehr veröffentlichen.

Wir sitzen in seinem Zimmer, er hat das Bettlaken zurückgeschlagen und einige seiner letzten Entwürfe ausgebreitet. Sie zeigen in Segmente unterteilte Quadrate, die sich kaum unterscheiden. Hassan nennt das Semi-System, eine Kombination aus Ordnung und Zufall. Die Bedeutung der Improvisation hat er in den frühen 1980ern im Jazz kennengelernt, als er in London Kunst studierte. Der russische Konstruktivismus hat ihn beeinflusst, das Bauhaus. Hassan erzählt von Paul Klee und Johannes Itten, von dem Philosophen Wittgenstein und der Frankfurter Schule.

Seit seiner Rückkehr aus England Mitte der 1980er Jahre unterrichtet Hassan an der einzigen lokalen Designschule. Er malt, installiert, fasst seine Vorstellungen von der Welt in Hunderte von Werken, von denen die meisten in dem kleinen Haus und auf dessen Dach in Containern gelagert werden. Er arbeitet gern mit Gebrauchsgegenständen. In den Zimmern, die wir auf dem Weg nach oben durchqueren, gibt es zum Beispiel billige Haarkämme oder Serien von Badesandalen, die wie abstrakte bunte Skulpturen in Regalen oder auf dem Boden liegen oder hinter Glasscheiben kauern. Hassans Antwort auf die schöne neue Konsumwelt von Dubai: eine Mischung aus Pop-Art und Junk.

Das obere Stockwerk des Hauses besteht nur aus einem kleinen Atelier, in dem mittelgrosse, teilweise noch nicht fertiggestellte Bilder in grellen Farben und mit realistischen Motiven stehen und hängen. Hassan öffnet eine zweite Tür, und wir stehen auf dem Dach. Wir sehen über Al Quoz hinweg: Wäscheleinen, Palmenschöpfe, Zinkdächer mit Wassertanks und Klimaanlagen. Hassan zeigt auf die vielen ­Satellitenschüsseln. Diese Schüsseln seien für ihn so etwas wie eine Verbindung zur unsichtbaren Welt. Sie saugten Wörter, Bilder, Menschen an. «Der Himmel über uns ist voller Bilder, die wir mit den blossen Augen nicht sehen können, die aber trotzdem unser Leben bestimmen.» Er glaube, das, was der Satellit auf technische Weise tue, versuche der Künstler mit seiner Kunst. Hassan identifiziert sich mit den gelben, mit Vogeldreck übersäten Schüsseln auf den Dächern von Al Quoz. In seinem Atelier zeigt er Bilder, in denen er sie porträtiert hat, meistens haben sie keine runde Form, sondern sind rhombisch; er hält nicht viel von der direkten Abbildung.

Im Juni wurden Werke von ihm im Vitra-Museum in Weil am Rhein ausgestellt, er wurde auch schon in Kuwait und Jordanien gezeigt, an der Biennale in Sharjah, in Aachen, in Holland, in der Bundeskunsthalle in Bonn. In Dubai selber gab es Ausstellungen von ihm, zu denen Minister und Scheichs erschienen sind. Es habe ihn immer der ­Moment interessiert, wenn diese Leute ratlos vor seinen Werken gestanden hätten. Ein Minister könne mit solchen Sachen eben nichts anfangen. Aber auch seine Nachbarn verstehen ihn nicht. Warum geht er nicht arbeiten? Warum vermieten diese Leute nicht das Haus, sondern packen es voll mit nutzlosen Bildern? Hassan ist dennoch zuversichtlich. Kunstmessen wie die Art Dubai nehmen die einheimische und die regionale Kunst ernst, die in den letzten Jahren am Golf produziert worden ist. Ein Markt entsteht. «Von jetzt an wird es immer besser werden», sagt Hassan.

Michael Schindhelm


Till Stoll, der Umweltberater

Er sieht so aus, wie man sich einen Ökologen vorstellt: Till Stoll ist gross und schlank, trägt Jeans und Sandalen. Als der gelernte Ökonom 2003 nach Dubai kam, waren die Einheimischen viel mehr am raschen Ausbau ihres Emirats interessiert als an seiner nachhaltigen Entwicklung. «Doch jetzt rennen uns die Leute die Bude ein», sagt Stoll. In seiner Stimme schwingt leiser Stolz.

