NZZ Folio 04/09 - Thema: Gold   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Kleist, Besessener der Sprache

© Angelo Boog
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Er war ein Komet, als Dichter seiner Zeit weit voraus, ein Getriebener, der Goethe mit «Schauder und Abscheu» erfüllte – einer der radikalsten Einzelgänger der deutschen Literatur.

Von Wolf Schneider

Es war ein störrischer, kleinwüchsiger Sonderling mit einer Sprechhemmung am Rand des Stotterns, der das schroffste Gebirge deutscher Sprache aufgetürmt hat: Satzkatarakte von wilder Gewalt, wie ersonnen zu dem ausdrücklichen Zweck, ihre Bewältigung durch einen Stotterer unmöglich zu machen; stossende, oft atemlos verschränkte Dialoge in den Dramen; und zwischendrin in erstaunlichem Kontrast die leisen oder ironischen Töne, jedes Wort gewogen: «Missvergnügt murmelnd» zieht da in der «Heiligen Cäcilie» ein Gewitter ab, und in der Fabel beichtet der Löwe, «es sei ihm in leckerhaften ­Augenblicken zugestossen, dass er den Schäfer gefressen».

Ein Besessener der Sprache war dieser Heinrich von Kleist, von Ehrgeiz gepeinigt, mehrfach unter falschem Namen reisend, ­zeitweise verschollen, eine vielfältig verkrachte Existenz. «Das Glück, ein ver­nunftvoll abwägender, einfach empfindender Mensch zu sein», schrieb Robert Walser über ihn, «sieht er, zu Geröll zersprengt, wie polternde und schmetternde Felsblöcke den Bergsturz seines Lebens hinunterrollen.»

Offizier hätte er werden sollen, als Sohn eines preussischen Hauptmanns in Frankfurt an der Oder 1777 geboren, streng erzogen, früh verwaist. 1799 kehrte er dem Militär den Rücken, studierte ein Jahr lang Physik und Philosophie, bezog 1802 ein Häuschen am Thunersee und schrieb sein erstes Drama («Die Familie Schroffenstein»). 1803 war er in Paris, verbrannte das Manuskript seiner nächsten Tragödie, «Robert Guiskard», und schrieb seiner Stiefschwester: «Nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das grösste der Güter der Erde.» Er werde in Napoleons Armee eintreten «und den schönen Tod der Schlachten sterben».

Die Franzosen schoben ihn ab, in Mainz lag er krank darnieder, in Berlin bewarb er sich 1804 um einen Posten in der preussischen Finanzverwaltung, die schickte ihn nach Königsberg, nach zwei Jahren gab er auf, auf dem Weg nach Dresden wurde er 1807 von der Besatzungsmacht als Spion verhaftet. Und nun, in französischer Gefangenschaft, wirft er die wüste Tragödie «Penthesilea» aufs Papier. In ihr liege, schreibt er, «der ganze Schmutz und Glanz meiner Seele», er habe sie sich «von der Brust heruntergehustet». Penthesilea, die Amazonenkönigin, reisst den Achilles, der sie ge­demütigt hat, eigenhändig in Stücke, «sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust». Nicht von Goethe, nicht von Schiller, sagt Thomas Mann – von Kleist gehe «die dramatische Urerschütterung aus, der mythische Schauer, der heilige Schrecken der antiken Tragödie».

«Ach, es ist ekelhaft, zu leben!»

Und im selben Jahr schreibt Kleist «das witzig-anmutvollste, das tiefste und schönste Theaterspielwerk der Welt» (wieder Thomas Mann): «Amphitryon». Im Jahr darauf den «Zerbrochnen Krug», den der darüber richtende Richter selbst zerbrochen hat – die am meisten plagiierte Komödie deutscher Sprache. Und 1809 die Ode «Germania an ihre Kinder», den Hassgesang auf die französischen Besatzer: «Dämmt den Rhein mit ihren Leichen! Schlagt sie tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.» Und den «Michael Kohlhaas», der, «in die Hölle der unbefriedigten Rache zurückgeschleudert», brandschatzend durch Sachsen zieht. Über all dies Goethes Verdikt: «Mir erregte dieser Dichter immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schön intentionierter Körper, der von unheilbarer Krankheit ergriffen wäre.»

«Ach, es ist ekelhaft, zu leben!» hatte Kleist schon 1801 an seine zeitweilige Braut geschrieben. (War er homosexuell? Impotent? Die Biographen streiten sich.) Mit 34 Jahren, 1811, fand er eine ähnlich überspannte Dame, Henriette Vogel, mit der ihn nichts verband als der Wunsch, gemeinsam Selbstmord zu begehen. Am 20. November 1811 nahmen sie im Gasthaus zum Neuen Krug bei Berlin Quartier, tranken Kaffee, Wein und Rum in Mengen, sangen auch – und schrieben Briefe bis zum Morgen. Sie: «Wir liegen erschossen auf der Strasse nach Potsdam.» Er: «Morgens und abends kniee ich nieder und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten aller Tode vergütigt.»

Am 21. November gegen 16 Uhr klangen vom Kleinen Wannsee zwei Pistolenschüsse herüber. In der literarischen Welt erregte Kleist sogleich ein Aufsehen, das ihm zu Lebzeiten nie vergönnt gewesen war. 1821 wurde der «Prinz von Homburg», 1876 endlich die «Penthesilea» uraufgeführt. «Ein Leben», sagte Thomas Mann 1954 in Zürich, «braucht nicht 80 Jahre zu währen, um auf seine Art voll bestanden und siegreich vollendet zu sein.»

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




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