NZZ Folio 07/02 - Thema: Tanzfieber   Inhaltsverzeichnis

Instant-Choreographen

Jeden Sommer pilgern die besten Lindy-Hop-Tänzer der Welt in ein kleines Dorf in Schweden. In Herräng verrät ihnen ein 88-Jähriger die Geheimnisse des Swingtanzes aus den dreissiger Jahren.

Von Reto U. Schneider

Als Louis Armstrong zum Solo ansetzt, legen die Frauen in der Toilette gerade die zweite Schicht Insektenspray auf. Es ist ein Uhr morgens, und der Appetit der Mücken auf die verschwitzten Tanzpaare im Saal des Folketshus hat noch nicht nachgelassen. Zumal es um diese Zeit Nachschub gibt: In der Hoffnung, das Gedränge auf der Tanzfläche sei schon etwas kleiner, sind viele Teilnehmer des Herräng-Dance-Camps eben erst aufgestanden. Tanzen ist hier Schichtarbeit.
Sie werden enttäuscht, denn wer im Sommer nach Herräng reist, hat nur den Lindy-Hop im Kopf und beschränkt seine Ruhezeiten auf ein Minimum. Lindy-Hop ist der von jungen Schwarzen erfundene Swingtanz aus den dreissiger Jahren, der vor allem zu Big-Band-Jazz getanzt wird. Der Name verweist auf den Piloten und Atlantiküberquerer Charles Lindbergh.

Leute aus 35 Nationen sind diesmal gekommen - der grösste Teil aus Schweden, Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien und den USA. In dem Dörfchen hundert Kilometer nördlich von Stockholm, wo die Bläsersätze hinter den roten Holzhäusern im Fichtenwald versickern, kommt es jeden Sommer zur grössten Ballung von Swingtanztalent der Welt - wenn auch nicht alle hier gleich viel davon abbekommen haben.

Einige Paare stolpern mit vier linken Füssen durch die Figur, die sie am Vortag gelernt haben, und sind etwas überrascht, wenn ein Stück zu Ende geht, bevor sie den Anfang gefunden haben. Andere verschmelzen mit der Musik, als ob ihre Ohren mit ihren Füssen kurzgeschlossen wären. Wer ihnen zuschaut, muss annehmen, sie tanzten ein minutiös vorbereitetes Programm. Doch nichts ist einstudiert. Die Paare sind Instant-Choreographen, die für die Dauer eines Stücks zum achten Instrument in Louis Armstrongs Hot Seven werden.

Vorne bei der Bühne schleudert ein schlaksiger Jugendlicher mit Ohrring seine Partnerin in eine Lücke, die sich eben aufgetan hat. Die Frau bleibt am äussersten Rand des Taktes, dort wo die Trompete den Paukenschlag trifft, einen Moment lang regungslos stehen - zwei Schläge später kommen auch ihre weiten Hip-Hop-Hosen angeflattert. Als hätte die Band darauf gewartet, bläst sie erst jetzt zum Aufbruch in den B-Teil.

Dort lauern ein Paar schwarzweisse Schuhe auf eine Synkope, um einen Fussbreit Raum zwischen Musik und Bewegung zu zwängen. Die meisten hier haben alle Füsse voll zu tun, perfekt auf den Rhythmus zu tanzen. Doch wahre Könnerschaft verrät, wer ab und zu gewollt einen Moment zu spät kommt.

Von seinem Stammplatz aus, einem Plasticstuhl am Rand der Tanzfläche, blickt Frankie Manning zufrieden ins Getümmel. Direkt vor ihm wird etwas Platz gemacht für einen Teenager aus Litauen, der seine Partnerin über den Rücken katapultiert. Manning weiss sein Erbe in guten Händen: Er hat diese Figur vor 66 Jahren - noch ohne künstliches Hüftgelenk - erfunden.

Es gibt keinen Zweifel: Für einen Swingtänzer ist Herräng der zweitbeste Ort auf der Welt.

