NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Die Behauptung CH

Lehrpfad durch die geistige Landestopographie - eine lexikalische Reflexion.

Von Isolde Schaad

Im Unterschied zu anderen Ländern ist die Schweiz ein Zustand, seit sie 1848 als ein Bekenntnis gehisst wurde, zäh vorhanden, von der Geschichte des Auslands umbrandet, die an der Grenze geleckt hat, ohne viel Schaden. Kein anderes Land ist dermassen mit sich selbst beschäftigt, wobei die Beschäftigung darin besteht, sich fortwährend selbst zu behaupten. Denn es ist nicht sicher, ob es die Schweiz wirklich gibt.

Der Gotthardtunnel ist ein Faktum, während die Schweiz eine Behauptung bleibt, die auf der touristischen Plattform als Schweiz/Suisse/Svizzera/Svizra schmackhaft gemacht wird. Dort wo sich die Schweiz als Schweiz darstellt, wird sie leicht zur Farce, zum Potemkinschen Dorf, zum Beispiel im Freilichtmuseum des Schweizer Bauernhauses in Ballenberg BE. (Das Rütli als Anlass der 700jährigen Identitätskrise wollen wir nicht noch zusätzlich behaften.)

Die Schweiz besteht durch ihre Einrichtungen; die bleiben im einzelnen stecken - etwa die Migros -, was nichts zur Förderung des Selbstbewusstseins beiträgt, nur zur Vergünstigung der Kosten. So soll die Identitätsknappheit auf das Ende des Jahrhunderts behoben und wissenschaftlich bereinigt sein. Das nationale Forschungsprogramm behandelt in seinem Zweimillionenvorhaben auch die Kuh als Symbolfigur. (Es muss dem Hirtenvolk ernst mit der Selbstforschung sein.)

Sonst ist man anhaltend entschlossen, die Schweiz von ihren vier Himmelsrichtungen her in ein Zentrum hineinzubehaupten, doch der Föderalismus macht die Faust im Sack zu dieser kulturphysikalischen Operation, die einen Angelpunkt sucht, um die Ungleichheiten statisch und statistisch auszubalancieren: Wozu dient denn das Schweizer Kreuz, wenn nicht fürs Ausland? Die Heraldik des Helfens war uns schon immer ein Anliegen, weshalb wir die Katastrophe stets im Ausland behielten. Für jemanden da zu sein, das ist ein weiteres Motiv zur Identitätsbildung, sie hat freilich nicht für ein Mutterland ausgereicht (fürs Ausland sind immer die Eidgenossen zuständig gewesen, in Katastrophen haben Frauen nichts zu suchen).

Während die Politik die Aufgabe des Behauptens erfüllt, während die Versicherungsgesellschaft versichert und die Rückversicherungsgesellschaft rückversichert (wodurch schon ein gut Teil der Schweiz bewiesen sein dürfte, man denke an die Überbauung des Mittellands mit Versicherungs- oder Sicherheitsimmobilien), ist es die Pflicht der Intellektuellen, vorab der Schriftsteller, die Behauptung CH moralisch und ethisch zu überprüfen. Kein anderes Land hat so viele Schriftsteller im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, die sich mit der Behauptung Schweiz befassen, dort, wo sie am fasslichsten ist: bei sich selbst und dem eigenen Nabel. Im Kanton Aargau sei schon, so munkelt man, jeder dritte Einwohner ein Schriftsteller (es handelt sich um den sogenannten Kulturkanton), wobei die Schriftstellerdichte ins Bernische hinein noch zunimmt, als wollte sie die fortschreitende Versicherungsarchitektur untergraben. Denn: Es gibt führende Intellektuelle, auch einen Historiker von Rang, die der Schweiz, einmal zum Normalfall verkommen, ihre Daseinsberechtigung absprechen. Der Sonderfall habe abgedankt im Augenblick, da er sich anschickt, wie andere Länder zu werden (also ein Paket von äusserst fehlbaren Zuständen); das leuchtet ein. Da wäre zu fragen: Ist die Schweiz denn nichts anderes als die Differenz zu ihrem eigenen Ideal? Und wäre die Existenzberechtigung also die Sonderbarkeit? Das Identitätsproblem deutet darauf hin.

Das muss Gründe haben, und die kommen von weither. Ein Ursprung ist freilich nicht auszumachen (Quellen zur Sonderbarkeit fehlen). Schon Napoleon, der einzige Schweiz-Einiger von stringenter Durchschlagskraft, hat sich ideell nicht durchsetzen können, seine «Helvetik» hat den Sonderfall nicht bezwungen. Der stammt aus der Geschichtslosigkeit, die dadurch entstand, dass das Volk der Hirten zu schnell ins Tal kam und von dort direkt an die Zürcher Bahnhofstrasse, ohne Umweg über die Geschichte oder einen Traum wie den amerikanischen, denn der Hirte ist nicht der Schuhputzer, der zum Rockefeller aufstieg, der Hirte blieb Hirte und hortet, auch als Gnom hütet er: das Gold, das Geheimnis (der Bank).

