NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

Mitten am Ende der Welt

Im Dschungel von Darién, wo sich die Panamericana verliert.

Von Thomas Schaefer

Einmal bis an das Ende der Welt zu fahren gehört vielleicht zu den unvermeidlichen Jugendträumen. Doch wo ist das Ende, wo der Anfang? Meine Reise auf der Panamericana, der «Traumstrasse der Welt», begann vor zwei Jahren in Alaska am Eismeer und führte bis nach Feuerland. Der 34 000 Kilometer lange Asphaltstreifen durchquert dabei jenes Land, das die «Strasse der Superlative» gleichsam in der Mitte zertrennt: Panama. Hier, an der Nahtstelle des amerikanischen Doppelkontinents, am Isthmus von Panama, verliert sich die längste Strasse der Erde im schwül-heissen, malariaverseuchten Dschungel von Darién. Eine Verbindung nach Kolumbien gibt es nicht. In der Mitte schon das Ende also. Und doch beginnt in Darién eine neue, geheimnisvolle Welt.

Abfahrt aus Panama City im Morgengrauen. Das Ziel, der kleine Ort Yaviza, liegt 280 Kilometer weiter östlich. Heute ist das ehemalige Goldgräber-Fort das letzte militärische Bollwerk Panamas gegen die im Niemandsland operierenden Banden der Drogenmafia, der Paramilitärs und der Guerilla. Der Linienbus braucht für die Strecke mindestens zwölf Stunden, abhängig vom Wetter natürlich. In der Regenzeit, wenn sich die Piste in ein einziges Schlammloch verwandelt, wird die Ankunft nicht garantiert.

Während die Sonne goldrot durch graublaue Dunstwolken leuchtet und das Land in das erste Licht des Tages taucht, überqueren wir die Punta de las Americas. Der kühne Brückenschlag war vorgenommen worden, lange nachdem man den spektakulärsten Graben der Welt ausgehoben hatte, den Panamakanal. Seit 1962 verbindet die silberne Stahlkonstruktion Nord- und Südamerika. Die Panamericana führt durch die alte Kolonialstadt, vorbei an den vereinzelten Ruinen Alt-Panamas, bis sie schliesslich im Nordosten zur vielbefahrenen Einfallstrasse mit reichlich Gegenverkehr wird.

Es ist merkwürdig - und die Orientierung leidet ein wenig -, denn die Reise entlang der Nord-Süd-Achse führt jetzt nicht mehr nach Süden. Panama erstreckt sich von West nach Ost. Die noch sehr tief stehende Sonne spiegelt sich im flimmernden Asphalt. Bereits nach 70 Kilometern, ab Chepo am Lago Bayano, beginnt die nervenzerrende und reifenfressende Schotterpiste. Die Federung des Geländewagens scheint jede Unebenheit noch zu verstärken.

Auf der linken Seite, zum karibischen Meer hin, erhebt sich am Horizont die Serranía de San Blás. Das Küstengebirge und etwa 360 bilderbuchschöne Trauminseln sind die Heimat der Cuna-Indianer, jenes Stammes, dem es wohl als einzigem in Amerika gelungen ist, für sich und seinen Archipel politische Autonomie zu erlangen. Das war nach einem Aufstand im Jahr 1925. Die kleinwüchsigen, bunt gekleideten Ureinwohner, deren genaue Abstammung unbekannt ist und von denen noch etwa 70 000 leben, entsenden ihre eigenen Vertreter in die Legislative und gelten als die politisch aktivsten Indianer des Landes. Sie verfügen über ein eigenes Regierungs-, Beratungs- und Entscheidungssystem, ihre eigenen Wirtschaftsstrukturen und eine eigene Sprache.

Auch ihre Kultur haben die Cunas weitgehend bewahren können. So tragen die Frauen üblicherweise Dutzende von Reifen um Arme und Beine sowie goldene Nasenringe, dazu bunte, kurzärmelige Blusen und ein farbiges Kopftuch. Die schweren goldenen Halsketten, die die ganze Brust bedecken, werden nur an besonderen Tagen getragen. Auffälligstes Merkmal der stolzen Männer und Frauen ist jedoch eine eintätowierte schwarze Linie, die von der Stirn über die Nasenwurzel führt.

