NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

So weit die Milane ziehen…

Grundbesitz und Landwirtschaft hatten bei den alten Römern den höchsten Stellenwert – aber es gab auch weniger ehrenwerte Wege, ein reicher Mann zu werden.

Von Klaus Bartels

Kein Konsul oder Senator der römischen Republik, keiner dieser Aemilier, Cornelier, Valerier und wie die noblen Herren alle hiessen, hat je für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen. Man hatte seine angestammten Besitzungen und liess sie durch seine Freigelassenen verwalten; man hatte seine Pachtzinsen zum Leben und seine Zeit für die Politik. In der frühen Kaiserzeit gesellte sich zu diesem Senatoren-reichtum ein nicht minder sprichwörtlicher berüchtigter Freigelassenenreichtum: Im Kader ihres früheren Herrn aufgestiegene geschäftstüchtige Freigelassene kamen zu Geld und zeigten es.

In Petrons «Satiricon» lässt sich solch ein neureicher Emporkömmling über einen seinesgleichen aus, über den Gastgeber Trimalchio, die Hauptperson dieser Gesellschaftssatire: «Grund und Boden hat der, so weit die Milane ziehen, Geld und Geldesgelder.» Trimalchio ist eine fiktive Person, und seine Geschmacklosigkeit und Selbstgefälligkeit sind literarisch überhöht. Aber seine fulminante Karriere vom Sklaven und Freigelassenen zum Grosskaufmann und Grundbesitzer ist typisch; zeitgenössische Autoren sprechen von mancherlei solchen «Trimalchionen». Im Lauf des Gastmahls nimmt der Hausherr den Gesprächsfaden nochmals auf: «Die Götter haben’s gut mit mir gemeint. Ich muss nichts kaufen. Was euch jetzt das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, wächst auf Ländereien, die ich selbst noch nicht kenne. Es heisst, sie liegen zwischen denen bei Terracina und denen bei Tarent. Jetzt will ich Sizilien an meine Äckerchen anschliessen: Dann kann ich, wenn ich einmal Lust bekomme, nach Afrika zu gehen, ganz durch mein eigenes Gebiet segeln …»

Ernst oder Spass, man hört es heraus: Hier geht es weniger um Rendite als um Prestige. Unter den politisch und wirtschaftlich Vermögenden der griechischen und römischen Welt hatten Grunderwerb und Landwirtschaft den vornehmsten Rang inne. Der römische Senatorenstand legte seinen ererbten Reichtum langfristig in Grund und Boden an; dazu zählten neben den landwirtschaftlichen Betrieben auch Steinbrüche und Bergwerke, Tongruben und Ziegeleien. Der nicht minder vermögende, zuvörderst in Industrie und Grosshandel, Bankgeschäft und Steuerpacht engagierte zweite Stand der sogenannten Ritter folgte seinem Beispiel, und auch diese Grosskaufleute führten ihre Gewinne zu guter Letzt in Grundbesitz und Landwirtschaft über.

In seiner Schrift «Über die Pflichten» skizziert Cicero mit knappen, kräftigen Strichen die seit alters «hergebrachte» Rangskala der Erwerbstätigkeiten, von den sordidi, den «schmutzigen», hinauf zu den liberales, den «eines freigeborenen Bürgers würdigen». In die erste Gruppe fallen die «allgemein verhassten» Zolleinnehmer und Geldverleiher, die ungelernten Lohnarbeiter, sodann die Kleinhändler, die «kaufen und sogleich weiterverkaufen», um der Unehrlichkeit ihrer Preisaufschläge willen, auch noch alle Handwerker und Köche, diese um ihrer Werkstattarbeit und ihrer Küchendünste willen.

Erwerbszweige, die höhere Bildung voraussetzen, wie die der Ärzte, der Architekten und der Lehrer, stehen höher im Rang, sind «durchaus ehrenwert». Auch der in grossem Massstab betriebene Import- und Exporthandel sei «nicht durchweg tadelnswert», ja wenn er sich schliesslich «mit seinem Gewinn gesättigt oder doch befriedigt vom hohen Meer in den Hafen, vom Hafen aufs feste Land und in Besitzungen zurückgezogen hat, mit Recht zu loben». Auf dem Gipfel wird es hymnisch: «Aber von allen Tätigkeiten, aus denen sich überhaupt ein Erwerb ziehen lässt, ist doch nichts besser als die Landwirtschaft, nichts ertragreicher, nichts beglückender, nichts eines Menschen, nichts eines freigeborenen Mannes eher würdig.»

