Im Frühling 2000 fanden Bewohner der Queen Charlotte Islands vor der kanadischen Pazifikküste an den Stränden innerhalb weniger Tage dreizehn Puppenköpfe, alle gleich. Die Vermutungen schossen ins Kraut: Maritimer Opferritus eines der vielen Käuze, die auf den beiden grossen und den zahllosen kleinen Inseln wohnen? Überreste sadistischer Ersatzhandlungen? Ein Scherz von Jugendlichen?
Wie immer, wenn irgendwo an der nordamerikanischen Westküste viele gleichartige Gegenstände angespült werden, erinnerte sich auch diesmal jemand an Curtis Ebbesmeyer und schickte ihm eine E-Mail. Kurz danach erfuhr der Meeresforscher aus Seattle, dass auch an einem Küstenabschnitt im US-Bundesstaat Washington Strandläufer einen Puppenkopf gefunden hatten; zwei weitere wurden ihm aus Oregon gemeldet. Damit war klar: Wieder einmal hatte eine riesige Woge irgendwo im stürmischen Nordpazifik einen Container über Bord eines Handelsschiffes gespült, ihn geöffnet und seine Fracht ins Meer entlassen.
Die Puppenköpfe waren auf dem Weg von einem asiatischen Hersteller zur Montage irgendwo in den USA gewesen. Zwar befanden sich auch die dazugehörigen Puppenkörper an Bord, die aber erreichten das Land auf regulärem Weg. Die Einfuhrvorschriften verdarben den Küstenkindern die Freude, ganze Puppen zu finden: Zölle zwingen die Importeure dazu, die Plasticprodukte erst im Zielland zusammenzusetzen, erst das verschafft ihnen den begehrten Status «Made in the USA». Die Puppenköpfe legten den letzten Teil ihres Weges mit Hilfe des Kuroshiostroms zurück, einer gewaltigen Strömung, die von Japan kommt und vor der kanadischen Küste von den Queen Charlotte Islands geteilt und nach Nord und Süd abgelenkt wird.
Ebbesmeyer weiss das alles genau. Schliesslich hatte er auch die legendäre Nike-Schwemme von 1991 erklären können. Zu Hunderten hatte damals die Kuroshioströmung die topmodischen Turnschuhe das ganze Jahr hindurch an die Pazifikküste gespült; sie wurden zum begehrten Sammelobjekt für Strandläufer. Denn die Treter liessen sich trotz langem Aufenthalt im Salzwasser noch tragen. Das einzige Problem war: Die Schuhe kamen einzeln an. Erst als ein Küstenbewohner per E-Mail und Telefon eine Tauschbörse einrichtete, kam zusammen, was zusammengehörte: linke und rechte, grosse und kleine.
Mit diesen Meldungen fütterten Ebbesmeyer und sein Bekannter James Ingraham von der US-Fischereibehörde das Computerprogramm Oscurs, das Ingraham geschrieben hatte. Es simuliert Oberflächenströmungen des Meeres und errechnet aus Fundorten und -zeiten den Korridor, in dem sich das Unglück ereignet haben muss. Rückfragen bei Nike und Analysen der Seriennummern ergaben: Am 27. Mai 1990 hatte der Frachter «Hansa Carrier» 1000 Seemeilen südlich von Alaska fünf Container verloren, von denen sich vier mit einem Inhalt von insgesamt 61 000 Turnschuhen öffneten. Oscurs errechnete eine Treibzeit von 220 Tagen, nur wenig unter den 249, die ein grosser Teil der Nike-Flotte tatsächlich gebraucht hatte. Die Medien waren von der Story begeistert, der Hersteller auch.
Die Story machte Ebbesmeyer und Ingraham bekannt - und auch mutig. Sie prognostizierten Nike-Funde die kanadische Küste hinauf und die kalifornische hinunter. Ost-West-Strömungen, kündigten sie an, würden die nicht an Land gespülten Schuhe aufnehmen und sie zurück nach Asien bringen, vorbei an den Aleuten im Norden und an Hawaii im Süden. Wieder ein Volltreffer: Tatsächlich fanden 1993 Küstenbewohner Hawaiis Nikes, die teils immer noch tragbar waren. 1994 tauchten einige Exemplare an philippinischen und japanischen Küsten auf.
