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NZZ Folio 03/06 - Thema: Zucker   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Das letzte Monument

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Vor dreissig Jahren waren die meisten Parfumeure Franzosen und, was Frauen angeht, von jener beharrlichen Mischung aus Wollust, Verehrung und Herablassung, die man dortzulande als Galanterie zelebriert. Einmal schrieb ich dem grossen Edmond Roudnitska, um ihn zu einem Vortrag einzuladen. Er hielt das kleine a meines Vornamens für ein e (Luce ist in Frankreich ein Frauenname) und antwortete, ich sei «zwar Wissenschafterin, aber dennoch eine Frau». Peinlich berührt, liess ich die Einladung fallen.

Aber so versteinert die Vorstellungen seiner Generation auch waren: keiner dieser Parfumeure hätte sich je zu dem barbiepinkfarbenen Kitsch hergegeben, den man uns heute als Essenz «emanzipierten» Sex-Appeals andreht. Sie entwarfen ihre Kreationen zur Zierde von Damen, die in allen Richtungen über das Schachbrett fegten, hier und dort einen Bauern vernaschten, während ihnen Könige hinterherhechelten. Cabochard von Bernard Chant, Dioressence von Guy Robert und Roudnitskas Diorama waren Opfergaben an weibliche Gottheiten.

Wie konnte dieses Pantheon aussterben? Zuerst verschwand Demeter: die letzten opulenten Blumendüfte (Fidji, First, Chloé und Chamade) zeigen Anzeichen von Décadence und sind Variationen früherer, bodenständigerer Prachtentfaltung (Joy, Fleurs de Rocaille). Dann kamen die vollschlanken Junos der 1980er: Giorgio, Poison und Opium, stark geschminkte Huren, die bald unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen. In den 1990ern setzten die synthetischen Titanen (Angel, Boucheron) zum Siegeszug an, und von den alten Gottheiten blieben nur die wehrhaftesten und leichtfüssigsten übrig. Rive Gauche von Saint Laurent (Diana) blieb seiner glanzvoll grazilen Form treu, bis es vor zwei Jahren den Talibanen der EU zum Opfer fiel.

Das letzte Monument scheint Sublime von Patou zu sein, und das ist kein Zufall. Patou war stets ein Aussenseiter: mit hauseigenem Parfumeur (damals Jean Kerléo), bedächtig bei der Entwicklung neuer Düfte und bei der Ausmusterung der alten, keine Modekollektionen.

Sublime ist der wunderbare Fall eines Selbstmissverständnisses: die leuchtend butterblumenfarbene Verpackung, der Flacon als exotische Frucht – alles schreit von ewig Weiblichem. Allein, der Duft spricht eine andere Sprache: weniger gefällig als markant, ganz abstrakt, obschon überwiegend aus natürlichen Rohstoffen hergestellt. Diese wohlgerüstete Athene besteht die schwierigste Prüfung, die ein femininer Duft bestehen kann: sie erweist sich als sinnliches Maskulinum.

Auch wenn Roudnitska sich bei dem Gedanken im Grab umdreht: Sublime ist der olfaktorische Beweis für die Niederlage, die der öffentliche Frauenheld und heimliche Homosexuelle Louis Aragon einst so treffsicher auf den Punkt brachte: «La femme est l’avenir de l’homme.»




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