NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Markt und Musik

Von Claudia Kühner

Viele Spitzenmanager in der Wirtschaft gibt es in Europa nicht, die es auf eine Vergütung ihrer Leistung bringen wie der Dirigent Daniel Barenboim. Er soll, so wird berichtet, als neuer Chefdirigent der Deutschen Staatsoper in Berlin auf die Gage von einer Million Mark kommen - für vier Monate Präsenz in Berlin. Barenboim ist aber keine Ausnahme: so viel wie er verdienen auch andere Dirigenten seiner Klasse. Und wer Luciano Pavarotti für einen Abend engagiert, zahlt bis zu 100 000 Dollar, wenn nicht noch mehr.

Warum auch nicht, wenn der «Markt» solche Summen hergibt? Warum soll ein Musiker nicht erstklassig verdienen, wenn er eine Spitzenkraft ist? Es ist kein Naturgesetz, dass nur schön musiziert, wer Hunger leidet.

Allerdings, diese Summen haben auch etwas damit zu tun dass das Prinzip des Stars in der Welt der Klassik Einzug gehalten hat. Sie haben ferner damit zu tun, dass Plattenproduktionen immer teurer und deswegen Marketing, PR, Werbung zu immer wichtigeren Instrumenten der Branche werden - von den Göttern geschenktes Talent allein genügt im heutigen Platten-, Opern- und Konzertbusiness wohl nicht mehr. Der Markt will bearbeitet und geknetet sein, und der Markt, das sind wir.

Das Publikum wird geködert, indem aus Auftritten «Events» gemacht werden. Die Arie wird mit Champagner gereicht, der Gag ergänzt die Gabe. Ein Quartett, das seine Auftritte bis zum Lichtdesign hin stilisiert, gehört ebenso in unsere Zeit wie der Rüpel auf dem Podium und der Dandy an den Tasten.

Nun kann man ja noch verstehen, dass die Versuchung gross ist, einen als verstaubt erlebten Betrieb für einmal richtig durchzulüften. Bloss ist nichts so ermüdend wie die Allüre, selbst wenn ihr - der schnellen Sensation, der Musik für die Charts sozusagen - der Erfolg nicht abzusprechen ist. Doch meinen nicht wenige, gerade so werde ein ganz neues Publikum an die Klassik herangeführt - zum Beispiel dank einem Punk-Klon namens Nigel Kennedy. Da mag gewiss etwas dran sein, aber wie es mit Hitparaden so ist, von Dauer ist da nichts. Sie leben vom Wechsel. Die Branche aber lebt am Ende von den Kennern und Geniessern, die auf die Show nicht angewiesen sind.


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