Der beste liegt sechs Zeitzonen weiter westlich und siebzig Jahre in der Vergangenheit: der Savoy Ballroom in Harlem, New York. Und keiner kennt ihn besser als Frankie Manning. Im Savoy fuhr ihm Louis Armstrongs Trompete ohne Umweg über CD und Boxen in die Beine, und die junge Ella Fitzgerald winkte nicht nur von der Plattenhülle. Die Bands waren gross wie Fussballmannschaften, und es kam vor, dass die Tänzer Benny Goodman das Tempo vorklatschten, das die Musiker zu spielen hatten.

Im Cat’s Corner verleibte sich der Lindy-Hop jeden Abend neue Schritte ein. Gestohlen wurde vom Ballett, vom Charleston, im Zirkus. Die «Ecke der Katzen» war jener Teil der 1000 Quadratmeter Parkett, wo die Elite der Tänzer anzutreffen war, und Frankie Manning war ihr Meister. Mit Whitey’s Lindy Hoppers, der besten Showgruppe jener Zeit, wurde er zum Star. Er trat in Rio auf, tanzte vor König Georg IV. in England, arbeitete für Hollywood.

Damit in Herräng alle das richtige historische Bewusstsein für den alten Tanz bekommen, werden vor den allabendlichen Parties Filmausschnitte aus der Jazzgeschichte gezeigt. Gestern stand Count Basies Big Band auf dem Programm. Und wie jeden Abend war es nur eine Frage der Zeit, bis sich einer der Zuschauer an Frankie Manning wandte: «Frankie, hast du eigentlich auch mit Basie gearbeitet?»

Manning weiss, was die Leute hier in solchen Momenten von ihm erwarten, und er hat sie noch nie enttäuscht. Langsam steht er auf, stützt sich auf seinen Gehstock und beginnt zu erzählen.

«Oh, ja. Natürlich habe ich mit Basie gearbeitet. Das war . . .», er studiert einen Moment und kramt dann eine Jahreszahl hervor, «Basie hat im Savoy gespielt. Wir gingen nachher noch in Minton’s Playhouse. Gene Krupa war dort, Coleman Hawkins, Ben Webster . . .»

Ein Dutzend Videokameras zeichnen die Botschaft aus der Vergangenheit auf. Manning ist die letzte Quelle aus einer Zeit, die alle hier gerne miterlebt hätten. Jeden Frühling feiern sie seinen Geburtstag, als wäre es sein letzter - was mit jedem Jahr wahrscheinlicher wird: Frankie Manning ist 88 Jahre alt. Sein Sohn Chazz Young, der in Herräng Steptanz unterrichtet, 69.

Frankie purzeln die Jazzgrössen aus Minton’s Playhouse immer noch aus dem Mund, als er sich wieder setzt: «. . . Harry James, Buck Clayton, ach ja und natürlich Lester Young. Mann, ihr hättet dabei sein sollen!»

Einige nicken wehmütig: Ja, sie hätten dabei sein sollen. Da sich das im Nachhinein schlecht einrichten lässt, bleibt ihnen nur die jährliche Pilgerreise nach Herräng. 1500 sind es in diesem Jahr - auf jeden Einwohner Herrängs ein Lindy-Hopper. Die meisten haben eine oder zwei Wochen gebucht, einige bleiben den ganzen Juli. Sie haben alles in Beschlag genommen: das Folketshus für Parties und Tanzstunden, die Turnhalle und zwei grosse Zelte für den Unterricht, den Kindergarten als Kantine, den Sportplatz als Campingplatz, die Schulzimmer als Massenlager. Der Dorfladen hat aufgestockt: Mineralwasser, Bananen und Erdnussbutter für die Amerikaner. Ohne Lindy-Hop hätte er längst schliessen müssen. Die Tänzer sorgen in vier Wochen für einen Viertel des Jahresumsatzes.

Dass die Infrastruktur des kleinen Ortes hoffnungslos überlastet ist, die Organisation des Camps legendär ineffizient, das Wasser der Duschen im Massenlager oft kalt, scheint hier niemanden zu stören. Aufregen mögen sich die Tänzer eigentlich nur, wenn der DJ morgens um halb acht das falsche Tempo auflegt oder, noch schlimmer, schlafen geht. Aber das kommt in Herräng eigentlich nie vor.

