NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Ein Vater wird geboren

Wie Kinder ihre Eltern erziehen.

Von Franz Zauner

ZWEI WAREN auf der gleichen Welle, und ein Teilchen entstand. Es wurde rasch grösser. Das zeigte der Bauch der Mutter, das bewiesen die Geräte der Mediziner. Auf Anfragen mit Ultraschall kamen immer kräftigere Echos zurück, und aus den schemenhaften Lebenszeichen auf dem Monitor schloss eine Ärztin eines Tages: «Er winkt Ihnen zu!» Er. Als er auf die Welt kam, mit diesem Donnern und Beben, auf das kein Vorbereitungskurs vorzubereiten vermag, stand schon lange fest, dass er Stefan heissen würde. Aber das war alles, was noch feststand.

So ein Erstgeborener beeinflusst nachhaltig die ortsübliche Wechselwirkung der Eigenheiten. Aus Töchtern macht er Mütter, aus Söhnen Väter, er befördert Brüder und Schwestern zu Onkeln und Tanten und beschert dem Grosselternstand neue Mitglieder. Ein höherer Dialog mit dem Sein hebt an, dessen Untertöne Kindermuffel nie hören können, weil sie immer nur «Duzzi duzzi, dei dei dei» verstehen. Dabei werden aber biologische Sinne geschärft, uralte Instinkte abgerufen, Herzen aneinander gebunden, und das rund um die Uhr.

Hat er Hunger? Drückt die Windel? Ist Luft in seinem Darm? Fragen wie diese gehören längst auch zum väterlichen Repertoire. Wer heute keine Pampers montieren kann, gilt als Neandertaler. Die Rolle des Vaters hat sich als ausbaufähig erwiesen, theoretisch sind ihr keine Grenzen gesetzt: Irgendwo in der Südsee soll es sogar einen Stamm geben, bei dem sich die Männer anstelle der Frauen ins Wochenbett legen.

Eine moderatere Form des Lastenausgleichs offeriert in Österreich der «Karenzurlaub». Vater und Mutter können sich während der ersten beiden Lebensjahre ihres Kindes abwechselnd an Heim und Herd versuchen. Das Arbeitsamt überweist umgerechnet 700 Franken im Monat, dazu gibt es den üblichen Versicherungsschutz, und der Arbeitgeber muss den Daheimgebliebenen ihren Arbeitsplatz freihalten. Vorsichtig, zu Bruchteilen eines Prozents, lassen sich auch Männer auf das Abenteuer ein. Einer davon war ich.

ZU BEGINN war es ein bisschen so, als würde Herakles auf Sisyphos umgeschult. Man kommt aus einer Welt, in der Projekte ihrer dynamischen, flexiblen und kühnen Erledigung harren, in eine Zone, in der es den immer gleichen Stein hochzuwälzen gibt. Der Haushalt ist das Zyklische schlechthin, die ewige Wiederkehr der Wäsche, des Geschirrs, des Staubs. Kaum sind die sauberen Tassen im Schrank, rollt von irgendwo schmutziger Nachschub her. Oder der Kleine möchte seinen Griessbrei.

Stefan war, als ich ihn übernahm, schon ein alter, erfahrener Säugling. Er konnte zur Not mit einem Teefläschchen vorlieb nehmen. Papi musste ihn erst suchen, den Griessbrei, Papi verbrachte überhaupt den halben Tag mit Suchen, es war zum Fluchen, doch daran war Stefan nicht gewöhnt. Vor Schreck fiel ihm das Teefläschchen aus der Hand. Tausend Scherben in der Küche, das geht nicht an. Also muss ein Besen her. Natürlich kocht, während der geholt wird, die Milch über. Und die Ernährerin? Die war an diesem Tag verreist, um irgendwo in der Weltgeschichte einen Augiasstall auszumisten.

Stefan beförderte die Dinge auf seine Weise. Er machte ihnen Beine. Bücher, Töpfe, Spielzeug, Mehl, Salz, einfach alles holte der begnadete Ausräumer aus dunklen Verstecken ans Tageslicht und brachte es zu meiner Kenntnis. Überhaupt bewies er grosse Übersicht. Jenen chronisch flüchtigen Teil seines Erziehers, den, der sich von Bauklötzchen-Séancen und Kuscheltierkonferenzen zur Lektüre der Tageszeitung wegschleichen wollte, holte er so lange geduldig zurück, bis der sich auf Illustrierte verlegte: Da gab es schnelle Sätze für den Papa und bunte Bilder für den Sohn, ein brauchbarer Kompromiss zwischen einem umerzogenen Leser und einem hurtigen Betrachter. Die Ernährerin war überdies so freundlich, Lücken in der aktuellen Information beim Abendessen zu schliessen, an die Stefan mit fröhlichen Lautfolgen und heftigen Armbewegungen anknüpfte, die uns hoffnungsvoll an einen zukünftigen Talkmaster denken liessen.

