NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Antonias Traum

© Christian Känzig, Zürich
Antonia Limacher, die mit ihrem Lebens- und Arbeitspartner Peter Freiburghaus das Komiker-Duo Fischbach bildet, lebt in einem Bauernhaus im luzernischen Hellbühl. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ALS ICH ZUM ERSTENMAL hierherfuhr, war ich aufgeregt wie vor einem Bühnenauftritt. Da versprach völlig aus dem Off mein Wunschtraum Wirklichkeit zu werden. Ich hatte ohne grosse Hoffnung auf ein Chiffre-Inserat geschrieben: 9-Zimmer-Bauernhaus im Rottal, mit Garten, zu erschwinglichem Preis. Und dann rief mich, als ich von der Tournee zurück war, ein Herr Limacher an. Ich dachte erst, das wird irgendein Cousin sein, den ich nicht kenne, und sagte auch: Limacher. Es war dann aber der Bauer von hier, der gleich hiess wie ich, und ich hatte sofort ein gutes Gefühl. Als er mir den Weg hierher beschrieb und sagte, das Haus liege an einem Ort zwischen Rusmu und Höubu, verstand ich zwar zunächst kein Wort und dachte: das finde ich nie.

Als wir, mein Lebenspartner und ich, am nächsten Tag herfuhren, bangte ich: bestimmt steht das Haus an einer Strasse. Ich habe zwei Katzen, und ich würde das schönste Haus nicht nehmen, wenn es an einer Strasse steht. Dann führte uns zwischen Ruswil und Hellbühl der Wegweiser immer weiter von der Hauptstrasse weg, und mein Herz begann zu klopfen. Und wie wir ans Haus heranfuhren, jubelte ich. Dann zeigte uns Maria Limacher - Josef und Maria heissen die beiden, ist das nicht wunderbar? - das Haus, und Peter und ich schauten einander an, und es war, als hätten wir zwei schon immer ein gleiches Bild in uns gehabt.

Der Bauer wollte bald Bescheid, und wir riefen ihn noch am selben Abend an. Maria war am Telefon und sagte: Mouw. Da seien zwar noch andere gewesen, aber wir seien ihnen schon recht. Als wir einzogen, an einem kalten und feuchten Frühsommertag, brannte ein Feuer im Herd! Das ist doch wunderschön: man zieht in ein Haus ein, und da brennt schon ein Feuer und riecht auch noch wunderbar.

Josef und Maria und ihr Sohn bewirtschaften den Hof. In diesem Haus haben früher Josefs Eltern gewohnt, es wurde vor unserem Einzug vor gut zwei Jahren renoviert. Später wird da einmal der Sohn einziehen. Das bedeutet, dass wir von hier auch wieder einmal wegziehen müssen. Wir sind uns dessen bewusst. Aber ich weiss, dass ich wieder etwas finde, das für mich stimmt. Was zu mir kommen will, das kommt auch zu mir. Da bin ich überzeugt, und das war in meinem Leben immer so.

Es gab Zeiten, da hatte ich mehrere Haushalte. Ausgelöst von einer Lebenskrise, durch eine Veränderung, einen neuen Lebenspartner. Ich wusste gar nicht mehr, wo meine Seele, wo mein Zuhause war. Es war alles in einem luftigen Zustand. Das ist mir nicht bekommen. Und jetzt habe ich alles an einem Ort, alles unter einem Dach. Den Musikraum, alle meine Kleider. Im Estrich den Proberaum. Das Büro und die Werkstatt. Für jeden von uns ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer. Ein Zimmer, in dem ich bügeln und das Bügelbrett stehenlassen kann. Das ist auch Qualität, wenn man in einem Zimmer nicht alles immer gleich wieder wegräumen muss. Ich bin zwar ordentlicher geworden als früher, als ich immer so viel Zeit mit Suchen verlor. Jetzt nehme ich die Dinge in die Hand und frage jedes: wohin gehörst du? und bestimme: hierhin!

Und hier habe ich einen Garten, und die Katzen können ins Freie und über den Birnbaum wieder herein.

Wenn ich nicht spiele, auf Tournee bin, bin ich meist hier. Dann bin ich gern in dieser Stube. Hier gibt es ein Feuer, es ist ja nicht überall im Haus warm. Hier lese ich, höre Musik, hier finde ich meine Ruhe.

Mein Partner hat noch eine andere Wohnung, das ist wichtig. Wenn man auch künstlerisch zusammenarbeitet, braucht man viel Raum. Sonst geht man einander auf die Nerven. Und so hat jeder noch etwas zu erzählen, wenn er nach Hause kommt. Peter wohnt in einer städtischen Umgebung, das ist reizvoll. Denn ich kann die Stadt auch geniessen, aber es wird mir dort rasch alles zuviel, die Reize nutzen sich schnell ab. Das hier, diese Beschaulichkeit, die Stille, die Landschaft, das alles nutzt sich nie ab. Es hat so etwas Tröstliches. Wenn ich am Morgen zuschauen kann, wie die Nacht aufhört und der Tag kommt. Der Wind, die Gerüche. Im Sommer sind rund ums Haus Kühe, sie glöggeln mich nachts in den Schlaf. Die Tiere werden ja auch ruhiger in der Nacht.

Im März gehen wir für neun Monate mit dem Zirkus Knie auf Tournee. Für diese Zeit werden wir je einen Wohnwagen haben. Zu zweit auf so kleinem Raum, und dann noch jeden Tag zusammen arbeiten, neun Monate lang, das ginge nicht gut. Wir sind ja keine Zirkusleute und nicht gewohnt, so nah aufeinander zu leben. Manchmal habe ich Herzflattern in der Nacht, weil ich noch nicht weiss, wie das sein wird. Dass der Wohnwagen immer in der Nähe sein wird, wenn es mir vielleicht einmal nicht so gut geht und ich mich zurückziehen möchte, erleichtert mir den Gedanken daran. Ich werde ihn mir schön einrichten, auch Bilder mitnehmen von hier. Nein, nicht das hier von Peter Wyssbrod, aber zwei kleinere von ihm. Und das, das ich letzte Woche extra für den Wohnwagen gekauft habe. Pic, der Clown, der schon zweimal mit Knie auf Tournee war und auch einer ist, der sich gern zurückzieht, sagte: Ihr werdet sehen, ihr habt es gut im Zirkus, ihr seid aufgehoben dort.

Jetzt lasse ich es mir hier noch ein bisschen gut gehen, ich muss ja schauen, dass ich dann in einem guten Zustand bin. Ich geniesse die Stille noch jeden Moment, ich sauge sie richtig ein.»


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