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Kapitel 6: Immer diese Eltern
© Monika Estermann
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| Anja auf der Kunsteisbahn im Heuried. «Mit meinen Sprüngen kann ich den Test schaffen.» |
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Väter stehen an der Bande, Mütter bestimmen die Ausgangszeiten, und falls Eltern sich trennen, dann sollten sie das tun, solange die Kinder noch klein sind.
Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann
Anja weiss es besser
Anna Nikolic appelliert ein letztes Mal an die Vernunft ihrer Tochter: «Du bist doch noch nicht so weit!» Anja spiesst Spiralnudeln auf ihre Gabel, isst, steht auf und räumt ihren Teller in die Spülmaschine. Als sie an ihrer Mutter vorbeigeht, sagt sie kühl: «Mit meinen Sprüngen kann ich den Interbronzetest schaffen, ich weiss das.» Sie kann es nicht ausstehen, wenn an ihr gezweifelt wird. Und schlimmer noch: wenn hinter ihrem Rücken über sie gesprochen wird. Ihre Mutter hat sich mit Anjas Eislauftrainerin beraten. Die Trainerin empfahl ihr, den Termin für den Interbronzetest zu verschieben. Anja hat von diesem Gespräch eben erst erfahren. Sie ist wütend. Es ist ihr egal, dass ihre Mutter sie vor Enttäuschungen bewahren will.
Ihre um ein Jahr jüngere Schwester Lena wird auch antreten, bei ihr haben weder die Mutter noch die Trainerin Bedenken. Wäre ja noch schöner, wenn ihre Schwester sie beim Eiskunstlauf übertrumpfen würde. Nein, sie wird an dem Test Donnerstag um punkt 17 Uhr teilnehmen, egal welche Argumente ihre Mutter noch dagegen vorbringt. Anja geht in ihr Zimmer und sucht in ihren Schulsachen nach dem Absenzenheft. Ihre Mutter soll sie beim Klassenlehrer für den Donnerstagnachmittag entschuldigen, damit sie sich schon nach dem Mittag einlaufen kann. Sie geht zurück in die Küche und legt das Heft auf den Tisch. «Bitte, Mami.»
Cayus WG-Leben
Die Frauen von Cayus Familie liegen vor dem Fernseher, in Decken gewickelt, am Boden und auf dem Sofa – wo es gerade am bequemsten ist. Sie kommentieren die Finten der verzweifelten Hausfrauen in «Desperate Housewives», einer ihrer Lieblingsserien, die sie sich für den heutigen Abend auf Video aufgenommen haben. Cayu ist das recht. Sollen sie dort bleiben, die drei, dann lassen sie ihn wenigstens in Ruhe, meckern nicht herum: Warum er so lange an seiner Frisur herumbastle, mit viel Gel, wenn er ohnehin die Baseballmütze trage? Eine blöde Frage, die nur Erwachsene stellen können.
Zwei Parties stehen heute an, es ist Freitagabend, da gilt es, sich besonders sorgfältig zurechtzumachen. Itamara Hasler wirft einen skeptischen Blick auf ihren Sohn: «Zieh doch bitte einen Pullover an, es ist bitterkalt draussen. Ich will nicht, dass du wieder krank wirst, ich werde dich nicht pflegen!» Cayu schüttelt wortlos den Kopf.
Nun schauen sie ihn prüfend an: Jacqueline, eine Freundin der Mutter aus Brasilien, die vorübergehend bei Haslers wohnt, und Chandra, die 17-jährige Schwester, die sich ebenfalls für den Ausgang hergerichtet hat und ihre Mutter aufklärt: «So laufen die Jungs heute herum, Pullover zu tragen, ist uncool, weisst du das nicht?»
Am ersten Sekundarschultag vor drei Monaten war Cayu noch eine Spur kleiner als seine zierliche Mutter, eine gebürtige Brasilianerin. Mittlerweile hat er sie eingeholt, trägt Schuhgrösse 40 und ist überzeugt, mindestens 1 Meter 86 gross zu werden.
