Als in drei Polizeibeamte in Zivil am 20. Oktober 1992 aus seiner letzten Verwaltungsratssitzung an der Genfer Rue Candolle 20 holten und in Untersuchungshaft nahmen, blieb Florio Fiorini, Chef der Sasea-Holding, höflich und gelassen wie immer. Bei seiner Sekretärin bestellte er noch schnell etwas Wäsche, ein paar Jeans, Medikamente gegen seine Zuckerkrankheit und drei Bücher: einen Maigret-Krimi, Dantes «Göttliche Komödie» und die Memoiren von Giulio Andreotti - so, als ob er nur schnell in die Ferien verreisen würde. Die erste Nacht im Genfer Gefängnis Champ-Dollon schlief Florio Fiorini nach eigenem Bekunden so gut wie lange nicht mehr. «Ich habe keine Depressionen. Wer sich rühmen kann, ein aktives und in gewissem Sinn abenteuerliches Leben geführt zu haben, für den ist das Gefängnis eine Alternative, die durchaus in Betracht zu ziehen ist», wird er später schreiben.
Er habe schon viele Menschen in schwierigen Situationen erlebt, sagt der Genfer Staranwalt Marc Bonnant, Fiorinis Verteidiger. Noch nie aber habe er einen Mandanten gehabt, der sich derart abgeklärt seiner Verantwortung stelle. Florio Fiorini hat sich nicht versteckt wie Werner K. Rey. Die Überschuldung seiner Gesellschaft stellte er gar nicht erst in Abrede. Den Genfer Untersuchungsbehörden gegenüber zeigte er sich stets hilfsbereit, lieferte Berge von Informationen, und die Öffentlichkeit versorgte er gar mit seinen Memoiren, «Ricordáti da lontano», in denen er in munterem Plauderton und geschmückt mit pikanten Details und Anekdoten seine schillernde Vergangenheit ausbreitet - um schliesslich keck zu frohlocken: «Meine Lieben, hier bin ich, und wir werden sehen, ob meine Verantwortung schwerer wiegt als eure.»
Florio Fiorini ist die Schlüsselfigur in der grössten Pleite der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Sein Bankrott ist kolossal: 5,1 Milliarden Franken Forderungen (wovon 3 bis 3,5 Milliarden als realistisch angesehen werden) und praktisch keine Aktiven, lautet die Bilanz seiner siebenjährigen Ära in der hundertjährigen Genfer Gesellschaft. Einfacher Konkurs eines Unternehmers mit wenig Fortüne halt, meint Florio Fiorini. Gewerbsmässiger Betrug, sagen Banken und Anleger. Ein Fall für die Gerichte also, deren Urteile wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen werden.
Dennoch beginnt sich, nach ersten Untersuchungsergebnissen, der Nebel über dem Sasea-Luftschloss und der Vergangenheit des mysteriösen Dottor Fiorini allmählich zu lichten. Blicken wir zurück, um uns wenigstens der Frage anzunähern, die Fiorini - das Genie der Verwirrung - sich selber stellt: «Wie zum Teufel hast du es fertiggebracht, ein solches Chaos anzurichten?»
I CARI AMICI. In Wirklichkeit ist Dottor Fiorini kein Dottore, sondern nur ein einfacher Bankkaufmann; doch, wer weiss, vielleicht wäre er spielend zum begehrten akademischen Titel gekommen, stammte er nicht aus einer einfachen toskanischen Bauernfamilie. Fiorini jedenfalls gilt schon früh als brillantes Köpfchen. Wenn andere Jugendliche Fussball spielen oder mit Mädchen ausgehen, büffelt er; am Morgen steht er eine Stunde früher auf, um am Radio einen Portugiesischkurs zu verfolgen. 1960, mit 20 Jahren, beginnt er seine Berufslaufbahn in Siena bei der Bank Monte dei Paschi, dem ältesten Geldinstitut der Welt. Und bald hat er kapiert: Ohne Beziehungen und ohne Empfehlungen von einflussreichen Vorgesetzten und Politikern ist es schwer, Karriere zu machen. Im Bankdirektor Giorgio Corsi, der vom fleissigen wie intelligenten Florio offensichtlich begeistert ist, findet er seinen Ziehvater, der ihn zur Banca Toscana holt. Dann geht Fiorini nach Paris, wo er Kontakte zu Jean Paul Rambaud (Bank Paribas) und zu Yves Truffert (Banque Arabe et Internationale d'Investissement) knüpft, die ihm später bei der Sasea-Übernahme nützlich sein werden. 1966 wechselt Fiorini mit Corsi zur staatlichen italienischen Erdölgesellschaft ENI (Ente Nazionale Idrocarburi). Das Finanzwesen ist die grosse Leidenschaft des fleissigen Einzelgängers ohne jedes Laster. Sein einziges Hobby ist die Küche: selbstgemachte Wildschweinwürste und Spaghetti alle vongole.