Five, six, seven and eight, back step . . . Swing out . . . Texas Tommy . . . Shadow Charleston . . . Kick Ball Change into Shorty George. Stop, stop, stop.» Paul Overton ist nicht zufrieden mit seiner Morgenklasse. Der 34-jährige Amerikaner mit der Baseballmütze und dem Piercing in der Augenbraue versucht seinen Schülern unter Zuhilfenahme von allerlei Metaphern die Feinheiten des Tanzes deutlich zu machen.

«Männer, stellt euch vor, die Frau sei ein voller Einkaufswagen.» Gestern war sie noch ein Basketball, vorgestern eine Welle im Meer. Der Mann dagegen war schon eine Wand, eine Gummizelle und seine Hand kein Schraubstock. Die Männer nicken und versuchen, ihren Einkaufswagen zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle zu manövrieren. «Five, six, seven and eight . . .»

Paul und seine Partnerin Sharon Ashe sind auf Umwegen beim Lindy-Hop gelandet. Bis sie vor fünf Jahren einen Lindy-Hop-Kurs besuchten, hatten sie in San Francisco intensiv Walzer, Foxtrott und Tango getanzt. Doch Lindy-Hop war etwas ganz anderes. «Das hat uns umgehauen, dieser Tanz bot viel mehr Freiheiten als die anderen Gesellschaftstänze», sagt Paul, «beim Lindy- Hop tanzt du zur Musik, nicht nur zum Rhythmus.»

«Männer! Männer, hört auf das Saxophon!», ruft Paul in die Musik, «ihr seid das Saxophon, die Lady ist das Piano. Verstanden?» Verstanden hätten sie es, aber gleichzeitig Wand, Gummizelle und Saxophon sein? «Noch einmal von vorne. Five, six, seven and eight . . .»

Wer Paul und Sharons Klasse zuschaut, fragt sich, wo die grosse Freiheit bleibt, die sie im Lindy-Hop gefunden haben wollen. Den Tanzpaaren ist anzusehen, dass sie ihr Gehirn in die Füsse schicken. Wenn es von dort wieder zurückgekommen ist, werden sie die Freiheit spüren. Lindy-Hop-Tänzer lernen Schritte wie Jazzmusiker Tonleitern: als Werkzeug zur Improvisation.

Die unterrichtete Figur ist mit ihren Doppeldrehungen und schnellen Platzwechseln ziemlich kompliziert. Doch Paul könnte sie mit jeder erfahrenen Lindy-Hop-Tänzerin, die sie nicht kennt, tanzen. Das Geheimnis des Lindy-Hop sind nicht die spektakulären Akrobatikfiguren, die fast nur bei Turnieren oder Shows gezeigt werden, sondern das traumwandlerische Feingefühl der Tanzpartner füreinander, das ihnen ermöglicht, selbst aus Missverständnissen sofort neue Figuren zu bauen. «Jeder Fehler ist ein neuer Schritt», heisst ein geflügeltes Wort der Swingtänzer.

Aus dem Zelt nebenan mit dem sehnsüchtigen Namen Savoy ist lauter Rap zu hören. Janice Wilson legiert dort die dreissiger mit den neunziger Jahren: Lindy-Hop mit Hip-Hop. Die Tanzpaare murren. «Viel zu schnell», sagt einer halblaut. Janice lacht: «Das ist immer noch langsamer als in "Hellzapoppin’".» Ein schwacher Trost, denn im Vergleich dazu ist jedes Stück langsam. Aber die Klasse hat verstanden. Im Film «Hellzapoppin’» tanzte Frankie Manning mit Whitey’s Truppe 1941 jenes Stück Lindy-Hop, das den Tanz unsterblich machte und ihm vierzig Jahre später die Auferstehung garantierte. Man kann so schnell tanzen, der Meister hat es vorgemacht.

