NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Warum träumt der Mensch?

Von Lilli Binzegger

Inge Strauch, 1932 in Dresden geboren, hat in Freiburg i. Br. Psychologie studiert und 1958 abgeschlossen. 1960 stiess sie bei einem anderthalbjährigen Forschungsaufenthalt in den USA zur experimentellen Traumforschung. 1962 kam sie nach Freiburg i. Br. zurück und verfasste dort ihre Habilitationsschrift über das Erleben im Schlaf. Nach siebenjährigem Wirken als Extraordinaria für klinische Psychologie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken kam sie 1976 als Professorin im gleichen Fach an die Universität Zürich. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Barbara Meier hat sie im Buch «Den Träumen auf der Spur» (Verlag Hans Huber, Bern 1992) die Ergebnisse der im Schlaflabor gesammelten Erkenntnisse verarbeitet. Inge Strauch ist zurzeit Prorektorin der Universität Zürich.

Das Gespräch mit Inge Strauch führte Lilli Binzegger.

Frau Prof. Strauch, was ist ein Traum?

Lassen Sie es mich zunächst einmal vorsichtig sagen: Der Traum ist das Erleben während des Schlafs.

Andere nennen den Traum sinngemäss ein chaotisches Aktivitätsgewitter im Hirn, das sich wahllose Figuren sucht, um sich irgendwo festzumachen.

Diese Theorie ist sehr reduktionistisch, weil sie den Traum nur physiologisch erklärt. Der Traum ist ja kein zufälliger Bildsalat, dem wir nachts ausgesetzt sind, sondern es sind handlungsbezogene Geschichten, die wir uns ausdenken.

Und wozu träumt man?

Sagen wir: um uns geistig zu beschäftigen. Ich kann sie zwar nicht beweisen, aber meine These ist, dass der Mensch, solange er lebt, nie mit seiner psychischen Tätigkeit aussetzt.

Heisst das: man träumt immer, wenn man nicht wach ist?

Ja. So wie wir während des Wachens ständig irgend etwas wahrnehmen, irgend etwas denken. Wir träumen bloss nicht stets mit der gleichen Intensität, so wie auch unsere Gedanken nicht stets gleich intensiv sind. Vor allem aber erinnern sich nicht alle Menschen gleich gut an ihre Träume.

Werden reale Erlebnisse im Traum wiedererkennbar aufgenommen?

Nicht in dem Sinne, dass man die reale Szene im Traum gleich erlebt: Ich werde heute nacht nicht träumen, dass Sie mich hier in diesem Raum über Träume befragen. Aber vielleicht werde ich den Schmuckanhänger, den ich an Ihnen sehe, in einem Kästchen auf einer Wiese finden. Etwas Beiläufiges kann in mir etwas aktualisieren und in den Traum eingehen.

99 Prozent unserer Wahrnehmungen sind wohl unbewusst, weil sie im Moment ohne Bedeutung sind. Kann es sein, dass der Traum nicht unterscheidet zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsstufen?

Ich denke nicht, dass wir im Traum neutrale Dinge zusammenstellen, sondern Dinge, die uns beschäftigen. Ein Traum spiegelt aber nicht einfach das, was man tagsüber tut. So träumen etwa Kinder selten von der Schule und von Erwachsenen, sondern vielmehr von Tieren, vom Spielen, von anderen Kindern: von Dingen, die sie interessieren und die sie verstehen. Und ein Erwachsener träumt kaum, dass er am Schreibtisch sitzt und gewissenhaft Akten durcharbeitet. Man könnte sagen: Träumende sind keine Werktätigen. Sie gehen nicht nachts zur Arbeit und schaffen acht Stunden.

Manchmal fühlen sie sich aber so.

Gut, es können negative Dinge aus der Berufswelt auftauchen, umgewandelt in Szenen der Bedrängnis, in denen man etwas nicht schafft.

Hat der Traum Auswirkung auf die Situation, die den Traum bewirkt hat?

