NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

«Eine Million Meutereien»

Vom Kastenwesen und vom wachsenden religiösen Fundamentalismus.

Von Rahul Singh

Werden sie auf das Kastenwesen angesprochen, reagieren die meisten Inder mit Verlegenheit. Sie verdrängen, dass es in ihrem Land fast 170 Millionen Unberührbare gibt, mehr als die Bevölkerung beinahe aller Nationalstaaten der Welt. Diese Unberührbaren gehören keiner Kaste an, sie sind die Niedrigsten der Niedrigen, der Ausschuss der hinduistischen Gesellschaft. Ihre traditionellen Beschäftigungen wie das Gerben von Leder oder die Entsorgung von Abfall werden als verunreinigend angesehen. Für die meisten Hindus ist es eine unbequeme Frage, wie ihre Religion, die Toleranz und Mitgefühl predigt und viele noble Ideale hat, so vielen Menschen eine normale Existenz vorenthalten kann.

Das Vorurteil gegen die Unberührbaren ist so mächtig, dass selbst ihr Schatten, so er auf einen Kastenhindu fällt, diesen verunreinigen kann und nach umfangreichen Reinigungsritualen verlangt. Unberührbare durften keine Hindutempel betreten und mussten ihre eigenen Brunnen und Quellen haben. Die Vergewaltigung von kastenlosen Frauen und die Tötung von kastenlosen Männern waren häufige Verbrechen, die üblicherweise unbestraft blieben und oft auch heute noch unbestraft bleiben. Obschon die Praxis der Unberührbarkeit kurz nach Indiens Unabhängigkeit 1947 gesetzlich verboten wurde, besteht sie weiterhin.

«Greueltaten gegen Unberührbare überschreiten regionale Grenzen», lautete die Schlagzeile der Tageszeitung «Indian Express» am 27. August dieses Jahres. Der Artikel schilderte, wie im nordindischen Gliedstaat Bihar eine kastenlose Frau geschlagen und gezwungen wurde, nackt die Dorfstrasse hinunterzugehen. Ihr «Verbrechen» war, dass sie versucht hatte, Gangster von einer Attacke auf ihren Ehemann abzuhalten. Sein Vergehen wiederum war, dass er sich geweigert hatte, für einen der Angreifer zu arbeiten. Laut dem Artikel war dies nur einer von vielen Angriffen auf Kastenlose in Bihar. In zwei Wochen waren zwanzig Unberührbare getötet worden. Ein weiterer Bericht im selben Blatt meldete einen ähnlichen Zwischenfall in Südindien.

Angesichts des Leids und der Erniedrigungen, welche die Kastenlosen in Indien zu erdulden haben, erstaunt es nicht, dass die Kastenproblematik auch auf der Uno-Konferenz gegen Rassismus vom vergangenen Sommer im südafrikanischen Durban zur Sprache kam. Ironie der Geschichte: Nicht weit entfernt von Durban musste der Vater des unabhängigen Indien, Mohandas Karamchand («Mahatma») Gandhi, erstmals die Erfahrung rassistischer Diskriminierung machen. Als junger Advokat war Gandhi nach Südafrika gekommen. Auf einer Zugfahrt nach Pretoria wurde er aus dem Erstklassabteil hinausgeworfen, weil ein weisser Mitreisender nicht im gleichen Abteil mit einem «Kuli» fahren wollte. Dieser Zwischenfall wurde zu einer Zäsur in Gandhis Leben. Während mehrerer Jahre kämpfte er für die Rechte der Inder in Südafrika und entwickelte die Philosophie des passiven Widerstands und der Gewaltlosigkeit, die er später mit grossem Erfolg gegen die Briten in Indien zur Anwendung bringen sollte.

Der Kampf gegen den Rassismus in Südafrika muss Gandhi noch sensibler gemacht haben für die schreckliche Diskriminierung, welche die Unberührbaren in seinem eigenen Land erdulden mussten. Gandhi bezeichnete Kastenlosigkeit als «ein scheussliches System» und als «einen Krebs, der sich in die lebenswichtigen Organe des Hinduismus frisst». Er beliess es nicht bei Worten. Einer kastenlosen Familie gewährte er in seinem Ashram in Ahmedabad Aufnahme, worauf reiche Hindus in Bombay und Ahmedabad ihre Unterstützung einstellten. Gandhi selbst übernahm Verrichtungen wie das Säubern von Toiletten, die in Indien üblicherweise Kastenlosen übertragen wurden. Er gab den Kastenlosen mit «Harijans» (Kinder Gottes) einen neuen Namen. Später wurde dieser Begriff wegen seines patronisierenden Untertons durch das heute gebräuchliche «Dalit» ersetzt.

Seit Indiens Unabhängigkeit gibt es ein Regelwerk, das ähnlich der «affirmative action» in den USA den Kastenlosen einen gewissen Anteil an Staatsstellen garantiert sowie einen besonderen Zugang zu Erziehungsinstitutionen verschafft. Unberührbare haben im öffentlichen Leben Indiens hohe Positionen erreicht. B. R. Ambedkar, einer der Väter der indischen Verfassung, war Kastenloser, ebenso der heutige Staatspräsident und der derzeitige Speaker des Unterhauses. Insgesamt 160 Unberührbare sitzen im indischen Parlament.