«Cayu ist der Mann im Haus», sagt Itamara Hasler. Sein Vater, Itamaras Ehemann, lebt seit sieben Jahren getrennt von der Familie, man pflegt aber ein herzliches Verhältnis. Cayu verbringt jedes zweite Wochenende beim Vater, und der ist oft zu Besuch bei Frau und Kindern. Man geht zusammen in die Ferien, feiert gemeinsam die Geburtstage und Weihnachten, grilliert, schaut Tennis- und Fussballmatches, trifft Freunde. «Es ist besser, dass sie nicht mehr zusammenwohnen», kommentiert der 13-Jährige die Lebensform seiner Eltern.
Der Anteil der Alleinerziehenden liegt im Friesenbergquartier bei zehn Prozent, er ist damit doppelt so hoch wie der städtische Durchschnitt. So ist es kein Zufall, dass fünf Mädchen aus der A-Klasse, die am ersten Schultag im Döltschi in der Pause zum ersten Mal miteinander sprachen, herausfanden, dass ihre Eltern ausnahmslos geschieden sind oder getrennt leben.
«Wir könnten einen Club gründen», schlägt eine vor und spricht dann über die Vor- und Nachteile des Lebens mit getrenntlebenden Eltern.
«Ich bin gerne bei meinem Vater, weil er einen Computer hat, da darf ich chatten. Aber meine Mutter darf es nicht wissen.»
«Warum nicht? Hat deine Mutter etwas gegen Computer?»
«Nicht gegen den Computer, aber gegen meinen Vater. Sie hasst ihn.»
«Warum?»
«Warum wohl? Weil er sie verlassen hat natürlich.»
Die Diskussion verläuft abgeklärt. «Es ist schrecklich, wenn die Eltern geschieden sind», sagt ein Mädchen, «was man braucht, ist dann immer am falschen Ort.»
Die meisten in der Gruppe waren zwischen zwei und vier Jahre alt, als die Eltern auseinandergingen. «Am einfachsten ist es wohl, wenn man noch ein Baby ist, dann wird man nur hin und her gereicht», stellt eines der Mädchen fest. Als schwierigstes Alter kristallisiert sich zehn heraus. «Da bekommt man alles mit.»
Cayu war sechs, als sein Vater auszog. Aber für ihn ist die Trennung gar keine richtige. «Sie sind ja trotzdem noch zusammen», sagt er, «und ich habe nie darunter gelitten, im Gegenteil: Wenn ich und meine Schwester Krach mit der Mutter haben, dann können wir zum Vater gehen, das ist doch praktisch.»
In einer kurzen Fernsehpause setzt Frau Hasler in der Küche einen Kaffee auf. Sie wartet neben dem Herd, bis es in der italienischen Kaffeekanne zu brodeln beginnt, und neckt ihren Sohn, weil er ein Wienerli aus dem Kühlschrank stibitzt und gierig in das rohe Würstchen beisst: «Pass auf, du wirst noch dick! Zeig mal deinen Bauch.» Cayu hebt kurz das Puma-Shirt hoch und isst unbeirrt weiter. «Wenn du einmal älter bist, musst du ganz viel Geld verdienen, mir schöne Ferien bezahlen und dann später ein schönes Altersheim mit einem jungen, kräftigen Masseur! Dafür musst du mich nicht so oft besuchen kommen.» – Cayu grinst, widerspricht aber nicht. Nur zu gerne würde er seiner Mutter später alle Wünsche erfüllen.
