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NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich wurde schon dreimal überfallen

© Richard Bauer
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Von Richard Bauer

GUILLERMO CILIA, MEXICO CITY (MEX), ist 28 Jahre alt, seit zehn Jahren verheiratet, hat einen Sohn (7) und eine Tochter (2). Einmal pro Woche spielt er im Club Unión Fussball. Er fährt einen Chevrolet Monza, Jahrgang 1997, den ihm seine Mutter gekauft hat. Jede Woche zahlt er ihr 125 Franken ab. Früher fuhr er einen VW Käfer. Auf den Chevy sattelte er um, weil die Behörden die Käfer als Taxis sukzessive aus dem Verkehr ziehen. Im Grossraum von Mexico City leben 18 Millionen Menschen.
Guillermo Cilia verdient im Monat etwa 5000 Pesos (650 Franken). Seine Frau braucht nicht zu arbeiten, was in Mexiko eher die Ausnahme ist. Auf dem Grundstück seiner Grossmutter im Barrio Norte von Mexico City hat er sich zwei Zimmer selber gebaut, wo er mit seiner Familie gratis wohnt.
Taxameter: Grundgebühr 70 Rappen, jeder weitere Kilometer 25 Rappen. Pro Fahrt bezahlen die Passagiere im Durchschnitt knapp 2 Franken.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Ich fahre sechs Tage in der Woche, auch am Sonntag. Pro Tag sind es zehn bis zwölf Stunden. Mein Nummernschild endet mit der Ziffer 3, das bedeutet, mein Wagen darf am Mittwoch wegen der Luftverschmutzung nicht auf die Strasse. Früher fuhr ich einen VW Käfer. Da musste ich dem Besitzer Miete bezahlen. Jetzt bin ich dank dem Darlehen meiner Mutter selbständig. Das gefällt mir.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Daran denke ich noch gar nicht, das liegt ja noch weit in der Ferne. Vielleicht werden mich meine Kinder unterstützen. So macht es meine Mutter mit der Grossmutter.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Mit 24 Jahren begann ich, Taxi zu fahren. Nach der Primar- und Sekundarschule arbeitete ich zuerst als Maler, dann in einer Champignonzucht. Aber der Lohn passte mir nicht. Also begann ich als Taxifahrer mit dem ausgeliehenen Käfer.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

In der Regel etwa 500. Vor allem in der Nacht sind die Strecken lang, da fährt man häufig mit 80 Kilometern pro Stunde auf dem Periférico, der Stadtautobahn.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Vom Zócalo, dem Hauptplatz von Mexico City, nach Cuernavaca. Die Fahrt dauerte dreieinhalb Stunden. Ich verlangte dafür 68 Franken. Der Passagier war ein Händler, der Ventilatoren beschafft hatte, um sie in der Provinz weiterzuverkaufen. 40 Stück packte er in meinen Wagen.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Die gibt es bei mir nicht. Ich fahre in Quartieren herum, wo ich Leute auf der Strasse sehe. Da stelle ich mein Frei-Schild hoch, und die Passagiere halten mich an.

Wer war Ihr prominentester Fahrgast?

Die Mutter einer Fernsehkomödiantin. Wir nennen sie Chupitos, jeder kennt sie. Die Fahrt war kurz, und die Frau sagte, sie sei die Mutter von Chupitos, ohne dass ich sie danach gefragt hätte.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen? 

Als ich noch den Käfer fuhr, blieben immer wieder Handys liegen. Da sich die Leute nach vorne bücken mussten, um vom Hintersitz auszusteigen, ist es ihnen oft aus der Hosentasche gerutscht. Wenn Kinder mitfahren, finde ich auch häufig Spielzeug, das vergessen wurde.

Wie reagieren Sie im Stau?

Ich verzweifle nicht. Viele Fahrgäste regen sich auf, wenn es nicht mehr weitergeht, und verlangen, ich solle eine Ausweichroute nehmen.

Reden Sie mit den Fahrgästen?

Mit den meisten. Beim Plaudern entspannt man sich. Oft beginne ich das Gespräch damit, dass ich sage: Heute ist es aber heiss. Über Politik sprechen die Leute kaum. Viele erzählen von den Problemen in der Familie, von Geldsorgen und Krankheiten.

Haben Sie schon einmal eine Busse bezahlt?

Nein. Aber es ist vorgekommen, dass ich mich mit den Polizisten arrangiert habe. Für 7 bis 13 Franken lassen sie dich gehen, wenn du ein Rotlicht überfahren hast.

Wurden Sie schon angegriffen?

Ja, schon dreimal. Zweimal nahmen sie mir nur das Geld ab. Am schlimmsten war das dritte Mal, vor anderthalb Jahren. Zwei Männer stiegen vor einer Station der Metro in meinen Käfer. Sie zeigten mir einen Revolver und zwangen mich, in ein entlegenes Quartier zu fahren. Dort zerrten sie mich aus dem Auto und warfen mich auf die Strasse. Dann fuhren sie mit dem Käfer davon. Meinen Job habe ich damals nicht verloren, denn es kommt häufig vor, dass Vochos, wie wir die VW nennen, gestohlen werden. Nach vier Tagen bekam ich einen anderen Käfer, und die Versicherung bezahlte. Heute werden viel weniger Volkswagen geklaut, denn es gibt mehr Polizeikontrollen. Trotzdem fürchte ich mich sehr vor Überfällen.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde zwei zusätzliche Wagen anschaffen und sie als Taxi betreiben. Auch ein Stück Land würde ich kaufen, um mir ein Haus zu bauen.


MEXIKO
Einwohner: 100 000 000
BIP pro Kopf: CHF 6300
Benzin: 1 l CHF 0.70
Milch: 1 l CHF 1
Coca-Cola: 1 l CHF 0.70
Brot: 1 kg CHF 0.80
Reis: 1 kg CHF 0.70
Kinobillett: CHF 3
Zigaretten: 1 Packung CHF 1.50


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