Seit Januar wird in Dubai das amerikanische Zertifizierungssystem Leed (Leadership in Energy and Environmental Design) angewandt. Nun muss jeder, der ein Gebäude plant, das höher als vier Stockwerke werden soll, die Checkliste von Leed einhalten: geringer Energieverbrauch, ausreichende Durchlüftung, grosszügige Grünflächen. Da ohne Zertifikat mit dem Bau nicht begonnen werden kann, ist umweltfreundliches Bauen für viele in Dubai nun plötzlich ein höchst interessantes Thema.

Für Till Stoll ist Umweltbewusstsein mehr als das Abhaken einer Checkliste. Der 40-jährige Zürcher hat in Oxford Ökonomie studiert, verlagerte aber später seine Arbeit auf die Ökologie. «Zwischen der Wirtschaft und der Umweltkunde liegen lange Lern- und Wanderjahre», sagt Stoll. Die verbrachte er bei der Credit Suisse in Zürich, bei der FAO in Rom, beim Umweltprogramm der Uno in Genf, bei der Weltbank in Washington, als Dozent in Harvard und bei der Firma Genesis in Boston.

Seinen Umzug nach Dubai hat Till Stoll nie bereut. Es klingt amüsant, wenn er erzählt, dass die Einheimischen ähnlich wie die Schweizer funktionierten: «Wenn man nicht behauptet, alles besser zu wissen, dann vertrauen einem die Dubaier.» Allerdings dürfe auch echte Überlegenheit nicht gezeigt werden. Araber fürchteten nichts mehr als westliche Überheblichkeit. Gebe man sich hingegen als Mensch mit Schwächen, öffneten sie einem Tür und Tor. Selbst das Klima, über das viele Expats in Dubai stöhnen, empfindet Stoll als angenehm: «Richtig heiss ist es hier nur von Juli bis September.» Die übrige Zeit verbringen seine zukünftige Frau, eine Somalierin, und er meist draussen.

Till Stoll negiert keineswegs die ökologischen Probleme in Dubai. «Als ich vor ein paar Jahren im Simmental in den Ferien war, wusste ich auf einmal, was ich in Dubai machen muss.» Er gründete eine Firma, die den Bauherren helfen sollte, Wasser- und Stromverbrauch erheblich einzuschränken. Er nannte sie Green Destinations. «Die Basis ist eine gute Isolierung der Gebäudehülle», sagt der Ökologe. Das fehle in Dubai weitgehend; würde man Infrarotbilder von den Gebäuden machen, könnte man leicht erkennen, dass sie praktisch über keinerlei Dämmung verfügten. Seine Häuser hätten deshalb eine Kunststoffverkleidung aus Polyurethanhartschaum, sagt Stoll. «Natürlich wäre es noch besser, ein Haus mit doppelten Mauern zu bauen.» Doch dazu sei man in Dubai noch nicht reif. «Noch planen die Dubaier nicht nachhaltig.»

In Dubai wird mindestens dreimal so schnell wie in ­Europa gebaut. Vielleicht erkennen die Scheichs deshalb quasi im Laufschritt, dass sie auch ökologisch aufholen müssen. Im Nachbaremirat Abu Dhabi ist im April mit der Errichtung der emissionsfreien Ökostadt Masdar begonnen worden. Nur Wochen danach stellte Dubai ein grünes Stadtentwicklungsprojekt namens Mohammed bin Rashid Gardens vor: umweltfreundliche Villen und Hochhäuser. Natürlich denken die Planer dabei vor allem an Rasen und Bäume, obwohl nachhaltiges Bauen komplexer ist.

«Aber Grünflächen gehören definitiv dazu», sagt Stoll. Deshalb besitzt jedes von Stoll mitgeplante Haus einen Garten oder ein begrüntes Flachdach. Klar stellt sich die Frage, ob es umweltfreundlich sei, Rasen mit entsalztem Wasser zu sprengen. Stoll grinst und meint: «Doch, doch, solange man Abwasser benutzt!» Dann kommt er auf ein grösseres Problem zu sprechen, nämlich die künstlichen Inseln – The Palm und The World –, die vor Dubais Küste entstehen. Um sie zu schützen, würden Wellenbrecher aufgeschüttet. Doch dadurch werde auch die Strömung verändert, und letztlich verschlammten einige Strände, während andere abbrächen, erklärt der Ökologe. Die Firma Green Destinations bebaut im Auftrag von saudischen Investoren zwei Inseln von The World und hat sie nach eigenen Berechnungen stabilisiert. «Ich mag an Dubai, dass man vieles selber machen kann und bewältigen muss», sagt Stoll. Mehr als irgendwo anders hat er hier die reizvolle Möglichkeit, Pionierlösungen zu finden.

Kristina Bergmann

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