Mit der Mutter, der Schwester und den gelegentlichen Besucherinnen aus Brasilien führt Cayu eine Art WG-Leben; mit vielen Freiheiten, viel Geborgenheit und vielen fröhlichen Momenten. Etwa wenn am Samstagnachmittag in der Stube getanzt wird. Alle drei, Cayu, Chandra und Itamara, sind tanzverrückt, lieben Musik – Hip-Hop, Rap, House oder R’n’B – und teilen auch ihre Leidenschaft fürs Fernsehschauen. Die Hasler-WG verpasst kein Spiel von Roger Federer, notfalls wird es aufgenommen. Einzig wenn sich Cayu «South Park» oder «Die Simpsons» anschauen will, muss er sich ins Zimmer seiner Schwester begeben, wo ein zweiter, kleiner Fernseher, steht. Die Frauen mögen keine Zeichentrickfilme.
In sein Kämmerchen direkt nebenan passt nicht viel mehr als ein schmales Bett, ein Schrank, eine Kommode und ein kleiner Tisch, der vom Computer vollständig in Beschlag genommen wird. Macht er in seinem Zimmer Hausaufgaben, so setzt er sich aufs Bett oder holt den zusammenklappbaren Plastic-Campingtisch von der Terrasse.
«Meine Kinder sind alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Ich bin als Mutter einfach da, wenn sie mich brauchen, ich dränge mich aber nicht auf», sagt Itamara Hasler. Cayu putzt sein Zimmer unaufgefordert, er steht am Morgen pünktlich selber auf, bereitet an den Wochenenden das Frühstück zu und wartet geduldig, bis es die Frauen aus dem Bett schaffen. Ab und zu erzählt er der Mutter von den Alkoholexzessen gleichaltriger Freunde und Freundinnen, das macht ihr Angst, doch sie vertraut ihrem Jüngsten.
«Vor allem die Mädchen vertragen den Alkohol ganz schlecht», sagt Cayu, «plötzlich sind sie so betrunken, dass sie kaum mehr stehen können und fast alles mitmachen würden. Ich habe schon ein paar Mal betrunkene Kolleginnen nach Hause begleitet.»
Die Jugendlichen trinken vorwiegend Alcopops, alkoholhaltige Süssgetränke; Wein und Bier schmecken ihnen nicht. Getrunken wird an den Wochenenden, an Parties, in einer sturmfreien Bude. Dort bedient man sich vom Alkoholvorrat der abwesenden Eltern, manchmal auch am Mittwochnachmittag. «Aber es wird nicht ständig getrunken, nur ab und zu», relativiert Cayu. Er zieht Cola, Red Bull oder Milchshake von McDonald’s dem Alkohol vor, gönnt sich nur ausnahmsweise einen Bacardi Orange – derzeit sein liebstes alkoholisches Getränk. Er weiss, dass er dazu eigentlich achtzehn sein müsste. Seine Mutter hat es ihm oft genug gesagt. Rauchen wird sie ihm ab sechzehn erlauben. Vorher gibt es keine Diskussion darüber.
«Cayu ist meist sehr diszipliniert, manchmal schon fast pingelig», sagt die Mutter. «Wie er zur Unzeit seine Hausaufgaben macht, spätabends oder morgens um sechs, vor der Schule, das ist ja fast nicht mehr normal.» Itamara Hasler ist zufrieden damit, dass ihr Sohn die Sek B besucht, wie es bereits die ältere Tochter tut, die nun eine Lehrstelle als Kleinkinderzieherin gefunden hat. «Lieber ein guter Sek-B-Schüler als ein schlechter Sek-A-Schüler», findet sie. Cayu träumt davon, Modedesigner, Computerspielentwickler oder Auto-Tuner zu werden. Seine Mutter arbeitet mit einem Fünfzig-Prozent-Pensum als Betreuerin in einer Ausbildungsstätte für Behinderte und macht parallel dazu eine Weiterbildung zur Spielgruppenleiterin. Geld ist knapp in der Familie, fürs Snowboarden im Winter oder für Ferien reicht es nicht immer.
