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NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter Inhaltsverzeichnis
Kapitel 4 – Politik als Nebenjob
© Domagoj Lecher, Zürich
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| Christian Wasserfallen, 26: Nicht bloss im stillen Kämmerlein tüfteln. |
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Nationalräte sind Volksvertreter im Nebenamt. Im Hauptberuf sind sie Polizistin, Umweltjuristin, Maschinenbauingenieur, Strafrechtsprofessor, Sicherheitschef bei der Fifa.
Von Andrea Strässle, Andreas Heller und Daniel Weber
Christian Wasserfallen, FDP: Lohnsprung
Etwas einsam sitzt Christian Wasserfallen an seinem Arbeitsplatz am Institut für mechatronische Systeme der Berner Fachhochschule in Burgdorf. Die drei Kollegen seiner Projektgruppe, mit denen er das Büro teilt, sind an einer Tagung im Ausland. Auch er war in den letzten Wochen oft ausser Haus – zuerst für den Wahlkampf, dann für den Dienst am Vaterland als Soldat, schliesslich in der Session als frisch gewählter Nationalrat.
Er blickt in seine Agenda im PC. Es war viel los in letzter Zeit: Er wurde umschwirrt von den Medien, war in der «Arena», im «Club», auf Tele Bärn, in Zeitungen und Zeitschriften, dann folgte die erste Fraktionssitzung mit der FDP, der Auftakt zur Wintersession. «Das Echo war gigantisch.» Früher, als Parlamentarier im Berner Stadtrat, musste er sich bemühen, wahrgenommen zu werden. Nun wollten alle etwas von ihm. Er eilte von Termin zu Termin, um immer wieder dasselbe zu sagen. «Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich mich besser organisiert», übt er Manöverkritik. «Statt mich mit Dutzenden von Journalisten zu Einzelgesprächen zu treffen, hätte ich eine Pressekonferenz abgehalten.»
Um seine zeitliche Belastung durch die Politik abschätzen zu können, hat Wasserfallen alle bekannten Daten in seine Agenda eingegeben und dann im Excel berechnet, welcher Aufwand ihn erwartet. Er kam auf 40 Prozent. «Mit der Vorbereitung und den Medienterminen dürften es jedoch eher 60 Prozent sein.» Er hat deshalb im Berner Stadtrat seinen Rücktritt eingereicht und sein Pensum an der Fachhochschule auf 40 Prozent reduziert. «Ich kann zum Glück Beruf und Politik gut kombinieren», sagt Wasserfallen. Die meisten seiner Kollegen arbeiten Teilzeit und machen eine Zusatzausbildung. «Die studieren, ich politisiere.» Mit dem Unterschied, dass der Politiker auch einen Lohn bekommt: Als Nationalrat wird er eine Entschädigung von rund 100 000 Franken bekommen. Das gibt zusammen mit dem Berufslohn einiges mehr als die gut 60 000 Franken, die er bisher verdiente.
Im lichtdurchfluteten Grossraumbüro stehen eine Wandtafel mit Schaltbildern und Formeln, Arbeitspulte und Gestelle. Das Ambiente ist nüchtern und funktionell – so wie man es bei Ingenieuren erwartet. Man findet kaum Persönliches, bis auf einen Zeitungsausschnitt an der Wand, der Wasserfallen auf seiner Vespa zeigt, und ein Flugblatt mit seinem Wahlkampfslogan: «Nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts!» Auf der Drehbank steht seine Diplomarbeit: ein spezieller Elektromotor zum Schleifen von Keramik, zum Beispiel von Kugeln für künstliche Hüftgelenke. Ausserdem arbeitet der Maschinenbauingenieur an einem System zur automatischen Erfassung und Sortierung von Wachstumsdaten von Fischen in Aquakulturen. Es soll unter anderem in der neuen Störzucht in Frutigen zum Einsatz kommen.
Mehr als das Tüfteln im stillen Kämmerlein interessiert ihn die Anwendung in der Praxis. Wäre er nicht gewählt worden, hätte er wohl einen Master in Wirtschaft gemacht. «Ich bin eher ein Machertyp. An einer Universität in einem Büro zu schmoren, wäre meine Sache nicht.» Statt in der Wirtschaft möchte er sein Fachwissen als Ingenieur nun in die Politik einbringen. Speziell interessiert ihn die Energie- und Umweltpolitik, die er nicht einfach den Grünen überlassen möchte. Im Unterschied zu diesen ist er ein Befürworter von Atomkraftwerken. Er hofft deshalb auf einen Sitz in einer Kommission, die sich mit diesen Fragen beschäftigt.
