NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Von den Fährnissen des Möbelkaufs

Von Joni Müller

UNTER DEN VERGNÜGEN, die die sogenannt freie Marktwirtschaft anzubieten hat, gehört das Kaufen von Möbeln zu den zweifelhaftesten. Es findet fast immer draussen vor der Stadt statt, vorzugsweise samstags und meistens pärchenweise.

Treibende Kraft beim Entschluss, sich den Samstag mit Möbeleinkauf zu verderben, scheint fast immer die Frau zu sein. Dies dürfte damit zu tun haben, dass das Einrichten einer gemeinsamen Wohnung neben dem Hausbau jene menschliche Tätigkeit ist, die dem tierischen Nestbau am nächsten kommt. Und Brutpflege im weitesten Sinne sowie die Förderung der häuslichen Gemütlichkeit ist eben noch immer vorwiegend Frauensache.

«Schatz, diese Eckbank wäre doch ideal fürs Esszimmer, gleich neben der Tür, was meinst du, Bärli?», sagt die junge Frau beispielsweise ziemlich enthusiastisch und bekommt als Antwort entweder ein laues «Wie du meinst» oder auch ein gelangweiltes «Ja, ja, meinetwegen». Der ungefähr gleiche Dialog wird mit steigender Gereiztheit auch bei den praktischen Schuhregalen sowie in der Abteilung für zeitlos scheussliche Sideboards geführt, um spätestens bei den romantischen Schlafzimmern zum Träumen in offenen Streit auszuarten.

Wie die Frau bei der Auswahl tonangebend ist, so übernimmt der Mann das Zepter, wenn es gilt, die ausgewählten Objekte in der Lagerhalle aufzuspüren. Weil er das Alphabet so gut kennt und als versierter Autofahrer die störrischen Transportwagen besonders gekonnt durch die Regale steuern kann. Ein weiterer Prüfstein für die junge Liebe bildet jeweils das Fehlen von mindestens einem von vier Gebinden am Standort L 12, ohne welches das Möbel nicht zum Möbel werden kann und somit der Ausflug auch nicht zum Erfolg.

Wenn ausnahmsweise doch mal alle Schachteln vorrätig sind, folgt daheim noch die Zerreissprobe des Montierens. Wer sich ob all diesen zerrüttenden Faktoren des Möbelkaufs darüber wundert, dass die Scheidungsrate nicht noch weitaus höher liegt, vergisst wohl eines: nämlich dass die meisten Beziehungen noch lange vor dem Standesamt beziehungsweise unmittelbar nach dem Möbelkauf in die Brüche gehen.


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