Nicht, dass Cicero und seine Standesgenossen die Künste der Drei-Stern-Köche verschmäht hätten. Verpönt war lediglich die Profession, nicht ihre Dienstleistung. Bezeichnend ist, was Plutarch anderthalb Jahrhunderte später zu diesem scheinbaren Paradox bemerkt: «Oft haben wir Freude an einem Erzeugnis und schätzen doch zugleich das Gewerbe gering, das es erzeugt. So ist es mit den wohlriechenden Salben und den Purpurstoffen: An diesen schönen Dingen selbst haben wir Freude, aber die Färber und die Salbenköche halten wir doch für Leute, die nicht eigentlich das Leben eines freien Bürgers führen, und für banausische Lohnarbeiter.»

Über die mehr oder weniger ehrenwerten Extraeinkünfte der römischen Nobilität schweigt Cicero sich an der Stelle aus. Anwaltshonorare etwa hat es damals nicht gegeben. Aber gewiss zeigten sich viele Mandanten für ein durchschlagendes Plädoyer auch finanziell erkenntlich. Nehmen wir die vernichtende Anklage, die Cicero 70 v. Chr. gegen den skrupellosen Ausbeuter Verres erhob: Es liegt nahe anzunehmen, dass die reichen sizilischen Gemeinden ihrem so engagierten wie erfolgreichen Anwalt auch silbern klingende Ehren erwiesen. Das Wort «Honorar» hat seinen Ursprung ja in derlei honoraria, «Ehrengaben», und dafür galt wohl schon damals die feine Formulierung eines späteren Juristen: «Manche Honorare lassen sich nicht in Ehren einfordern, doch sehr wohl in Ehren annehmen.»

Vielerlei in jedem Sinne ausserordentliche Einkünfte flossen den gewesenen Konsuln und Prätoren aus den jährlich wechselnden Statthalterschaften in den Provinzen zu, und dies erst recht, wenn es dabei zu kriegerischen Verwicklungen kam. Da hatten die Gemeinden und die Einzelnen mancherlei Belastungen zu fürchten, und da war mancherlei Bestechung und Erpressung im Spiel. Auch die in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. einsetzende Gesetzgebung «über die Rückerstattung» unrechtmässiger Gewinne konnte den Amtsmissbrauch nicht wirksam unterbinden.

Lucullus bestritt seinen notorisch aufwendigen, mit Plutarchs Wort «neureichen» Lebensstil, bei dem das feine Essen noch das Geringste war, von den Gewinnen aus seinem Kommando gegen König Mithridates VI. von Pontos; sein Nachfolger Pompeius stiftete aus der reichen Beute ebendieses Mithridatischen Krieges ein riesiges Theater, das erste steinerne in Rom. Sein Freigelassener Demetrios, der auf diesen Feldzügen die Geschäfte des Pompeius besorgte, soll die Kriegsgewinne des Feldherrn noch übertroffen und ein Vermögen von 4000 Talenten (gut 100 Tonnen) Silber hinterlassen haben.

Selbst Cicero, der in seiner einjährigen Statthalterschaft in Kilikien 50/51 v. Chr. die Provinz nach Kräften schonte, schloss sein Statthalterjahr nach Verrechnung der vom Senat grosszügig bewilligten Gelder «salvis legibus», «unter Wahrung der Gesetze», mit einem erklecklichen Überschuss von 2 200 000 Sesterzen ab; das war gut dreimal so viel, wie Cicero einmal als hinreichendes Jahreseinkommen für eine senatorische Lebensführung veranschlagt. Ein Brief aus der Provinz an Atticus wirft ein Licht auf die Usanzen: Seine Amtsvorgänger, schreibt Cicero, hätten sich von vermögenden Gemeinden Jahr für Jahr hohe Summen zur Abwendung unliebsamer Einquartierungen zahlen lassen, allein von Zypern 200 Talente (gut 5 Tonnen) Silber.

Beiläufig hören wir noch, dass die von ihrer Schuldenlast bedrückte Stadt Salamis auf Zypern beim jungen Brutus, diesem «ehrenwerten Mann», eine grössere Anleihe zum Zinssatz von 48 Prozent (!) aufgenommen hatte – auch diese noblen Herren gaben gelegentlich Kredite; verpönt war nur die Profession, nicht das durch Freigelassene oder andere Mittelsmänner ausgeführte Gelegenheitsgeschäft.