Brigit Wyss, Grüne: Grüner Traumjob
Inzwischen hat auch Brigit Wyss mit ihrem Arbeitgeber ihr Zeitproblem besprochen. Sie arbeitet am Pro-Natura-Hauptsitz in Basel in einer grünen Oase. Keine grauen Gänge, sondern luftige Estraden verbinden die Büros, die um einen Lichthof herum angeordnet sind. Grünlilien wuchern und blühen überall, grüne Ranken stürzen sich über die Geländer. Wie die meisten Bürotüren steht auch jene von Wyss und ihrer Kollegin weit offen, als Türstopper dient der Wälzer «Erlasse des öffentlichen Rechts des Bundes».
Brigit Wyss ist Ansprechperson für Rechtsfragen bei Pro Natura. Sie berät sämtliche Sektionen der Schweiz in Rechtsfällen, arbeitet Empfehlungen aus, verfasst Rechtsschriften. Eines der Dossiers, die gerade auf ihrem Tisch liegen, ist der Puschlaver Kraftwerksstreit. Pro Natura und der WWF fordern einen umweltverträglicheren Betrieb der Wasserkraftwerke der Rätia Energie. Wegen der stark schwankenden Stromnachfrage geben die Kraftwerke schwankende Mengen Wasser in den Fluss zurück. «Wenn die Turbinen zur Spitzenproduktion hochgefahren werden, steigt der Abfluss so rasch, dass die Strömung Flusslebewesen und Fischeier mit sich fortreisst», erklärt Wyss. Vor dem Bündner Verwaltungsgericht sind die beiden Umweltverbände abgeblitzt. Nun gelangen sie mit einer Beschwerde ans Bundesgericht.
«Das hier ist mein Traumjob», sagt Wyss. Zur Juristerei ist sie erst auf dem dritten Bildungsweg gekommen. Nach der Schulzeit machte die Bauerntochter aus dem 500-Seelen-Dorf Lüsslingen eine Lehre als Schreinerin. Nach ausgiebigen Reisen in Nord- und Südamerika jobbte sie als Schwesternhilfe und liess sich schliesslich zur Psychiatrieschwester ausbilden. Sie lernte ihren Lebenspartner Stelios kennen, ihr Sohn Dimitri kam zur Welt, und nach einer einjährigen Babypause beschloss sie mit 30, die Matur nachzuholen und zu studieren. «Mein Traum war eigentlich Meeresbiologie», sagt die 47-Jährige. «Aber in einem Binnenland und in meinem Alter… Nun ja, die Vernunft hat gesiegt, ich wurde Juristin.»
Das Telefon klingelt. Brigit Wyss nimmt ab, parliert abwechslungsweise auf schweizerdeutsch, hochdeutsch und französisch. «Ich gebe dir dann Bescheid. Oui, bien sûr.» Kaum hat sie den Hörer aufgelegt, streckt der Chef den Kopf herein. «Wollen wir?» – «Ich komme.» Sie schnappt sich Papier und Kugelschreiber und folgt ihm in sein Büro. Es geht um die neue Stelle, die ausgeschrieben werden soll. Schon vor den Wahlen war beschlossen worden, Brigit Wyss eine weitere Juristin im Teilzeitpensum zur Seite zu stellen. Nun, da sie zugunsten der Politik von 60 auf 40 Prozent reduzieren möchte, wird das neu zu vergebende Pensum entsprechend aufgestockt. Brigit Wyss ist froh um diese elegante Lösung und rechnet es ihrem Arbeitgeber hoch an, dass er so flexibel auf ihren politischen Karrieresprung reagiert. Denn für sie ist klar, Wahl hin oder her: «Meine Arbeit hier will ich auf keinen Fall aufgeben.»