Hier, in den abgelegenen Regionen Panamas, haben auch noch ganz andere Indianerstämme ihre Heimat gefunden: die Emberá- und die Waunan-Indianer. Sie besiedeln das Grenzgebiet zu Kolumbien, dem Ziel unserer Reise. Auf dem Weg dorthin begegnen wir immer wieder gewaltigen Sattelschleppern, beladen mit mächtigen Hartholzstämmen - Haupteinnahmequelle vieler Grosshändler. Die Mahagoni- oder Zedernbäume werden meist illegal aus den reichen Wäldern geschlagen. Für ein paar Dollar, so heisst es, kaufen die Händler die Stämme mittellosen Indianern ab. Eine Kontrolle funktioniert bis heute kaum, da offenbar auch Staatsbeamte in das lukrative Geschäft verwickelt sind. 64 000 Hektaren Land werden so jährlich gerodet, vier Fünftel der abgeholzten Bäume gehen als Brennholz in Rauch auf.

Ein schläfriger Beamter, der das Kommando an der Kontrollstelle der Provinz Darién innezuhaben scheint, behauptet, es sei jetzt vorbei mit dem Holzschlagen. Ausserdem lägen die gerodeten Flächen mindestens fünf Fahrstunden entfernt im Wald. Da könne man nicht hin. Zwar winken beidseits der Strasse immer wieder dünne Baumwipfel frisch angelegter Teakholz-Plantagen, doch Experten zweifeln am Erfolg der beschleunigten Aufforstungsversuche.

Die Panamericana, die sich als einzige Siedlungsstrasse über mehre Hunderte von Kilometern hinzieht, hat zur Entstehung einer breiten und kaum zu reparierenden Rodungsschneise im östlichen Teil von Panama beigetragen. Umweltschützer versuchen deshalb, den Ausbau und die Vollendung des Pan American Highway zu stoppen.

Der Plan zum Bau dieser Strasse wurde schon Anfang dieses Jahrhunderts ins Auge gefasst. Als 1925 in Buenos Aires der Pan American Congress of Highways zusammentrat und die Projektierung einer kontinentalen Transversale beschloss, konnte niemand ahnen, welch schädliche Auswirkungen sie haben würde. Amerika sollte eins werden - dies war der Leitgedanke. Er wurde bald aufgegeben, denn nach dem Ersten Weltkrieg orientierten sich die südamerikanischen Staaten mehr an Europa als an den übermächtigen USA. Dennoch wurde weitergebaut, die Weltbank half mit finanziellen Mitteln.

1962 ermunterte John F. Kennedy Panama und Kolumbien noch einmal, die Lücke in Darién zu schliessen. Doch ein US-Gericht stoppte ein erneutes Engagement der Federal Highway Administration in den siebziger Jahren, da zwei Drittel der Kosten mit nordamerikanischen Steuergeldern hätten bestritten werden müssen.

So hoppeln, kriechen und kurven wir über einen immer schmaler werdenden Waldweg, der mit einer Strasse nichts mehr gemein hat. Dafür wird man durch üppige Natur entschädigt: Über 1000 verschiedene Vogelarten und rund 10 000 unterschiedliche Pflanzen beleben jenen Darién-Dschungel, der zum grössten Nationalpark der Region herangewachsen ist. 1981 wurde das 579 000 Hektaren umfassende Gebiet von der Unesco als Biosphären-Reservat in die World Heritage List aufgenommen und somit unter besonderen Schutz gestellt.

Ein herandonnernder Bus überholt und hüllt uns für die nächste Viertelstunde in Staub. Vielleicht wäre es wirklich komfortabler, die Schlaglöcher mit hoher Geschwindigkeit gewissermassen zu überfliegen . . .

Schon Ende der fünfziger Jahre wurde die erste Trans-Darién-Expedition mit einem Jeep und einem Landrover versucht. Ergebnis und genaue Route sind unbekannt, eine Strasse existierte damals nicht. Der 1962 gestartete Versuch von General Motors, mit drei Convairs das Sumpfgebiet zu durchqueren, scheiterte am völlig ungeeigneten Fahrzeugtyp. Erst 1972 gelang einer englischen Expedition auf ihrer Tour von Alaska nach Feuerland der Darién-Durchbruch. Range Rover und das britische Militär unterstützten die Abenteurer, die trotz gebrochenen Differentialsperren und unzähligen mechanischen Problemen immerhin Kolumbien erreichten.