Rasch steigt Fiorini bei der ENI die Karriereleiter empor: Mit 31 wird er stellvertretender Finanzdirektor, mit 40 ist er bereits Chef der Abteilung, die im Organigramm der Erdölgesellschaft eine Schlüsselrolle einnimmt. Fiorini verwaltet die fetten Einnahmen aus dem Erdölgeschäft mit 20 Banken und Finanzgesellschaften in Italien, Luxemburg, Liechtenstein, in der Karibik und in der Schweiz. «Sie können sich nicht vorstellen, was die ENI ist», wird er später einmal gegenüber einem Sasea-Generaldirektor bekennen. «Sie ist nicht nur ein Staat im Staat, sondern vielmehr eine supranationale Macht mit ihren eigenen Gesetzen.»
In seinen Memoiren liefert Fiorini reihenweise Müsterchen seiner Machtfülle als ENI-Finanzchef. So will er sich etwa in den siebziger Jahren mit den Devisenhandelschefs des Schweizerischen Bankvereins und der Schweizerischen Bankgesellschaft, Spitzenleuten der Deutschen Bank, der sowjetischen Vanhestorgbank, der Citibank und der Renault Finance zu einer Siebnerbande von Währungsspekulanten zusammengeschlossen haben, die bei absehbaren Paritätsänderungen im europäischen Währungssystem in grossem Stil Termingeschäfte tätigte und Insiderwissen nutzte; aus den Gewinnen des Spiels mit den gezinkten Karten will Fiorini täglich 15 000 Dollar an die grossen italienischen Regierungsparteien überwiesen haben.
Gleich mehrmals taucht Florio Fiorini ausserdem im Zusammenhang mit dem später unter mysteriösen Umständen zusammengebrochenen Banco Ambrosiano auf. 1981 lässt sich die Sozialistische Partei für die Vermittlung eines Darlehens der ENI an den Banco Ambrosiano Schmiergelder in der Höhe von insgesamt 7 Millionen Dollar auf das Sammelkonto «Protezione» bei der Schweizerischen Bankgesellschaft in Lugano überweisen. Zwei Jahre später, nachdem die Behörden bei einer Hausdurchsuchung bei Licio Gelli, dem Grossmeister der italienischen Geheimloge P 2, Hinweise auf das Konto finden, bitten die Sozialisten Fiorini, seine guten Beziehungen zur SBG spielen zu lassen. Denn Fiorini ist mit Niklaus Senn, dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten der SBG, bekannt aus seiner Zeit als Verwaltungsrat der Zürcher ENI-Tochter Hydrocarbons, die Senn präsidierte. Wie gewünscht, macht er ihn darauf aufmerksam, dass über das Konto «Protezione» Zahlungen gelaufen seien, die wegen ihres politischen Hintergrunds Diskretion erforderten; und Senn teilt Fiorini mit, dass das Bankgeheimnis gelte, solange nach schweizerischem Recht kein Strafbestand bestehe. Die Diskretion bleibt jedenfalls gewahrt - bis die Genfer Untersuchungsbehörden nach Fiorinis Verhaftung in einem Büro der von ihm kontrollierten Seychelles International Bank auf ein Schreiben des Financiers an seinen Anwalt stossen, in welchem er einen Mailänder Architekten als Kontoinhaber und Strohmann des ehemaligen Sozialistenchefs Bettino Craxi nennt. Anlass zu diesem Brief hatte ein angeblicher Erpressungsversuch eines italienischen Barons gegeben, der uns später wieder begegnen wird.
