Eine Entführung ist ein Verbrechen ganz besonderer Art. Anders als etwa der kaltblütige Mord oder der gewöhnliche Raub beschränkt sich dieses Verbrechen nicht auf eine alles besiegelnde Tat: die Entführung ist ein Prozess; sie zeichnet sich dadurch aus, dass die eigentliche Tat, die Freiheitsberaubung, erst den Auftakt bildet zu einem dramatischen Feilschen und einem Nervenkrieg, der sich über längere Zeit hinweg ziehen kann und dessen Ausgang unsicher bleibt.
Diese Ungewissheit macht Entführungen zu Medienereignissen par excellence; diese Ungewissheit ist die psychische Qual, der Entführungsopfer ausgesetzt sind. Sie stellt aber auch die Nerven der Entführer auf die Probe. Denn das Risiko, dass eine Entführung scheitert, ist gross; spätestens im Finale, bei der Übergabe des Lösegelds, wenn sich die Wege von Entführer, Angehörigen oder Ermittlern kreuzen.
Tatsache ist, dass Entführungen den geringen Erfolgsaussichten zum Trotz in den letzten Jahren markant zugenommen haben. Und meistens ist das Motiv dafür pure Geldgier. Waren Geiselnahmen in den siebziger Jahren noch ein gebräuchliches Mittel des politischen Kampfes von Terroristen und Rebellen, so sind es heute mehr und mehr gewöhnliche Kriminelle, die Menschen in ihre Gewalt bringen, um einen Haufen Geld zu erpressen - sei es in Südamerika, sei es in der Schweiz, wo kürzlich die Entführung eines Tessiner Industriellen Schlagzeilen machte. Fast scheint es, dass in der heutigen Zeit, da der Zahlungsverkehr bargeldlos ist und jede Bankfiliale so sicher wie Fort Knox, das Menschenpfand eine der letzten Möglichkeiten ist, um an Millionen zu kommen. Das zunehmende Gefälle zwischen Arm und Reich, der Ferntourismus, der die Habenichtse mit den Wohlhabenden zusammenbringt, ist dieser Art von Kriminalität ebenfalls förderlich.
Entführungen sind ein Verbrechen ganz besonderer Art. Und Entführer ganz besondere Verbrecher. Auch wenn der Täter nicht zum Opfer gemacht werden soll, so wird bei genauer Analyse doch deutlich, dass Entführer oft aus Verzweiflung handeln. Entführungen als ein Ausdruck von Schwäche? «Absolut», meint der Ire Brian Keenan, der in Libanon viereinhalb Jahre in Geiselhaft verbrachte.