NICHTS AUSSERGEWÖHNLICHES ist dem Mann anzusehen, der aus einem der acht Aufzüge des Hotelturms im Pekinger China World Trade Center tritt und zielstrebig über die weissen Marmorfliesen der riesigen «Hall» Richtung Ausgang schreitet. Tadellos sitzender nachtblauer Anzug, diskret blauschwarze Krawatte, auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe - einer von vielen betuchten älteren chinesischen Herren, die Pekings grosse Hotels frequentieren. Wie bei den meisten dieser distinguierten Geschäftsleute lassen die stramme Körperhaltung dieses Herrn, sein fast faltenloses Gesicht und die tiefschwarzen, kurzgeschnittenen Haare nicht auf sein Alter schliessen. Er hat so gar nichts Auffälliges an sich. Allenfalls lässt sich beobachten, dass der Portier, der die Glastüre des China World aufhält, und der Fahrer, der den Fonds der schwarzen Mercedes-Limousine öffnet, sich vor ihm etwas tiefer verbeugen als vor anderen Gästen. Dennoch, ohne einen diskreten Hinweis von der Reception käme niemand auf die Idee, dass dies der Hausherr des China World sein könnte.
Doch Robert Kuok, hierzulande besser unter seinem vollen chinesischen Namen Kuok Hock Nien bekannt, ist Gebieter über ein privates Imperium von international operierenden Firmen, zu dem unter anderem die Hotelkette Shangri-La gehört und damit zu fünfzig Prozent auch das China World. Die andere Hälfte der grössten der modernen Pekinger «Städte in der Stadt», die sich mit zwei Hotels, zwei Bürotürmen, Appartementblocks, Kongress- und Ausstellungszentrum und Ladenstrassen über eine bebaute Fläche von fast einer halben Million Quadratmeter erstreckt, gehört dem Staat.
Einmal im Monat kommt Kuok ins China World, um nach dem Rechten zu sehen und mit der Regierung über weitere Investitionsprojekte zu diskutieren. Laut dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin «Forbes» ist Robert Kuok mit einem geschätzten Vermögen von 1,8 Milliarden Dollar einer der zweihundert reichsten Männer der Welt. An zwinglianische Traditionen erinnernde bescheidene Unauffälligkeit hat er jedoch zum Prinzip erhoben. So bezieht er in seinem Pekinger Hotel jeweils nicht etwa eine standesgemässe Suite, sondern ein normales Standardzimmer, für das er zudem den (zugegebenermassen nicht gerade tiefen) Preis von 255 Dollar am Tag aus der eigenen Tasche bezahlt. Strikt vermeidet er jeden Kontakt zu Medien und jede öffentliche Aufmerksamkeit, was den schwerreichen Mann noch mehr zur Legende gemacht hat; dank seiner Abstammung hat sie auch eine exotische Dimension: Robert Kuok ist ein sogenannter Huaqiao, ein Überseechinese.
Die Auslandchinesen - über kaum eine Gruppe wurden und werden so viele Halb- und Unwahrheiten erzählt wie über diese Auswanderer. Und stets kommen noch neue Geschichten dazu, vor allem seit die Dynamik der Wirtschaftsentwicklung in der südostasiatisch-pazifischen Region vermehrt ins Bewusstsein der restlichen Welt eingedrungen ist, seit man viel von Greater China spricht (worunter das chinesische Festland plus Hongkong und Taiwan und noch etwas mehr zu verstehen ist) und das nächste Jahrhundert bereits als das pazifische apostrophiert.
Ihren Anfang nahm die Diaspora vor zweitausend Jahren, als erste Gruppen von Chinesen aus ihrer Heimat ins heutige Vietnam flüchteten. Die Gründe für ihre Flucht und für die folgenden sporadischen Wellen der Auswanderung waren immer die gleichen: wachsender Bevölkerungsdruck, Bürgerkriege, Hungersnöte und Epidemien im Reich der Mitte. Besonders gross war die Zahl der Auswanderer in der zweiten Hälfte des 19. und während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts - Folge des Untergangs der letzten Kaiserdynastie und der anschliessenden kriegerischen Wirren. Ein Teil dieser Chinesen wanderte nach Amerika aus, wo sie beim Eisenbahnbau als billige Arbeitskräfte willkommen waren (und zu Tausenden ihr Leben liessen) und die berühmten Chinatowns gründeten. Eine weit grössere Anzahl von ihnen setzte sich in Französisch-Indochina, in den britischen Kolonien Malaya und Burma und im damaligen Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien, fest. Die Kolonialisten, Meister darin, ihre Untertanenvölker gegeneinander auszuspielen, gestanden den Chinesen mit Absicht bestimmte Privilegien zu: Im Gegensatz zur einheimischen Bevölkerung genossen sie Bewegungsfreiheit und durften mit Alkohol, Reis und Opium handeln.