Einer der bekanntesten Fälle der Rebellion eines Kastenlosen gegen das System war Phoolan Devi, die «Banditenkönigin». Nach einer Rachekampagne, die sie zu einem blutigen Robin Hood werden liess, und nach mehreren Jahren Gefängnis ging Phoolan Devi in die Politik und errang einen Sitz im nationalen Parlament. Vor einigen Monaten wurde sie vor ihrem Haus in Delhi umgebracht. Der Täter erklärte, er habe ihre früheren Morde an Kastenhindus rächen wollen.

Ohne Zweifel sind bei der Bekämpfung des Kastenübels Fortschritte gemacht worden, doch hat es sich in den fünf Jahrzehnten seit Indiens Unabhängigkeit als schwierig erwiesen, Jahrhunderte von religiös motivierter Diskriminierung zu überwinden. Um das Kastenproblem zu verstehen, muss man auf die Ursprünge des Hinduismus, der ältesten lebenden Religion der Menschheit, eingehen.

In vorgeschichtlicher Zeit wanderten die hellhäutigen Arier zu. Sie stiessen im nordwestlichen Teil des indischen Subkontinents, wo sich das heutige Pakistan befindet, auf eine ältere Zivilisation. Die Arier brachten ihre eigene Religion mit sich, die in den Weden, einer Sammlung ritueller Hymnen, enthalten ist. In der Frühzeit erfolgte die Überlieferung der Weden mündlich, da sie als zu heilig empfunden wurden, um in Schriftform festgehalten zu werden. Die Rigweda, in der sich die Ursprünge des Kastensystems ausmachen lassen, stammt von ungefähr 1200 vor Christus. Die Praxis der Unberührbarkeit kam später.

Es wird vermutet, dass das Kastenwesen eine direkte Folge der arischen Eroberungen auf dem Subkontinent war. Es gibt in der Rigweda Bezüge auf die Unterworfenen als «dunkelhäutige» und «inferiore» Menschen. Die Kaste beruhte damit ursprünglich auf der Hautfarbe. Eine der Sanskritbezeichnungen für Kaste ist «varna», Farbe. Im Laufe der Zeit verfestigte sich die soziale Gliederung in vier Hauptkasten: Brahmanen (Priester, Dichter, Gelehrte), Kshatriyas (Krieger), Vaisyas (Händler und Bauern) und Sudras (Handwerker). Der Grossteil der Bevölkerung, der einfachere und häufig entwürdigende Verrichtungen zu erfüllen hatte, wurde zu Unberührbaren.

Während in anderen Kulturen die Sozialstrukturen zuweilen revolutionären Änderungen unterzogen wurden, war dies in Indien nicht der Fall. Die althergebrachte soziale Hierarchie überdauerte alle Stürme, und ein wichtiger Grund dafür ist die für den Hinduismus und das Kastensystem zentrale Doktrin - das Karma. Dieses besagt, dass die soziale Stellung jedes Einzelnen eine notwendige Folge seiner Taten in früheren Leben ist. Daraus wiederum erwächst ein Fatalismus, der für die hinduistische Gesellschaft typisch ist.

Über die Jahrhunderte hinweg war der Hinduismus mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Als Erstes kamen im fünften vorchristlichen Jahrhundert die Lehren von Gautama Buddha auf; über längere Zeit hinweg ersetzte der Buddhismus praktisch auf dem ganzen Subkontinent den Hinduismus. Das Kastensystem begann zu zerfallen. Doch vom vierten nachchristlichen Jahrhundert an begann sich der Hinduismus erneut durchzusetzen, während der Buddhismus fast vollständig vom indischen Subkontinent wieder verschwand.

Eine weitere Herausforderung an den Hinduismus brachte die Ankunft des Islam. Die neue Religion predigte Gleichheit und bekehrte mit dem Schwert. Eine Reihe der im 11. Jahrhundert einsetzenden Invasionen kulminierten in der Mogulherrschaft. Obschon grosse Teile der Bevölkerung zum Islam konvertierten, überdauerte der Hinduismus mit seinem Kastenwesen und blieb die Religion der meisten Inder.

Es war den Briten und den Modernisierungsbewegungen unter ihrer Herrschaft vorbehalten, die Ketten des Kastenwesens zu lockern. Mit den Briten gab es - laut dem Soziologen M. N. Srinivas - erstmals in der indischen Geschichte eine einheitliche Herrschaft über den ganzen Subkontinent, was eine völlig neue Mobilität gestattete. Land konnte nun an jedermann verkauft werden, wie tief auch immer sein Kastenstatus war.