Nun wird es für Cayu höchste Zeit, von hier zu verschwinden, die Party hat bereits begonnen. «Um elf bist du zurück», ruft ihm Itamara nach, als er bereits im Flur steht, «hast du dein Handy dabei?» Cayu feilscht ein bisschen um den Zeitpunkt seiner Heimkehr und verspricht, zumindest um elf anzurufen. Und tschüss!
An der Party wird später auch Chandra aufkreuzen. Danach zieht Cayu in die Jugidisco weiter, wie fast jeden Freitagabend. «Ach, ist es schön, zu Hause an der Wärme zu bleiben», seufzt Itamara Hasler.
Marc gibt freiwillig den Fernseher ab
Der Entschluss ist seit letztem Wochenende in Marc gereift, und jetzt ist es so weit. Eine Woche nachdem seine Eltern das Gameverbot ausgesprochen haben, zieht Marc den Stecker seines Fernsehers aus der Dose, nimmt ihn unter den Arm und geht ins Wohnzimmer, wo seine Mutter auf dem Sofa sitzt.
«Schau Mama, hier ist der Fernseher, ich habe eingesehen, dass er mir nicht gut tut. Ich geb ihn dir, und du gibst mir 500 Franken. Sofort.»
Marcs Mutter gibt Kurse in Nordic Walking und möchte sich für den Unterricht einen Fernseher anschaffen. Sie reagiert halb erfreut, halb skeptisch auf Marcs plötzliche Einsicht.
«Über die 500 Franken müssen wir noch reden, wir stellen den Fernseher erst einmal auf den Estrich.»
Sie befürchtet, ihr Sohn wolle bloss aus der Not eine Tugend machen. Schliesslich gibt es noch andere Fernseher im Haus, da liegt es nahe, den eigenen zu Geld zu machen. Doch Marc beteuert, er habe jetzt begriffen, dass ihm zu viel Fernsehen schade.
Anika bekommt noch einen Bruder
Priya hüpft auf Anikas Bett. Sie federt hoch, runter und jauchzt dazu. Anika sitzt am Schreibtisch und hält sich die Hände auf den Bauch. Sie macht Reiki. Eine Freundin ihrer Mutter brachte ihr die Technik bei, durch Handauflegen dem Körper Energie zuzuführen. Das hilft gegen die Periodenschmerzen und die Kopfschmerzen, die sie immer öfter hat. Als sie es lernte, ahnte sie noch nicht, wie nötig sie die zusätzliche Energie bald brauchen würde. Ihre Mutter ist schwanger. Ein Kind mehr in der Familie. Die Eltern sind glücklich. Doch Anikas Bruder Anik ist aufgebracht: Es sei verantwortungslos, im 21. Jahrhundert fünf Kinder zu haben, sagte er ihnen. Tief im Innern freut er sich, das weiss Anika, die sich ihrer Gefühle auch noch nicht sicher ist. Einerseits macht sie sich Sorgen um praktische Dinge: Die Wohnung ist klein, wohin mit dem Geschwisterchen? Am besten würden sie umziehen, gleich in ein Quartier, «in dem gutes Deutsch gesprochen wird. Hier leben zu viele Ausländer.» Andererseits denkt Anika an ihre bereits jetzt knapp bemessene Freizeit. Ein Kind mehr bedeutet mehr Arbeit für sie.
Schon jetzt muss Anika mit zum Frauenarzt, um für die Mutter zu übersetzen. Bisher hat ihr Bruder Anik diese Aufgabe übernommen. Doch nun findet die Mutter, Anika sei alt genug und in zehn Jahren vielleicht selber so weit.
Letzte Woche waren sie gemeinsam dort. Ob es ein Junge oder ein Mädchen sei, wollte die Mutter wissen. Anika fragte den Arzt. «Ein Junge», sagte der. Ob es dem Kind gutgehe, wollte die Mutter wissen. Anika fragte den Arzt. «Ja, alles bestens», sagte der. Einen Jungen zu bekommen, ist für Anikas Eltern eine grosse Freude. Eine grössere Freude, als ein Mädchen zu erwarten? Anika winkt ab, ihr sei das völlig egal, aber die Eltern dächten, dass ein Junge sich im Alter besser um sie kümmern würde – «das stimmt natürlich nicht».