Politik, Erdöl, Finanzgeschäft: Florio Fiorini ist immer und überall dabei, zieht die Fäden und verfängt sich schliesslich im eigenen Gestrüpp. Wie später bei der Sasea, so auch bei der ENI. Über die Off-shore-Gesellschaften der ENI in der Karibik organisiert er ein Darlehen in der Höhe von 200 Millionen Dollar an den Banco Ambrosiano. Als der Zusammenbruch der Privatbank absehbar wird, schlägt Fiorini am 9. Juni 1982 im Beisein des österreichischen Milliardärs Karl Kahane dem Ambrosiano-Präsidenten Roberto Calvi ein abenteuerliches Sanierungskonzept vor, das im wesentlichen eine Umwandlung des Darlehens in eine Beteiligung vorsieht. Doch Calvi, der um seine Machtfülle fürchtet, lehnt ab. Zehn Tage später wird er erhängt unter der Londoner Themsebrücke der «Schwarzen Brüder» aufgefunden, in der Ambrosiano-Kasse fehlen 1,3 Milliarden Dollar, und Fiorini wird wegen Kompetenzüberschreitungen seines Postens enthoben.
Das Ende einer Karriere? Nicht für Fiorini, der aus jeder Situation das Beste zu machen weiss. So hat er noch kurz vor seinem unfreiwilligen Abgang bei der ENI in Rom die Baufirma SPA Faber mit einem Kapital von 250 000 Franken gegründet, aus der nur wenige Monate später die Sidit (Société italo-danubienne d'investissement et de trading) mit einem Aktienkapital von 6 Millionen wird. 1984 beteiligt sich Fiorini an der Übernahme der 1980 gegründeten Luxemburger Gesellschaft Transmarine. Mit welchem Geld? Transparenz in bezug auf die Herkunft von Fiorinis Startkapital konnte bis heute nicht geschaffen werden. Vermutungen, dass Gelder aus der fallierten Ambrosiano-Bank in Gesellschaften mit Fiorini-Beteiligung geflossen sein könnten, wies der Financier stets zurück, und Untersuchungen in Italien verliefen ebenfalls ergebnislos. Fiorini selbst verwies dabei stets auf seine finanzkräftigen Freunde, den Österreicher Karl Kahane, die norwegischen Reeder Arila Nardum und Einer Lange, den Ex-Banker der Banque Arabe et Internationale d'Investissement (BAII) Audun Krohn, den Tankstellenbesitzer Khalil Ghattas oder den neapolitanischen Professor Antonio Lefebvre d'Ovidio de Clunières de Bolserano. Sein eigenes Startkapital will Fiorini, der bei der ENI im Monat netto 8000 Franken verdiente, durch Grundstücks- und Wertschriftenspekulationen verdient haben.
DIE GELDMASCHINE. Die Sasea, die Société anonyme suisse d'exploitations agricoles, ist eine Gesellschaft mit einer ganz besonderen Geschichte. 1893 vom Vatikan gegründet, diente sie dem Heiligen Stuhl lange Zeit als Finanzgesellschaft für seine Auslandsgeschäfte, bevor sie Ende der siebziger Jahre im Zuge des SKA-Chiasso-Skandals über Umwege unter die Kontrolle der Schweizerischen Kreditanstalt gelangte. Die SKA legte die Aktivitäten der Sasea praktisch still, und so war das Genfer Unternehmen Anfang der achtziger Jahres nicht viel mehr als eine schlummernde Firmenhülle mit einem Weinberg in Orvieto als wichtigstem Besitz. Ihr besonderer Reiz jedoch: Sie war an der Genfer Börse kotiert. Für 200 000 Dollar netto übernehmen Fiorini, Krohn und Antonio Lefebvre 1985 von der SKA die Mehrheitsbeteiligung und bauen die Gesellschaft zu einer «Mergers and Acquisitions»-Firma um: Sie handelt mit Unternehmensbeteiligungen, kauft und verkauft marode Firmen.