Der Bürgerkrieg und die kommunistische Machtergreifung von 1949 lösten die bisher letzte grosse Welle chinesischer Auswanderung aus. Gegen drei Millionen seiner Anhänger folgten dem Kuomintang-Generalissimus Tschiang Kai-schek nach Taiwan, rund 750 000 Chinesen flüchteten in die britische Kronkolonie Hongkong.
Heute gibt es weltweit über 56 Millionen Auslandchinesen; ausserhalb Asiens weisen die USA mit 1,8 Millionen die grösste Anzahl chinesischstämmiger Bewohner auf. Zweifellos eindrücklich, aber gleichermassen auch irreführend ist die von den Medien beharrlich wiederholte Zahl von 50,4 Millionen «in Südostasien» lebenden Auslandchinesen. Die Einwohner von Taiwan (21 Millionen) und Hongkong (5,7 Millionen) machen nämlich mehr als die Hälfte davon aus. Mit Ausnahme des Stadtstaates Singapur, den 2 Millionen ethnischer Chinesen (77 Prozent der Bevölkerung) klar dominieren, von Malaysia (31 Prozent) und Thailand (11 Prozent) weist jedoch keines der Länder der Region einen chinesischen Bevölkerungsanteil von mehr als 3,8 Prozent auf.
Dennoch kam es in ganz Südostasien immer wieder zu Massakern an chinesischstämmigen Bewohnern, denn von den Regierungen der Gastländer wurden sie während Jahren stets von neuem verdächtigt, eine kommunistische «fünfte Kolonne Pekings» zu sein. 1960 flohen in wenigen Wochen hunderttausend Chinesen aus Indonesien. 1965 massakrierte General Suhartos indonesische Armee mindestens 500 000 angebliche kommunistische Putschisten, die überwiegende Mehrheit davon chinesischer Abstammung. 1969 ermordeten Malaien in Malaysia bei Unruhen Hunderte von Chinesen. 1978, im Gefolge des Krieges mit der Volksrepublik, flohen mehrere hunderttausend Chinesen aus Vietnam.
In Tat und Wahrheit waren Südostasiens Auslandchinesen vor allem immer ideale Sündenböcke und Blitzableiter, wenn es soziale Spannungen gab. Massaker und Vertreibungen glichen eigentlichen Abrechnungen. Ursache für den vielerorts jahrelang aufgestauten Volkszorn: Die Chinesen haben in ganz Südostasien einen überproportional grossen Anteil an der Wirtschaft ihrer Wahlheimatländer. Teils ist das immer noch Folge der vom Kolonialsystem verliehenen Privilegien. Viele chinesische Auswanderer waren überdies schon in ihrer alten Heimat erfolgreiche Geschäftsleute, die ihr Schäfchen noch rechtzeitig vor der kommunistischen Machtübernahme ins Trockene gebracht hatten. Einen anderen Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der Huaqiao muss man im chinesischen Clanwesen suchen. Zwar sind die Sprach- und Kulturunterschiede zwischen den aus verschiedenen Gegenden Chinas stammenden Clans in den Gemeinden der Überseechinesen grösser, als man im allgemeinen annimmt. Doch innerhalb der einzelnen Clans diktiert die konfuzianische Tradition eisernen Zusammenhalt der Mitglieder und zudem ein Arbeitsethos, das dem der Protestanten nicht unähnlich und auch in Robert Kuok verkörpert ist.
Dass Südostasiens Probleme mit den Auslandchinesen vorwiegend mit deren wirtschaftlicher Dominanz und kaum mit ihrer angeblichen Loyalität zur Volksrepublik zu tun haben, zeigt Malaysias «Lösung» deutlich. Nach den Unruhen von 1969 führte die Regierung eine «Neue Wirtschaftspolitik» ein. Durch Quoten sollte dabei der ökonomische Einfluss der verschiedenen Ethnien ihrem zahlenmässigen Bevölkerungsanteil entsprechend neu geregelt werden. Mit beschränktem Erfolg: bis heute werden trotzdem nur 20 Prozent der Wirtschaft des Landes von der Bevölkerungsmehrheit der Malaien kontrolliert, während die 31 Prozent ethnischer Chinesen weiterhin bei über 40 Prozent aller Unternehmen bestimmend sind und namentlich Handel und Bankenwesen völlig dominieren. Seit sich Festlandchina dank der von Deng Xiaoping 1979 eingeleiteten Reformpolitik zu einem der sich am schnellsten entwickelnden Länder der Welt gemausert hat, müssen sich die südostasiatischen Auslandchinesengemeinden neue Vorwürfe und Angriffe gefallen lassen. Einige Regierungen werfen ihnen vor, sie hätten sich während Jahrzehnten an ihren Gastländern bereichert, würden jetzt aber ihr Kapital nach China transferieren, statt es wieder im Ursprungsland zu investieren, und bereiteten insgeheim ihre Rückwanderung nach China vor.