Unser Ziel liegt diesseits der Grenze. Seit mittags häuft die brütende Äquatorsonne Kumuluswolken an, die immer dunkler werden. In ein paar Wochen beginnt die Regenzeit, für viele der Anfang einer viermonatigen Isolation. Zu mühsam ist dann die Reise nach Panama City. Dies ist auch die gross Zeit der Moskitos und der Malaria. Die eifrige Einnahme prophylaktischer Mittel hat inzwischen dazu geführt, dass Mückenarten entstanden sind, die gegen jede Arznei resistent sind - eine Gefahr, die auch für die weit im Dschungel verstreut lebenden Indianer immer bedrohlicher wird.

Am Nachmittag, nachdem wir nahezu 200 Kilometer der rauhen Schotterpiste bewältigt haben, nähern wir uns einem braunen Fluss, dessen Ufer wir einige hundert Meter folgen. Schliesslich schlängelt sich der Weg in zwei engen Kurven um einen Hügel. Dann ist Yaviza in Sicht. Der städtische Friedhof begrüsst den Neuankömmling. Auf dem Sportplatz daneben bolzt eine Horde dunkelhäutiger Buben auf zwei verwitterte Fussballtore. Kleine Häuser reihen sich auf. Sofort sind wir von schwerbewaffneten Soldaten umringt. Papiere. Was wir vorhaben. Ein gewaltiges Funkgerät krächzt. Neugierige Anwohner begutachten uns. Die Strasse endet vor dem eigentlichen Ortskern. Aber wir dürfen mit unserer schweren Filmausrüstung bis vor das «Hotel» fahren. Schmale, betonierte Fusswege führen dorthin. Später sollten wir unbedingt den Kommandanten in der Garnison besuchen, er habe Instruktionen für uns.

Endlich, das «Ende der Welt» scheint erreicht. Das Hotel entpuppt sich als eine Bude mit Pritschen und Vorhängeschlössern an den Zimmertüren. Die Toilette ist auf dem Gang. Es ist stickig und schwül. Die ersten Regentropfen trommeln auf das Wellblechdach. In der neonbeleuchteten Restauranthalle ist eine Art fritierter Fisch im Angebot, dazu Wasser, viel Wasser. Und Coca-Cola natürlich. Fürchte dich nicht, Fremder, wir sind auch schon da, scheint uns der geschwungene Schriftzug zu beruhigen.

Die kleine Stadt wird von einer Flussschleife beinahe eingeschlossen. Der Rio Chucunaque mündet in den Rio Tuira, der wiederum in den Pazifik fliesst und so einem alten Fährschiff eine ganzjährige Verbindung nach Panama City garantiert. Gerade sind Indios mit ihren «piraguas», den Einbäumen, angekommen. Es sind Chocó. Knapp zehntausend siedeln hier in weit verstreuten Dörfern des Darién, des Niemandslands zwischen Panama und Kolumbien. Sie gliedern sich in zwei Stämme: in die Emberá, die ihren Ursprung am karibischen Golf von Urabá haben, und die Waunan, die von der kolumbianischen Pazifikküste stammen.

Sie haben hauptsächlich Bananen und Schwarzwurzeln geladen, die sie in ihren abgelegenen Dörfern ernten. Manchmal bringen sie auch Maniok, Fische oder Felle. Yaviza ist für sie der Anfang der Welt. Dies ist ihre Handelshauptstadt. Am Hafen steht ein halbes Dutzend Lastwagen, die Ladebrücke zum Wasser gerichtet. Sorgfältig werden darauf die einzeln gezählten Bananen geschichtet, hundert für einen Dollar. In der Hauptstadt eine Delikatesse: ungespritzte Früchte aus dem Darién-Dschungel.

Ein Schnellboot des Militärs mit schwerbewaffneten, bemalten Soldaten an Bord rauscht vorbei. Am steilen Uferhang mühen sich drei Schwarze mit einem Ölfass ab, das in einen der Einbäume geladen werden soll. Es fällt auf, dass ein Grossteil der Bevölkerung dunkelhäutig ist. Es sind kreolische Nachfahren afrikanischer Sklaven, die Mitte des 19. Jahrhunderts von den Franzosen nach St. Lucia verbracht wurden. Warum sie Yaviza besiedelten, ist bis heute ungeklärt.