Werkstoff der schweizerischen eigenart - kleines lexikon Boden, m., alle Kultur kommt aus ihm, frühneuhochdeutsch: bodem. Daraus leitet sich her das Geschlecht der Bodenmann, Imboden, Bodmer als die, die im Talboden wohnen. Bedeutende Inhaber in der schweizerischen Landes- und Polittopographie. Sie haben den Besitz früh verlassen, zu Anfang des Industriezeitalters, und verpachteten ihn (also den Talboden) an die Besitzlosen, die ihn daraufhin bewirtschaften. Daher ist der Schweizer Boden zu wenig solide als Existenzunterlage, denn die ihn besitzen (jur. vgl. Eigentum), bewohnen ihn selten, und die ihn bewohnen, besitzen ihn (in überwiegendem Masse) nicht. Das Geschlecht derer, die im Talboden wohnen, nimmt teil an der Macht, die Bodmer als reiches Zürcher Geschlecht, der Bodenmann als Führer der grössten Partei im Lande, der sich bemüht, das Stimmvolk zu den Wurzeln zurückzuführen: Das Bodenrecht ist ein altes Anliegen seiner Partei, der Sozialdemokraten. Doch die Bodmer, die hauptsächlich über den Boden verfügen (als Kapitalanlage, als Spekulationsobjekt), geben ihn nicht zur Identitätsbildung frei. Daher ist auf den kulturhistorisch flackernden Begriff vom schweizerischen Holzboden zu schliessen.

Der Holzboden, m., ist Boden, auf dem nichts gedeiht, in der geolog. Ableitung auch Boden ohne Rohstoffe.

Holz, s., unser hauptsächlicher Rohstoff, im Frühneuhochgerman. «ein stück Holz», vgl. «Holz vor em Huus», umgangssprachl. für einen üppigen Busen, oder «us rechtem Holz geschnitzt» für einen rechtschaffenen Charakter. Die Vermutung liegt nahe, dass Gott den Schweizer aus Holz gemacht hat, während er die Nachbarn aus Lehm, Beton oder Bronce schuf. Der Kern des Holzes bleibt in sich selbst verhaftet, und das Wachstum bildet Jahrringe, die das Hergebrachte, das Verhaftete, schützen, indem sie es durch Rindenbildung vom Draussen abschotten. Ohne Holz wäre die Schweiz weder metaphorisch noch substantiell das, was sie ist: das Alpenland, das sich mit Nadelhölzern bewehrt, die als Leibgarde strammstehen, im Namen der Freiheit oder der Wirtschaft (Tourismus) bis 1800 m ü. M.

Tanne, w., bildet das Rückgrat des Mythos Schweiz, weshalb das Heidi, unser Nationalheldenmädchen, ihr Rauschen in der Fremde vermisste, Holz auch als Werkstoff der guten Form, seit den zwanziger Jahren vom schweizer. Werkbund verordnet, verwaltet, empfohlen mit wesentlichen Beiträgen zum international anerkannten Mobiliar. Etwas frivol ausgedrückt: Holz als Gesäss der Form mit Weltgeltung made in Switzerland. Weitere Nadelhölzer wie Arve, Lärche, Föhre finden Verwendung als Votivbilder des schweizerischen Wandkalenders. Die Physiognomie der Schweiz ist vom Holz geprägt, bis in die mentale Struktur, zäh und solide. Sie sieht geschnitzt aus, erscheint in wetterfesten Gesichtern dort, wo die Schweiz gesund ist, auf dem Land, in den Bergen. Noch in den siebziger Jahren gab es 88 000 Bauernhöfe in der Schweiz, und die Abwanderung hat aus dem Kernholz keine Städter zu formen vermocht, weshalb die Eidgenossenschaft keine Stadt im eigentlichen Sinn hervorgebracht hat. Das Holz ist ein Werkstoff der dörflichen Herkunft, Inbegriff davon ist das Chalet, s., Allegorie der Hölzernheit, wo die Eigenart Zierde ist und sich in einer ungeduckten Selbstdarstellung hervortut - sich in einem Masse und einem Massstab herausputzt, die das Wesen CH zum Ausdruck bringen, die Kleinheit, in der man sich versorgt fühlt, weil die Behausung, die Unterkunft Tresor ist (hergeleitet von Schmuckkästchen). Der Wald, m., eine deutschstämmige Erscheinung, Obschon bedeutender Erwerbszweig seit dem Neolithikum in der Jäger- und Sammlergesellschaft (vgl. Holzweg), bleibt der eidgenössische Wald seinem Begriff abhold und hält sich an Parzellen, Hektaren und Baumschulen. Im Unterschied zum deutschen Wald, der sich treu blieb und, als Idee erleuchtet, in die Dichtung einging, rekrutiert sich der Schweizer Wald aus seinen einzelnen Beständen (vgl. den umgangssprachl. Ausdruck «den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen»), woraus zu folgern ist, dass ein sogenanntes Waldsterben, s., bei uns nicht vorkommt. Es handelt sich dabei um ein geistiges Treibhausprodukt der Grünen, das mit unseren echten Bäumen nichts zu schaffen hat. Holzweg, m., im Wortsinn nicht mehr im Dienst, das Holz wird kaum mehr exportiert, es bleibt an Ort, in Scheiterbeigen säuberlich geschichtet. Daraus folgt als eine etymologisch einwandfreie und gesinnungsmässig vertretbare Bezeichnung der Holzweg als ein Weg, der in die Irre führt, symbolisch. In der Schweiz hat der Holzweg apokalyptische Dimensionen erreicht, ist entzweit, durchquert, hintergangen, überführt in die grösseren technischen Begriffe wie Durchgangsstrasse, Verkehrsverbund, Transportschiene, Transmissionsriemen, Transversale, Transit. Fussweg, m., kommt er vor, wird er sogleich zur Route und hangelt sich in die Vertikale empor; am Sonntag erreicht die Schweiz in roten Socken eine in den Niederungen unbekannte Dimension, nämlich das Universum der Allgemeinheit. Im Namen der Volksgesundheit ist freilich der Himmel die Endstation, in den Himalaya kommen nur wenige Auserwählte. Deshalb ersetzt das Matterhorn als sportlich disponiblere Diesseits-Variante den Höhenflug. Die Ausrüstung ist für alle Fälle samt Proviant im Acrylrucksack parat und führt in der logischen Fortsetzung zum Holzweg, patriotisch. Der reicht bis an die Kantons- bzw. Landesgrenze, wird dort kopfscheu, bricht abrupt ab, während die Idee Schweiz abgehalftert über die Grenze kippt, sich verflüchtigte ins Paradies der Vorstellung, von wo sie jetzt zurückkehrt, als Retourkutsche eines Versprechens, in die «Neutralität» und «Humanität» barfüssig entlassen: Die Ausländer als die letzten Flaggenträger der CH-Nationalidee?

