Neben gewaltigen Hochkaminen mit schmuckem Stirnfries streben Sudhäuser und Silos himmelwärts, gekrönt mit Ecktürmen, falschen Pechnasen und Schiessscharten, als gelte es, möglichst viele Armbruster und Büchsenschützen gegen eine anrückende Übermacht Posto fassen zu lassen. Vom Ausguck des Treppenturms, hoch über gotischen Spitzbogenfenstern, flattert die Fahne; über dem Ankömmling wölbt sich ein breitbrüstiger Torbogen mit gewaltigem Schlussstein, auf dem geheimnisvolle Zeichen eingemeisselt sind. Fehlt bloss noch die Zugbrücke.
Die Brauerei als Schloss, dieser in Backstein geformte Unternehmertraum - er hat bis heute überlebt. Wer im Mitteleuropa der Gründerjahre um 1870 aufs Bierbrauen setzte, stellte erst einmal eine Fabrik mit türmchenreicher Silhouette hin, und zwar aufs freie Feld, der Geruchsemissionen wegen. Im Deutschland des letzten Jahrhundertdrittels gab es fünf verschiedene Brauereien mit Namen Feldschlösschen. In der Schweiz, in Rheinfelden, kam ein sechstes hinzu, aber auch Merian und Warteck in Basel oder Löwenbräu in Zürich liessen solche Bierresidenzen bauen: Donjon (Ausguck- oder Wachturm) und Palas (Wohntrakt) in Backstein, dahinter kupferne Braupfannen und blitzende Kompressoren, das Ganze eingehüllt in eine warme Duftwolke aus Malz. Erstaunlich viele solcher Bauten haben sich bis heute erhalten, etwa in der Kernzone moderner Brauanlagen, oder Architekten haben die Stilchiffre «Schloss» bis in die jüngere Gegenwart hinein weiter variiert.
Woher stammt die Affinität von Bier und Schloss? Spielt die Assoziation Schaumkrone - Herrscherkrone eine Rolle? Sollte der Kunde an feuchtfröhliche Gelage in romantischen Schlosskellern denken? Vielleicht nutzte der Architekt die Schloss-Chiffre gar mit einem Augenzwinkern - hier das populäre, billige Volksgetränk, dort der Feudalbau. Ergo: ein demokratisches Schloss!
Fraglich allerdings, ob sich die Erbauer von damals dergleichen Fragen stellten. Wer mehrstöckige, massige Gebäude mitten in die Landschaft plazierte, suchte zwangsläufig nach einer Analogie zu bereits Bestehendem. Das Vorbild «Schloss auf der Hügelkuppe» drängte sich da geradezu auf. Ohnehin waren andere auf die gleiche Lösung verfallen: Die Belle époque baute ihre Hotels, ihre Schlachthäuser, ihre Villen in der Form von Schlössern; in Engelberg und Amsteg standen die ersten Elektrizitätswerke, auch sie mit Zinnen und Türmchen gekrönt. In diesem unbarmherzig expandierenden, verbissen auf die Zukunft ausgerichteten Zeitalter sollte die Vergangenheit wenigstens in Form romantischer Illusionsbauten präsent bleiben. Kommt hinzu, dass sich Fabrikanten wie Hoteliers in der Konjunkturhitze endgültig als staatstragende Kräfte definierten, mit ihrer Architektur die Mitteilung herüberbrachten: Wir sind nicht bloss Geldscheffler, wir sind verantwortungsbewusste Stützen dieser Gesellschaft, solide wie die schmiedeeisernen Doppel-T-Träger, die wir hinter gotischen Fassaden verstecken.
Ein Unterschied bleibt freilich anzumerken: Die Blendschlösser der Engadiner oder Berner Oberländer Tourismuszentren operierten fast durchwegs mit Rustikaquadern, diesen frontseitig naturbelassenen Hausteinen, die Ursprünglichkeit und solides Alter vortäuschten. Backstein, dieses billige und überall erhältliche Material, blieb meist den Fabriken vorbehalten. Er galt als nüchterner Baustoff; wer ihn also für Türmchen und Eckrisaliten einsetzte, gab widersprüchliche Signale, arbeitete eigentlich gegen das Material, das eher nach grosszügiger Flächigkeit verlangt: daher der oft etwas krakelige, leicht rührende Bauklötzchen-Touch.
Dafür liess die Sichtbauweise schmucke Kontraste zu: rote Backsteine für die Verzierung und Blenden, ein helleres Gelb für grössere Flächen. Der Farbwechsel zeichnete Fenster- und Türrahmen nach, betonte die Vertikale, schuf Grundflächen für Ornamentales.
Vor allem für den Braustern, dieses leicht bedrohlich wirkende Hexagramm aus zwei ineinander verhakten Dreiecken. Wir finden es an Konsolen, Giebeln und Zinnen, als Backsteinmuster oder Glaskachelemblem. Seit dem späten Mittelalter reklamierten Brauer das Symbol für sich. Tavernen, in denen gemälzt wurde, trugen den Sechsstern auf dem Wirtshausschild (was zu den omnipräsenten Kneipennamen «Sternen» oder «Sonne» führte). Das Hexagramm, seit dem Barock von jüdischen Gemeinden als «Schild Davids» zum Symbol des Judentums erhoben, diente schon in der Antike als Siegel der Eingeweihten, wurde von Kabbalisten und Alchimisten als Vereinigung der Gegensätze, als Ausdruck kosmischer Einheit gedeutet. So tief will man bei den Brauern wohl kaum schürfen. Hier bedeutet der Braustern ganz einfach: wir sind eine Gemeinde von Verschworenen, die nach altem und wohlbehütetem Rezept ein köstliches Getränk herstellen.
So gesehen, ist auch das künstliche Mittelalter der Backsteinschlösschen mehr als nur Koketterie.
Hans Peter Treichler ist Volkskundler und lebt in Richterswil ZH.