Das war erst der Anfang. Ebbesmayer und Ingraham begannen, das Treibgut zur Verfeinerung von Oscurs einzusetzen. Als ein Schiff auf derselben Route wie die «Hansa Carrier» einen Container mit 29 000 bunten Bade-Entchen verlor, landeten 400 davon an der Küste Alaskas. Warum dort? Anders als die Nikes, die nur mit den Hacken aus dem Wasser ragten und dem Wind wenig Angriffsfläche boten, drängte die steife Brise die Schwimmentchen nach Norden ab und lenkte sie vor Alaska nach Westen um. Ebbesmeyer und Ingraham rechneten auch den Weg von sieben Paar Eishockeyhandschuhen nach, von denen 2050 über Bord gegangen waren. Im Internet kann man in einem Clip verfolgen, wie ihre fünfjährige Reise verlief: www.beachcombers.org/images/DriftSimulations/hg259704.exe.
Im Grunde saldieren Ebbesmeyer und Ingraham jeweils drei Transportwege: die Routen der Frachtschifffahrt, die Verläufe der grossen oberflächennahen Meeresströmungen und die Hauptwindrichtungen. Die Erkenntnisse senken die Kosten ozeanographischer Untersuchungen, weil das traditionelle Aussetzen von Treibflaschen teuer und umständlich ist. Und sie haben unmittelbaren Nutzwert: Umweltbehörden und Kapitäne schätzen es, verlorene Giftfässer schneller aufspüren zu können oder vor schwimmenden Hindernissen präziser gewarnt zu werden.
Zwar sinken die meisten der zehntausend Container, die jährlich auf hoher See über Bord gehen, sofort. Aber nicht alle. Jene, die knapp über die Wasseroberfläche ragen, sind eine tödliche Bedrohung besonders für die ozeanische Sportschifffahrt. Und der Handelsverkehr wird immer dichter, und es stapeln sich immer mehr Container auf den Frachtern. Zudem hat in den letzten 25 Jahren die Intensität der Stürme im Nordpazifik und im Nordatlantik um 25 Prozent zugenommen.
Als 1994 die ersten Bade-Entchen in der Beringsee gemeldet wurden, prognostizierte Ingraham, dass das Packeis viele Entchen einschliessen und mit der Transpolardrift ins europäische Nordmeer bringen dürfte, wo sie ab etwa 1999 freigesetzt würden. Etwa im Jahr 2000 hätten sie dann die Britischen Inseln erreichen sollen. Bisher sind Ebbesmeyer aber keine Funde gemeldet worden. Die bunte Armada mag sich so sehr zerstreut haben, dass ein, zwei Entchen an irgendeinem Strand nicht weiter auffielen. Vor allem aber hat Ingraham inzwischen herausgefunden, dass das Gros weiterhin im nördlichen Pazifik kreisen muss. Und zwar mit einer Umlaufgeschwindigkeit von zweieinhalb statt der erwarteten vier bis sechs Jahre.
Ebbesmeyer geht allem verlorenen Frachtgut nach, über das ihn seine Informanten per E-Mail auf dem Laufenden halten: den mehreren hunderttausend luftdicht verpackten und somit schwimmfähigen Stücken «Riesen»-Schokolade vor Neuengland, der halben Million Bierdosen vor Hongkong, den 3,9 Millionen Lego-Figuren im Atlantik. Den Legos, vor der englischen Küste über Bord gegangen, hatte er prognostiziert, dass sie vom Kanaren- und Äquatorialstrom an die Strände von Florida gespült würden. Er lag aber daneben. Vielleicht, weil sich Algen an den Legos festgesetzt und sie in die Tiefe gezogen haben, vielleicht, weil sich Ebbesmeyer nur im Pazifik wirklich gut auskennt.
Vielleicht trifft aber seine Vorhersage ein, dass die Lego-Aquanauten, -Tintenfische, -Taucher und -Piraten die US-Küste hoch durch die Nordostpassage treiben und etwa 2012 die Nordküste Alaskas und 2020 dann die Strände der Queen Charlotte Islands erreichen würden. Und den Kindern dort dann mehr Freude machen als die rumpflosen Puppenköpfe.
Dietmar Bartz ist Redaktor der «tageszeitung» in Berlin.