Der Lehrpfad - Weg der Schweiz? Wo der Weg ein Weg ist, nichts als ein Weg, wofür in der Schweiz die Ideologie zuständig ist, der örtliche Verschönerungsverein, die Vitaversicherung oder das nationale Festkomitee, so hat er kein Ziel, sondern einen Zweck. Der Horizont wird verabreicht. Der Weg wird nicht begangen, damit eine Bewegung entsteht, er wird benutzt. Der Weg im buddhistischen Sinne als das Ziel selber führt in der Schweiz ins Unwegbare, ins Risiko, und ist deshalb zu vermeiden. Pädagogisch tranchiert in einzelne Posten, eine laufende Lektion - bezeichnet, markiert und signalisiert -, wirkt er so, als wollte er in postgelber Überzeugtheit fortgehend auf sich selber verweisen.

Distanz wird durch Benennung vermindert, eingemeindet in das Bekannte. Namen bestücken das Unwegbare, so dass ein Panorama entsteht und kein All - ein Vrenelisgärtli etwa kann nicht leicht gefährlich werden. Der Weg ist Wanderweg, Lehrpfad, Vitaparcours. Es ist beruhigend zu wissen, dass man sich auf einem Gneis aus der Tertiärperiode des Jura befindet, und der Blick schweift in eine mit Flurnamen befriedete Weite, die häuslich wird. Der Weg hat kein Ziel, doch eine Absicht, die Aussicht ist, und führt schliesslich ins Alphüttenrestaurant, wo die Belohnung durstlöschend ausgeschenkt wird.

Da alles einer Nutzung obliegt, in einer Zweckbestimmung untergebracht wird, sieht die Schweiz von oben aus wie eine bunte Feldwaldunwiesenwirtschaft. Die Karte zeigt bereits, wo es langgeht. Der Rest ist Dekor, ob als «Natur» oder «Kultur». Er gehört zum «Erholungsraum». Seit den siebziger Jahren ist das Vermessen von Landschaft, das Aufschürfen und Einzonen auch eine Sache der Kunst, des Kunstbetriebs. Was fehlt, in dieser Grössenordnung der Idee, ist die Baumpflanzung; die fällt noch immer in die Obliegenheit des Forstamts und ist gewiss kein demonstrativer Akt der Kunst wie bei Joseph Beuys. Die Schweiz hat als ein weltgeschichts- und erschütterungsarmes Land keinen Beuys hervorbringen können und pflegt an seiner Stelle «den Fall», da die Tragik fehlt. Sie holt ihn, den Fall, aus der Anstalt, einen Adolf Wölfli etwa, und stattet ihn kunstwissenschaftlich aus. Das Unterholzschicksal, das Menschlich-Kleintragische, drückt die unversehrte Schweiz gern an die Brust. Ein Weg in die Unwegbarkeit, Unwägbarkeit, ist in der Schweiz zwangsläufig ein Holzweg.

Deshalb wird alles, was nicht der Norm entspricht, etikettiert und als Gartenhag aufgestellt, zur gefl. Kenntnisnahme. Der Lehrpfad Schweiz, ein Paradigma? auch die Kunst als Instanz der Befragung kommt in ihrem tiefgelagerten Selbstverständnis noch aus der Schule, und die Schule ist ein Hort der Begabung und ein Hindernis für die Vision. Ein Lehrpfad hat keine Vision.

Isolde Schaad ist Schriftstellerin in Zürich.


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