NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Hinterziehen Sie auch?

Schummeln bei der Steuererklärung ist eine Art Lotterie, bei der man fast nur gewinnen kann. Es ist ein Rätsel, warum die meisten Leute trotzdem ehrlich sind.

Von Reto U. Schneider

Wer möchte bei dieser Lotterie nicht mitmachen! Auf tausend Lose gibt es bloss ein paar Nieten, und die Gewinne liegen bei Hunderten, Tausenden, manchmal Millionen von Franken. Die Lotterie heisst Steuerhinterziehung, und die Wirtschaftswissenschafter rätseln seit Jahrzehnten darüber, warum sich so wenige daran beteiligen.

Für die Wissenschaft ist die Frage, ob man bei den Steuern ehrlich sein soll, eine «rationale Entscheidung auf der Grundlage unvollkommener Information», schreibt der Schweizer Ökonom Benno Torgler von der Queensland University of Technology in Australien, der viele Untersuchungen über die Gründe der Steuerhinterziehung gemacht hat. Unvollkommen an der Information ist natürlich, dass man im voraus nicht weiss, ob man erwischt und bestraft wird. Die Häufigkeit der Steuerprüfungen liegt allerdings in den meisten Ländern – darunter auch die Schweiz – so tief, dass Schummeleien nur selten bemerkt werden. Ein Casino, das so grosszügig wäre, würde bankrottgehen.

Steuern zu hinterziehen, garantiert so sicher einen Vermögenszuwachs, dass selbst Leute es tun müssten, die das Lottospiel als untragbares finanzielles Risiko ansehen. Zumal es einem der Staat in den letzten Jahrzehnten nicht einfacher gemacht hat, ehrlich zu sein.

Das Zürcher Steuerformular von 1870 hatte zwei Seiten – heute ist allein die Wegleitung 48 Seiten stark. Dieser Trend ist global: Eine Untersuchung aus dem Jahr 1982 kam zum Ergebnis, dass das australische Steuergesetz ohne Uniabschluss nicht zu verstehen sei.

Hinzu kommt, dass sich noch nicht einmal zu schämen braucht, wer dem Staat Geld vorenthält. Laut einer Umfrage galt Steuern zu hinterziehen schon in den 1970er Jahren nur als ein bisschen schlimmer als ein Fahrrad zu stehlen – obwohl die hinterzogenen Beträge bestimmt für mehr als ein Fahrrad gereicht hätten. Auf wie viel Verständnis der Steuerhinterzieher zählen kann, hat kürzlich auch eine Umfrage des Steuerpsychologen Erich Kirchler von der Universität Wien gezeigt. Darin wurden Steuerhinterzieher als intelligenter und fleissiger eingeschätzt, als «Personen, wie ‹du und ich›, die nicht gern zahlen und ein bisschen schlampig sein können, aber trotzdem sich dem Gesetz beugen».

Grafik: Die Steuermoral in Zahlen

Die klassische ökonomische Analyse der Steuerhinterziehung geht von der naheliegenden Annahme aus, dass der Mensch, wenn es um Geld geht, vor allem daran interessiert ist, möglichst viel davon zu bekommen. Nur die Angst vor Sanktionen halte ihn davon ab, schamlos in jede Tasche zu greifen. Aus dieser Sicht ist der Steuerzahler nichts anderes als ein verkappter Steuerhinterzieher, dessen kriminelle Energie bloss von der Angst vor Bestrafung im Zaum gehalten wird.

Dieses Modell lieferte eine Formel, mit der sich aus der Wahrscheinlichkeit einer Steuerprüfung und der Höhe der angedrohten Busse theoretisch berechnen liess, wie viele Leute Steuern hinterziehen. Die Zahl war viel zu hoch. Ein Forscher schrieb etwas ratlos, dass es offenbar Steuerzahler gebe, die «einfach dazu ausersehen sind, nicht zu hinterziehen». Der Grund konnte nur in der falschen Grundannahme liegen, dass der Mensch immer den Gewinn maximieren will. «Der Steuerzahler ist mehr als ein einfacher mechanischer Rechner, er ist Teil einer Gesellschaft und zieht verschiedene Aspekte in Betracht wie zum Beispiel Gleichheit, Fairness und Häufigkeit», schreibt Benno Torgler.

