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Die Lesenden mögen sich diesem Text Friederike Mayröckers überlassen, die Bewegungen mitmachen, mit denen sich die Sätze aus ihren Grenzen lösen. Die Bedeutung der einzelnen Wörter verliert dann von selber an Gewicht, man übergibt sich den Klängen und allem, was antönt und mitschwingt. Aus dieser Lesehaltung entsteht eine neue, die eigene Partitur. Mit der Energie, die die Autorin «Askese der Masslosigkeit» nennt, erfindet sie klangrhythmisch die Mitte zwischen dem Transport einer Wirklichkeit und der reinen Sprachbewegung. Unterschiedliche Sphären und Dinge berühren sich. Gesamtheit entsteht nicht in einem begrifflichen, sondern in einem sinnlichen Sinn.
So - als vibrierende Sprachkörper - waren in den letzten Jahren alle Texte der 1924 geborenen grossen Wiener Autorin angelegt: die Gedichte «Winterglück» (1986), die langen Prosapoesien «Mein Herz mein Zimmer mein Name» (1988) oder «Stilleben» (1991).
Die Dichterin der Überfülle fragt hier nach dem Thema Entsagung. «Entfachung» setzt sie als Titel, ein Wort, das wie ein Echo klingt. Durch Silbenzahl und Vokale steht «Entsagung» ganz nah, wie immer sonst die beiden Begriffe sich zu widersprechen scheinen. «Entfachung» heisst bei ihr - das darf man aus ähnlichen Stellen in ihrem Werk schliessen - das Anzünden der produktiven Situation, des Schreibfeuers. Erst so flammen Gedankenblitze auf aus der Spannung zwischen Entsagung und Verschwendung. Nach Präludien und Mediationen dann die konkrete Anweisung: man möge getrost «Lieber H.» als Titel des Textes lesen. Damit setzt sich Friederike Mayröcker ein leibhaftiges Gegenüber, die notwendige Aussenposition. Im 334seitigen Prosagedicht «Mein Herz mein Zimmer mein Name» war es «der Ohrenbeichtvater», in «Stilleben» einer namens Samuel. Hier nun also H.
Sobald das festgelegt ist, ist die Autorin ganz bei sich, hat sie in der Spannung zu H. ihren Schreibort gefunden und legt los in der hinreissenden Rhapsodie um Entsagung, die ausschliesslich dem «Wörterbuchhimmel», der Sprache verpflichtet bleibt. Über die Lautanalogien brechen fast rauschhaft die Assoziationen herein.
Von jetzt an ist der Text unschwer zu verstehen: die «Zitierwut», die «Wortverkleidungen» werden genannt - ein hervorstechendes Verfahren auch sonst in ihrem Dichten. Sie setzt gerne fremde Sätze ein und spinnt sie für sich weiter. Erst gegen Schluss dann lesen wir das Bekenntnis, dass sie eigentlich lieber in Fülle ertrunken wäre, dass diese Überfälle aber auch jene Entsagung zeitigt, die für sie Separierung heisst, Sichtotstellen. So hat sich Friederike Mayröcker an ihre Entsagung herangetastet, an die Entsagung, die zur verzehrenden Fülle gehört: nur mit dem Signal «Bin nicht da» lässt sich der gewaltige Wort- und Lebensandrang aushalten. Das ist die «Askese der Masslosigkeit», von der die Rede war.
Der Sprachkörper, der Text vibriert in glühendstem Leben und brennt so sehr aus ihr heraus, dass sie sagen kann, sie sei in der Mitte des Sprechens - zugleich aber auch der Sand, der zusammenläuft in sich selber, «tiefes Grab».
Die Gegensätze sind in dem einen, dem letzten Punkt, ineinandergestürzt. Der absolute Zustand, das Schreiben, das sie «hermaphroditisch» nennt, ist erreicht. So verlaufen die Bewegungen in allen Texten Friederike Mayröckers, ob es sich nun um Gedichte, Prosa, Hörspiele oder Bildbeschreibungen handelt.