Daniel Jositsch, SP: Die Studenten bei Laune halten
Es ist Montagnachmittag, der Gong im Hauptgebäude der Universität Zürich schlägt Viertel nach vier. Im Hörsaal G 209 beginnt das trocken angekündigte «Kolloquium im Strafrecht II und Strafprozessrecht» von Professor Daniel Jositsch. Aber in den nächsten neunzig Minuten wird ziemlich oft gelacht. Was er seinen Studenten immer wieder einschärft, demonstriert er selber: selbstsicheres Auftreten und lebhafte Rhetorik. Der Hellraumprojektor summt leise, eloquent führt Jositsch vierzig angehende Juristen, mehrheitlich Frauen, durch einen Rechtsfall voller juristischer Fussangeln. Er zwingt sie zu sauberen Definitionen, quittiert eine schiefe Argumentation mit fragend hochgezogenen Brauen, lobt ein überzeugendes Votum: «Das hat die Kollegin toll gemacht, wir nähern uns dem Nobelpreis.» Und er weiss, wie man das Publikum bei Laune hält: «So finden Sie das auch im Lehrbuch», kommentiert er einen richterlichen Entscheid, «und meines Erachtens ist das falsch. Leider bin ich der Einzige, der das sagt. Aber ich bin auch fast der Einzige, der sich detailliert mit diesem Tatbestand auseinandergesetzt hat.»
Nur wer von sich überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Das wollte schon der 9-jährige Daniel, als er bei seiner Grossmutter, die in Zürich im Kreis 4 wohnte, vom Balkon aus den kopfschüttelnden Nachbarn feurige Reden über Tierschutz hielt. Später wurde er Mitglied beim WWF und bei Greenpeace, als Student brachten ihn Umweltfragen, die Anti-AKW-Bewegung, Tschernobyl zu den Grünen. Er liebte Aktionen und die Basisarbeit an der Front, stritt in der Zürcher Bahnhofstrasse mit Frauen, die Pelzmäntel trugen – auch wenn es ihm nicht gelang, seiner eigenen Mutter klarzumachen, dass Pelz die Verkörperung des Bösen sei; erst Jahrzehnte später trug sie keinen mehr.
Weil er die Nein-Parole der Grünen zum EWR 1992 für verfehlt hielt und es leid war, dass sich die Partei bei den meisten Themen – ausser beim Umweltschutz – in Grundsatzdiskussionen aufrieb, trat er 2000 in die SP ein. Dort durchlief er eine Politkarriere im Zeitraffer: Nach drei Monaten wurde er Mitglied der Schulpflege in Stäfa, nach einem Jahr Schulpflegepräsident, nach drei Jahren Vizepräsident der SP Stäfa, nach fünf Jahren Bezirkspräsident der SP Meilen, nach sieben Jahren Zürcher Kantonsrat und im selben Jahr schliesslich Nationalrat. Das ist eine typische Laufbahn für einen Schweizer Parlamentarier. Aber trotz dem hohen Tempo ist der 42-Jährige kein Jungpolitiker. Denn zuerst machte er Karriere in seinem Beruf: Studium der Jurisprudenz in St. Gallen, Geschäftsführer der Schweizer Handelskammer in Kolumbien, Anwalt in Zürich, Habilitation, Professor für Strafrecht – und daneben Militärdienst bis zum Major. Für Ferien blieb da nicht viel Zeit, aber Ferien mag er sowieso nicht. «Da halte ich es mit Nietzsche: Existieren ist Reisen genug.»
Andrea Geissbühler, SVP: Pfefferspray gegen Autonome
Drei Duro-Mannschaftswagen der Schweizer Armee biegen mit Blaulicht in die Berner Spitalgasse ein, halten vor dem Käfigturm und spucken 30 Kantonspolizisten in blauen Kombis mit Schutzhelmen aus. Ein Jugendlicher fasst seinen Kollegen am Arm. «Hey, komm, jetzt wird’s uncool hier.» Die Polizisten nehmen Aufstellung am oberen Ende der Marktgasse. In zwei Reihen, die Rücken einander zugewandt, sperren sie die Gasse bis unter die Lauben in beide Richtungen, Schutzschilde in der Hand, jeder dritte oder vierte mit einem Gummischrotgewehr bewaffnet.
Rechts aussen in dieser Reihe steht Andrea Geissbühler, breitbeinig, mit ernstem, ruhigem Gesicht. Mitten auf der Gasse steht ein 9er-Tram, still und leer. «Fuck Capitalism!» hat jemand draufgeschmiert. Bern gleicht einer belagerten Stadt. Mit einem gewaltigen Polizeiaufgebot soll an diesem Samstag eine unbewilligte Anti-WEF-Demo im Keim erstickt werden. Andrea Geissbühlers Beine stecken in Schienbein- und Knieschonern, schusssichere Weste und Schulterschoner beulen ihren Overall aus. Sie hält einen Schutzschild, an ihrem rechten Oberschenkel ist die Gasmaske festgeschnallt. «Das ist doch die Junge von der SVP», sagt ein Mittdreissiger mit Hornbrille zu seinen beiden Begleitern. Sie drehen die Köpfe.
