ERINNERUNG IST EIN WORT, das in der Vorstellungswelt des Mailänder Architekturtheoretikers und Baukünstlers Aldo Rossi eine zentrale Rolle spielt. Das bestätigte sich einmal mehr, als er 1990 eingeladen wurde, in Maastricht ein neues Haus für das 1952 gegründete Bonnefanten Museum zu errichten. Kaum je sprach ein Ort so eindringlich zu ihm wie diese Stadt, in der sich altrömisches Erbe, mittelalterliche Kirchenpracht und gründerzeitliche Industrie zu einem dichten urbanistischen Geflecht verweben. Als Bauplatz zur Verfügung stand eine Parzelle in den Maasauen, dem Ende der achtziger Jahre bis auf zwei industriearchäologische Denkmäler eingeebneten Céramique-Gelände vor den Toren des kleineren, östlich der Maas gelegenen Teils der Altstadt. Dieses Areal soll dem urbanistischen Konzept des Maastrichter Architekten Jo Coenen gemäss in ein lebendiges Quartier verwandelt werden.
Blickfang des in diesem Frühjahr eingeweihten Museums ist der seltsam anmutende Turm am Fluss mit seiner zinkverkleideten Haube. Antwortet dieser den zur Stadtkrone sich vereinenden Türmen am anderen Maasufer, so gemahnt der E-förmig sich zum Wasser öffnende Backsteinbau bald an eine römische Festung, bald an die ehemalige Keramikfabrik. Von dieser zeugt noch heute die restaurierte Wiebenga-Halle, die dem Museum nun für zeitgenössische Installationen zur Verfügung steht. Sie erhebt sich auf der dem Strom abgewandten Seite der Anlage am Boulevard Céramique, dem künftigen Lebensnerv des Viertels. Hier findet sich auch der Eingang von Rossis Museumsbau, gerahmt von zwei turmartigen, im Gegensatz zum übrigen Gebäude mit rotem sardischem Trachyt verkleideten Risaliten. Diese verweisen auf ein architektonisches Meisterwerk des frühen 20. Jahrhunderts, Frank Lloyd Wrights Larkin Building von 1905 in Buffalo, jedoch auch auf altägyptische Tempeltore, auf die Doppelturmfassaden von Maastrichts romanischen Gotteshäusern - und nicht zuletzt auf das 1988 von Rossi in Parma vollendete Einkaufszentrum «Torri».
Das Gebäude ordnet sich entlang der die Symmetrie betonenden, viergeschossigen Mittelachse, die der Erschliessung dient, während die um eine Etage niedrigeren Seitenflügel unten die Verwaltung, darüber die Kunstschätze beherbergen. Typologisch entspricht der Mittelbau einer Basilika mit Vorhof, Schiff und Apsis. Vom «Vorhof», der Eingangshalle mit dem teleskopartig nach oben sich verjüngenden Lichtschacht, den Rossi im Durchgang des Genueser Opernhauses erstmals formulierte, gelangt man seitlich zur Kasse, zum Raum mit dem Stadtmodell sowie - ganz hinten - zu dem vom Meister selbst inszenierten Café.
Von der Eingangshalle führt eine 30 Meter lange Treppe unter einem Glasdach zwischen ungewöhnlich hohen Backsteinmauern hinauf zum Kuppelraum und bildet so das mehrgeschossige «Mittelschiff». Diese Lichtstrasse, für die wohl die Alte Pinakothek in München Vorbild war, erlaubt eine ebenso einfache wie logische Aufteilung des drei Bereiche umfassenden Museums. Durch Seitenräume erreicht man im ersten Stock die Bereiche für Archäologie und für alte Malerei und Skulptur, darüber die Schauräume für zeitgenössische Kunst. Während zwei Stahltreppen die Graphikkabinette unter dem Dach erschliessen, führt geradeaus eine gläserne Passerelle in den 15 Meter hohen, für Wechselausstellungen bestimmten Kuppelraum im Turm. Hier triumphiert, von metaphysischem Licht geprägt, eine Architektur der Leere, die leise mit Boullées Entwurf des Newton-Kenotaphs kokettiert.
Metaphysisch gibt sich der «gotisch» konstruierte Turm auch von aussen. Erinnerungen keimen auf an Phantasiegebäude aus Hieronimus Boschs «Versuchung des Hl. Antonius», an italienische Baptisterien, aber auch an den Turm der Mole Antonelliana in Turin, auf den der Meister bereits 1987 in einem kolorierten Stich anspielte. Die Form besitzt zudem in Rossis architektonischem Werk einen direkten Vorläufer, nämlich im Turm des 1986 ausgearbeiteten Projekts für die Mittelschule von Cantù und - mit etwas Phantasie - in dem für die Architekturbiennale von 1980 erbauten Teatro del Mondo.
Die Idee der Mittelachse als Lebensnerv eines Gebäudes ist ein Leitmotiv in Rossis Schaffen: Bereits 1965 tauchen die steile, zum Himmel hin offene Treppenschlucht und der Rundturm beim Segrate-Denkmal in rationaler Strenge auf, um dann 1991 beim Museum für Gegenwartskunst in Vassivière in postmodern verspielter Sprache variiert zu werden. Auch wenn in Maastricht die Rossi sonst so teure Typologie primärer geometrischer Figuren kaum zum Tragen kommt und für einmal weder Giebel noch Pyramiden auszumachen sind, erscheint das Museum mit seiner logischen Enfilade der Ausstellungsräume und der stimmigen Lichtführung durchaus klassisch. Hier gibt sich der heute 64jährige Pritzker-Preisträger als Schüler von Karl Friedrich Schinkel und Leo von Klenze sowie als Wahlverwandter von James Stirling zu erkennen. Im Gegensatz zu seinen übrigen Bauten der vergangenen Jahre, die seinen theoretischen Ansprüchen kaum je genügten, ist ihm mit dem Bonnefanten Museum ein Wurf gelungen, der sich - anders als das heillos überfrachtete Projekt von 1988 für das nicht realisierte Deutsche Historische Museum in Berlin - durch die Reduktion auf das Notwendige auszeichnet: Im spartanischen Architekturtheater von Maastricht erwacht Rossis rationalistische «Geometria della memoria» dank der verhaltenen Poesie des Lichts zu neuem Leben.