NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Gring ache u seckle

Man warf schon mit B-26-Bombern Gift auf sie ab, man testete 4000 weitere Chemikalien an ihr. Doch durch nichts liess sich die Rote Feuerameise an der Ausbreitung hindern. Der Durchhaltewillen der Langstreckenläuferin liess sich nicht brechen.
 
Von Herbert Cerutti

Wann und wie die Fremde nach Alabama kam, ist Spekulation. Die ersten Nester von Solenopsis invicta (Rote importierte Feuerameise) entdeckte der Ameisenforscher Edward Wilson im Sommer 1942 auf einem verlassenen Grundstück in der Hafenstadt Mobile. Wie Analysen der Drüsensekrete zeigten, dürften diese Ameisen aus Brasilien gekommen sein, wo sie in den Feuchtgebieten des Pantanal ihre Heimat haben. Vermutlich brachte ein Frachtschiff Ende der dreissiger Jahre mit dem Ballastsand einige befruchtete Ameisenköniginnen als blinde Passagiere in die USA. Einmal an Land, profitierte die Spezies von ihrem Talent, sich auch an ungünstige Verhältnisse anzupassen. Denn während andere Ameisen durch Waldrodungen, Strassen- und Siedlungsbau verdrängt werden, scheint sich Solenopsis invicta in der Zivilisation wohl zu fühlen.

Die Feuerameise baut ihre Nester entlang von und unter Strassen, was zu grossen Schäden führt; sie richtet sich in den Häusern in Schubladen, unter Teppichen und wegen einer seltsamen Vorliebe für elektromagnetische Felder in Kabelkanälen und Computern ein, wo es dann zu Bränden kommen kann. Auf dem Lande sind Zitrusplantagen, Getreidefelder und Kartoffeläcker beliebt. In den Pflanzungen nagt das Insekt in Bodenhöhe die Rinde von den Bäumen, frisst Getreidesamen und Früchte. Die Feuerameise baut meterhohe Wohnhügel, mit einem horizontalen Versorgungsnetz, das knapp unter der Erdoberfläche 30 Meter weit in alle Richtungen führt. Senkrechte Schächte erschliessen das Grundwasser. Solche Ameisenburgen, manchmal bis zu 500 auf einer Hektare, sind mit ihrer harten Lehmkruste für die Landmaschinen ein ärgerliches Hindernis.

Gefürchtet wird die Feuerameise wegen ihres Gifts. Mit einem Stachel injiziert sie einen Cocktail aus Alkaloiden und Proteinen. Die Alkaloide verursachen einen plötzlichen Schmerz wie Feuer, nach einem Tag bildet sich an der Stichstelle ein weisses Bläschen. Betrunkene, die ihren Rausch auf einem Feuerameisennest ausschlafen wollten, sind nach Tausenden von Stichen am Gift gestorben. Medizinisches Hauptproblem ist indes eine durch das Ameiseneiweiss ausgelöste allergische Reaktion, der anaphylaktische Schock. In den USA werden jährlich um die 14 Millionen Menschen von Feuerameisen gestochen, um die 80 000 brauchen ärztliche Hilfe, mehr als 100 sterben schliesslich am Schock.

Zur weitverbreiteten Gefahr sind die Insekten in Florida und Texas geworden - Attacken auf schlafende Kinder oder wehrlose alte Leute haben Schlagzeilen gemacht. Am Gift sterben auch zahlreiche Rinder, die auf der Weide gestochen werden. Allein in Texas rechnet die Viehwirtschaft mit jährlichen Verlusten von 200 Millionen Dollar. Opfer sind ausserdem Rehe, bodenbrütende Vögel, frisch geschlüpfte Alligatoren.

Die Feuerameise wird in einem neuen Gebiet rasch zur dominanten Ameisenart. So hat man erst sehr viel später herausgefunden, dass bereits um 1914 ebenfalls in Mobile mit Solenopsis richteri (Schwarze importierte Feuerameise) eine andere Feuerameisenart aus Argentinien per Schiff gelandet war und sich innert Jahrzehnten über weite Teile der Südstaaten ausgebreitet hatte. Diese Spezies - wie auch vier einheimische Feuerameisenarten - ist jedoch weniger giftig und machte deshalb kaum Probleme. Aber die Rote verdrängte die andern Feuerameisen. Heute findet man die Schwarze nur noch im Norden von Alabama und Mississippi.