Andrea Geissbühler ist über Umwege zur Polizei gekommen. Die 31-Jährige hatte die Bäuerinnenschule besucht und als Spitex-Angestellte gearbeitet, bis sie das Mindestalter für die Ausbildung zur Kindergärtnerin erreichte. Nach dem Seminar übernahm sie Stellvertretungen, liess sich berufsbegleitend zur Reitpädagogin ausbilden und betreute schliesslich zwei Dutzend Kinder in der Reittherapie. Dann, vor zweieinhalb Jahren, meldete sie sich zur Aufnahmeprüfung für die Polizeischule. 19 von 180 Bewerberinnen und Bewerbern wurden aufgenommen, sie gehörte dazu. Warum zur Polizei? «Ich hatte den Eindruck, bei der Polizei Missstände und Ungerechtigkeiten direkter anpacken zu können und damit mehr für die Gesellschaft zu tun als in meiner bisherigen Arbeit», sagt sie. Das ist es, was Geissbühler will: für die gute Sache einstehen, für klare Werte und die Gesetze. Ende 2006 schloss sie die Polizeischule ab und ist seither auf dem Polizeistützpunkt West in Bümpliz stationiert.
Anders als die Kollegen links und rechts trägt sie keinen blauen Helm, sondern einen weissen mit orangerotem Kreuz. Sie ist als Sanitätspolizistin eingeteilt und hat darum heute weder Schlagstock noch Schusswaffe, sondern einzig einen Pfefferspray bei sich, um sich im Notfall verteidigen zu können. Angst habe sie keine, sagt sie.
Inzwischen ist es fünf Uhr nachmittags, Andrea Geissbühler und ihre Kollegen bahnen sich vor dem Zytgloggeturm einen Weg durch die Schaulustigen. Drei vergitterte Polizeifahrzeuge blockieren die Kramgasse. Ein paar Dutzend Leute skandieren Parolen: «Wipe out WEF! Wipe out WEF!» Unter den Lauben stellt Geissbühler kurz den Schutzschild ab und streckt ihren Rücken. Sie ist müde. Die letzte Woche war übervoll mit Terminen und Sitzungen, wie lange das hier heute dauert, weiss keiner, und morgen hat sie auch noch Nachtschicht. Ein Wasserwerfer, blau und bullig, fährt auf, Gejohle, Pfiffe und Applaus. Polizisten hieven ein wild um sich schlagendes Mädchen in einen Kastenwagen. «Ihr huere Soumäge!» brüllt sie. «Fünfzehn gegen ein Meitschi!» schimpft einer auf die Polizisten ein. «Faschos!» doppelt ein anderer nach.
Pius Segmüller, CVP: Walliser Fifa-Connection
Mit Riesenschritten durchmisst Pius Segmüller die mit blauschimmerndem brasilianischem Marmor ausgelegte Lobby am Hauptsitz des Weltfussballverbands auf dem Zürichberg. Drei Wochen vor seiner Wahl in den Nationalrat hat er bei der Fifa seine neue Stelle als Sicherheitschef angetreten. Mittlerweile kennt er sich schon recht gut aus in diesem weitverzweigten, 240 Millionen Franken teuren Tempel der Fussballfunktionäre, mit Büros für 250 Mitarbeiter, Konferenzräumen, Auditorien, Andachtsraum und einem mit Lapislazuli und Edelhölzern ausgestatteten Saal für das Exekutivkomitee. Die Pracht scheint den Asketen Segmüller nicht gross zu beeindrucken – opulent war das Ambiente auch an seinem früheren Arbeitsplatz im Vatikan.
Segmüller ist verabredet mit einem Bekannten aus dem Militär, der sich für seine neue Aufgabe interessiert – und allenfalls für ein kleines Mandat für sich selbst. Für die Besprechung hat er ein Konferenzzimmer im ersten Stock reserviert, mit Blick auf ein beflaggtes Fussballfeld, dessen Kunstrasen sattgrün leuchtet. An der Wand hängt ein Foto, das Priester in Kutten beim Fussballspielen zeigt, auf einem zweiten Bild kickt ein Mann einen Ball durch den Hof einer Moschee. «Nicht einmal die Uno hat so viele Mitgliedländer wie die Fifa», beginnt Segmüller das Gespräch. «Die Fifa organisiert die Fussballweltmeisterschaft. Aber nicht nur das: Sie setzt sich ein für die Reputation des Fussballs und will dazu beitragen, dass es der Welt bessergeht.» Sicherheit sei dabei ein wichtiges Element. «Es soll nichts passieren, was den Ruf des Fussballs schädigen könnte, keine Ausschreitungen, keine Korruption, kein Doping.»