Einen Vorgeschmack darauf, wie kompliziert die Sache werden würde, bekamen die Wissenschafter, als sie die Wirkung der Häufigkeit von Steuerprüfungen untersuchten. Nach der gängigen Theorie und dem gesunden Menschenverstand sollte weniger Steuern hinterzogen werden, wenn mehr kontrolliert wird. Doch in der Realität liess sich ein solcher Effekt nur selten nachweisen. Oft war das genaue Gegenteil der Fall: Mehr Kontrolle führte zu mehr Hinterziehung. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Ehrliche Steuerzahler halten eine Steuerprüfung oft für ein Zeichen, dass ihnen der Staat misstraut, worauf sie mit Trotz reagieren. Wer hingegen wirklich hinterzogen hat und daher gebüsst wird, versucht dieses Geld in den nächsten Jahren wieder einzuspielen. Steuerstatistiken zeigen, dass im Jahr nach einer Steuerprüfung weniger Einkommen ausgewiesen wird. Offenbar halten es die Steuerpflichtigen für unwahrscheinlich, im nächsten Jahr gleich wieder dranzukommen. Dieses Phänomen heisst Bombenkratereffekt nach der Angewohnheit von Soldaten, sich in Bombenkratern zu verstecken, weil sie nicht glauben, dass die nächste Bombe den gleichen Ort trifft.

Die Gründe zu eruieren, weshalb die Leute Steuern hinterziehen, stellte sich als überraschend schwierig heraus. Umfragen werden aus naheliegenden Gründen selten ehrlich beantwortet («Frage 1: Hinterziehen Sie Steuern?»). Experimente, bei denen die Teilnehmer zum Beispiel mit Spielgeld in einer Stunde zwanzig Steuerperioden durchlaufen, lassen sich nicht eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen. Geeignete richtige Steuerdaten schliesslich sind oft nicht vorhanden oder schwer zu bekommen. Trotzdem gelang es mit einer Mischung aller drei Methoden, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Dabei kam zum Vorschein, womit hartgesottene Ökonomen nicht gerechnet hatten: die Steuermoral. Eine innere, von Strafandrohungen und Belohnungen unabhängige Motivation, Steuern zu zahlen, scheint es tatsächlich zu geben, ihre Erforschung sei aber «weitgehend unterentwickelt», wie ein Wissenschafter in einem Fachartikel schreibt. Sicher ist, dass Religiosität und Nationalstolz die Steuermoral beeinflussen, der Grad der politischen Mitsprache und das Vertrauen in den Staat. In einer Studie aus dem Jahr 2002 wiesen Bruno S. Frey von der Universität Zürich und Lars P. Feld von der Universität Heidelberg auch nach, dass die Steuermoral umso besser ist, je respektvoller die Verwaltung den Steuerzahler behandelt. In Kantonen, in denen zum Beispiel ein Fehler in der Steuererklärung nicht sofort als Betrugsversuch angesehen wird, kommt es vergleichsweise zu wenig Steuerhinterziehung. Oft sind das Kantone mit direkter Demokratie in Finanzfragen, was wiederum zu einer Reduktion der Steuerhinterziehung um bis zu 30 Prozent führt. Um diese Wirkung mit Steuerprüfungen zu erzeugen, müsste ihre Häufigkeit verdreifacht werden.

Konkret haben Männer die schlechtere Steuermoral als Frauen, Junge als Alte, Ledige als Verheiratete, Selbständigerwerbende als Angestellte. Auch die Schweiz als Nation hat eine schlechte Steuermoral – trotz direkter Demokratie. In verschiedenen internationalen Ranglisten liegt sie im hintersten Viertel. Um die Steuermoral zu erheben, stellt man den Bürgern Fragen wie: Finden sie es falsch, wenn ein Steuerzahler nicht sein gesamtes Einkommen angibt, um weniger Steuern zu zahlen? Sie wird also nicht aufgrund von wirklich hinterzogenen Steuern bestimmt. Gebhard Kirchgässner von der Universität St. Gallen vermutet, dass die schlechte Steuermoral mit der weltweit einzigartigen Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug in der Schweiz zu tun hat. Wer sein Steuerformular falsch ausfüllt oder etwas «vergisst» einzutragen, begeht kein straffähiges Delikt – selbst wenn er es mit Absicht tut. Erst durch eine Urkundenfälschung wird die Steuerhinterziehung zum illegalen Steuerbetrug. Auf dieser Unterscheidung beruht auch das schweizerische Bankgeheimnis: Die Schweiz leistet bei Steuerhinterziehung keine Rechtshilfe, sondern erst bei Steuerbetrug. «Damit wird die Steuerhinterziehung faktisch als Kavaliersdelikt behandelt», schreibt Kirchgässner, man könne die Beihilfe zur Steuerhinterziehung von Ausländern nicht herunterspielen und gleichzeitig erwarten, dass Schweizer die von ihnen ausgeübte Steuerhinterziehung als ernsthaftes Delikt betrachteten.