Kleinkinder sind aber nicht immer gut aufgelegt. Sie verfügen über hochfrequente Brüllwaffen, die Dendriten und Neuronen von Erwachsenen in kürzester Zeit zerbröseln. Wenn es jedoch um die Durchsetzung von Verfassungsgesetzen geht, sind Konfrontationen unvermeidlich. Es blieb daher verboten, Wasser in den Videorecorder zu füllen, auch wenn der oben ein kleines Loch hatte. Was war ich stolz und er begeistert, als wir angemessenen Ersatz fanden: Einen ganzen Nachmittag lang tränkte Stefan auf der Terrasse die Heckenrose.

Sind einmal die Mühen der Ebene ausgestanden, lichten sich die Nebel um die im Haushalt gefangene Psyche, sitzen die Hebe-, Hänge-, Stell- und Drehgriffe, die den effizienten Hausmann ausmachen, verdient die Ernährerin genug Geld, steht einem nicht zuletzt die Grossmutter bei, scheint die Sonne, dann, ja dann kann in so einem Karenzurlaub ein ziemliches Lotterleben ausbrechen. Während die Kollegen in der Redaktion mit der Nachrichtenschlachtung beschäftigt waren, bettete sich unsereins zur Mittagsruhe. Während die Ernährerin im Büro dampfte, suhlte sich der Rest der Familie an den Gestaden der Alten Donau. Während anderswo Imperative und Anforderungen aufmarschierten, genossen wir das Aroma der Augenblicke. Rüdiger Dilloo, die Mutter aller Hausmänner, brachte es in einer seiner «Zeit»-Kolumnen auf den Punkt: «Eine Arbeit zu tun wie Bauern, wie Hausfrauen, an der die eigenen Kinder direkt teilhaben können, weil Wohn- und Arbeitsplatz ein und dasselbe sind, schafft eine unvergleichliche Nähe und ist ein Privileg. Es muss nur als solches wahrgenommen werden.»

KINDER KONFRONTIEREN die Keimzelle des Staates mit einer Neugier, einem Stehvermögen und einem Enthusiasmus, für den eine Sippe, wenn nicht gar ein Stamm das einzig drucksichere Sozialgefäss wäre, und für ihre protuberanzenhafte Dynamik wird der enge Rahmen einer Kernfamilie bald einmal zu eng. Kinder sind geborene Radikale. Sie wollen alles, und zwar sofort; sie erwarten, dass viele sich um sie kümmern, und zwar alle aufs Mal. Soziale Konsequenzen sind unvermeidlich.

Wenn wir bei den Zwillingen eingeladen waren, wetzte Stefan schon Stunden vorher mit seinen Schuhen durch die Wohnung; wenn seine Freundin Jenny an der Tür kratzte, hüpfte er wie ein Indianer beim Sonnentanz. Im Nu schwärmten Teddybären, Stoffwurstel und Plüschhasen aus, Plasticautos simulierten Verkehrsstaus, eine Moräne aus Duplo-Steinen ergoss sich aus dem Kinderzimmer, während sich die Erwachsenen im Pow-Pow über Haferflockenpreise und Risottorezepte verloren und von der Jause zum Abendessen übergingen. Leute, deren Hauptgeschäft der Haushalt ist, entwickeln manchmal Neigungen zu einer uferlosen Gemütlichkeit, wie man sie denen nachsagt, die immer noch Baströckchen oder Lendenschurz tragen.

Auch auf der Strasse ging es intimer zu. Da gab es plötzlich Grüsse zu erwidern und Freundlichkeiten auszutauschen, wo vorher Schweigen war. Ein Netz von Verbindlichkeiten umfing uns, geknüpft aus Pläuschchen: «Guckiguck, der Stefan. So ein braver Bub.» Durch hartnäckige Wiederkehr im Strassenbild hatten wir uns der allgemeinen Aufmerksamkeit empfohlen.

Vor der Sandkiste muss man sich sowieso verständigen, weil derselbe Sandkuchen aus undurchschaubaren Gründen einmal Gelächter, das andere Mal Kratz-, Schlag- und Brüllorgien auslöst. Da ist immer etwas los: Juristische Fakultäten könnten praxisnahe Staatsprüfungen abhalten, denn vor Vollmondnächten setzen die Kinder die Paragraphen für unflätige Beleidigung, vorsätzliche Rufschädigung und Schmähung im Akkord und unter Missachtung des Duellverbots ausser Kraft.

Allein zu Hause, waren wir auch nicht nur zu zweit. Immer ist der unsichtbare Erzieher dabei, der blinde Fleck, den man selber nicht sieht. Stefan hielt dem stolzen, dem zürnenden, dem besorgten, dem abwesenden, dem nervösen, dem liebenden Vater jederzeit den Spiegel vor. Er gab ihm damit immer wieder etwas zu denken, riss ihn aber dann gleich wieder aus seinen Grübeleien, meistens mit seinen Händen.

