NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Freier Wille und Bestimmung

© Wim Wenders
Bei Silver City, New Mexico, 1983. Linktext
Ist der Mensch Herr seiner Entscheidungen? Seit der Antike beschäftigen sich Denker und Wissenschafter mit dieser Frage. Hirnforscher glauben nun, die Antwort drauf gefunden zu haben.

Von Michael Pauen

Sind Menschen prinzipiell in der Lage, selbst über ihr Tun und Lassen zu entscheiden? Die dramatischen Entwicklungen in der Hirnforschung haben zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dieser Frage geführt, die nunmehr seit einigen Jahren andauert. Vielfach wird behauptet, naturwissenschaftliche Befunde hätten unsere Vorstellungen von Freiheit und Verantwortung endgültig widerlegt: Menschen seien nicht freier als Fledermäuse oder Computer, menschliches Verhalten sei durch Herkunft und Erziehung festgelegt, daher könne auch von menschlicher Verantwortung keine Rede sein. Die Idee ist nicht neu – schon in der Antike befasste man sich mit dem Problem der Willensfreiheit, die Materialisten des 19. Jahrhunderts entwickelten sogar die bizarre Idee, menschliches Verhalten werde vor allem durch die Ernährung festgelegt.

Die Heftigkeit, mit der die Auseinandersetzung in der Gegenwart geführt wird, zeigt, dass Freiheit uns wichtig ist, sehr wichtig sogar. In der Tat: Mit der Freiheit steht und fällt unser Selbstverständnis als verantwortlich handelnde Personen; es ist daher nur konsequent, wenn eine Revolution unseres Menschenbildes angekündigt wird. Müssten wir uns tatsächlich auf eine Stufe mit Computern und Fledermäusen stellen, dann wäre nicht nur unsere Idee, unser eigenes Tun und Lassen bestimmen zu können, als eine hoffnungslose Illusion erwiesen. Entfallen würde auch die Legitimation dafür, einander zu loben und zu tadeln und einander, wenn es ganz schlimm kommt, ins Gefängnis zu stecken. Ausserdem könnten wir uns dann nicht mehr jene Freiheits- und Entscheidungsspielräume zugestehen, bei denen wir voraussetzen, dass sie mit Verantwortung genutzt werden.

Doch kann es wirklich sein, dass wir uns so sehr in uns und unseren Fähigkeiten getäuscht haben? Wie sollte eine Gesellschaft funktionieren, in der man sich diese Handlungsspielräume nicht zugesteht, in der man niemanden für sein Tun verantwortlich machen und niemandem seine Leistungen zugute halten könnte? Schliesslich: An wen erginge eigentlich die Aufforderung, sich gegenseitig in Zukunft nicht verantwortlich zu machen? Indem wir sie aussprechen, setzen wir doch schon voraus, dass die Adressaten prinzipiell in der Lage sind, verantwortlich zu handeln. Es regt sich also der Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmt mit den Behauptungen über die bevorstehende Revolution unseres Menschenbildes und den unausweichlichen Verzicht auf Freiheit und Verantwortung, Schuld und Verdienst. Doch worin besteht der Fehler?

Beginnen wir bei der Idee einer «Revolution unseres Menschenbildes». Die Idee ist nicht neu. Schon Freud hatte die Wissenschaftsgeschichte als eine Folge von «Kränkungen» des menschlichen Narzissmus bezeichnet: Kopernikus vertreibt den Menschen aus dem Zentrum des Kosmos, Darwin beraubt ihn des Vorrechts, von Gott geschaffen zu sein, und schliesslich zeigt Freud, der sich selbst in aller Bescheidenheit auf dem Höhepunkt dieser Kränkungen verortet, dem Menschen, dass er noch nicht einmal der Herr im eigenen Haus ist.

Doch so schön die Geschichte klingen mag: Schon die kopernikanische Kränkung ist ein Mythos. Im mittelalterlichen Weltbild befand sich die Erde nämlich auf der untersten Stufe der kosmischen Hierarchie. Darüber zogen die Planeten ihre Bahnen, weiter oben leuchteten die Fixsterne, und ganz in der Höhe herrschten die himmlischen Heerscharen. Die kopernikanische Wende bewirkte die Erhebung der Erde vom niedersten Rang der kosmischen Hierarchie in den wesentlich höheren eines Planeten – ausdrücklich wird dies zum Beispiel von Galilei betont. Auch die Fortschritte der Biologie im 19. Jahrhundert führten letztlich keineswegs zu einer Kränkung des menschlichen Narzissmus, im Gegenteil: Die Biologie konnte nämlich die Unterschiede zwischen der belebten und der unbelebten Natur wesentlich besser erklären als etwa die Theorie der Lebenskraft; genauso gibt der Darwinismus mehr Aufschlüsse über die Entstehung des Menschen als der Verweis auf einen göttlichen Schöpfungsakt.

