Wer noch nicht bemerkt haben sollte, dass sich Emotionen nicht dem freien Willen unterwerfen, lernt es auf dem Silver Star, der höchsten Achterbahn Europas im Europapark in Rust. Kurz bevor der Wagen 24 Stockwerke ins Nichts fällt, wird klar: Der Mut an der Kasse war bloss die Furcht, die man nicht zeigte.
Vergnügungsparks leben davon, dass die Angst nicht eine schlechte Angewohnheit ist, die man aufgeben kann. Wenn das Skelett in der Geisterbahn aus dem Sarg fällt, zuckt die Pressedame des Europaparks noch immer zusammen, obwohl sie schon unzählige Male durchs Gruselschloss gefahren ist. Später am Ausgang machen sich alle über den billigen Effekt lustig. Billig vielleicht – aber er hat funktioniert. Bloss warum?
Wir wissen doch, dass das Skelett aus Polyester ist, die Schlange aus Plastic, die Spinne an einem Nylonfaden hängt. Wir wissen doch, dass auf der Achterbahn weniger Leute zu Schaden kommen als in der Badewanne. Wenn wir uns trotzdem nicht gegen die Angst wehren können, dann, weil Emotionen im Gehirn an einem Ort entstehen, den wir kaum kontrollieren.
Das Bild einer Plasticschlange, das unsere Augen an das Gehirn schicken, schlägt dort zwei verschiedene Wege ein. Es gelangt zuerst in den Thalamus, eine Art Schaltstation, wo alle Sinneseindrücke sortiert und weitergeleitet werden. Von dort führt die schnelle Route zum Mandelkern (Amygdala), einem Hirnbereich, der für emotionale Reaktionen zuständig ist und jeden Reiz auf seine Bedrohlichkeit untersucht. Der Emotionsforscher Joseph LeDoux von der New York University nennt diesen Weg die «schmutzige Route», weil dabei nur grobe Information weitergeleitet wird.
Beatles klingen dort wie Rolling Stones, sagt LeDoux, und eine Plasticschlange sieht aus wie eine richtige. Also wird die Abwehr vorbereitet: Der Körper erstarrt, Puls, Atemfrequenz und Blutdruck werden erhöht, Blutzufuhr von Verdauungstrakt, Niere und Haut gedrosselt. Falls man kämpfen oder flüchten muss, steht so für Muskeln und Gehirn genügend Sauerstoff bereit. Dann wird noch das hauseigene Opiatsystem angeworfen und damit die Schmerzempfindlichkeit unterdrückt. Ablenkung kann in dieser Situation das Leben kosten. Darüber hinaus kann der Mandelkern Kettenreaktionen anstossen, die seltsame Wirkungen zeitigen: Schreien, feuchte Hände, Gänsehaut, geweitete Pupillen, nasse Hosen. Der Zweck dieser Reaktionen ist nicht restlos geklärt. Die Gänsehaut geht wohl auf die Zeit zurück, als der Mensch einen Pelz hatte und das Aufstellen der Haare ihn grösser und damit angsteinflössender aussehen liess. Warum wir vor Angst in die Hosen machen, hält der Stressforscher Robert Sapolsky von der Stanford University hingegen für «eine der verbleibenden unbeantworteten Fragen der modernen Wissenschaft». Er spekuliert, dass, wenn es um Leben und Tod geht, «die Blase nur eine unnütz herumschwappende Bürde ist», die uns beim Sprint behindert. Also: leeren!
Hin und wieder gehorchen diesem inneren Befehl auch Fahrgäste des Silver Star. Häufiger sind jedoch andere Verhalten.
Flucht: Wenn Besucher nach einer Stunde Schlangestehen endlich einsteigen könnten, ziehen es einige vor, gleich wieder zum Ausgang zu gehen.
Bereitschaft zum Kampf: Wer einmal vom Sicherheitsbügel in den Sitz gedrückt wird, beginnt schnell zu atmen und wird bleich. Das Blut wird jetzt in Muskeln und Gehirn gepumpt.