Anja vor der Jury
Am Donnerstagmittag nach der Mathematikstunde geht Anja ins Eislaufzentrum Heuried, um sich warmzulaufen, ihre Kür noch einige Male durchzugehen. Frau Nikolic kam Anjas Wunsch nach und hat ihren Klassenlehrer um eine Dispensation für den Nachmittag gebeten.
Jetzt dreht sie wieder und wieder Runden für ihren Fünfminutenauftritt. Sie hat Probleme mit dem Schwung, ist sie in der Hocke, kommt sie nur mühsam in die Pirouette. Das merkt sie selbst, das muss ihr die Trainerin nicht auch noch ständig zurufen.
Als ihre Mutter in Steppjacke und dicken Fellboots ans hellerleuchtete Eisfeld tritt, fährt Anja auf sie zu.
«Hast du bezahlt?»
«Nein, noch nicht.»
«Schnell, sonst darf ich nicht antreten.»
«Ist ja gut.»
Der Test kostet 150 Franken für die Lizenz plus 45 Franken Startgeld pro Kind. «Für euch tu ich doch alles», sagt Anna Nikolic und nimmt ihr Portemonnaie hervor. Hoffentlich geht alles gut. Noch nie hat sie ihr «Meitli» so nervös erlebt. Als sie ihre Tochter heute früh fragte, ob alles in Ordnung sei, antwortete die trotzig: «Ja, sicher», dabei sah sie doch, dass sich Anja kaum die Turnschuhe zubinden konnte, so zitterte sie.
Seit vier Jahren trainiert Anja jeden Winter drei Stunden pro Woche im Eislaufclub Heuried. Sie habe Talent, sagt die Trainerin, die Anja gerne öfter hier sehen würde. Für Anjas Mutter ist die Schule wichtiger.
Sie kennt Eltern, die ihre Kinder beim Eislaufen ständig filmen und die Aufnahmen abends analysieren. Eine Mutter hat sich angeblich sogar zur Jurorin ausbilden lassen, um ihre Tochter besser trainieren zu können. Natürlich behaupten die Eltern, ihre Kinder wollten das alles, und vergessen dabei, dass es oft nur darum geht, den Eltern gefallen zu wollen.
Anna Nikolic vermeidet bewusst, beim Training anwesend zu sein, damit gar nicht erst der Eindruck entsteht, sie wolle ihre Mädchen zu Eisprinzessinnen trimmen. Hauptsache, sie haben Spass, ob sie an Wettkämpfen Erste oder Letzte werden, ist nicht wichtig. Die sporadisch wiederkehrende Forderung ihrer Töchter «Du solltest uns mehr unterstützen» nimmt sie gelassen hin. «Sie wissen, wie stolz ich auf sie bin, da brauche ich sie nicht auch noch ständig zu loben.» Sie umarmt Anja, dann Lena und gibt ihnen den Ratschlag: «Wenn ihr hinfallt: lächeln, aufstehen und weitermachen. Dann habt ihr schon was fürs Leben gelernt.» Sie sucht sich einen Platz auf der Tribüne, von der aus man die Eiskunstläuferinnen klein wie Daumen vor den Juroren kurven sieht. Kurz nach fünf Uhr trifft Papa Vladimir Nikolic auf der Zuschauertribüne ein. Auf seinem Arm trägt er die kleine Vida. «Haben sie schon bestanden?» – «Sie haben noch gar nicht begonnen», beruhigt ihn seine Frau. Neben Anna Nikolic stehen die Eltern von Anjas Freundin Shayenne. Auch sie wird heute am Test teilnehmen.
