Nur wenige wussten von seiner heimlichen Leidenschaft, doch wem es gelang, seine Sympathie zu gewinnen, den führte der hagere ältere Herr ins Obergeschoss seiner bescheidenen Wohnung, wo seine Schätze lagerten: Zündholzschachteln und Zündholzbriefchen aus der ganzen Welt, seine Sammlung, die er über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Die ersten Hölzchen hatte er von seinen Reisen als Einkäufer eines Spielwaren-Grosshandelsunternehmens mitgebracht, und nach seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau war das Zündholz dann mehr und mehr zu seinem eigentlichen Lebensmittelpunkt geworden. Nun reiste er zu Sammlertreffen im In- und Ausland, und wenn er zu Hause war, konnte er Tage damit verbringen, seine Schachteln und Briefchen zu katalogisieren und inventarisieren. Mit derselben Entschlossenheit, mit der er seine Schächtelchen und Briefchen ordnete, regelte er schliesslich auch deren Zukunft: In seinem Testament verfügte er, dass die Sammlung sowie der grösste Teil seines Vermögens einer zu gründenden Stiftung zu übertragen sei, der Konrad-Nef-Stiftung Teufen, mit dem Zweck, das Zündholzwesen endlich mit einem speziellen Museum zu würdigen.
Als Konrad Nef am 6. Februar 1999 starb, hinterliess er gegen 100 000 Zündholzschächtelchen und -briefchen. Dazu ein Vermögen von 5,5 Millionen Franken, was in seiner Wohngemeinde Teufen, Appenzell Ausserrhoden, noch weit grösseres Erstaunen hervorrief als seine heimliche Sammlerleidenschaft. Keiner hatte gewusst, dass der pensionierte Kaufmann und ehemalige «Frohsinn»-Wirt, der einstige Gemeinderat, das langjährige Mitglied der Männerriege und der aktive Armbrustschütze, nebenbei auch noch ein begnadeter Börsianer war. Da Witwer und kinderlos, konnte er über sein Vermögen frei verfügen, und er entschied sich, dass es jenen Schächtelchen und Briefchen zugute kommen sollte, die, wie alle andern Alltagsartikel auch, gewöhnlich nach Gebrauch achtlos weggeworfen werden.
Die Idee eines Zündholzmuseums, sagt der Präsident der unterdessen gegründeten Zündholzstiftung, habe den Konrad schon lange umgetrieben. Der Präsident heisst Wasser, Beat Wasser, und der gibt offen zu, dass er selbst dem Vorhaben anfänglich eher skeptisch gegenübergestanden sei. Doch dann, als die Sache immer konkreter wurde, fing auch Wasser Feuer, und so erklärte er sich bereit, das Präsidium der Stiftung zu übernehmen.
Wasser, 50 Jahre alt, Maschinenschlosser im Dienste der Bundesbahnen, ist seit seiner Kindheit ein Sammler. Er sammelt, wie Nef, Zündhölzer, dann aber auch Modelleisenbahnen und Fotoapparate. «Das Zündhölzchen», sagt er, «stand jedoch immer und eindeutig im Vordergrund.» Schon als Bub sei er von den vielen verschiedenen Bildern auf den Schächtelchen und Briefchen fasziniert gewesen. Verwandte und Bekannte brachten ihm Schachteln und Briefchen. Später klapperte er Kioske und Fachgeschäfte nach neuen Serien ab, um dann schliesslich seriös einzusteigen: Er sicherte sich bei Druckereien jungfräuliche Druckbögen, pilgerte zu Tauschbörsen, knüpfte ein Netz mit andern Sammlern, abonnierte die «Alte Schachtel», das Vereinsorgan der deutschen Zündhölzchensammler. Rund eine Million Schachteln, Briefchen und Etiketten aus über 100 Ländern kamen so über die Jahrzehnte zusammen, und heute gilt Wasser als der bedeutendste Zündholzsachensammler, der bedeutendste Phillumenist, weit und breit. Nicht den Hölzchen, klärt er den Laien auf, gelte in dieser Sammlertätigkeit das primäre Interesse, sondern dem Bild, der Grafik auf der Verpackung. Kommt eine Schachtel oder ein Briefchen neu in die Sammlung, wird sie meist sofort ihres Inhalts entledigt, und der wird dann, wie Nichtraucher Wasser sagt, in 65-Liter-Säcken ordnungsgemäss als Sondergut in die Verbrennungsanlage gebracht. Darauf werden von den Schachteln die Etiketten abgelöst, die Briefchen «gestreckt».