Totstellen: Während der Wagen langsam in die Höhe gleitet, erstarren die Fahrgäste. Ein angesichts des Monsters Silver Star angebrachtes Verhalten. Der Feind ist übermächtig, die Flucht aussichtslos. Wohin soll man auf der Schiene in 73 Metern Höhe?
Auch die Plasticschlange kann eine solche Symphonie von Körperreaktionen auslösen. Der Mandelkern beginnt sie zu dirigieren, bevor wir das Tier überhaupt bewusst wahrnehmen. Die sorgfältige Analyse des Bildes geschieht nämlich erst auf dem zweiten, langsameren Weg, der vom Thalamus zuerst in die Sehrinde (visueller Cortex) führt. Die Sehrinde im gefurchten äusseren Teil des Grosshirns zerlegt Information und verknüpft sie mit bestehendem Wissen: langes Ding, geringelt, bewegt sich schleichend – Schlange! Möglicherweise giftig, gefährlich, in der Geisterbahn, aus Plastic. Aha: Plasticschlange. Diese Botschaft gelangt zum Mandelkern und versucht Entwarnung auszulösen.
Der Grund für die doppelte Buchhaltung der Angst – das grobe Bild direkt vom Thalamus, die Feinanalyse in der Hirnrinde – liegt wahrscheinlich in der Geschwindigkeit. Die «schmutzige» Route ist bei Ratten fast doppelt so schnell (12 Millisekunden) wie die saubere Bildanalyse in der Sehrinde. Bei Menschen dürfte es ähnlich sein. «Der Weg über den Mandelkern ist ein Sicherheitssystem, so muss ich nicht die ganze Information zuerst durch mein Grosshirn schieben», sagt der Psychologe Alfons Hamm von der Universität Greifswald, «es ist ja auch vernünftig, erst mal zur Seite zu springen. Wenn ich zuerst überlege: Ist das jetzt eine Schlange? Was ist es für eine Schlange? Wo kommt sie her? – dann ist es zu spät.» Dass der Mandelkern auf Grund der groben Information vom Thalamus manchmal Fehlalarm auslöst, ist ein kleines Opfer an die Schnelligkeit der Reaktion: Besser man hält eine Plasticschlange für eine echte Schlange als umgekehrt.
Allerdings gelingt es dem Verstand im Grosshirn nicht immer, den Mandelkern von der Ungefährlichkeit einer Situation zu überzeugen. Das gilt auch für die Grosshirne jener Autorennfahrer, die im letzten Frühling zur Eröffnung des Silver Star in den Europapark eingeladen worden waren. Alle wussten, dass sie sich während eines Rennens unendlich viel grösserer Gefahr aussetzen als auf der Achterbahn. Trotzdem weigerten sich vier unter ihnen mitzufahren, einer stieg nur mit Sturzhelm zu. Wissen ist nicht Macht, wenn es um Angst geht.
Das Furchtsystem mit dem schmutzigen Weg zum Mandelkern entstand in der Entwicklungsgeschichte, lange bevor das Gehirn zu denken begann und die zweite lange Route eingerichtet hat. Die meisten Tiere kommen allein mit diesem emotionalen Autopiloten problemlos durchs Leben. Und auch das Hirn des Menschen vertraut im Zweifelsfall eher diesem alten Apparat als neumodischen Erfindungen wie Denken, Urteilen oder Bewusstsein. Der Ratschlag «Fürchtet euch nicht» ist deshalb von begrenztem Nutzen.
Der Mensch hat es im Fürchten weit gebracht. Es gibt Leute, die sich vor Hühnern (Alektorophobia), Flöten (Aulophobia) oder Fahrrädern (Cyclophobia) fürchten. Doch wer den Katalog der Angstkrankheiten genauer betrachtet, stellt eine auffällige Häufung fest: Angst vor Schlangen und Spinnen, Angst vor Dunkelheit, Angst vor grosser Höhe, Angst, allein im Wald zu sein, liegen immer vorne. Es sind die klassischen Kinderängste, die in jedes Märchen gehören, die Ängste der Erwachsenen, mit denen der Horrorfilm jongliert. Zum Beispiel in «Alien». «Bewegt sich schnell, sieht aus wie eine Mischung aus einer Spinne und einer Schlange und kommt immer von hinten», fasst Hamm die Eigenschaften des Monsters darin zusammen, «da haben sie alle archaischen Ängste reingesteckt.»