Er erhebt sich aus dem Ledersessel und geht an das Flipchart. Auf dem Papier sind die Linien eines Fussballfelds gedruckt. In den Strafraum schreibt er seinen Auftrag: innere Sicherheit, äussere Sicherheit, Koordination mit Verbänden, Behörden, Medien und Sponsoren. Der Auftrag schliesst die Sicherheit des Präsidenten und seiner Gäste ein, die Sicherheit an Anlässen, aber auch den Schutz vertraulicher Informationen. Segmüllers Gast nickt und spielt ihm einen Pass zu: «Es ist natürlich wichtig, dass einer all das koordiniert.» – «Ja, genau. Zehn Stellen befassen sich mit diesen Fragen. Aber es fehlte bisher ein Dach, eine Person, bei der alle Fäden zusammenlaufen.» Als Sicherheitschef soll Segmüller diese Person sein. Zuerst einmal wird er ein Konzept für alle Sicherheitsbereiche erarbeiten. Für den Schutz von wichtigen Personen, so viel ist für ihn bereits klar, braucht es nicht nur bullige Bodyguards, sondern absolut verlässliche Leute mit vielen Fähigkeiten, zum Beispiel auch medizinischen. «Ideal», sinniert er, «wären eigentlich Schweizergardisten.»
Es war der Fifa-Präsident Sepp Blatter persönlich, der Segmüller den Job als Sicherheitschef anbot. Die beiden kennen sich ebenfalls aus dem Militär, und beide sind Walliser – Segmüller seit seinem Einsatz als Chef der militärischen Katastrophenhelfer in Randa, der ihm mit dem Walliser Ehrenbürgerrecht gedankt wurde. Ausschlaggebend war freilich Segmüllers Erfahrung mit Sicherheit: Der Sekundarlehrer hat in der Armee, in der Verwaltung und bei der Polizei gewirkt. Im Frühling 2007 quittierte er den Dienst als Kommandant der Luzerner Stadtpolizei wegen Meinungsdifferenzen mit der SP-Polizeidirektorin. Er dachte daran, sich selbständig zu machen, und beschloss, als Nationalrat zu kandidieren. Wenig später bot ihm Blatter die Stelle an. Das Angebot interessierte ihn, aber er zweifelte auch: Würde sich das mit der Politik vereinbaren lassen? Sollte er lieber auf die Kandidatur verzichten? Doch Blatter sagte: «Nein, mach es, wir nehmen dich trotzdem.» Zeitlich gibt es allerdings bisweilen Probleme. Aber in seinem persönlichen Umfeld kennt er den einen oder anderen, der ihn unterstützen und entlasten könnte. Punkt 12 Uhr dislozieren der Sicherheitschef und sein Gast in ein nahes Restaurant zum Businesslunch. Für ein Gespräch unter vier Augen.
Brigit Wyss, Grüne: Kein Weichei
Am Sitz des WWF Schweiz an der Zürcher Hohlstrasse lauscht Brigit Wyss den Ausführungen eines VCS-Vertreters zu aktuellen Verbandsbeschwerdefällen. Hie und da notiert sie ein Stichwort auf einen Zettel. Vertreter von 16 Schweizer Umweltorganisationen, von Greenpeace bis zu den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz, haben sich zu einer Tagung zum Thema Verbandsbeschwerderecht eingefunden. Als der Redner mit Applaus verabschiedet wird, steht Brigit Wyss auf. Als Juristin bei Pro Natura ist sie eine von sechs Teilnehmern des folgenden Podiumsgesprächs. Kurz und bündig erklärt sie dem Publikum, wie Pro Natura Änderungen im Verbandsbeschwerderecht in der Praxis umsetzt.
Beim anschliessenden Stehlunch unterhält sich Brigit Wyss mit Christof Dietler, dem Koordinator der Allianz für das Verbandsbeschwerderecht, über den aggressiven Stil eines Redners am Vormittag.
«Man kann seinen Standpunkt doch auch vertreten, ohne den Gegner schlechtzumachen», findet sie. Respekt für den Gegner ist ihr wichtig. Im Kantonsrat hat sie den Ruf, auch jenen aufmerksam zuzuhören, die andere politische Ansichten haben als sie.
