GLEICH ALS SIE das Alte Fass betreten, weiss Susi Schläfli, dass sie zu weit gegangen sind. Geri sitzt vor einem halb leeren Bier Grenadine und braucht einen Moment, um zu verstehen, dass sie und Robi Meili, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber es waren, mit denen er die letzten Tage im Internet geflirtet hat. Sie ist als Erste bei ihm und umarmt ihn wie die Showmasterin einer Versteckte-Kamera-Show kurz nach der Aufdeckung. Waren wir nicht alle wahnsinnig komisch?
Susi und Geri liegen sich in den Armen und lachen sich tot. Die andern stehen um sie herum und müssen ebenfalls furchtbar lachen. Die Stammgäste des Alten Fasses, alles freudlose Gewohnheitstrinker ohne Sinn für Abwechslung, tauschen ärgerliche Blicke aus.
Freddy Gut fällt als Erstes das Make-up auf. Es sieht ganz so aus, als hätte Geri zwischen Oberlippe und Nase und zwischen Unterlippe und Kinnspitze etwas Fonds de Teint aufgelegt und dabei nicht ganz den Ton getroffen. Vielleicht liegt der Farbunterschied auch daran, dass Geri seit ihrem Eintreffen etwas rot angelaufen ist. Und das Licht der Schottenstofflämpchen an der Wand aus Tannenschwarten ist auch nicht eben günstig. Freddy versucht, nicht daran zu denken, was mit der Stelle passiert, wenn Geri sein angefrorenes Grinsen nicht mehr halten kann.
Bei Carl Schnell sind es die Rosen, die ihn rühren. Freilandrosen in der Farbe des Bier Grenadine. Elf Stück. Jemand muss Geri gesagt haben, dass man keine gerade Zahl Rosen schenkt. Elf Stück. Nicht so mickrig wie neun, nicht so protzig wie fünfzehn, nicht so unheilvoll wie dreizehn. Wenn Susi es nicht übernommen hätte, Carl Schnell würde Geri glatt in die Arme nehmen.
Alfred Huber war von Anfang an dagegen gewesen. Die Mails gingen zwar von seinem neuen iBook weg, aber er hatte es rein zufällig dabei gehabt, als jemand die Idee hatte, Geri zu skimmen. Der Absender - guess-who - stammt zwar auch von ihm. Aber vom Inhalt der Mails hatte er sich von Anfang an distanziert. Auch jetzt hält er zwei Meter Distanz zum Tanz, den alle um Geri aufführen. Falls Geri trotz verrutschter Brille so weit sehen sollte, würde er mit einer hilflosen Handbewegung signalisieren, dass er mit der Sache so gut wie nichts zu tun hatte.
Robi Meilis Aufmerksamkeit wird durch den Ort der Handlung von der Handlung abgelenkt. Das Lokal irritiert ihn. Die halbrunde Bar ist versenkt. Die Gäste sitzen auf normalen Stühlen am Tresen, aber die Bardame kann aufrecht dahinter stehen. An der Wand hängt ein signiertes Poster von Denise Bielmann. Auf den Tischen stehen aufklappbare Plexiboxen mit Nussgipfeln und Mohnweggen. Kein einziger Nichtrauchertisch. Alles total authentisch. Und er, Robi Meili, einer der wohl findigsten Trendscouts der Szene, geht praktisch jeden Tag daran vorbei - und lässt Geri Weibel den Laden entdecken.
Endlich entlässt Susi Geri aus ihrer Umarmung und gibt ihn an Carl Schnell weiter. Der packt ihn bei den Schultern, drückt ihn etwas unbeholfen an sich, überlässt ihn Freddy Gut und organisiert eine Vase für die Rosen.
Freddy raunt Geri etwas ins Ohr, dieser fasst sich an die Mundpartie und verschwindet. Robi Meili empfiehlt Panaché, Skiwasser oder Kaffee fertig als authentische Getränke, geht an den Musikautomaten und drückt Johnny Cash, Arlo Guthrie und Toni Vescoli.
Susi Schläfli, Robi Meili, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber nippen betreten an ihren Getränken. Susi spricht als Erste.
«Wir sind zu weit gegangen», stellt sie fest. «Ich hab's von Anfang an gesagt», gibt Alfred Huber zu bedenken.
«Habt ihr gesehen, er hat am Mund . . .» «Was?» «Nichts. Vergesst es.»
«Die Rosen, ohne die Rosen wäre alles halb so schlimm gewesen», sagt Carl Schnell. «Elf Stück.»
Alle schauen die Rosen an, die jetzt in einer Vase aus hellblauem, silbrig gesprenkeltem Plastic stehen.
«Scheisse», sagt Carl Schnell.
«Wir müssen uns entschuldigen», beschliesst Susi Schläfli.
Mit diesem Vorsatz bestellen sie noch einmal das Gleiche und warten auf Geri.
Aber Geri kommt nicht. Nach einiger Zeit geht Freddy Gut in der Toilette nachschauen. Er kommt mit dem Bescheid zurück, dass Geri nach Auskunft der Barmaid längst gegangen sei. Vielleicht hat er frische Luft gebraucht, vermuten sie, bestellen noch einmal das Gleiche. Und warten.
Aber er kommt nicht. Geri Weibel, der Mann, der alles falsch macht, macht endlich einmal etwas richtig:
Er bleibt verschwunden.