Doch selbst wenn die wissenschaftliche Entwicklung in der Vergangenheit nicht zu Zweifeln an unserem Menschenbild geführt hat – die modernen Neurowissenschaften machen hier offenbar eine Ausnahme. Nach einer weitverbreiteten Auffassung zeigen nämlich die Resultate der Neurowissenschaften, dass Freiheit und Verantwortung blosse Illusionen sind. Vertreter dieser Auffassung berufen sich zum einen darauf, dass Prozesse im menschlichen Gehirn deterministisch ablaufen und daher keinen Raum für Freiheit und Verantwortung lassen. Zweitens verweisen sie auf konkrete Experimente, die offenbar die Willensfreiheit widerlegen.

Was ist von diesen Behauptungen zu halten? Die erste setzt voraus, dass Freiheit und Determination einander ausschliessen. Diese Voraussetzung mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Tatsächlich wird dabei übersehen, dass auch deterministische Naturgesetze nicht bestimmen, sondern nur beschreiben, was passiert: Galilei hat die Fallgesetze entdeckt und nicht erlassen. Die Strassenverkehrsordnung mag manchen dazu zwingen, langsamer zu fahren, als er es eigentlich gern täte, doch die Gravitationsgesetze zwingen keinem Planeten eine Bahn auf, die er nicht will.

Umgekehrt führt die Aufhebung der Determination nicht zu einem Gewinn an Freiheit, sie verschafft dem Handelnden nicht mehr, sondern weniger Einfluss auf sein Tun – eine nicht determinierte Entscheidung kann eben auch durch den Handelnden nicht determiniert sein. Sie hängt nicht mehr von der Person, sondern nur noch vom Zufall ab. Das aber kann unangenehme Konsequenzen haben: Selbst wenn man überzeugt ist, dass Diebstahl verwerflich ist, kann der Zufall dafür sorgen, dass man plötzlich doch etwas in der Jackentasche verschwinden lässt.

In der Tat: Die Aufhebung der Determination führt nicht zu mehr Freiheit, sondern zu weniger Kontrolle. Vor allem von Verantwortung wäre dann keine Rede mehr: Mit welchem Recht könnten wir jemanden für eine Handlung zur Rechenschaft ziehen, die seiner Kontrolle entzogen war? Können wir jemanden bestrafen, nur weil die Neuronen in seinem Gehirn zufällig eine Körperbewegung ausgelöst haben, die zu einem Gesetzeskonflikt führte?

Wenn Freiheit nicht durch die Abwesenheit von Determination zustande kommt – wie entsteht sie dann? Wie die obigen Beispiele zeigen, kommt es darauf an, dass die Handlung nicht durch äussere Umstände, nicht durch Zwänge und nicht durch Zufälle bestimmt wird, sondern durch den Handelnden selbst! Freiheit lässt sich in Selbstbestimmung übersetzen, eine Übersetzung übrigens, die auch in der Alltagssprache sehr weit verbreitet ist. So sprechen wir oft davon, dass Befreiungsbewegungen für die Selbstbestimmung ihres Volkes kämpfen.

Bei einzelnen Handlungen kann man von Selbstbestimmung sprechen, wenn sie durch die Wünsche, Überzeugungen und Charakterdispositionen des Handelnden selbst bestimmt werden. Umgekehrt wird die Selbstbestimmung beeinträchtigt, wenn Faktoren Einfluss auf die Handlung gewinnen, die nicht der Person selbst zuzurechnen sind.

Solche Einflüsse müssen nicht unbedingt ausserhalb des Körpers zu suchen sein, vielmehr kann Freiheit auch durch physische oder psychische Abhängigkeiten beeinträchtigt werden. Ist dies jedoch nicht der Fall, dann wird man mit Fug und Recht davon sprechen, dass die Handlung frei – und damit selbstbestimmt – ist. Natürlich fällt

es uns noch schwer, eine auf neuronalen Mechanismen basierende Entscheidung als unsere eigene Entscheidung zu betrachten – doch genau das ist die Konsequenz, wenn wir akzeptieren wollen, dass in unserem Gehirn dieselben Naturgesetze gelten wie in der übrigen Natur.