Nein, dies sei nicht das Ende der Welt, erklärt ein Händler nachdrücklich. Da hinten gehe es weiter, da seien jede Menge Dörfer. Ob es ihn freuen würde, wenn eines Tages die Panamericana bis nach Kolumbien reichen würde. Natürlich, dann käme er leichter zu seinen Verwandten. Ein anderer Fahrer mischt sich in das Gespräch. Es sei viel wichtiger, die bestehende Schotterpiste nach Panama City endlich auszubauen. Das sei eine Strafe, dorthin fahren zu müssen. Vor allem in der Regenzeit. Die Strasse sei immer kaputt. Immer. Aber eine Verbindung nach Kolumbien? Lieber nicht, dann würden Drogen ins Land kommen und die Guerilla. Nein, es sei besser, die Strasse ende hier. Heftig gestikulierend mischen sich ein paar andere Händler ein. Ja. Nein. Ja. Die Meinungen gehen auseinander. Schnell bricht die Nacht herein. An einer kleinen Bude wird Bier ausgeschenkt. Die Stimmung ist heiter. Noch immer schleppen die Indianer ihre mit Bananen gefüllten Körbe zu den bereitstehenden Lastwagen.

Nach einiger Zeit zupft uns ein kleiner Bub am Hosenbein. Er bedeutet, dass ein gewisser Mann uns die ganze Zeit nicht aus den Augen lasse. Wir sollten vorsichtig sein, hier gebe es viele fragwürdige Gestalten. Wir brechen auf. Noch haben wir dem Kommandanten nicht den verlangten Besuch abgestattet. Dies wollen wir jetzt nachholen. Die kleinen Häuser, die meist auf Pfählen stehen, sind nur spärlich beleuchtet. Überall lungern Jugendliche herum. Irgendwo schreien Kinder. Geschäftig laufen die Bewohner durch ihr dunkles Städtchen. Eine Gruppe von Mädchen verfolgt uns kichernd. Plötzlich steht ein Soldat vor uns. Sein Gesicht ist geschwärzt. Wir mögen eintreten. Vorher die Taschenlampen löschen. Wir stolpern beinahe über tief ausgehobene Schutzgräben. Rechts und links haben Posten hinter Sandsäcken Position bezogen, grosskalibrige Maschinengewehre im Anschlag. Das niedrige Haus verbirgt sich unter einem Tarnnetz. Drinnen wartet ein weiterer Uniformierter. Was wir wollten. Wir erklären, warum wir gekommen sind. Gut, wir sollten eintreten, er selbst sei der Kommandant hier, Major Escobar.

Keine Kamera, kein Tonband und kein Fotoapparat, das sei die Bedingung, sonst sage er kein Wort. Schmunzelnd zieht er einen Vorhang beiseite, hinter dem sich eine Stabskarte verbirgt: «Hier ist Yaviza. Hier der Golf. Und auf der anderen Seite der Pazifik.» Bis zur kolumbianischen Grenze seien es noch etwa 60 Kilometer. Vor der offiziellen Demarkationslinie gebe es ein Gebirge, jede Menge Urwald, Sümpfe und viele Flüsse. Dies ist das Niemandsland, das vornehmlich von Drogenbanden, Guerilla, Waffenschiebern und Paramilitärs genutzt werde. Die Wege seien klar - und dabei deutet er auf grosse, aufgemalte Pfeile hin: Drogen kämen, auf der Reise nach Nordamerika, nach Panama hinein; Waffen gingen aus den mittelamerikanischen Krisengebieten durch Panama nach Kolumbien. Eine höchst brisante Grenzregion also.

Vor zwei Jahren habe man ihn aus dem Norden Panamas hierherbeordert, um das neu gegründete, 1500 Mann starke Grenzbataillon zu kommandieren. Seither zähle er jeden einzelnen der verbleibenden 221 Tage - jeder davon sei lebensgefährlich. «Ich selbst bin das erste Ziel der Guerilla, deshalb quälen mich hier seit Anfang Todesängste.»