In den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten Republik und der frühen Kaiserzeit verloren senatorische Familien ihren Einfluss und verarmten, kamen umgekehrt Freigelassene zu Rang und Geld. Als ein aus Rom verbannter Senator sich gezwungen sah, in Sizilien gegen peinliches Honorar den Rhetorikprofessor zu spielen, eröffnete er seine Vorlesung mit einer bitteren Anrufung der Glücksgöttin: «Was für Spiele, o Fortuna, treibst du mit uns! Aus Senatoren machst du Professoren und aus Professoren Senatoren!» Petrons Trimalchio repräsentiert lebenswahr die Schicht der zu Geld gekommenen Freigelassenen. Er hatte Ciceros Bücher «Über die Pflichten» gewiss nicht im Kopf; aber wir wundern uns nicht, dass er die in Überseehandel und Kreditgeschäften erworbenen Millionen zu guter Letzt in landwirtschaftlichen Besitzungen anlegte. Es war eine Art Geldwäscherei: Im Besitz von Grund und Boden, «so weit die Milane ziehen», mochte der Freigelassene sich auf gleicher Augenhöhe mit Senatoren und Rittern wähnen. Zum Luxus gehörte ja auch, dass man nicht mehr auf die höchste, sondern auf die feinste Rendite schaute.

Ein Wandgemälde im Foyer des Trimalchio verklärt den Aufstieg des einstigen Sklaven in den Olymp der Superreichen: «Da war ein Sklavenmarkt an die Wand gemalt, auf dem jeder seinen Steckbrief mit dem Marktpreis um den Hals hatte, dann Trimalchio selbst, wie er den Stab des Merkur in der Hand trug und von Minerva geleitet in Rom einzog, dann, wie er dort die Buchführung erlernte und darauf zum Buchhalter gemacht wurde, dann, schon am Ende des Säulengangs, wie Merkur ihn mit der Hand leicht unter dem Kinn anrührt und hoch auf ein Ehrentribunal entrückte; und Fortuna stand dabei mit einem überquellenden Füllhorn und die drei Parzen, wie sie ihre goldenen Schicksalsfäden spinnen …»

So die allegorische Malerei; zu fortgeschrittener Stunde erzählt Trimalchio dann auch selbst die Geschichte seines Aufstiegs, nun ohne Fortuna und die Parzen, dafür mit seiner Gattin Fortunata: «Als ich aus Asia herüberkam, war ich gerade so gross wie dieser Kandelaber da. Vierzehn Jahre lang bin ich meinem Herrn sein Schatz gewesen. (…) Ich habe meinem Herrn sein Hirn für mich eingenommen. Er hat mich neben dem Kaiser als Miterben eingesetzt, und ich habe ein senatorisches Erbe empfangen. (…) Fünf Schiffe habe ich bauen lassen, sie mit Wein vollgeladen – der war damals Gold wert – und nach Rom geschickt. Alle fünf haben Schiffbruch gemacht; an einem einzigen Tag hat Neptun dreissig Millionen verschlungen. Ich habe neue Schiffe bauen lassen, grössere, bessere, die noch mehr Gewinn einfahren sollten. Ich habe wieder Wein geladen, Speck, Bohnen, Parfum, Sklaven.

Damals hat meine gute Fortunata an mir ein gutes Werk getan, hat ihr ganzes Gold, ihre ganze Garderobe verkauft und mir hundert Goldstücke in die Hand gezählt. Das war die Hefe für mein Vermögen. Auf einer einzigen Fahrt habe ich zehn Millionen gemacht. Sofort habe ich alle die Ländereien zurückgekauft, die meinem früheren Herrn gehört hatten. Ich baute ein Haus, kaufte Sklaven zusammen, Zugtiere; was immer ich anfasste, setzte an wie eine Honigwabe. Als ich dann anfing, mehr zu haben, als die ganze Stadt hat – manum de tabula, Schluss damit! Ich habe mich aus dem Seehandel zurückgezogen und angefangen, Geld an Freigelassene zu verleihen. (…) Wenn mir jetzt dieses eine noch glückt, meine Ländereien an Apulien anzuschliessen, hab ich’s im Leben weit genug gebracht!»

Klaus Bartels ist klassischer Philologe; er lebt in Kilchberg ZH. Seine jüngste Veröffentlichung ist die 11., durchgehend erneuerte und erweiterte Auflage des Buchs «Veni vidi vici, Geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen», Philipp von Zabern, Mainz 2006.

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