NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Portrait -- Jacques Loussier, Komponist

Von Silvia Hofmann

Die Adresse klingt vielversprechend: Quai de la Tournelle, unmittelbar an der Seine gelegen, der Schokoladenseite von Paris. Notre-Dame liegt vis-à-vis; der Boulevard Saint-Germain beginnt um die Ecke; und das Haus Nummer 37 ist erst noch ein ganz besonderes. «Hôtel du Président Rolland» ist auf dem Türsturz eingemeisselt. Hier residierte, so erfahren wir später, der Präsident des Nationalkonvents von 1792/93; seine Frau wiederum war die Geliebte Robespierres, jenes Mannes also, der die Terrorherrschaft errichtete und als Mitglied des Wohlfahrtsausschusses verantwortlich war für die blutige Niederschlagung der Royalistenaufstände in der Bretagne und in der Vendée.

Das Haus atmet den Geist der Geschichte, und es mag schon ein bisschen als Ironie erscheinen, dass heute im Salon des ersten Stockwerks, unter mit Goldstuck verzierten, riesigen Spiegeln und hinter hohen, zweiflügligen Fenstern, deren Rahmen langsam verfaulen, ausgerechnet ein Nachfahre dieser Verfolgten der Vendée seine Musik komponiert: Jacques Loussier, 58, weltberühmt geworden mit dem Trio Play Bach. Einen markanten Kontrapunkt zum geschichtsträchtigen Ambiente setzt die Inneneinrichtung des schönen, hohen Raums: Akai, Mitsubishi, Sony, mithin die hässlichen Werkzeuge zeitgenössischer Komponisten dominieren das Zimmer, dazu eine beigefarbene Sitzgarnitur vor dem Cheminée, in dem ein echtes angekohltes Holzscheit liegt. Auf dem Beistelltisch ein Notenblatt; die Notation sieht, von weitem betrachtet, ziemlich vernünftig aus.

Jacques Loussier hat als Komponist nichts gemein mit einem John Cage oder einem Mauricio Kagel und auch nicht mit einem Arnold Schönberg. Zwölftonmusik, Minimal art oder serielle Musik verabscheut er geradezu. «Ich ertrage sie nicht. Für mich ist die Melodie das A und O. Ich habe immer von einer Musik geträumt, die alle Möglichkeiten des Orchesters, des Synthesizers und der Perkussion ausschöpft.»

Um zu demonstrieren, was er mit seinen Worten meint, springt er auf, sucht nach einem Band, drückt auf seiner Anlage neunzehn Knöpfe, und es erklingt der zweite Satz eines Violinkonzerts, das er Ende der achtziger Jahre komponiert hat. Spannungsvolle Musik, sehnsüchtige, romantisierende. Loussier geht wie ein Raubtier auf und ab, beobachtet mich aus den Augenwinkeln. «Verstehen Sie, was ich meine?», fragt er. «La beauté et la simplicité» - das sei es, was er anstrebe.

Jacques Loussier ist ein Musiker, der seinem Instinkt folgt. Er komponiert aus dem Bauch heraus - und dort sollen die Klänge auch wieder hin. Wenn dem Zuhörer der Schauer prickelnd über den Rücken fährt, ist ihm das allemal lieber als kühle Anerkennung kraft des Intellekts. Etwas sezieren oder erklären - nur das nicht. «Ich wäre ein katastrophaler Lehrer», sagt Loussier. «Ich habe keine Geduld. Am liebsten fachsimple ich mit Leuten, die dasselbe Niveau und die gleiche Wellenlänge haben.»

Loussier liebt aufwühlende Musik, nennt sie «meine kleinen Drogen»: Pergolesis «Stabat Mater», Brahms, Rachmaninoff, Schubert, neuerdings, die Beatles, Pink Floyd. Einen Unterschied zwischen E-Musik und U-Musik macht er nicht: «Es gibt nur gute oder schlechte Musik», sagt er. «Kennen Sie ein schöneres und zugleich einfacheres Thema als <Yesterday>? Loussier ist ein Künstler, der mit dem Leiden, der Zerrissenheit des Genies gar nicht erst kokettieren mag; dafür betont er seine einfache Herkunft: «Ich stamme von Bauern ab. Generationen meiner Familie waren Bauern, in der Nähe von La Rochelle.»

Tatsächlich haftet ihm, dem Sohn eines Bankangestellten aus Angers an der Loire, etwas Erdiges an. Mittelgross gewachsen ist er, keine auffällige Erscheinung, aber ausgestattet mit einem markanten, kantigen Gesicht und dunklen Augen, in denen das «feu sacré» brennt. Ein Wunderkind sei er nicht gewesen, sagt er, aber doch höchst begabt, ein Einzelfall in der Familie. Sein Vater sang im Kirchenchor, die Mutter spielte ganz passabel Geige. Ein Klavier aber stand in der Wohnung der Loussiers nicht. Erst später, als die Begabung des zehnjährigen Jacques offensichtlich geworden war - er lernte das Repertoire, das seine ältere Schwester Anette sich in fünf Jahren erarbeitet hatte, in drei Monaten -, wurde eines gemietet und im Esszimmer aufgestellt.