Fiorini wird in seinen Memoiren darlegen, ihm sei von allem Anfang an klar gewesen, dass es ohne eine gewichtige schweizerische Persönlichkeit an der Spitze schwierig gewesen wäre, ein an der Börse kotiertes Unternehmen auszubauen, das Kapital zu erhöhen und Obligationen zu emittieren. Lefebvre, der in den siebziger Jahren im Zusammenhang mit der Lockheed-Schmiergeldaffäre verurteilt worden war, verfügt auch in der Schweiz über ausgezeichnete Kontakte: Er schlägt Nello Celio, den ehemaligen Bundesrat, als Verwaltungsratspräsidenten vor, der nach einigem Zögern einwilligt. Delegierter wird Yves Truffert, der ehemalige BAII-Präsident. Im Verwaltungsrat nehmen ausserdem Platz: Eric Baudat, Vizepräsident der Fides-Generaldirektion, und Antonio Lefebvre. Später folgen Paul Coriat von der Revisionsstelle Fides-Partner in Genf, die die Sasea-Holding während Jahren mit Prüfungsberichten absegnen wird, und weitere Honoratioren wie der FDP-Nationalrat Yann Richter oder Rodolphe Rossi, Gatte der Genfer Stadträtin Madeleine Rossi. Fiorini zahlt gut; mit jährlichen Tantiemen bis zu 200 000 Franken wird ein Verwaltungsratsmandat vergoldet. Und seine Geldmaschine kommt rasch in Schwung.
Innert vier Jahren steigt das Aktienkapital der Sasea von 3 auf 50, 100, 200, 400 Millionen Franken; neben Fiorini, Lefebvre, den norwegischen Reedern und dem Crédit Commercial de France, der den Vatikan repräsentiert, geben potente Investoren wie die schwedische Banque Gyllenhammar, die holländische Familie Fentener van Vlissingen und die Thyssen-Bornemisza-Gruppe ein Gastspiel im Aktionärskreis. Eine Wandelanleihe folgt der nächsten. Die Sasea-Aktien sind ein Papier «mit Phantasie», sagen die Anlageberater. Die Kurse explodieren. Und die Banken rollen für den Finanz-Tausendsassa Fiorini den roten Teppich aus.
Zwischen 1985 und 1989 schöpft die Sasea aus dem Vollen. Fiorini, der Geschäfte bis 150 Millionen Franken in eigener Regie tätigen darf, sammelt Beteiligungen wie andere Briefmarken und hat Mitte des Jahres jeweils das ihm vorgegebene Budget bereits überzogen. Für die Verwaltungsräte aber offensichtlich kein Problem: In den goldenen achtziger Jahren ist Draufgängertum gefragt, und die halbe Finanzwelt deliriert im Übernahmefieber.
Innerhalb dreier Jahre schwillt das Sasea-Portefeuille auf über 100 Beteiligungen an - Versicherungen, Erdöl- und Immobiliengesellschaften, Schiffswerften, Banken, Kautschukplantagen, Getreidemühlen in Jemen. Dazu kommen allerlei Handelsgeschäfte mit Öl, Immobilien, getrockneten Ochsenschwänzen. Kaufen und verkaufen, kreuzen und multiplizieren, das sei doch alles ganz einfach, sagt Fiorini allen, die es hören wollen. «Wir kaufen Gesellschaften in Schwierigkeiten, vielleicht Gesellschaften, die marode sind. Dann sanieren wir sie, und dann verkaufen wir sie», führt er 1986 in einem Interview aus. «Alles geht bei uns sehr schnell. Denn Zeit ist Geld. Ich kaufe und verkaufe, das ist mein einziges Geheimnis, ständig, pausenlos, ganz instinktiv, fast triebhaft. Aber meistens verkaufe ich bereits, bevor ich gekauft habe.» Ein anderes Mal erklärt er die Finanzwelt als ein chaotisches Universum, in welchem Aktienpakete immer einmal an einem falschen Ort landen würden. Seine Aufgabe bestehe darin, die Ordnung wiederherzustellen, wenn auch nur eine provisorische . . .