«Gibt’s Cevapcici, wenn deine Töchter den Test bestehen?» stichelt Shayennes Vater.
«Immer noch besser als Spaghetti», antwortet Vladimir Nikolic so beiläufig wie einer, der diesen Spruch seit siebzehn Jahren zu hören bekommt.
«Grosse Party im McDonalds?» fragt Shayennes Vater weiter.
«Nein, den 314er-Bus einfach an die Friesenbergstrasse und ab ins Bett.»
Anna und Vladimir Nikolic zogen 1990 als Auswanderer noch vor Kriegsausbruch aus Belgrad in die Schweiz. Da waren sie beide keine achtzehn Jahre und voller Tatendrang. Sie lernten Deutsch, arbeiteten in Restaurants, ehe sie vor zehn Jahren den Kiosk am Friesenberg übernahmen. Seit kurzem denkt Anna Nikolic über einen Blumenladen nach, den sie im Schuppen neben dem Kiosk eröffnen könnte. Dass ihr Name auf «ic» endet, haben sie nie als Nachteil empfunden. «Wir haben ihn auch nie als Entschuldigung gebraucht, weil etwas nicht auf Anhieb klappte.»
«Ah, da ist ja meine Anja», sagt Frau Nikolic. Die Pailletten, die sie einzeln auf Anjas dunkelblaues Eislauftrikot genäht hat, kommen aus der Distanz nicht richtig zur Geltung. Anja fährt zaghaft los, macht einen Schlangenbogenschritt in Achterform, geht ohne Schwung in die Knie, dreht sich um die eigene Achse. Die Nikolics schauen sich an: Wenigstens ist sie nicht gestürzt. Jetzt noch eine Schrittabfolge, noch einen Bogen. Sie verlässt das Eis. Es folgt die jüngere Schwester Lena, forsch und sicher, wie es Anna Nikolic von ihr gewohnt ist.
Sie schaut auf die Uhr. Es ist bereits nach sechs. «Meinen Englischkurs kann ich wohl vergessen.» Sie will bis zur Rangverkündigung um acht Uhr bleiben und ihren Kindern beistehen. Vladimir Nikolic wird die kleine Vida ins Bett bringen, mit seinem Sohn noch ein Spiel spielen und mit dem Hund eine Runde durchs Quartier drehen.
Nach Lenas Auftritt kommt die Trainerin auf die Tribüne und gibt ihre Einschätzung ab: «Lena ja, Anja eher nein.» Als Anja mit Kapuzenshirt und Schonern über den Schlittschuhkufen ihrer Mutter entgegenstapft, breitet die ihre Arme aus. Anja weicht aus. Sie umarmt stattdessen ihre Freundin Shayenne.
Eine Stunde warten die Mädchen und ihre Eltern auf das Urteil der Jury. Als sie ins Zimmer der Juroren gerufen werden, halten sich die Mädchen an den Händen. Auch einige Mütter drängen sich in den von grellem Kunstlicht erhellten Raum, in dem der Geruch verschwitzter Trainingsgewänder hängt. Sie möchten ihre Töchter im Moment des Erfolgs sehen, das Leuchten in ihren Augen, den Stolz, aus eigener Kraft etwas erreicht zu haben. «Die Kinder werden viel zu schnell erwachsen», sagt Anna Nikolic.
«Durchgefallen ist eine Teilnehmerin», verkündet eine der drei Jurorinnen. Die Mädchen drücken ihre Hände fester. «Lena Nikolic, bestanden.» Lena tänzelt durch den Raum. «Bei Anja Nikolic waren wir uns nicht einig.» Die Blicke der jungen Läuferinnen wandern vom Fussboden zu Anja und wieder zum Fussboden. Die Sekunden dehnen sich. «Eine wollte sie durchfallen lassen», sagt die Jurorin, «zwei liessen sie bestehen.» Anja lacht laut auf und läuft zu ihrer Mutter und drückt sie ganz fest an sich.
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