Auch so beansprucht eine derart umfangreiche Sammlung natürlich ihren Platz. In seinem Ferienhaus in Surrein im Bündnerland hat Beat Wasser ein ganzes Schlafzimmer kurzerhand zum Zündhölzlilager umfunktioniert. Aber jetzt, nachdem noch der Nachlass von Konrad Nef dazugekommen ist, ist auch dieses bereits wieder zu klein. Die Föhrenholzwände sind ringsum mit Gestellen belegt. In langen Ordnerreihen hat Wasser einen Grossteil der Etiketten abgelegt: 17 blaue Ordner mit Etiketten aus Deutschland, 7 grüne mit Etiketten aus der ehemaligen Sowjetunion, ein Laufmeter mit Schweizer Fabrikaten, dann italienische, thailändische, argentinische, polnische. Auf der andern Seite Kartonschachteln, gefüllt mit Briefchen und Schächtelchen, ebenfalls beschriftet nach Typus und Herkunft: «Ganze Schachteln Jugoslawien», heisst es da, «Doppelte spanische Briefchen», «Briefchen-Sammlung Schweiz». In Schubladen schliesslich die Preziosen: farbige Trommelschächtelchen, Designerhölzchen, historische Streichhölzer zur Soldatenweihnacht 1943, handbemalte Einzelschachteln, extra-lange Cheminéehölzer, Miniaturhölzchen, Brieflein mit integrierten Taschenrechnern, Dufthölzer, in der untersten Schublade Schächtelchen mit Hologrammen, japanische Erotika.
Beat Wasser ist überzeugt, dass gerade diese etwas ausgefallenen Exemplare eine breitere Öffentlichkeit interessieren dürften. Ausserdem sollte das künftige Museum die Geschichte des Zündholzes umfassend dokumentieren, mit Dokumenten und Utensilien aus ehemaligen Fabriken, von denen es einst allein in der Schweiz über hundert gab und heute keine einzige mehr - eine Geschichte, die ebenfalls endlich aufzuarbeiten wäre, wie er findet.
In diesem Jahr hat der Stiftungsrat seine Tätigkeit aufgenommen, und das Echo ist laut Beat Wasser «überraschend gross». So haben bereits weitere Zündhölzchensammler Rauchzeichen ausgesandt und Interesse signalisiert, ihre eigene Sammlung in die Stiftung einzubringen. Es gab aber auch solche, die vor allem ein gutes Geschäft witterten und «ein paar alte Schachteln» zu Geld machen wollten. Ausserdem sind bereits verschiedene Offerten an Liegenschaften eingegangen, doch keine vermochte bis jetzt zu überzeugen. «Viele wollten uns einfach ihre Villa verkaufen, doch das ist nicht, was wir suchen.»
Viel zu reden gab Konrad Nefs Vermächtnis natürlich in seiner Wohngemeinde, in Teufen, wo die zuständigen Behörden erst vor kurzem mit wenig Erfolg dem Stimmbürger ein Museumsprojekt vorgelegt hatten. Das Vorhaben, das ehemalige Zeughaus mit einem Ergänzungsbau zu versehen und dort die umfangreiche Gemäldesammlung T - ein Vermächtnis des örtlichen Viehdoktors mit einer Vorliebe für moderne Kunst - in einem von der Gemeinde betriebenen Museum auszustellen, scheiterte in der Volksabstimmung kläglich. Und natürlich waren das liebe Geld und mangelnde Kunstbegeisterung die Hauptgründe für das deutliche Verdikt. Im Fall der Zündholzsammlung liegen die Dinge anders. Hier wird der Betrieb aus den Mitteln der Stiftung finanziert. Vergleichsweise wertlos sind dafür in diesem Fall die Sammlungsobjekte. Zündhölzchen statt Picasso und Poliakoff? Noch haben sich die Behörden nicht recht entscheiden mögen, ob sie auf die zündende Idee des zweiten Spenders eintreten sollen.