Die Sasea besteht nach drei Jahren bereits aus Subholdings in Holland und Italien, die ebenfalls fleissig Wandelanleihen ausgeben, Kredite schöpfen, frisches Geld ins System einspeisen. Off-shore-Gesellschaften in karibischen Steuerparadiesen kommen hinzu, die Fiorini mit Vertrauten besetzt: mit dem Sohn eines ehemaligen ENI-Portiers, mit seinem «Adoptivsohn» Frank Nelson, mit seiner Exfrau, mit der er weiterhin enge geschäftliche Kontakte pflegt. Und für Operationen, die besondere Diskretion erfordern, hat er seine eigene Bank: die bereits bekannte Seychelles International. Innert kürzester Zeit hat sich so das Finanzgenie ein zweites, eigenes ENI-Reich geschaffen: über 300 Gesellschaften befinden sich schliesslich unter dem Dach der Sasea-Holding, in der pausenlos Guthaben und Forderungen zirkulieren, Beteiligungen verschoben und miteinander vernetzt werden, Unternehmen wie Sternschnuppen verschwinden, um am nächsten Tag als Neugründungen unter einem ähnlichen Namen wieder am Firmament zu leuchten. Da Holding und Tochterfirmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihre Geschäftsabschlüsse vorlegen, wird mit Bilanzen jongliert. Wie all dies funktioniert, weiss - wenn überhaupt - nur noch einer: Florio Fiorini.
UNE LIAISON DANGEREUSE. Genf, Mailand, Amsterdam, London, Monaco, Tripolis. Während dreier Tage der Woche ist Florio Fiorini in der Regel mit seinem geleasten Privatjet unterwegs. Er geschäftet mit Ghadhafis Lybian Arab Foreign Bank, mit der Basler Versicherung, mit Albert René, dem Diktator der Seychellen, dem Libanesen Anthony Tannouri (der ihm gefälschte Aktien der Versicherungsgesellschaft Generali mit einem angeblichem Wert von 400 Millionen Franken andreht), mit Carlo De Benedetti. Und immer öfter kreuzen sich seine Wege mit jenen Giancarlo Parrettis, eines andern italienischen Finanziers, der zum geschwätzigen Alter ego des eher schüchternen Finanzspielers wird.
Der mehrfach wegen Betrugs und Körperverletzung vorbestrafte Parretti stammt wie Fiorini aus einfachen Verhältnissen, und seine Vergangenheit ist noch mysteriöser als die seines Gefährten. Ursprünglich Kellner, stieg er in Sizilien, wo er sich im Dunstkreis einflussreicher Notabeln der Democrazia Cristiana mit Kontakten zum Mafiabankier Sindona bewegte, zum Hotelier, Verleger und Präsidenten eines Fussballklubs auf. Später schloss er sich dem sozialistischen De-Michelis-Clan an und baute die Zeitungskette «Diario» auf. Keiner kennt den Ursprung von Parrettis Vermögen. In Luxemburg kontrolliert er die diskrete Finanzholding Interpart, in deren Verwaltungsrat im Laufe der Zeit Elena Badaloni, Fiorinis geschiedene Ehefrau, Einsitz nimmt.
Nach den ersten gemeinsamen Geschäften im Jahre 1986 rühmt Fiorini Parretti im Sasea-Verwaltungsrat schon bald einmal als exzellenten «Trüffelhund»: Parretti hat einen Riecher für flotte Deals im Filmgeschäft, bei sozialistischen Regierungsmitgliedern in Italien, Frankreich und Spanien geht er ein und aus. Zudem verfügt er in der vom Crédit Lyonnais Anfang der achtziger Jahre übernommenen holländischen Banque Slavenburg über eine schier unerschöpfliche Geldquelle. Gemeinsam übernehmen Fiorini und Parretti von Menahem Golan und Yoram Globus die Kinogruppe Cannon, dann die spanische Immobiliengruppe Renta. Und als sich Parretti die Möglichkeit auftut, 98 Prozent der französischen Filmgesellschaft Pathé aufzukaufen, ist es schon fast selbstverständlich, dass er sich an die Genfer Sasea wendet. Fiorini greift zu, gegen den ausdrücklichen Willen seines Verwaltungsratspräsidenten. In der Folge tritt Nello Celio Ende 1989 von seinem Amt zurück - aus Altersgründen, wie er an der Generalversammlung betont - und wird durch den Advokaten Eric Baudat von der Fides-Generaldirektion ersetzt.