Bloss: Woher weiss der Mandelkern, bei welchen Reizen er Alarm schlagen muss? Warum stehen in einer Geisterbahn nicht Kühe und Kängurus? Warum haben wir eher Angst vor Blut als vor Bücherwänden? Mehr Angst in einem engen Tunnel als in einer Gartenlaube? Diese Fragen scheinen absurd. In der Nacht ist es einfach unheimlicher als bei Tag, das ist doch selbstverständlich. Ist es eben nicht. Eine Ratte hat zum Beispiel bei Tag mehr Angst.
Lange Zeit war man der Meinung, dass der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt komme und dann lerne, wovor er sich zu fürchten habe. 1920 schien ein Experiment mit einem elf Monate alten Säugling, der unter dem Namen Little Albert in die Geschichte der Psychologie einging, diese Sicht zu bestätigen.
Albert wurde eine weisse Ratte gezeigt, vor der er keine Furcht zeigte. Als er sie berühren wollte, schlug der Experimentator John Watson hinter dem Kopf des Kindes heftig auf einen Stahlstab. Albert erschrak und begann nach einigen Wiederholungen dieser Prozedur zu weinen. Ein paar Tage später reichte der blosse Anblick der Ratte, um ihn zum Weinen zu bringen. Albert hatte gelernt, sich vor einer Ratte zu fürchten.
Watson schloss aus diesem Experiment, dass der Mensch lerne, wovor er sich zu fürchten habe. Ängste würden von Generation zu Generation weitergegeben wie das Familiensilber. Abgesehen von wenigen vorgegebenen Reaktionen, wie dem Erschrecken vor einem lauten Geräusch, präge ausschliesslich die Umwelt den Menschen. Hätte Watson recht behalten, könnte eine Geisterbahn rosa gestrichen und mit Orchideen bestückt sein, man hätte vorher bloss gelernt haben müssen, sich davor zu fürchten.
Doch als andere Forscher das Experiment wiederholten, erlebten sie eine Überraschung. Sie wollten mit Watsons Methode bei Kindern die Angst vor Bauklötzen konditionieren. Aber sooft sie die Kinder auch bei der Berührung des Spielzeugs erschreckten, diese lernten nie, sich vor den Bauklötzen alleine zu fürchten.
Die Lösung des Rätsels brachte sechzig Jahre nach Watson ein Experiment mit Affen. Im Labor geborene Affenbabies zeigen spontan keine Furcht vor Schlangen. Doch wenn eine Schlange vor ihnen liegt und dazu auf einem Bildschirm ein Affe die typische Furchtreaktion zeigt, lernen sie sofort, sich vor Schlangen zu fürchten. Wenn die Furchtreaktion auf dem Video jedoch mit einer Blume oder einem Kaninchen kombiniert wird, bleibt der Lerneffekt aus. Die Furcht vor der Schlange ist also nicht genetisch programmiert, aber sie kann sehr leicht erworben werden – viel leichter als die Furcht vor einer Blume oder einem Kaninchen. Es braucht nicht einmal direkte eigene Erfahrung; blosses Zuschauen, wie sich ein anderer Affe fürchtet, reicht aus. Offenbar gibt es eine Reihe von Dingen, vor denen sich unser Gehirn leichter zu fürchten lernt als vor anderen. Dazu gehört auch die Höhe.
Eine plausible Erklärung, warum das so ist, hat Darwin geliefert. Vereinfacht geht sie so: Angenommen, unter Steinzeitmenschen, die sich nicht vor der Höhe fürchten, ist einer, dessen Gehirn wegen einer zufälligen genetischen Mutation so verdrahtet ist, dass er mit Angst auf grosse Höhen reagiert. Deshalb steht er nie zu nahe am Abgrund, was ihm ein längeres Leben und mehr Nachkommen beschert, die seine Neigung erben. So konnte sich die Angst vor der Höhe von Generation zu Generation stärker ausbreiten und ist heute allen Menschen eigen – einige können sie bloss besser überwinden als andere.