Beat Wasser wohnt in Oftringen, und der Wohnort des grosszügigen Stifters ist für ihn somit nur eine Variante unter vielen. Um den internen Diskussionen nicht vorzugreifen, meint er diplomatisch, möchte er sich zum Standort nicht weiter äussern. Die Standortfrage sei natürlich heikel, und da wolle er nicht unnötig mit dem Feuer spielen. Tatsache sei allerdings, dass die meisten Zündhölzlisammler aus der Zentralschweiz stammten, was eher für diesen Landesteil sprechen könnte. Ungeklärt ist weiter, ob die in der Stiftung zusammengefassten Sammlungen tatsächlich in ein eigenes oder aber in irgendein bereits bestehendes Museum kommen sollen, was Wasser «aus rein praktischen Gründen» für sinnvoll hielte. Die Sondierungen verliefen bisher aber alle im Sand. So beschied man ihm beim Museumsverband, dass alle Museen jetzt schon unter Platznot leiden würden. Auch die Idee, die Sammlung in einem Bauernhaus im Freilichtmuseum Ballenberg unterzubringen, wurde bald einmal fallengelassen - nicht zuletzt aus feuerpolizeilichen Gründen.
Im Moment ist somit ein Alleingang der Phillumenisten die wahrscheinlichste Variante. Wassers Wunschtraum wäre ein Museum an verkehrstechnisch günstiger Lage, 1000 bis 2000 Quadratmeter gross, so dass eine rechte Auswahl an Hölzern gezeigt werden kann, mit einem Clublokal, wo sich Phillumenisten, in der Schweiz schätzungsweise 500 bis 1000 Personen, treffen können. Vorstellbar ist für ihn auch, dass dieses Zündholzmuseum zu einem Zentrum aller Sammler ähnlicher Dinge wird. «Gegen eine Zusammenarbeit mit den Bierdeckelsammlern zum Beispiel hätten wir grundsätzlich nichts einzuwenden.»
An Sammlern jedenfalls herrscht in der Schweiz kein Mangel. Kaffeerahmdeckeli, Orangenpapierchen, Weinzapfen: Der Fundus der angehäuften Alltagsartikel ist schier unbegrenzt. Wasser selbst hätte neben den Zündhölzern, den Modelleisenbahnen und den Fotoapparaten die Briefmarkensammlung seines Vaters anzubieten, und seine Frau sammelt Mokkatässchen, die immerhin bereits einen Vitrinenplatz haben, wenn auch erst in der guten Stube.
Er sei sich durchaus bewusst, sagt der Stiftungspräsident, dass sammeln und ein Museum betreiben zwei verschiedene Paar Schuhe seien. «Aber diese einmalige Chance gilt es nun zu packen.» Um mit der neuen Aufgabe erst einmal ein bisschen vertraut zu werden, hat sich der Stiftungsrat nach den Sommerferien nach Jönköping in Schweden aufgemacht, wo es bereits ein solches Zündholzmuseum gibt. «Eine tolle Sache», wie Wasser mit glänzenden Äuglein berichtet. Das Museum sei in einer ehemaligen Zündholzfabrik untergebracht, und da gebe es viel zu sehen an alten Dokumenten und Werkzeugen. Was die ausgestellten Schachteln und Briefchen betrifft, sei die Auswahl jedoch relativ bescheiden. «Da könnten wir mehr bieten.»
Bis es so weit ist, dürfte es allerdings noch eine Weile dauern. Zwei bis drei Jahre, schätzt Wasser. Zwei bis drei Jahre, in denen auch die Sammlung weiter wachsen wird. Eben sind Wasser eine halbe Million weiterer Schächtelchen angeboten worden, darunter viele seltene Exemplare, die das Herz jedes Phillumenisten höher schlagen lassen. «Der Reiz des Zündhölzchensammelns», sagt Beat Wasser, «besteht gerade darin, dass es davon unendlich viele gibt und man eigentlich nie an ein Ende kommt.»