Schwerfallen dürfte vor allem die Vorstellung, unsere Gedanken, Wünsche und Überzeugungen seien durch die Aktivität von Nervenzellen realisiert. Der Grund liegt vermutlich darin, dass wir diesen Zusammenhang bisher nicht wirklich verstanden haben. Sollten wir die Mechanismen allerdings irgendwann einmal durchschauen, dürfte es uns zumindest leichter fallen, zu akzeptieren, dass es unsere eigenen Wünsche und Überlegungen sind, die da durch neuronale Prozesse realisiert werden.

In jedem Falle schränkt diese neuronale Realisierung unsere Freiheit nicht ein, vielmehr dürfte sie eine notwendige Bedingung von Freiheit bilden: Genauso wenig, wie ein Computerprogramm ohne die erforderliche Hardware funktioniert, können unsere Gedanken oder Überzeugungen ohne eine solche neuronale Realisierung wirksam werden.

Wenn Neurobiologen von dem illusionären Charakter von Freiheit sprechen, beziehen sie sich häufig auf die Untersuchungen des amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet. In Libets berühmtestem Experiment hatten die Versuchspersonen die Aufgabe, willentlich eine bestimmte Hand zu bewegen und mit Hilfe einer speziellen Uhr den genauen Zeitpunkt des Entschlusses zu dieser Bewegung festzustellen. Libet leitete gleichzeitig das sogenannte Bereitschaftspotential ab, das Aufschluss über die Einleitung einer willentlichen Handlung auf der neuronalen Ebene gibt. Dabei stellte sich heraus, dass das Bereitschaftspotential etwa 300 Millisekunden vor der bewussten Willensentscheidung einsetzt. Häufig wurde dies so interpretiert, dass das Gehirn die Handlung schon einleitet, bevor wir unseren bewussten Entschluss fällen. Dieser Entschluss wäre dann nur eine wirkungslose Begleiterscheinung, die für die eigentliche Entscheidung viel zu spät kommt.

Mittlerweile werden die Libet-Experimente allerdings wesentlich kritischer gesehen. Neuere Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass die Zeitpunkte von Willensakt und Bereitschaftspotential nur sehr schwer zu messen sind; es ist also keineswegs klar, dass der bewusste Wille wirklich immer zu spät kommt. Ausserdem lässt das von Libet untersuchte Bereitschaftspotential noch offen, welche Hand die Probanden bewegen werden: Ihnen bleibt also noch die Wahl zwischen einer Bewegung der rechten und der linken Hand; damit besitzen sie einen ganz ordentlichen Handlungsspielraum. Ähnliche Vorbehalte lassen sich auch gegen andere Experimente vorbringen, die die Freiheitsskeptiker als Beleg nehmen. Weder die grundsätzlichen Überlegungen zur Vereinbarkeit von Freiheit und Determination noch die bisher vorliegenden Experimente erweisen also die Freiheit als Illusion. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Freies oder selbstbestimmtes Handeln ist eine Fähigkeit, von der wir tagtäglich Gebrauch machen. Besässe sie niemand, dann müssten alle Handlungen scheitern, die diese Fähigkeit voraussetzen. Autoritäre oder totalitäre Gesellschaftsmodelle müssten wesentlich erfolgreicher sein als die liberalen Gesellschaften westlichen Typs, die diese Fähigkeit in vielfacher Weise voraussetzen.

Das ist jedoch offensichtlich nicht der Fall – im Gegenteil: Die Entwicklung in den westlichen Gesellschaften der letzten Jahrzehnte zeigt, dass sich die Tendenz zur Individualisierung und zur Verlagerung der Verantwortung vom Staat zum Bürger eher noch verstärkt. Man mag seine Zweifel haben, ob diese Entwicklung gut ist, offenbar sind die meisten Menschen jedoch imstande, diese Verantwortung zu übernehmen. Es wäre daher merkwürdig, wenn psychologische oder neurowissenschaftliche Experimente zu ganz anderen Ergebnissen kämen.

Völlig zu Recht betrachten wir soziale und persönliche Freiheit als ein Privileg. Dabei wird jedoch übersehen, dass Freiheit auch eine Last sein kann. Reiches Anschauungsmaterial für die echten, aber auch für die vermeintlichen Schattenseiten der Freiheit bieten die Diskussionen, die die Etablierung des bürgerlich-liberalen Gesellschaftsmodells in den letzten zwei Jahrhunderten begleitet haben. Zum Ausdruck gebracht werden die Vorbehalte gegenüber der Liberalisierung zum Beispiel von Novalis, der bereits 1799 wehmütig auf ein romantisch verklärtes, christliches Mittelalter zurückschaut. Ein Jahrhundert später finden sie sich bei Ferdinand Tönnies, der der liberalen «Gesellschaft» die Bindung durch die religiös geprägte, organische «Gemeinschaft» gegenüberstellt.