Tatsächlich ist die Situation der Sasea bereits alarmierend. Die Zinsen steigen, und die konsolidierte Bruttoverschuldung der Gruppe liegt mittlerweile bei 2,4 Milliarden Franken. Obwohl die Dividende nochmals erhöht wird, hat Fiorini plötzlich immer weniger Freunde. Mit Celio ziehen sich auch die norwegische Interessengruppe und die Familie Lefebvre, die ihren Anteil sukzessive abgebaut hat, definitiv aus dem Aktionärskreis zurück. Ihren Anteil übernehmen der Franzose Jean-René Bickart, ein Agronom, der nach Einheirat in eine Weinhändlerfamilie ein grösseres Vermögen verwaltet, Calisto Tanzi, Besitzer des italienischen Milchgiganten Parmalat, und die vertrauliche Transmarine in Luxemburg, die sich später für ganz diskrete Transaktionen eine Off-Shore-Gesellschaft anhängt: die Transmarine Curaçao.
Als auch Banken wie die Paribas Suisse und die Kreditanstalt auf Distanz gehen, aktiviert Fiorini noch einmal alte Seilschaften. Mit Orazio Bagnasco, dem ehemaligen Vizepräsidenten des Banco Ambrosiano, mischt er beim Immobilienfonds Europrogramme mit. Dann kauft er zusammen mit der libyschen Oilinvest von Ghattas die viertgrösste Schweizer Tankstellenkette samt Raffinerie, die Gatoil, und verkauft kurz darauf seinen Anteil den Libyern weiter. Die Luft für den einst bewunderten Finanz-Machiavelli wird immer dünner. Mitarbeiter beobachten, wie ihr Chef, der alle Fäden in den Händen hält und eine höchst fragmentarische Informationspolitik betreibt, immer nervöser wird. Unbequeme Fragen beantwortet er zunehmend mit hohlen Redensarten: «Jetzt versuchen wir das, und wenn es nicht klappt, gehen wir alle in die Ferien.» Es fällt auf, dass der Chef bei seinen Rechnungen jeweils vom gewünschten Endergebnis ausgeht, um dann die einzelnen Positionen entsprechend zu verteilen. Mit hektischen Transaktionen zwischen Gruppenfirmen werden Buchgewinne erzielt und Verluste verschleiert. Reell sind vor allem noch die «Kommissionen», die Fiorini auszahlt: an sich für die Geschäfte, die er mit sich selber tätigt; an «Freunde» wie Giorgio Mazzanti, Ex-ENI-Präsident und Mitglied der Geheimloge P 2; an Vermittler, Strohmänner und Mitarbeiter. Mehrere 100 Millionen Franken, schätzen die Konkursverwalter heute, dürften im Laufe der Zeit aus der Sasea abgeflossen sein. So komplex wie Fiorinis Beteiligungsgeflecht war das Netz der Komplizenschaften, das er im Laufe der Zeit geknüpft hatte. Wer von wem profitierte, und wer wen benutzte und austrickste - wer weiss das schon.