Mit sechzehn Jahren wurde Loussier am Pariser Konservatorium aufgenommen. Aus der Provinz kam der junge Jacques in die Hauptstadt, wo er Unterschlupf in einem winzig kleinen Zimmer fand. «Ich hatte im Monat 100 Francs zur Verfügung», erzählt er. «Das Zimmer kostete 40 Francs, eine Mahlzeit in der Mensa des Konservatoriums einen Franc. Das machte zwei Mahlzeiten täglich.» Wollte er ins Kino oder ins Theater, musste er sich das Geld dafür irgendwie beschaffen. Mit siebzehn spielte er in Brasserien als Mitglied von Zigeunerkapellen und lernte dabei das ganze Operetten- und Schlagerrepertoire kennen; er entdeckte neben der im Konservatorium ausschliesslich gepflegten Klassik eine ganz andere, rhythmusbetonte Musik - ein Wendepunkt in der noch jungen Laufbahn. Hinzu kamen zwei Schlüsselerlebnisse, die Loussiers Ausstieg aus der vorgezeichneten Pianistenlaufbahn beschleunigten: In einem Konservatoriumswettbewerb, bei dem er ein Bach-Präludium spielen musste, verlor er mittendrin den Faden - und improvisierte zum Erstaunen und Amüsement seines Lehrers eine Minute lang; 1953 hörte und sah er live das Modern Jazz Quartett. Jazz und Bach plus Improvisation - damit war Play Bach geboren.

Aus der Distanz von über dreissig Jahren hört sich diese Entwicklung logisch, ja zwingend an. Aber gab es da wirklich kein Bedauern darüber, dass das grosse pianistische Talent nur als Begleitung von Catherine Sauvage oder Charles Aznavour im Existentialistenkeller aufleuchten durfte? «Wissen Sie, Talent ohne Beziehungen, ohne Geld setzt sich nicht durch», antwortet Loussier. «Ich hatte einfach keine Lust, für ein Butterbrot am Sonntagnachmittag in den Salons der reichen Damen zu spielen.» Und schliesslich dürfte es auch aufregender gewesen sein, die Nächte in verrauchten Brasserien zu verbringen . . .

Mit achtzehn verabschiedete sich Loussier vom Konservatorium; er bereiste Kuba, Südamerika, Israel, die Türkei. Seinen Militärdienst leistete er im Algerienkrieg. 28 Monate als Mitrailleur in einer Abteilung, die auch «actions» durchzuführen hatte. Welcher Art? Loussier rutscht auf seinem Sessel hin und her; Fragen in dieser Angelegenheit scheinen ihm unangenehm. Ja, Tote habe es auch gegeben. Nein, Offizier wollte er nicht werden. In Algier lernte er einen Plattenproduzenten kennen, spielte ihm den verjazzten Bach vor. 1959 nahm er seine erste Platte auf, und kurz darauf entstand das erste Trio Play Bach mit dem Schlagzeuger Christian Garros und dem Bassisten Pierre Michelot. Loussiers Musik wurde auf Anhieb zum Hit.

Während siebzehn Jahren tourte er ab 1963 mit seinen Freunden durch die ganze Welt. In Zürich war er 1966, der Grosse Saal des Kongresshauses randvoll, und die NZZ bemerkte - offensichtlich ziemlich erleichtert -, dass sich selbst Johann Sebastian über die sehr kunstvollen, wenn auch nicht stilgerechten Variationen seiner Werke bestimmt herzlich gefreut hätte.

Sechs Millionen Platten wurden bis heute verkauft, ein phänomenaler Erfolg, den sich Jacques Loussier damit erklärt, dass Bachs Musik für eine Symbiose mit der Moderne geradezu prädestiniert war: «Die Struktur von Bachs Musik ist wie geschaffen für Improvisation. Und ich wusste von meiner Konservatoriumszeit her, dass in der Familie Bach sehr viel improvisiert worden ist. Ich hatte nie das Gefühl, etwas Skandalöses zu tun. Im Gegenteil. Die Verbindung von wunderschöner alter Musik mit der lebendigen des Jazz entspricht meiner spielerischen Natur.»

Loussier löste sich von Bach auf dem Höhepunkt des Erfolgs. «Loussier? Aha, Play Bach» - dieses Korsett wurde ihm zu eng. Er zog sich zurück in die Provence. In einem alten Bauerngut in Miraval richtete er sich ein professionelles Tonstudio ein und begann mit der Elektronik zu experimentieren. Er suchte nach einem eigenen Stil, produzierte Platten mit Pink Floyd und Elton John - «fabelhafte Musiker» - und zog mit seiner Frau fünf Kinder gross.

Loussier komponierte Musik für über hundert Fernseh- und Kinofilme, Suiten für Klavier, Synthesizer, Schlagzeug und Bass - dann holte ihn Bach wieder ein: Zum 300. Geburtstag des Thomaskantors in Leipzig stellt er ein neues Trio Play Bach zusammen, und 1988 erspielte er sich mit einem unglaublich swingenden Live-Mitschnitt eines Konzerts in Tokio auf Anhieb eine goldene Schallplatte. Also doch: Loussier gleich Play Bach? Heute empfindet er diese Gleichsetzung nicht mehr so sehr als Handicap. Denn inzwischen hat er als freie Arbeit eine Messe, «Lumières», komponiert, die ihn mit einem Schlag in die Gilde der E-Komponisten befördert hat. «Ich gelte heute als seriöser, guter Musiker», konstatiert Loussier mit einiger Gelassenheit. Er hat, wenn nicht alles täuscht, den eigenen Stil gefunden: den eines Wanderers durch alle Stilrichtungen.

Soeben ist eine Platte erschienen mit seinem Violinkonzert, dem Trompetenkonzert und den «Tableaux Vénitiens» für Streichorchester. Gegenwärtig arbeitet er nun wieder an einer Rockoper. Das Unstete ist ihm zur Lebensmaxime geworden.

Dazu passt, dass er den Arbeitsraum, durch den Robespierres und Madame Rollands Geister schweben, in Bälde wieder verlassen wird. Die pariserische Unruhe enerviere ihn, sagt er. Jacques Loussier wird seinen Wohnsitz wieder an einen ruhigeren Ort verlegen: in die Schweiz.


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