Da schneiden Sie die schwierigste Frage der Traumforschung an, nämlich die nach der Funktion der Träume. Da gibt es viele Hypothesen. Eine lautet, der Traum habe problemlösende Funktionen: indem wir ein negatives Erleben im Traum, wenn auch mit anderen Gestaltungsmitteln, wiederholen, arbeiten wir ein Stück weit unsere Gefühle durch. Eine andere Theorie ist, dass wir nachts im Schlaf einfach Informationen verarbeiten und unsere Eindrücke des Tages - seien sie nun negativ oder positiv - sortieren und einordnen.

Was halten Sie von Traumdeutung?

Das ist zwar nicht mein Forschungsgebiet, aber Träume können dem Träumer wichtige Einsichten geben. Ein einfaches Beispiel: Jemand steht im Traum an einer Wegkreuzung und weiss nicht, welchen Weg er wählen soll. Es kann gut sein, dass dieser Mensch mit dem Traum nichts anfangen kann, weil er zu wissen meint, was er will. Der Traum kann ihm aber sagen: nein, eigentlich weisst du es nicht. Dieses Thema kann man in der Psychotherapie dann aufnehmen. Freud, Jung, Adler haben die Träume unterschiedlich gewertet. Egal aber, welcher Schule man folgt, ein Traum lässt sich nicht von aussen deuten, sondern der Träumer selbst muss seine Einfälle dazu geben.

Dann ist von den Büchern, die Träume schematisch deuten, nichts zu halten? Dass ausfallende Zähne Angst vor Potenzverlust bedeuteten und ähnliches?

Ich bin generell vorsichtig, was solche festgelegten Deutungsmuster angeht. Die Träume, in denen man die Zähne verliert, ins Leere fällt, nicht vom Fleck kommt und ähnliche sind aber auch gar nicht so häufig, man erinnert sich nur besser an sie, weil sie auffällig sind.

Wie kommen Sie an Ihr Material?

Wir holen Menschen ins Schlaflabor und wecken sie mehrmals nachts aus den REM-Schlaf-Phasen, in denen die Traumerinnerung erfahrungsgemäss am besten ist, und lassen sie ihre Träume erzählen.

Werden die Träume mit dem Erzählen nicht schon verändert, gewertet?

Das ist ja nicht nur mit den Träumen so. Fragen wir jemanden im Wachen nach seinen Sorgen und Wünschen, dann sind wir ja auch auf seine Worte angewiesen.

Kann man trainieren, sich an Träume zu erinnern?

Ja. Erste Voraussetzung ist, dass man sich für das Erleben in der Nacht interessiert. Dann gibt es Tricks, etwa den, nach dem Erwachen sich nicht gleich zu bewegen, sondern zu versuchen, das letzte Traumbild zu erwischen, sich so in den Traum zurückzuversetzen und den Traum dann aufzuschreiben.

Wenn nicht die Traumdeutung Ihr Ziel ist, was ist es denn?

Das Fernziel ist natürlich schon, eine Antwort auf die Frage zu finden: Warum träumen wir so, wie wir träumen? Dann wüssten wir vielleicht auch, ob im Traum nicht doch eine Verarbeitungsleistung erbracht wird, die uns ermöglicht, am nächsten Tag wieder neue Eindrücke aufzunehmen.

Brauchen Sie dazu nicht gleich viele Informationen über das wache Erleben des Träumers?

Bei Befragungen von Kindern zwischen dem 10. und dem 15. Lebensjahr zeigte sich etwas, womit sich Ihre Frage ein Stück weit beantworten lässt: Die Mädchen träumen bevorzugt von Mädchen und die Knaben von Knaben; und zwar, weil in diesem Alter die Mädchen noch nichts mit den Knaben und die Knaben noch nichts mit den Mädchen zu tun haben wollen. Erst wenn sich die Jugendlichen im Wachen für das andere Geschlecht zu interessieren beginnen, dieses ihre Phantasien beschäftigt, ihre Gefühle bestimmt, erst dann träumen sie auch davon. Man ist im Traum nicht erwachsener als im Wachen.

Kinder träumen häufig von Tieren?