Manning unterrichtet in der Turnhalle die Dorfjugend. Es hat einige Zeit gebraucht, bis Herräng mit den Tänzern warm wurde. Man nahm die Lindy-Hopper zwar mit zurückhaltendem Wohlwollen auf - schliesslich kann einem Dorf Schlimmeres passieren, als vier Wochen im Jahr Tag und Nacht mit Benny Goodman und Louis Jordan beschallt zu werden -, doch von den Bewohnern nahm lange Zeit niemand an den Kursen teil. Erst als eine junge Frau aus ihrer Mitte zu einer der besten Lindy-Hop-Tänzerinnen Schwedens avancierte, war das Eis gebrochen. Hanna Zetterman aus Herräng ist heute Mitglied der schwedischen Showgruppe The Rhythm Hot Shots, die das Camp in Herräng organisiert.

Zusammen mit Frankie Manning bringt sie den Kindern ein paar Schritte bei. Für Manning eine Aufgabe mit Symbolgehalt, denn es gab einen Moment in seinem Leben, da dachte er, es sei vorbei mit dem Lindy-Hop - für immer. 1948 wurde er mit Whitey’s Lindy Hoppers für einen Auftritt mit dem Jazztrompeter Dizzie Gillespie engagiert. Doch während der Proben gab es Probleme. «Wir konnten zu dieser Musik einfach nicht tanzen. Der Schlagzeuger spielte so ruckartiges Zeug.» Der Bebop war geboren. Frankie Manning zuckt heute noch mit den Schultern, wenn er diese Episode erzählt. «Diese Musik wurde zum Hören gemacht, nicht zum Tanzen.»

Die Swingära ging zu Ende, und Frankie Manning gab das professionelle Tanzen auf. Ab 1955 arbeitete er für die Post. Der Lindy-Hop wurde abgewandelt und hielt als Jitterbug, Rock’n’Roll oder Boogie-Woogie Einzug in die Tanzschulen der Weissen.

Hin und wieder, wenn einer der alten Stars in New York auftrat, verschaffte Manning seinen Arbeitskollegen Gratiskarten. Das war alles, was noch an seine Zeit als Tanzstar erinnerte. Wenn er heute als bald Neunzigjähriger in Herräng Schulkinder unterrichtet, dann wegen Lennart Westerlund.

Einige Frauen, die anonym bleiben möchten», beginnt Lennart Westerlund das Daily Meeting, «haben sich beklagt, dass die Männer zu sehr schwitzten.» Dieses Problem wurde gestern besonders akut, als Frankie Manning eine Figur unterrichtete, bei der die Frauen die Männer in die Achselhöhle fassen mussten.

Die tägliche Zusammenkunft ist eine Art basisdemokratische Versammlung, mit Programmankündigungen und kleinen Showeinlagen. Wie immer leitet sie Lennart Westerlund, der Gründer des Camps.

Auch die Leute aus dem Massenlager haben reklamiert: Die Bewohner über ihnen sollten doch bitte in der Nacht keine Akrobatikfiguren üben. Damit hat es sich, was die Probleme der Campbesucher angeht. Lindy-Hop-Tänzer gelten als friedfertig und anspruchslos. Für eine Party reisen sich auch mal vier Stunden und schlafen danach - wenn überhaupt - bei einem lokalen Tänzer auf dem Fussboden. Ihr bevorzugtes Getränk ist Wasser. Kein Wunder, kamen herkömmliche Dancings, als der Swingboom einsetzte, schnell wieder davon ab, Lindy-Hop-Abende anzubieten. Mit solchen Leuten liess sich kein Geld verdienen.

Eine Grippe sei im Umlauf, verkündet Lennart noch - «kommt einander also nicht zu nahe!» -, dann startet er das Videogerät. Was jetzt folgt, ist das Initiationsritual für Lindy-Hopper: Auf der Leinwand erscheinen acht als Hausangestellte gekleidete Schwarze und geben den wildesten Paartanz, der je auf Film gebannt wurde. Frankie Manning war 27 Jahre alt, als er sich 1941 die Choreographie für den Film «Hellzapoppin’» ausdachte. Sie dauert nur zwei Minuten. Aber was für zwei Minuten! Vom Grundschritt, wie er in Herräng gelehrt wird, hat das mörderische Tempo nichts übriggelassen. An der Hand der Männer schleudern die Frauen über die Tanzfläche, als tanzten sie um ihr Leben. Nichts daran erinnert an die eleganten Gesellschaftstänze. Lindy-Hop in seiner ursprünglichen Form ist ein kraftvoller, fast roher Tanz. Man erkennt sofort, dass einige Figuren ihren Ursprung in der Parodie der steifen Tänze der Weissen haben.

