NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- Die Vernunft der Listen

Von Franz Zauner

WENN ETWAS ewig währen soll, ist Aufschreiben eine gute Idee. Als Erste bemerkten die Sumerer, wie vergesslich wir sind. Sie machten Ahnen, Herrscher, Götter und Inventar unsterblich, indem sie Ahnen-, Herrscher-, Götter- und Inventarlisten erstellten – die Erstlingswerke der schreibenden Menschheit. Die Geburt der Schrift aus dem Geist der Buchhaltung ist durch Zeugnisse aller frühen Zivilisationen beglaubigt. Manche konnten ohne Rad hochkommen, aber keine ohne Listen, das Beweisstück Nummer eins für Kultur.

Auch die EDV beschäftigt sich seit ihrem Neolithikum, der frühen Röhrentransistor-Zeit, mit dem Erstellen, Verwalten und Löschen von Listen. «Verlinkte Listen» zählen zu den Urkonstrukten strombetriebener Logik. Ein Element verweist auf das nächste, alles ist mit allem verbunden.

Das ist praktisch, aber auch kryptisch. Listen waren immer auch Kristallisationskern finsterer Umtriebe: Jüngstes Beispiel dafür ist die «Rosenholz»-Akte, jene berüchtigte Agentenkartei aus den letzten Tagen der DDR, als die List der Vernunft der Vernunft schwarzer Listen ein Schnippchen schlug. Die entschlüsselten Schlüssel öffneten die Rosenholz-Wege, führten durch ein Gewirr aus Codes zu labyrinthisch verbundenen Namen und Taten.

Genauso geht es auch in der demokratischen EDV zu. Denn um Daten gut lagern und schnell durchstöbern zu können, muss man sie nach Art der Geheimniskrämer in Informations-Moleküle zersplittern und in Sinn-Atome spalten. Ein Hauch von Halloween umweht alle Datenspeicher.

Obwohl nichts leichter zu erkennen ist als eine Liste, sind Listen manchmal schwer zu durchschauen. Vollständigkeit wie Unvollständigkeit machen sie gleichermassen bedrohlich: «Die Liste Nr. 5 – sechs Unterhemden, sechs Unterhosen, sechs Taschentücher – hat den Forschern von jeher zu denken gegeben, besonders wegen des völligen Fehlens von Socken» (Woody Allen).

Erst das völlige Fehlen von Listen zeigt, was wir an ihnen haben: Wenn wir vor einer blinkenden Eingabemaske wieder einmal alles vergessen haben, im Supermarkt mit leerem Kopf vor vollen Regalen stehen, Telefonnummern, Geburtstage, Kochrezepte verschollen sind und verschwunden bleiben, ist das eine Konsequenz sumerischen Erfindergeists: die passive Macht der Listen.


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