Wir sollten den Ort so schnell wie möglich wieder verlassen, denn man wisse nie, mit wem man es zu tun bekomme, rät er. Schon etliche Touristen seien entführt worden. Damit würden sich die verschiedenen Gruppierungen finanzieren. Vor allem die kolumbianischen Befreiungsbataillone der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias) hätten sich auf diese Einnahmequelle spezialisiert, wenn sie nicht gerade ihren Drogengeschäften nachgingen. Ausserdem würden ultrarechte paramilitärische Verbände um General Carlos Castano gerade versuchen, diesen Landstrich unter ihre Kontrolle zu bekommen. Dabei würden sie allerdings auf den erbitterten Widerstand der ELN, des zweitgrössten kolumbianischen Befreiungsheers, stossen. Aber auch mit den in dieser umkämpften Region operierenden Waffenhändlern, die ihre Ware aus den ehemaligen Bürgerkriegsländern Guatemala, El Salvador und Nicaragua beschafften und der Küste entlang nach Süden transferierten, sei nicht zu scherzen. Niemand wolle sich das lukrative Geschäft vermiesen lassen. Die Armee habe auch Informationen darüber, dass neuerdings an den Hängen des Darién-Gebirges Koka- und Hanfpflanzen angebaut würden. Dies sei zwar noch panamaisches Territorium, aber die hier in Yaviza stationierten Einheiten hätten keine Möglichkeit, so weit in den Dschungel vorzudringen.

Wenn eines Tages die Panamericana durch dieses sumpfige Gebiet hindurchführen würde, hätte dies auch eine strategische Bedeutung für die Armee. Die Gefahr allerdings, dass dann der Drogenschmuggel dramatisch zunähme, sei für ihn die grössere Sorge. Ausserdem sei diese Lücke im Darién eine natürliche Barriere gegen die in Südamerika grassierende Maul- und Klauenseuche - eine Bedrohung für mittel- und nordamerikanische Viehzüchter, für die ganze Landwirtschaft, die man nicht unterschätzen dürfe.

Während Major Escobar uns den Teufel an seine schwachbeleuchtete Wandkarte malt, wird es plötzlich unruhig im Vorraum. Ein Mann, der aus verschiedenen kleinen Schürfwunden an Armen und Beinen blutet, ist von zwei Uniformierten hereingeschleppt worden. Man habe ihn jenseits des Flusses aufgegriffen. Er behaupte, er sei Kolumbianer, aber er könne sich nicht ausweisen. Major Escobar verhört den erschöpft wirkenden Mann. Dies sei wieder einer jener Siedler aus dem kolumbianischen Grenzgebiet, der von der Guerilla bedroht worden und nach Panama geflüchtet sei, erklärt er uns. Das sei in Ordnung so. Morgen würden sie die Formalitäten erledigen. Er solle sich erst einmal beruhigen. Die Nacht könne er in der Zelle schlafen.

Der Mann ist für Escobar der lebendige Beweis dafür, wie gefährlich Kolumbien sei. Wir sollten das nicht unterschätzen. Ihm sei beispielsweise völlig schleierhaft, wie ein renommiertes Reisehandbuch wie «Lonely Planet» es wagen könne, den Marsch durch die Darién Gap als durchaus attraktive Abenteuertour zu proklamieren. Nein, hier sei Schluss für Touristen, und er habe hier für die Sicherheit zu sorgen. Morgen sei unser Abreisetag. Basta. Für die Nacht werde er uns noch einen Mann seiner Truppe vor das Hotel postieren. Wir würden ihn nicht sehen, aber er sei da.

Der tropische Nachtregen hat wieder eingesetzt, dicke Tropfen trommeln in Wellen auf das Blechdach. Obwohl der laut brausende Ventilator unermüdlich die schwüle, stickige Luft verteilt, bleibt es unerträglich heiss. Mücken tanzen um das Moskitonetz, von draussen dröhnt noch stundenlang Popmusik aus gewaltigen Boxen der umliegenden Bars. Schritte, laute Stimmen sind zu vernehmen - irgendwo streitet sich ein Pärchen. Vor dem Haus ist niemand zu sehen. Die Nacht ist schwarz. Schliesslich fällt der Schlaf über uns und zeichnet, mit seltsam düsteren Träumen, dunkle Bilder vom Ende der Welt.

Thomas Schaefer, freier Journalist und Filmemacher, hat für die Serie «Trans» von NZZ Format und Spiegel-TV den Dokumentarfilm über die Panamericana gedreht. Er lebt in Hamburg.


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