Als ein grosser Tänzer in Latzhosen ins Bild kommt, geht ein Raunen durchs Publikum. «Das ist Frankie.» Einigen schiesst das Wasser in die Augen. Es ist also alles wahr, was ihnen der alte Mann abends erzählt.

Dieses Stück Film hat die Wiedergeburt des Lindy- Hop eingeleitet. Vor sechzehn Jahren hat Lennart Westerlund, damals noch Bankangestellter, in einem Stockholmer Studiokino «Hellzapoppin’» zum ersten Mal gesehen. Westerlund tanzte damals schon Jitterbug, einen Abkömmling des Lindy-Hop, hatte aber keine Ahnung, wie der ursprüngliche Tanz ausgesehen hatte. «Ich sah den Ausschnitt und wusste: Das ist es.»

Einen Monat später flog er nach New York, rief lokale Tanzschulen an und fuhr an die Ecke Lennox Avenue und 140. Strasse in Harlem, wo der inzwischen abgerissene Savoy Ballroom gestanden hatte. Westerlund fand schliesslich Al Minns, einen der Tänzer aus «Hellzapoppin’», und lud ihn nach Schweden ein, um zu unterrichten. Bald darauf gründete Westerlund die Lindy-Hop-Showgruppe The Rhythm Hot Shots. Aber Minns starb kurze Zeit später. Westerlund und die anderen Tänzer der Rhythm Hot Shots versuchten, den Tanz von alten Schwarzweissfilmen zu lernen. Sie verbrachten Stunden vor dem Videogerät, den Daumen auf dem Rückspulknopf, um die Schritte ein paar weniger Takte zu entziffern.

«Wir glaubten, mit dem Tod von Minns sei die Verbindung in die alte Zeit für immer verloren.» Doch junge Tänzer aus England und den USA hatten «Hellzapoppin’» ebenfalls gesehen, und auch sie machten sich auf die Suche. Schliesslich fanden sie Frankie Manning, der sie - bereits pensioniert - bereitwillig unterrichtete. 1989 lud ihn Westerlund zum ersten Mal nach Herräng ein. Seither verbringt Manning jedes Jahr einen Monat in Schweden, und der Lindy-Hop hat ein erstaunliches Revival erlebt. In San Francisco und New York gibt es jeden Abend Parties, in Zürich (www.swing.ch) und Tokio mindestens einmal pro Woche. Manning tauschte das ruhige Rentnerdasein gegen das Reiseprogramm eines Topmanagers. Er ist kaum je zu Hause anzutreffen. Kürzlich unterrichtete er in Singapur, und nach Herräng geht es nach Sydney.

Es wird nicht seine erste Reise nach Australien sein. Manning war vor 63 Jahren schon einmal auf Tournee dort. Heute Abend erzählt er von der dreiwöchigen Reise, von den Vorführungen auf dem Schiff. Doch schon bald ist er wieder in Harlem, wo man an jeder Ecke Lindy-Hop tanzen konnte. Manchmal hat man fast ein bisschen Mitleid, wenn er dieselben Geschichten immer und immer wieder erzählen muss. Doch wie der letzte Mann auf dem Mond nimmt Manning seine Verpflichtungen gegenüber der jüngeren Generation ernst. Ja, auch mit Billie Holiday sei er aufgetreten, mit Frank Sinatra und Nat King Cole. Als ihm die Namen auszugehen drohen, schüttelt er ungläubig den Kopf. «Leute, wirklich, ihr hättet dabei sein sollen.»

Reto U. Schneider ist Redaktor bei NZZ Folio.



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