NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Luftsprung in der Bahn

Von Wolfgang Bürger

WOHIN GELANGT, wer in einer fahrenden Bahn in die Luft springt? Wo kommt er nach dem Sprung wieder auf? Niemand fürchtet sich, den festen Boden für die Dauer eines Sprunges zu verlassen, aber in der Bahn wird man vielleicht belächelt, wenn man ohne ein erkennbares Motiv hochspringt. Wir fühlen uns sicher auf dem grossen Planeten Erde. Seine mächtige Schwerkraft hält uns fest.

Wie anders erlebt der kleine Prinz auf seinem Heimatstern, dem Asteroiden B 612, die gefährliche Nähe des Weltraums! Antoine de Saint-Exupéry hat uns zwar in seinem Märchen die wahre Grösse des kleinen Gestirns verschwiegen. Wenn aber nicht viel mehr als drei Affenbrotbäume und zwei kleine Vulkane Platz darauf finden, wie er es geschrieben hat, darf man wohl annehmen, dass die Schwere dort hunderttausendmal kleiner ist als hier. Während ein irdischer Hochspringer mit 20 km/h abspringen muss, um die mässige Höhe von 1 Meter 50 zu erreichen (er muss sogar noch schneller sein, weil sein Sprung über die Latte auch eine gewisse Weite erfordert), erreicht der kleine Prinz unter der geringen Schwerkraft mit 0,1 km/h Absprunggeschwindigkeit bereits eine Höhe von 5 Metern. Springt er etwas heftiger ab, gelangt er auf eine Umlaufbahn und wird zum Satelliten seines Sterns. Mit mehr als 0,4 km/h würde der kleine Prinz auf Nimmerwiedersehen ins Weltall verschwinden.

Dem Reisenden in der Bahn könnte das nicht passieren. Selbst wenn sich die Schwerkraft der Erde urplötzlich auf ein Hunderttausendstel verringerte, würde er sich höchstens den Kopf am Wagendach stossen. Falls er genau senkrecht nach oben abspringt, kommt er an der gleichen Stelle des Wagenbodens auf, vorausgesetzt, die Bahn fährt in konstanter Geschwindigkeit und geradeaus. Das beobachtet auch, wer am Bahndamm oder Strassenrand steht und die Bahn vorbeifahren sieht, wenngleich er den Springer, je nach Geschwindigkeit des Zuges mehr oder weniger, schräg nach vorn abspringen und mit dem Waggon mitfliegen sieht. Sobald aber die Bahn ihre Geschwindigkeit verringert oder vergrössert, während der Springer in der Luft ist, landet der am Ende ein Stückchen vor oder hinter der Absprungstelle. Gefährlich kann es in Kurven werden, in denen die Gleise den Wagen zu ihrem Krümmungsmittelpunkt hin beschleunigen, während der Springer sich nach dem Trägheitsgesetz, das schon auf Galilei zurückgeht, mit der Absprunggeschwindigkeit geradeaus weiterbewegt. Bei rasanter Kurvenfahrt könnte ein Fahrgast, der einen hohen Sprung wagt, leicht einen halben Meter aus der Kurve fliegen.


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