GROSSE ARCHITEKTEN haben in Cambridge seit je Spuren hinterlassen. Allein in den letzten dreissig Jahren entstanden hier Stirlings historische Fakultät, Rogers Patcentre, Fosters juristische Fakultät, Quinlan Terrys Paläste für das Downing College sowie - etwas ausserhalb der Stadt - als exzentrischster Neubau das 1985 von Michael Hopkins realisierte Schlumberger-Forschungszentrum. Zeugt dieses zeltartige Gebäude von Hopkins' Beschäftigung mit der Leichtbauweise von Buckminster Fuller und Frei Otto, so demonstriert das 1995 vollendete Queen's Building, der zweite Bau des heute 60jährigen Londoner Architekten in Cambridge, dessen jüngste, stark umstrittene Hinwendung zu massiven Steinkonstruktionen.
Das Queen's Building, ein kleines Mehrzweckgebäude mit Konzertsaal, erhebt sich neben Christopher Wrens Kapelle im Emmanuel College. Ausgehend von der historischen Anlage, gelang es Hopkins, den Bau präzise in das gewachsene Ensemble einzufügen. Der einst ganz dem High-Tech verpflichtete Architekt konnte dabei auf seine Erfahrungen bei der diffizilen Neugestaltung des Bracken House zurückgreifen, das neben Wrens Londoner St. Pauls Cathedral liegt. Die filigrane Struktur dieser vom 19. Jahrhundert inspirierten Glas-und-Stahl-Architektur verwandelte er in Cambridge in einen schweren Steinbau, indem er denselben Ketton-Kalk gebrauchte wie Wren bei der Emmanuel Chapel.
Entstanden ist ein flach elliptisches Gebäude mit umlaufender Arkade und grossen Fenstern, das entfernt an ein purifiziertes Amphitheater erinnert. Ungeachtet der vielen Öffnungen kam für Hopkins aus Gründen der Materialehrlichkeit und Dauerhaftigkeit eine mit Steinplatten maskierte Betonkonstruktion nicht in Frage. Für ein klassisches Steinhaus aber musste ein kompliziertes Konstruktionssystem entwickelt werden mit Stahlstreben im Innern der Steinpfeiler, die horizontal in den drei nur vom Liftschacht getragenen Betondecken verankert sind.
Waagrechte Steinbalken verbinden dieses vertikale Korsett und erzeugen eine minimalistische Gitterstruktur, die zusammen mit dem geschliffenen Stein und den plan in die Fassade eingesetzten Fenstern das schwere Gebäude glatt, abstrakt und mithin höchst zeitgemäss erscheinen lässt. So kann man denn das Queen's Building als Neuinterpretation des legendären Glashauses von Foster und Hopkins in Ipswich lesen, das 1975 mit seiner gekurvten Spiegelfassade den städtischen Kontext so völlig anders reflektierte. Wie dieser Bau ist das Queens's Building- seiner konservativen Erscheinung zum Trotz - ein innovativer Prototyp, der zeigt, wie kreativ mit neuster Technik auf eine historische Situation geantwortet werden kann. Die Gegenüberstellung von rundem Treppenturm aus Glas und Stahl und flach elliptischem Steinhaus bietet eine suggestive Lektion in baulicher Materialisierung. Hopkins veranschaulicht so seine hybride, zwischen High-Tech und Tradition oszillierende, auf Kontrasten und Widersprüchen basierende Arbeitsweise, deren Reiz er 1984 entdeckte, als er für den traditionsreichen Lord's Cricket Ground in London eine neue Tribüne entwarf. Ihren Höhepunkt erreichte diese Vorgehensweise aber in dem 1994 vollendeten Glyndebourne Opera House, das mit seinem ebenfalls abgeflacht elliptischen Grundriss und dem als hölzerner Resonanzkörper ausgebildeten Auditorium für das Queen's Building vorbildlich war.
Der 150 Plätze bietende Konzertsaal des Queen's Building, der die südliche Hälfte der beiden obersten Geschosse einnimmt, besteht ebenfalls aus Holz und besitzt wegen der Akustik eine offene Dachkonstruktion in der Art frühchristlicher Basiliken. Hier werden kleine Orchesterwerke und Kammermusikstücke gespielt, aber auch Theater aufgeführt, Filme gezeigt und Vorträge gehalten. Zudem findet man zwei Gesellschaftsräume, einen Seminar- und einen Leseraum sowie Übungsräume für die Musiker.
Städtebaulich erweitert der abgerundete Längsbau des Queen's Building die Hofsequenz des Emmanuel College und bildet ein Scharnier zwischen den zentralen Collegebauten, dem jenseits der Strasse liegenden North Building und dem Fellow Garden. Damit gelingt es dem Neubau überzeugend, die Stimmung des Ensembles aufzunehmen und malerisch fortzuführen.