SEINE HÄNDE sind nun wirklich ein Kapitel für sich. Sie leben fürs Greifen und Zupacken, und wenn sie davon reichlich haben, geht es ihnen gut. Wehe dem erwachsenen Greiforgan, das wie ein Ochs im Geschirr ein Schattendasein führt als Domestik des Gehirns. Fremdbestimmt, wie es ist, wird es bald einmal von der Gicht geholt.

In Stefans Hände, rund und rosig, war der Ernst des Lebens erst einmal eingefahren, und zwar in Form eines Dorns. Unverdrossen und rastlos zupften sie an Blättern, wurden magnetisch von verbotenen Knöpfen angezogen, hämmerten gegen Zerbrechliches. Nichts konnte sie aufhalten, er hatte einfach keine Macht über sie. (Das glauben übrigens alle Eltern. Gelegentlich sieht man sie ihren Sprösslingen eins über die Finger geben. Sie funkeln dabei fast immer die delinquenten Hände an.)

Eines Sonntags wurden Stefans Hände heiss, und mit ihnen der ganze kleine Mensch. In der Notfallstation sassen wir inmitten von zwei Dutzend bangenden Herzen, die heftig vor den Türen der überlasteten Mediziner klopften. Kaum war einer da hineingegangen, drang auch schon ein schreckliches Gebrüll nach draussen. Wenigstens schalldicht sollten Behandlungszimmer sein. Immerhin, der Blitz hatte Stefan nur gestreift, nicht voll getroffen: Mittelohr und Lunge entzündet. Es gibt Schlimmeres, und es wurde wieder gut, aber, wie schon Friedrich Torberg die Tante Jolesch sagen liess: Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.

Die meisten Eltern tun alles, um dieses Glück zu zwingen. Sie haben sich eine einfache Methode zurechtgelegt: am besten alles richtig machen. Das macht uns zu Wachs in den Händen der Experten, es beginnt schon in der Stunde Null: Soll das Baby auf dem Bauch liegen, auf der Seite, auf dem Rücken? Betrachtet man die diesbezüglichen Empfehlungen der letzten zehn Jahre im Zeitraffer, dann werden die Babies in ihren Betten von den Fachleuten gedreht wie Hähnchen am Grill.

Es bleibt einem nicht erspart, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und manchmal ist das wörtlich zu verstehen. Lässt ein Erziehungsprofi den Sohn gewähren, wenn der im Kartoffelpüree nach nahrhaften Wurststückchen wühlt? Als er mir seine bekleckerten Finger entgegenreckte, halb seufzend, halb telepathisch kundtat: «Ihh, meine Finger sind bekleckert!», da brachte ich ihm bei, demonstrativ und unter Wohllauten, wie man sich die Finger sauber leckt. Stefan wieherte vor Vergnügen, die kleine Katzenwäsche zwischendurch machte er sich im Nu zu eigen.

Erziehung, das ist das Aushandeln von Verträgen zwischen Generationen. Sie werden in Zehntelsekunden geschlossen, das Kleingedruckte sieht man erst später. Als wir zum Fluss gingen, Steine werfen, kam Stefan Schlamm auf die Hände und Papis unfehlbare Reinigungsmethode in den Sinn.

Was die Vermittlung von Regeln zum Abenteuer macht, sind die Ausnahmen.

MITTLERWEILE hat Stefan einen Bruder, Philipp. Der zeigt Talent zum Bergsteiger. Unter den Kletterrouten in unserer Wohnung gehört die Wohnzimmer-West zu seinen liebsten. Über den Zeitungshügel führt ein steiler Anstieg zur Sofalehne, von dort geht es hinauf auf den Sofagrat und weiter zum Fensterbrettgipfel, von dem aus man einen schönen Panoramablick auf ein Meer aus Details hat. Gleich nach der Erstbesteigung sah Philipp ein Vögelchen da draussen durch die Lüfte fliegen, und in den Herzstillstand seiner Eltern hinein rief er: «Gogock!» Er lächelte dabei das mitreissende Lächeln von einem, der einen Weg gefunden hatte. Damit steckte er unsere Sorgen in die Tasche. Wir stürzten zu ihm, aber er stand so souverän da oben, dass wir wussten: Die Route ist genehmigt. Er steigt jeden Tag hinauf, ruft seit neuestem auch Autos an - «Brmmbrmm!», bestaunt die grosse, weite Welt hinter dem Fenster.

Von dort komme ich her, auf ihn zu. Keine Frage: Auch er wird von mir bevatert.

Franz Zauner ist stellvertretender Chefredaktor der «Wiener Zeitung».


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