1990 versucht Fiorini noch einmal mit allen Buchungstricks, seine Gruppe in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken, und verliert dabei offensichtlich die «Vista» über seine Geschäfte. Um seine Kreditgeber zu beruhigen, emittiert die Sasea beispielsweise im Sommer über die Genfer S. G. Warburg Soditic eine weitere Wandelanleihe in der Höhe von 340 Millionen Franken zu einem Zinssatz von stolzen 71/2 Prozent. 300 Millionen der Junkbonds, verkündet Fiorini kühn, würden von befreundeten Kreisen in Italien gezeichnet. Den Rest schlucke der Markt. Die Wirklichkeit ist jedoch eine andere: den Löwenanteil von 300 Millionen zeichnet Fiorini gewissermassen selber; seine italienische Referenzbank, die Banca Popolare di Novara, stellt einer Untergesellschaft der Sasea einen Kredit in der benötigten Höhe zu Verfügung, welche diese benutzt, um die Anleihe zu zeichnen - ein Nullsummenspiel. Damit nicht genug: Durch Kaskaden von Verkäufen innerhalb der Gruppe werden Buchgewinne geriert, Scheinverkäufe simulieren den Zufluss frischen Geldes. All diese Transaktionen sind freilich so komplex, dass sie erst viel später durchschaut werden können. SHOWDOWN IN HOLLYWOOD. Spätestens 1990 muss Fiorini doch klar geworden sein, dass seine ganze Kunst sich früher oder später als fauler Zauber entpuppen würde, sofern es ihm nicht gelänge, mit einem Glückstreffer das Unternehmen zu retten. Aber Parretti weiss auch diesmal Rat. Und so stürzt sich Fiorini mit seinem Kompagnon in das grösste Abenteuer seines abenteuerlichen Lebens: die Übernahme des Filmstudios Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) für 1,3 Milliarden Dollar.
Derweil er in Genf noch die Bücher der Sasea schminkt, dirigiert sein Kompagnon Parretti bereits vom Sunset Boulevard aus, aber auch von Bord seines eigenen Jets und seiner in der Karibik ankernden Luxusjacht, den Sturm auf den traditionsreichen amerikanischen Filmproduzenten, was nach einigen Fehlschlägen an seinem Geburtstag auch endlich gelingt. Wiederum wird der Deal schliesslich zu einem wesentlichen Teil (300 Millionen Dollar) vom Crédit Lyonnais finanziert, der durch eine aggressive Expansionspolitik zur grössten Bank Europas aufsteigen will. 350 Millionen Dollar hatten Parretti und Fiorini bereits im voraus als Übernahmekaution an den MGM-Besitzer Kirk Kerkorian überwiesen. 650 Millionen beschafft sich das Duo aus einem Leverage-Buyout der MGM-Filmrechte, darunter «Vom Winde verweht», «Ben Hur», «Doktor Schiwago» und «Pink Panther» - ein Asset-Stripping, das auch die MGM zu einer fast leeren Hülle macht.
Parretti geniesst das Leben als Film-Tycoon in vollen Zügen. Er führt Filmsternchen aus, diniert mit Ex-US-Präsident Ronald Reagan, der MGM-Präsident werden soll (jedoch dankend ablehnt). Seine 22jährige Tochter setzt er als Finanzchefin des ausgehöhlten und nun ebenfalls am Rande der Pleite stehenden Filmunternehmens ein. Parretti steht im Zenit seiner Laufbahn - für ein paar Monate nur: Als der Crédit Lyonnais, in der Branche längst «Crazy Lyonnais» genannt, endlich das Fiasko zu erkennen beginnt, wird Parretti, nun für die Bank zum Filibuster geworden, entmachtet. Und Fiorini wechselt flink die Seite, um sich weiterhin die Unterstützung des mittlerweile mit mehreren 100 Millionen Dollar in der Sasea-Gruppe engagierten Crédit Lyonnais zu sichern. DER AUSVERKAUF. Trotz aller Kosmetik, aller Expansionshektik endet das Geschäftsjahr 1990/91 für die Aktionäre der Sasea mit einer bösen Überraschung: Nach einem Gewinn von 25 Millionen Franken im Vorjahr weist die Gruppe erstmals offiziell einen Verlust aus, und gleich sind es 230 Millionen. Trocken erklärt Fiorini in einem Interview: «Die sieben fetten Jahre sind vorbei, vielleicht ist es wie in der Bibel, und es kommen die mageren Jahre.»