All jene, die in der Steinzeit keine Furcht vor Höhe, Schlangen, Spinnen oder Dunkelheit zeigten, hatten nur geringe Chancen, unsere Vorfahren zu werden: Wer mit 15 vom Fels stürzte oder sich von einer Mamba beissen liess, hatte keine Kinder, die seine Furchtlosigkeit in die nächste Generation trugen.
Die Urängste entstanden in den Millionen von Jahren, die unsere Ahnen ohne die Segnungen der Zivilisation in der Wildnis verbrachten. Weit grössere Gefahren unseres modernen Lebens gibt es erst seit so kurzer Zeit, dass sich keine Angstgefühle vor ihnen entwickeln konnten. Die Struktur der Vergangenheit interpretiert die Gegenwart. Wir sind mit Steinzeitängsten im Computerzeitalter gelandet.
Hätte die Evolution des Menschen in der heutigen Welt stattgefunden, würden wir mit einer Kreissägenangst herumlaufen, spekuliert Hamm. In einer Geisterbahn erschreckten uns kaputte Steckdosen, und beim Anblick eines Autos stiessen wir einen Angstschrei aus.
Der Blick in unsere evolutionäre Entwicklung mag die Herkunft der Urängste des Menschen erklären. Doch woher kommen krankhafte Ängste? Heftige Furcht vor Bärten zum Beispiel oder Panikattacken, die für den Betroffenen ohne erkennbaren Grund auftreten? Auch sie beruhen wahrscheinlich letztlich auf einer Konditionierung wie bei Little Albert. Allerdings spielen sich in diesen Fällen im Gehirn höchst verwickelte Dinge ab. Einerseits kann eine angelernte Angst auf ähnliche Reize übertragen werden: von der Ratte auf Mäuse, von Mäusen auf einen Bart. Andererseits kann das Gehirn in einer traumatischen Situation alle möglichen Sinneseindrücke, die gerade registriert werden, mit der Angstreaktion verknüpfen. Also nicht nur den Anblick des Räubers, sondern das Motorengeräusch des Autos, das gerade vorbeifährt. Unter starkem Stress werden Hormone ausgeschüttet, die sowohl die Konditionierung erleichtern als auch die bewusste Erinnerung unterdrücken. Es kommt vor, dass sich Betroffene nicht mehr an das ursprünglich angstauslösende Ereignis erinnern und deshalb keine Ahnung haben, wovor sie sich eigentlich fürchten.
Bleibt ein letztes Rätsel: Warum erleben wir Furcht und Angst als unangenehmes Gefühl? Wenn der Mandelkern Furchtreflexe schon unbewusst auslöst, warum müssen wir dann überhaupt davon erfahren? Die Wissenschaft hat darauf keine wirklich gute Antwort, denn diese Frage schliesst eine viel grössere ein: Warum haben wir überhaupt ein Bewusstsein?
LeDoux vermutet, dass die Angstgefühle eine Folge unseres weitentwickelten Hirns sind: «Grössere Gehirne ermöglichen bessere Pläne, doch dafür bezahlt man mit Angst.» Nach der ersten vom Mandelkern gesteuerten Angstreaktion setzt beim Menschen das Denken ein. Er überlegt, was er tun soll, wägt Alternativen ab, entscheidet sich. «Das Angstgefühl ist dabei der Antrieb», sagt Arne Öhman, Angstforscher am Karolinska-Spital in Stockholm. Was man auch immer dann tut, es soll das Angstgefühl vermindern. «Es ist ein gutes Gefühl, weniger Angst zu haben.» Darin ist wahrscheinlich auch der Grund für die absurde Tatsache zu suchen, dass wir überhaupt freiwillig in eine Geisterbahn gehen: Weil es so schön ist, wieder rauszukommen. «Nichts im Leben löst ein grösseres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden», hat Winston Churchill einmal gesagt.