Kirchgässners These bleibt eine Vermutung, die wie andere über die Steuermoral schwer zu belegen ist. Offen bleibt auch, ob sich die schlechte Steuermoral tatsächlich in Steuerhinterziehung niederschlägt, oder wie stark andere Faktoren, wie das Vertrauen in den Staat, ihr entgegenwirken.

Wenn viele Erkenntnisse über die Steuerhinterziehung auch noch wacklig sind, eine Gewissheit haben sie erbracht: Der Steuerzahler ist ein edler, ruchloser, unlogischer, grossmütiger und geldgieriger Trotzkopf, der ruhig etwas häufiger in die Kirche gehen dürfte. Kirchenbesuche gehen in der Schweiz mit einer hohen Steuermoral einher.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Hinterziehen Sie auch? - NZZ-Folio Steuern (02/08)

Obwohl ich gemäss Ihrem Artikel als männlicher, relativ intelligenter, lediger, jüngerer Atheist doch geradezu für eine Steuerhinterziehungs-Karriere prädestiniert bin, kann ich doch mit gutem Gewissen behaupten, noch nie Steuern hinterzogen zu haben. Dies nicht, weil mir die entsprechenden Kontakte oder Fähigkeiten fehlen, auch nicht, weil mir ein Milliönchen mehr oder weniger den Kuchen nicht allzu feiss machen würde, im Gegenteil: Auch wegen den Steuern lag ich in den vergangenen Jahren hin und wieder knapp am oder deutlich unter dem Existenzminimum. Woran liegt denn meine derart atypische Steuermoral, für die ich mich nach Lektüre Ihres Artikels beinahe schämen muss, so kleinbürgerlich wirkt sie? Was ist denn der Grund, dass immer noch so viele Leute ihr Einkommen tatsächlich aufgrund der realen Situation und nicht aufgrund der Einflüsterungen ihrer Steuerexperten deklarieren? Was haben die von Ihnen zitierten "Experten" übersehen; was macht es aus, dass es noch Deppen wie mich gibt, die mithelfen, den Staat am Laufen zu halten? Vielleicht liegt es daran, dass mir Reisen in andere Länder gezeigt haben, dass wir hier für unser Steuergeld noch immer den grössten "Return of Investment" bekommen: Unsere Infrastruktur, unsere Lebensqualität sind in keinem mir bekannten Land auch nur annährend so preiswert zu bekommen wie bei uns. Entsprechend gehen mir Leute auf die Nerven, die mit stolzgeschwellter Brust "Geiz ist geil" ausleben, die die ausgezeichneten Kultur- und ÖV-Angebote der Grossstädte (aus-)nutzen, während sie die wenigen Brosamen, die sie dem ach so gierigen Staat in den Rachen zu werfen geruhen, lieber in steuergünstigen Käffern investieren. Hauptsache, man ist beim Aufkommen urbaner Gefühle mit dem Offroader möglichst schnell vor dem Stadttheater - und möglichst schnell wieder weg. Unsere Gesellschaft ist auf der Überzeugung gebaut worden, dass man seinen Teil vom Kuchen nimmt, wenn man, im Rahmen der jeweiligen Fähigkeiten und Möglichkeiten, auch seinen Teil zum Kuchen beiträgt. Diese Überzeugung, deren Logik auch VorschülerInnen nicht wirklich überfordert, scheint in der letzten Zeit aber dem Grossteil der Bevölkerung völlig abhanden gekommen zu sein. Ja, es stimmt schon: neben der grassierenden "ich zuerst!"-Mentalität wirken Werte wie Anstand, Solidarität und Bescheidenheit total unsexy. Und dass diese - für mich in meiner unsäglichen Naivität schon beinahe selbstverständlichen - Werte durch Artikel wie diesen in der Luft zerrissen und der Lächerlichkeit preisgegeben werden, spricht sicherlich einen grossen Teil der NZZ-Stammleserschaft an. Dass sich das Folio mit einem solchen Artikel freudig dazu hergibt, Totengräberin eben dieser Werte zu werden, finde ich trotzdem sehr schade. Übrigens: Steuerhinterziehende sind für mich auf derselben Stufe anzusiedeln wie diejenigen, die bei Gesellschaftsspielen bescheissen: Wahrscheinlich gewinnen sie die aktuelle Spielrunde; höchstwahrscheinlich aber werden sie beim nächsten Spieleabend einfach nicht mehr eingeladen.
Claude Fankhauser, Bern


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