Die Ausbreitungsstrategie der Roten Feuerameise ist unheimlich. An einem Frühlingstag machen sich Hunderte von geflügelten Männchen und Weibchen zum Hochzeitsflug auf. Nachher verkriechen sich die befruchteten Weibchen in einer Erdspalte und gründen als Königinnen mit ihrer Brut eine neue Kolonie. Eine Königin kann sieben Jahre alt werden; ihr Volk umfasst bis zu 220 000 Tiere. Dank diesem Schwarmverhalten wandert die Invasionsfront jährlich ein Dutzend Kilometer vorwärts. Die wasserliebenden Tiere landen nach dem Hochzeitsflug auch gerne auf Bächen oder auf dem regennassen Verdeck von Lastwagen, was den Eroberungsradius vervielfacht. Wohl als Anpassung an die in der südamerikanischen Heimat häufigen Überschwemmungen können sich Rote Feuerameisen auf dem Wasser zu schwimmenden Klumpen zusammenklammern und so nicht nur Hochwasser überleben, sondern mit der Flut auch als Volk zu neuen Ufern aufbrechen - ein Verhalten, dass selbst Fische erschreckt und manchmal zum selbstzerstörerischen Sprung aufs Trockene treibt.

Um 1973 entdeckten Biologen in einer texanischen Feuerameisenkolonie anstatt der üblichen alleinherrschenden Königin deren zwanzig. Bald schon fand sich eine weitere Superkolonie mit sogar 3000 Königinnen, verteilt auf 36 Bruthügel. Genetische Untersuchungen zeigten, dass diese Tiere nicht direkt verwandt waren, sich also aus verschiedenen Kolonien zusammengetan haben mussten. Dies ist umso erstaunlicher, als bei den Feuerameisen sonst nur die Nachkommen einer einzigen Königin zusammenleben und alles Fremde im Nest sofort umgebracht wird. Warum sich plötzlich Superkolonien bildeten, ist rätselhaft. Die Konsequenzen indes wurden bald deutlich: Aus den Superkolonien machen sich einzelne Königinnen mit einer Schar Arbeiterinnen im Schlepptau auf und gründen an günstiger Stelle eine weitere Kolonie.

So eroberte die Ameise aus Brasilien innert eines halben Jahrhunderts im Süden der USA 1,2 Millionen Quadratkilometer. Wo Wüsten der Ausbreitung im Wege waren, half der Mensch mit dem Transport infizierter Topfpflanzen, etwa Azaleen oder Kamelien aus Alabama, über die ökologische Hürde. Heute erstrecken sich Inseln mit Feuerameisenbefall über New Mexico und Arizona ins südliche Kalifornien. Die Insektenforscher vermuten, die Plage werde sich nach und nach entlang der kalifornischen Küste bis an die Grenze Kanadas ausbreiten und schliesslich einen Viertel der USA umfassen.

Kein Wunder, liess man sich allerhand zur Bekämpfung des Insekts einfallen. In den fünfziger und sechziger Jahren kamen die mit dem DDT verwandten Insektizide Heptachlor und Mirex zum Einsatz, entweder als Kontaktgift versprüht oder als Futter in Maisgrütze versteckt. Man lancierte den chemischen Kampf als veritablen Krieg, indem man Mirex von B-26-Bombern mit Hilfe elektronischer Zielmarkierung abwarf. Anfänglich zeigten sich markante Erfolge. In intensiv behandelten Regionen waren die Feuerameisen innert Wochenfrist ausgerottet. Ein Jahr später jedoch lebten dort mehr Feuerameisen als je zuvor: Das Gift hatte mit den fremden Ameisen auch alle einheimischen Arten ausradiert und somit ein ökologisches Vakuum geschaffen, das jetzt von den Feuerameisen aus der Umgebung ohne Widerstand neu besiedelt werden konnte.

In den behandelten Gebieten in Texas und Louisiana traten bald auch beunruhigende Verluste bei Vögeln, Fischen, kleinen Säugern und Insekten auf, wobei sich in den toten Tieren Rückstände der Insektizide nachweisen liessen. Als die Gifte auch im Konsumfleisch und in der Milch auftauchten und Tierversuche ein Potential für Krebs und Geburtsfehler zeigten, verbot das amerikanische Umweltschutzamt 1978 den weiteren Einsatz dieser Art von Insektiziden.