Die Briten brachten auch neue Werte wie die Gleichheit vor dem Gesetz oder den Schutz vor willkürlicher Verhaftung. Christliche Missionare engagierten sich besonders in der Erziehung und in humanitärer Arbeit. Sie konzentrierten ihre Arbeit auf die Schwächsten der Gesellschaft, unter denen sich viele Unberührbare und Stammesangehörige befanden, von denen manche sich zum Christentum bekehrten. Diskriminierung gab es weiter, da etliche britische Rassisten sich mit reaktionären Elementen der indischen Gesellschaft wie den Maharadschas und den Grossgrundbesitzern verbündeten, die ein Interesse am Fortbestehen des Kastenwesens hatten. Die Wogen der Modernisierung liessen sich dennoch nicht aufhalten, und neue Kommunikationsmittel weichten manche Barrieren zwischen den einzelnen Kasten auf.

Während sich die überwältigende Mehrheit der indischen Milliardenbevölkerung als Hindus betrachtet, gibt es in Indien auch 120 Millionen Muslime, 25 Millionen Christen, 15 Millionen Sikhs und dazu weitere Millionen Buddhisten, Jain und Zoroaster. Eine Vielfalt, die für Spannungen sorgt: Eine Anti-Brahmanen- und Anti-Hindi-Bewegung im heutigen südindischen Gliedstaat Tamil Nadu führte in den sechziger Jahren zu schweren Unruhen; im Nordosten Indiens revoltierten die mehrheitlich christlichen Nagas für Unabhängigkeit. Doch in jüngster Zeit kamen die für die Zentralregierung gefährlichsten Herausforderungen aus dem Pandschab, wo die Mehrheit Sikhs sind, und aus dem mehrheitlich muslimischen Kaschmir.

Im Pandschab führten schwerwiegende Fehler Delhis dazu, dass bewaffnete, militante Sikhs sich im Goldenen Tempel von Amritsar, dem höchsten Heiligtum der Sikhs, verschanzten und offen die Autorität der Regierung provozierten. 1984 räumte die Armee den Schrein gewaltsam, und mehrere hundert Menschen fanden den Tod. Eine Folge der Aktion war die Ermordung von Ministerpräsidentin Indira Gandhi durch zwei Sikh-Leibwächter. Danach kam es zu grossen Ausschreitungen, denen 3000 Sikhs zum Opfer fielen. Der von Pakistan mitgeförderte Terrorismus im Pandschab, der erst vor wenigen Jahren zu Ende ging, forderte 10 000 Menschenleben. 1990, nachdem Wahlen in Kaschmir offen gefälscht worden waren, brachen dort schwere Unruhen aus. Ein Teil von Kaschmirs Muslimen fordert die Sezession von Indien. Am vergangenen 1. Oktober, drei Wochen nach den Terrorattacken gegen die USA, rammte ein Kaschmiri-Suizidkommando ein Fahrzeug in das zentrale Regierungsgebäude in Srinagar. 42 Personen wurden bei diesem Terrorakt getötet.

Die Feindseligkeiten zwischen Afghanistan und den USA wecken natürlich auch besonderes Interesse am Verhalten von Indiens 120 Millionen Muslimen. Ein prominenter Muslimführer, der Imam der Jama Masjid, Delhis grösster Moschee, Syed Ahmed Bukhari, erklärte, dass die Muslime in der ganzen Welt den Angriff gegen Afghanistan als einen Angriff auf den Islam zu sehen hätten und alles zum Schutz ihrer Religion opfern sollten. Er hätte dem Tonfall nach ein Führer der Taliban sein können. Es ist fraglich, ob er die allgemeine Haltung der indischen Muslime ausserhalb Kaschmirs wiedergibt. Die meisten indischen Muslime hatten bisher für die Fundamentalisten wenig Sympathie.

Dennoch ist einer der beunruhigendsten Aspekte im heutigen Indien das Wachstum des religiös motivierten Fundamentalismus, nicht nur unter den Muslimen, sondern auch in anderen Religionen, unter Sikhs und Hindus. Extremistische Hindus haben christliche Missionare attackiert. Trotz allen Spannungen zwischen Religionen, Kasten und Sprachgruppen - «eine Million Meutereien» nennt sie der Schriftsteller V. S. Naipaul - ist Indien bisher nicht, wie von vielen vorschnell prophezeit, auseinandergebrochen. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst der lebendigen Demokratie Indiens. Alle Gruppen, auch die am meisten benachteiligten, haben demokratische Sicherheitsventile gefunden.

Aber auch der Hinduismus, der im Laufe der Geschichte über die Religion hinaus zu einer Lebensart geworden ist, hat geholfen, Indien zusammenzuhalten. Trotz allen Fehlentwicklungen haben seine Tradition der Toleranz und Gewaltlosigkeit sowie seine bemerkenswerte Fähigkeit, sich an veränderte Umstände anzupassen, den Menschen Rückhalt und einen gewissen Idealismus verschafft. Jawaharlal Nehru, Indiens erster Ministerpräsident, ein Agnostiker, aber dem Geiste nach ein Hindu, sagte es treffend: «Indien umfasst alles, was widerlich ist, aber auch alles, was nobel ist.»

Rahul Singh hat in Cambridge Geschichte studiert. Er war Chefredaktor des «Indian Express» und des «Sunday Observer» sowie Berater der Vereinten Nationen. Zurzeit ist er freier Kolumnist und lebt in Bombay.


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