Ja, und auch hier: weil sie sich für Tiere interessieren. Auffallend ist dabei, dass Mädchen vor allem von Katzen, Hunden und sehr oft von Pferden träumen, Knaben hingegen mehr von freilebenden Tieren, von Vögeln und Rehen etwa.

Kann man Träume von aussen beeinflussen?

Ja, man spielt zum Beispiel einem Träumenden ganz kurz ein leises Geräusch ins Ohr, weckt ihn dann auf und fragt ihn, was er geträumt hat. Dann sehen wir, ob und vor allem wie er die Geräusche im Traum aufgenommen hat und können so vielleicht das Umwandlungsmuster erkennen.

Verändern sich im Laufe des Lebens die Träume?

Es ist vor allem die Traumerinnerung, die sich verändert. Am ausgeprägtesten ist sie beim Heranwachsenden, der sich stark mit seinem Innenleben beschäftigt. Bei den Erwachsenen, die mehr nach aussen orientiert sind, sich mit dem Beruf beschäftigen, eine Familie gründen, nimmt sie ab.

Wäre es nicht interessant, jemanden ein Leben lang die Träume im Spiegel seines Wachens aufzeichnen zu lassen?

Es gibt da eine ganz phantastische Traumserie: zehntausend Träume einer Frau, von ihrem siebenundzwanzigsten Lebensjahr bis ans Ende ihres Leben in ihren Achtzigern. Die Lebensgeschichte der Frau liegt zwar nicht gleich detailliert vor, aber man kennt ihre Lebensdaten. Nun hat man untersucht, ob die Träume sich nach dem Verlust eines nahen Menschen veränderten. Es zeigte sich, dass sich die Verarbeitung eines Verlustes im Traum spiegelte und dass nach einer bestimmten Zeit die verstorbene Person wieder in die Traumwelt integriert wird. Eine andere Untersuchung ergab, dass Bedrohung in den Träumen der Frau, einer jüdischen Emigrantin, während der Zeit der realen Bedrohung durch den Nationalsozialismus nicht stärker auftauchte als sonst: das Thema hat sie ein ganzes Leben lang in den Träumen begleitet.

Als ich die Träume in Ihrem Buch las, schien mir, ich hätte ausnahmslos alle auch schon geträumt. Gibt es am Ende eine Traumwelt, die für alle gleich ist, eine andere Realität?

Ein interessanter Gedanke. Vielleicht sind die Menschen sich in ihren Wünschen, Bedürfnissen und Hoffnungen viel ähnlicher, als sie es in ihren konkreten Lebensumständen sind.

Wie lange dauern Träume?

Das ist gar nicht so einfach festzustellen. Der Traum lässt sich nicht mit dem Handeln im Wachen vergleichen. Wenn ich von hier an die Zürichbergstrasse fahre, dann brauche ich dafür eine gewisse Zeit. Aber in Gedanken bin ich, wupps, dort. Der Traum arbeitet nicht mit der Realzeit, sondern eher wie unsere Wachphantasie, die, wie etwa der Film, Schnitte macht: ich kann mir gar nicht so lange vorstellen, von hier an die Zürichbergstrasse zu fahren, wie es wirklich dauert. Es ist auch völlig unmöglich, sich vorzustellen, ein hundertseitiges Buch zu lesen. Das geht nicht, versuchen Sie es einmal.

Gibt es im Traum eine Vernunft?

Die durchschnittlichen Träume sind ja gar nicht so unvernünftig. Was im Traum aber fehlt, ist das ständige Bewusstsein der Uhrzeit. Der Alltag des Menschen wird regiert von der Uhrzeit und von dem ständigen Denken, was man alles tun muss. Im Traum gibt es diese Handlungsperspektive nicht. So gesehen, hat der Traum etwas Kindliches. Ebenfalls nicht vorhanden ist im Traum das Wissen um die Vergangenheit, das wir im Wachen ständig mit uns tragen. Unser ganzer lebensgeschichtlicher Hintergrund, der im Alltag immer präsent ist, fehlt. Im Traum ist man wie neugeboren, ohne Vergangenheit.


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