Seither sind gegen die Rote Feuerameise über 4000 weitere Chemikalien getestet worden - vom blausäureartigen Amdro oder dem Nervengift Malathion bis zu Wachstumsregulatoren oder Juvenilhormonen, die die sexuelle Entwicklung oder das Körperwachstum der Ameisen stören. Auch dieser geballten Attacke blieb der Erfolg versagt, was Edward Wilson veranlasste, den chemischen Krieg gegen das Insekt als «Vietnam der Entomologie» zu bezeichnen. Der Ärger über die Ameisenplage machte die Farmer erfinderisch: Sie gossen kochendes Wasser oder Bleibenzin in die Ameisennester; sie zermalmten die Wohnhügel mit Traktoren; sie rückten den Tieren mit Elektrostössen, Vibratoren und Mikrowellen zu Leibe. Die bizarrste Waffe war ein grosses Rad, das, getrieben von einer Windmühle, auf einer Schiene entlang der Feldgrenze hin und her rollte und Ameisen, die queren wollten, plattwalzte.

Wilson und andere Ameisenspezialisten hatten schon früh empfohlen, nach Wegen zu suchen, wie man die Natur durch die Natur selber in Schach halten könnte. Etwa indem man herausfindet, was sich in Brasilien im Laufe der Jahrtausende als natürliche Feinde der Roten Feuerameisen herausbildete. In der alten Heimat erreicht die Rote Feuerameise nur einen Sechstel der nordamerikanischen Populationsdichte - ein Beleg für die Existenz biologischer Gegenspieler.

Die Ameisenforscher wurden in der südamerikanischen Fauna tatsächlich fündig. Mit Solenopsis daguerrei existiert eine konkurrierende Feuerameise, die sich als Parasit im Nest der Roten Feuerameise an die Königin klammert und ihr das Fressen vom Mund wegstiehlt. Dorymyrmex insanus, eine andere Ameisenart, lauert am Boden auf neue Königinnen und tötet sie bei der Landung nach dem Hochzeitsflug. Und wie Berserker stürzen sich die Krieger der Waldameise Pheidole dentata auf jede Feuerameise und trennen ihr mit den Kiefern Kopf und Beine ab.

Auch ausserhalb der Ameisenwelt hat die Rote Feuerameise Feinde. Die brasilianische Wespe Orasema lebt als parasitische Larve im Innern von Feuerameisenpuppen. Mindestens achtzehn verschiedene Arten von Buckelfliegen attackieren Feuerameisen im Sturzflug und injizieren mit einem Stachel Eier in ihren Leib. Als Fliegenlarven wandert die Brut dann weiter in den Ameisenkopf, wo sie das Hirn frisst; der leere Schädel fällt zu Boden und dient dort der heranwachsenden Fliegenpuppe als Behausung.

Seit 1995 werden nun in Texas mehrere Buckelfliegenarten gezüchtet und in Gebieten mit besonders starkem Feuerameisenbefall freigelassen. Pheidole-Ameisen gibt es im Süden der USA bereits von Natur aus. Und da auch die einheimischen Wolfsspinnen, Ameisenlöwen, Libellen und Vögel den Feuerfliegen zu Land und in der Luft nachstellen, Milben die Ameisenbrut befallen, Fadenwürmer sich im Leib einnisten, Beauveria-Pilze den Insektenkörper durchwachsen, erwartet man von den biologischen Feinden, dass sie die Flut der Roten Feuerameise mit der Zeit eindämmen. Loswerden wird man sie in den USA aber wohl nie mehr - nicht umsonst trägt sie den Namen «invicta», die Unbesiegte.

Neben all den Klagen über die Gefährlichkeit der Feuerameisen gibt es doch auch positive Aspekte. In seinem Standardwerk «Fire Ants» schildert Stephen Taber, wie die Rote Feuerameise für gewisse Pflanzungen nützlich ist, weil sie ebenfalls Schädlinge konsumiert, etwa den Zuckerrohrzünsler. Und in Baumwollplantagen beseitigen die Feuerameisen bis zu 85 Prozent der schädlichen Rüsselkäfer und Nachtfalter. Da die Ameise ausserdem die Eier von Fliegen, Bremsen und Stechmücken vertilgt, ist sie selbst für Mensch und Vieh manchmal ein Segen.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.



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