Wie die früheren Verleumdungen sind auch die neuen Anklagen gegen Südostasiens Huaqiao auf Vorurteile und zum Teil bewusst von den Medien verbreitete Halbwahrheiten zurückzuführen. Zwar ist nicht zu bestreiten, dass 80 Prozent des von 1979 bis 1993 in China investierten ausländischen Kapitals im Gesamtwert von rund 77 Milliarden Dollar von Überseechinesen im südostasiatischen Raum stammen. Aber wie bei den Zahlen zur geographischen Verteilung der chinesischen Diaspora führt auch hier ein genaues Aufschlüsseln zu ernüchternden Einsichten: 65 Prozent der Investitionen, die nach China geflossen sind, kamen nämlich aus Hongkong und Taiwan; das von den Überseechinesen der anderen südostasiatischen Länder investierte Kapital macht mit rund 11,5 Milliarden nur gerade 15 Prozent des gesamten Geldstroms aus. Zumal diese Summe im Lauf von mehreren Jahren abfloss, kann von einem «finanziellen Ausbluten» des halben Dutzends südostasiatischer Gastländer durch die Auslandchinesen nun wirklich nicht die Rede sein.
In dieser Welt der vermeintlich gleichartigen, in Wirklichkeit so unterschiedlichen Auslandchinesen nimmt der Milliardär Robert Kuok eine noch viel schwerer einzuordnende Sonderstellung ein. Er wurde 1924 in Malaysia geboren, wohin sein Vater, Kuok Yam Kam, kurz zuvor aus der südchinesischen Küstenprovinz Fujian ausgewandert war. Vater Kuoks Handel mit Reis und Zucker lief so gut, dass Robert Anfang der dreissiger Jahre das Raffles Institute, das prestigeträchtige, europäisch geführte Internat in Singapur, besuchen konnte. Einer der damaligen Klassenkameraden von Kuok war übrigens Lee Kuan Yew, der spätere langjährige autoritäre Präsident des wirtschaftlich so erfolgreichen Stadtstaates.
1947 übernahmen Robert und sein Bruder Philip das väterliche Geschäft und bauten die Firma bis Mitte der sechziger Jahre zu einem der grössten Zuckerhandelsunternehmen der Welt aus. 1970 verlegte Robert Kuok, unterdessen alleiniger Geschäftsführer und in der Region als «malaysischer Zuckerkönig» bekannt, wegen der in Malaysia eingeführten Neuen Wirtschaftspolitik einen Teil der Geschäfte nach Singapur. 1971 eröffnete er dort auch das erste Shangri-La-Hotel. Nun setzte im Imperium des Zuckerkönigs eine Phase des starken Wachstums und der Diversifikation ein. Er weitete die Geschäftstätigkeit systematisch auf den Abbau von Zinn und anderer Rohstoffe aus, auf den Betrieb von Chemiewerken, auf Gross- und Detailhandel; er gründete Versicherungen, erschloss Grundstücke und baute die Hotellerie in ganz Südostasien aus.
1974/75 machte Robert Kuok mit der Gründung der Kerry Group den ersten Schritt nach Hongkong. 1977 eröffnete er auch dort ein Shangri-La-Hotel, und Ende der siebziger Jahre verlegte er gar seinen Hauptwohnsitz in die britische Kronkolonie.
1983 fasste Robert Kuok den damals riskant erscheinenden Entschluss, auch in der chinesischen Hauptstadt ein Shangri-La-Hotel zu bauen. 1987 wurde es als einer der ersten Luxuspaläste eröffnet, der internationalen Ansprüchen genügte. Länger dauerte der 1984 begonnene Bau des gigantischen China World Trade Center, des Kronjuwels der Kette. Besonders hoch rechnete es die Pekinger Führung Kuok an, dass er auch nach dem Tiananmen-Massaker von 1989 nicht aus dem Projekt ausstieg, so dass das vorübergehend von nicht allzu vielen ausländischen Gästen genutzte Geschäfts- und Hotelzentrum 1990 dann doch noch plangemäss eingeweiht werden konnte.
Mittlerweile ist die Shangri-La-Kette auf 29 Hotels der Spitzenklasse angewachsen. Sie stehen in China, in ganz Südostasien, in Hongkong, in Taiwan, auf den Fidschiinseln und selbst im kanadischen Vancouver - überall dort, wo viele Huaqiao leben und Geschäfte machen.