«Manchmal spielt allein die Wortwahl eine grosse Rolle», stimmt ihr Dietler zu.
«Nicht wahr? Ich stehe ja auch dezidiert zu meiner Meinung, ich bin beileibe kein Weichei.»
«Stimmt. Aber du hast eine andere Art, etwas Bodenständiges. Und du bist nicht rechthaberisch.»
Auf dem Rückweg vom Buffet schnappt sich Brigit Wyss zwei Sektionsleiter von Pro Natura. «Was machen wir eigentlich in Sachen Windanlagen? Da waren einige Artikel in der Presse.» Die beiden wissen nicht mehr als Wyss selbst. Sie nimmt die Sache deshalb gleich in die Hand: «Wir müssen uns so bald wie möglich zusammensetzen und eine gemeinsame Linie finden. Ich werde mich darum kümmern und die wichtigen Leute anfragen.»
Die Häppchen auf ihrem Teller werden allmählich kalt. Da kommt eine Tagungsteilnehmerin auf sie zu: «Ja was, du bist jetzt im Nationalrat?! Wir wussten gar nicht, dass du kandidierst.» Brigit Wyss lächelt. Während des Wahlkampfs hat sie das Politische strikt vom Beruflichen getrennt. Ihre Kandidatur war für sie bei der Arbeit kein Thema, und umgekehrt verlor sie im Wahlkampf kein Wort über ihren Arbeitgeber. «Jetzt werden diese Verbindungen allmählich öffentlich.»
Daniel Jositsch, SP: Ich bin ein Vereinsmeier
Daniel Jositsch sitzt hinter seinem Schreibtisch im Rechtswissenschaftlichen Institut. Sein Büro verrät nichts über ihn, es wirkt, als sei jemand gerade dabei, ein- oder auszuziehen. Die Bücherregale sind halbleer, ein paar Bilder achtlos aufgehängt, im Vorzimmer steht ein langer Sitzungstisch, ein Sofa, auf dem er manchmal übernachtet, wenn es spät wird, ein Kleiderständer. «Solche Äusserlichkeiten nehme ich gar nicht wahr», sagt er, «ich habe auch nie gemerkt, wenn zu Hause neue Gardinen hingen.»
Es ist 11 Uhr morgens, und er hat schon ein beachtliches Arbeitspensum hinter sich. Wie immer ist er um 5 Uhr aufgestanden, hat ein Glas Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen, dazu die Zeitungen durchgeschaut und ist dann um 6.23 Uhr in Stäfa in die S-Bahn gestiegen, die ihn in 22 Minuten nach Zürich Stadelhofen brachte. In einer Viertelstunde ist er zu Fuss im Büro, wo er sich als erstes einen Kaffee macht. Zwischen 7 und 10 Uhr erledigt er die wichtigsten Tagesgeschäfte und spricht mit seiner Sekretärin Termine ab.
Jositsch klopft auf das dicke Buch auf seinem Pult: «Meiner Agenda kann ich zu 100 Prozent vertrauen.» Einmal im Monat verbringt er einen halben Tag mit ihr, portioniert alle Projekte säuberlich in termingerechte Happen, organisiert die Arbeit seiner drei Assistentinnen, die beruflichen Aufgaben (das Pensum an der Uni hat er nach seiner Wahl reduziert), die politischen Verpflichtungen. Die hat er zuhauf, bei all seinen Ämtern: Bezirkspräsident der SP Meilen, Sektionspräsident der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz, Vorstandsmitglied des Kaufmännischen Verbands Zürich. «Ich bin ein Vereinsmeier», sagt er, «und da, wo ich mitmache, tue ich es am liebsten in der Chefetage.»
Aber nicht als Chef, der delegiert und sich dann bequem zurücklehnt. Seine Agenda ist voller Termine, an denen er bereitwillig Basisarbeit leistet. «Am nächsten Samstag um 9 Uhr bin ich an einer Standaktion in Stäfa», zeigt er auf einen Eintrag, «da machen wir etwas zur Dividendenbesteuerungsabstimmung. Aber ich kann nur bis 11 bleiben, dann hole ich meinen dreijährigen Sohn bei meiner Schwägerin ab und fahre nach Herrliberg, zur Dreissigjahrfeier der SP, da halte ich als Bezirkspräsident natürlich eine Rede.»
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