In der Tat: Der Gewinn von bürgerlichen Freiheiten musste mit der Auflösung traditioneller Bindungen bezahlt werden, die Etablierung intellektueller Freiheit war gleichzeitig ein Verlust der Sinngebung durch religiöse und staatliche Autoritäten: Georg Lukács beschreibt das Resultat als «transzendentale Obdachlosigkeit».

Doch egal, welche Bindungen und Sinnstiftungen man nimmt – sie sind keine ernsthafte Alternative: Das Obdach, das Lukács im Kommunismus fand, werden nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts wohl nur noch wenige mit der bürgerlichen Freiheit tauschen wollen. Das christliche Weltbild früherer Zeiten erscheint nicht viel attraktiver, wenn man sich vor Augen hält, dass seine ewigen Wahrheiten zur Not mit der Verbrennung von Hexen, Ketzern und Büchern verteidigt wurden. Dieses Lamento über den Sinnverlust ist mittlerweile abgeebbt. Ihre intellektuellen Freiheiten wissen zumindest diejenigen zu schätzen, die von ihnen Gebrauch machen.

Wesentlich höher ist der Preis, den man für die Freiheit im alltäglichen Leben zahlen muss. Unser sozialer Spielraum ist grösser geworden, weil Familie, soziale Schicht, aber auch die Geschlechterrollen viel von ihrer prägenden Kraft verloren haben. Während der Lebensweg des Einzelnen in einer traditionellen Gesellschaft durch Standeszugehörigkeit, Geschlecht sowie Beruf und Bildungsstand der Eltern weitgehend festgelegt war, hat sich die Verantwortung in den liberalen Gesellschaften grossenteils auf den Einzelnen verlagert.

Dieser Zuwachs an Verantwortung kann das Individuum auch überfordern, schliesslich ist damit nicht nur ein permanenter Zwang zu Entscheidungen verbunden, die einem früher abgenommen wurden. Hinzu kommt das Risiko des Scheiterns in all den Bewährungsproben, die eine offene, leistungsorientierte Gesellschaft ihren Mitgliedern auferlegt – in der Schule ebenso wie im Beruf und im privaten Leben. Freiheit kennt also immer auch Verlierer, die ihre Chancen nicht zu nutzen wissen und in den alltäglichen Bewährungsproben versagen.

Natürlich kann dies kein Grund sein, unsere Freiheitsrechte in Frage zu stellen. Niemand kann ernsthaft daran interessiert sein, die Entwicklungsmöglichkeiten, die eine liberale Gesellschaft bietet, künstlich zu beschneiden, zumal die Alternative nur in der Etablierung neuer Schranken und Hierarchien bestehen kann, ganz egal, ob man diese in einer autoritären Gesellschaft bewusst einsetzt oder sie sich aus Mangel an Gegengewichten «von selbst» bilden.

Der unübersehbare Erfolg des liberalen Gesellschaftsmodells zeigt überdies, dass die meisten Individuen mit der Verantwortung, die ihnen die Gesellschaft aufbürdet, bei allen Schwierigkeiten letztlich doch zurechtkommen. Man kann und sollte die Ausweitung unserer Freiheit auf den verschiedensten Ebenen daher als eine Herausforderung sehen, die nicht nur Risiken, sondern auch bemerkenswerte Chancen bietet. Gleichzeitig muss man sich darüber im Klaren sein, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, diese Herausforderung zu bestehen.

Die Probleme, die die Freiheit aufwirft, erweisen sich somit als viel komplexer, als es die zuweilen etwas gar spekulative Diskussion um die Konsequenzen der Neurowissenschaften glauben machen will. Dabei besteht die Schwierigkeit nicht so sehr darin, dass uns die neuronalen Voraussetzungen für freies und verantwortliches Handeln fehlten: Dagegen sprechen philosophische Überlegungen ebenso wie eine nüchterne Interpretation der Experimente Libets. Ein weiterer Beleg ergibt sich aus der offenkundigen Tatsache, dass wir im grossen und ganzen mit den wachsenden Freiheitsspielräumen umgehen können.

Festzuhalten bleibt, dass das Gut der Freiheit nur um den Preis der Überforderung und des Scheiterns zu haben ist. Gerade wer dieses Gut zu schätzen weiss, sollte sich dieser Tatsache bewusst sein. Vor allem aber sollte er darauf achten, dass der Preis nicht nur von denen bezahlt wird, die am wenigsten von der Freiheit profitieren.

Michael Pauen ist Professor am Institut für Philosophie der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Zuletzt ist von ihm erschienen: «Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung», S. Fischer, Frankfurt 2005.

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