In Hongkong und in den südostasiatischen Staaten gibt es heute kaum einen Wirtschaftsbereich, in dem nicht auch Kuok-Firmen ihre Dienste und Produkte anbieten. Der festlandchinesische Teil des Imperiums umfasst bisher neben Hotels und Immobilien die chinesische Lizenzproduktion von Coca-Cola, Nahrungsmittelfabriken und eine Erdölraffinerie.
Im Mai 1993 beschloss Robert Kuok, mittlerweile 69jährig, das Tagesgeschäft in seinem riesigen Familienunternehmen ab jetzt den Söhnen Kuok Khoon Chen und Kuok Khoon Ean zu überlassen. Vier Monate später landete er jedoch nochmals einen Coup, der ihm in den empörten Nachrichtenmedien zuerst einmal den wenig schmeichelhaften Übernamen Citizen Kuok eintrug. Nachdem ihm bereits ein Drittel von «TVB», der einen von zwei grossen Hongkonger Fernsehstationen, gehörte, kaufte Kuok für 350 Millionen Dollar dem australischen Mediengrossunternehmer Rupert Murdoch ein Paket von 34,9 Prozent der Aktien der «South China Morning Post» ab. Damit machte sich Kuok auch noch zum grössten Teilhaber der auflagenstärksten englischsprachigen Hongkonger Zeitung. Die verbreitete Furcht, Kuok habe die Anteile erworben, um die Zeitung, die Peking wegen ihrer objektiv-kritischen Chinaberichterstattung oft äusserst unbequem ist, endlich zum Schweigen zu bringen, erwies sich als unbegründet. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass Kuok die redaktionelle Linie des Blattes zu beeinflussen sucht. In bester angelsächsischer Tradition flickt es der chinesischen Regierung weiterhin am Zeug.
Eigentlich wäre das ja auch voraussehbar gewesen. Denn obwohl ihn Peking zu einem von 91 Regierungsberatern in Hongkong-Fragen ernannte, hat Kuok es bisher immer verstanden, in Geschäfts- und politischen Fragen nötigenfalls die Distanz zu den Herren des Festlands zu wahren. Das zeigte sich etwa, als seine Firma im März 1993 aus einem milliardenschweren Neubauprojekt an Pekings Haupteinkaufsstrasse Wangfujing von einem Tag auf den anderen ausstieg. In Robert Kuoks Communiqué dazu hiess es knapp, die Beziehung zum (staatlichen) chinesischen Partner sei «problematisch» gewesen.
Im einzigen Interview, das er in den letzten Jahren gewährt hat, sagte Kuok im Frühjahr 1993 gegenüber der prochinesischen Hongkonger Zeitung «Wen Wei Po», für ihn als chinesischen Geschäftsmann bestehe Hongkongs Standortvorteil «in der internationalen Standards entsprechenden Rechtsstaatlichkeit». Eingriffe der Regierung in die Wirtschaft brandmarkte er als «schlechte chinesische Gewohnheit» und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass Peking nach dem Machtwechsel in Hongkong von 1997 das von den Briten hinterlassene System nicht antasten werde - recht erstaunliche Äusserungen für einen weitherum im negativen Sinne als «Peking-Freund» eingestuften Grossunternehmer.
Wer ist Robert Kuok nun eigentlich? Er hat jederzeit Zugang zu Pekings Mächtigen, wohnt offiziell in Hongkong, verfügt über Geschäftsbasen in der halben Welt, fährt dennoch nach wie vor in die Heimat Malaysia zurück und reist immer noch mit einem malaysischen Pass. Stärker als die meisten südostasiatischen Huaqiao hat Kuok sich auf Geschäfte mit der Volksrepublik eingelassen, hat aber dennoch nicht wie die ohnehin auf Gedeih und Verderb mit China verbundenen Hongkongnesen gleich alle Eier in diesen Korb gelegt. Das garantiert dem Kuok-Clan - und einigen weiteren, von anderen Ländern aus ähnlich operierenden auslandchinesischen Familienunternehmen - die überlebenswichtige Unabhängigkeit.
Gelingt das Reformexperiment auf dem Festland, so ist ihnen reicher Gewinn sicher. Werden jedoch Korruption und Verprassen von schnell verdientem Geld in der Volksrepublik noch schlimmer, als sie es schon sind, und führen sie am Ende zu einer sozialen Explosion, so werden Überseechinesen wie Kuok auch diese Katastrophe überleben - sie werden dann die neuen Flüchtlinge, die in ihren Gastländern eintreffen, wohl als erstes in den altehrwürdigen Traditionen tugendhafter konfuzianischer Arbeits- und Geschäftsmoral unterrichten müssen.
Urs Morf ist China-Korrespondent der NZZ in Peking.