In Wirklichkeit ist die Sasea jedoch bereits hoffnungslos überschuldet. Trotzdem wird unter der Federführung des Crédit Lyonnais ein weiterer Rettungsversuch unternommen: Bankschulden - von den Schweizer Banken hat die Kreditanstalt 15 Millionen ausstehend, mit kleineren Beträgen sind der Banco di Lugano und die Bankgesellschaft engagiert - werden konsolidiert und Forderungen abgeschrieben; Umschuldungsaktionen via Transmarine entlasten die Sasea um weitere 700 Millionen Franken. Inzwischen hat sich die französische Staatsbank die vollständige Kontrolle über die MGM gesichert; und weitere Aktiva werden veräussert. Die wichtigste Beteiligung im Immobilienbereich, die Scotti Finanziaria, geht an die Pierre Premier Participation über, wobei der Crédit Lyonnais einerseits die Veräusserung organisiert und andererseits die Vorfinanzierung leistet - um im nachhinein festzustellen, dass die Gesellschaft nur noch ein Schuldenhaufen ist. Wohin die Banken blicken, tun sich Abgründe auf, dennoch gelingt es Florio Fiorini weiterhin, Optimismus zu verbreiten. Noch im Frühling 1992 lädt er eine Gruppe potentieller Investoren nach Venedig ins Hotel Cipriani, zeigt ihnen bei Triest Grundstücke, wo er einen Supermarkt, Hotels und Ferienzentren hinpflanzen möchte. Dann holt ihn die Vergangenheit ein.
Auftritt des Barons: Domenico de Morpurgo Varzi, ein millionenschwerer Sasea-Aktionär, verlangt von Fiorini den Rückkauf der in ihrem Kurs tief gefallenen Aktien. Er droht - Version Fiorini -, er werde sonst dessen Rolle im Zusammenhang mit dem Konto «Protezione» ausplaudern. Fiorini unterschreibt eine Rückkaufsvereinbarung und versucht sich später mit der Behauptung aus der Affäre zu ziehen, er verfüge ausser einem Monatslohn zwischen 15 000 und 25 000 Franken über keine Mittel, um den Rückkauf in der Höhe mehrerer Millionen zu tätigen. Nachforschungen über Fiorinis Vermögensverhältnisse - ein grosser Teil seines Besitzes, darunter eine 10-Millionen-Franken-Villa an der Côte d'Azur, figurieren tatsächlich auf den Namen seiner geschiedenen Frau - erhärten den Verdacht auf Pfändungsbetrug, der schliesslich Fiorinis Verhaftung ermöglicht. Koinzidenz der Ereignisse: Einen Tag zuvor kündigte ihm der Crédit Lyonnais die Unterstützung auf, eine Woche später wird der Konkurs eröffnet.
FINALE VOR DEM RICHTER. «Meine Lieben, hier bin ich, und wir werden sehen, ob meine Verantwortung schwerer wiegt als eure.» Florio Fiorinis Verteidigungsstrategie ist immer noch der Angriff, und fast scheint es, als habe er sein Spiel nun von der finanztechnischen Ebene auf die juristische verschoben. Er macht geltend, dass der Crédit Lyonnais am Zusammenbruch der Sasea mitverantwortlich sei, denn die Bank habe im letzten Geschäftsjahr faktisch die Kontrolle über seine Finanzgesellschaft übernommen, habe sich die letzten Aktiven gesichert, um ihn dann fallenzulassen wie eine heisse Kartoffel. Dergestalt auf die Anklagebank versetzt, ging die Bank ihrerseits in die Offensive und verklagte Fiorini auf gewerbsmässigen Betrug, Urkundenfälschung und Plünderung ganzer Unternehmensgruppen. Mit Fiorini und dem Crédit Lyonnais auf der Anklagebank befinden sich einzelne Mitglieder der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates, die Kontrollstelle KPMG Fides Peat und die Syndikatsleiterin der letzten ominösen Wandelanleihe, die Genfer S. G. Warburg Soditic. So verstrickt wie Fiorinis Finanznetzwerk ist auch das Geflecht der gegenseitigen Klagen. Ein Fall für die Richter, die neben den Verantwortlichkeiten vor allem interessiert, wohin das viele Geld geflossen ist.
Er habe nichts zu verbergen, beteuert Fiorini selbst. Aber als Financier möchte er sich nie mehr versuchen. Durchaus vorstellen kann er sich hingegen, später Touristenführer in der Toskana zu sein.