HEUTE ABEND IST JENNI ausnahmsweise nicht zu Hause. Aber ein kleines Licht hat sie brennen lassen. Die Rücklehne des Stuhls, auf dem sie an ihrem Computer zu sitzen pflegt, schimmert weiss, das französische Bett im Hintergrund dämmert in der Unschärfe vor sich hin, der Spiegel an der Wand lässt sich gerade noch erahnen. Ob Jenni doch nur im Raum nebenan oder in der Küche ist, um sich eine Pizza in den Ofen zu schieben? Nach zwei Minuten baut sich das nächste Bild auf, nichts hat sich verändert.
Auch Macadamia und Pistachio, Jennis Kätzchen, lassen sich nicht blicken. Erst recht nicht der lichtscheue Spree, ein Igel, der im Esszimmer in einem grossen Terrarium haust. Zum Glück haben die drei wenigstens eine E-Mail-Adresse, die Kätzchen sogar ihre eigene Homepage. Das Bild aus dem Schlafzimmer ist auch nach zwanzig Minuten noch gleich. Wahrscheinlich ist Jenni mit ihrem Freund Geofrey ausgegangen, einem sympathischen dunkelhaarigen Burschen, den sie vor ein paar Monaten kennengelernt hat. Man sieht ihn ab und zu in der Wohnung, er ist nicht kamerascheu. Aber es soll auch Momente geben, für die er Jenni bittet, die Webcam wegzudrehen oder das Licht zu löschen.
Die Geschichte zwischen Jenni und ihrer treusten Begleiterin durchs Leben, der Internetkamera Connectix Quickcam, begann vor etwas mehr als zwei Jahren. Jennifer Ringley war 19 Jahre alt und studierte Ökonomie am Dickinson College in Carlisle, Pennsylvania. Als Internet-Freak hatte sie natürlich eine eigene Homepage, auf der sie regelmässig ihre Gedanken über Gott und die Welt und ihr Jungmädchenleben veröffentlichte. Und um den Leuten auch zu zeigen, wie sie aussah, kaufte sich Jenni eine Kamera. Mit dem Internet verbundene Webcams waren nichts Neues, schon damals gab es Kultseiten wie jene der Universität Cambridge, welche die Surfer über den Pegelstand der Kaffeekanne der Informatik-Abteilung auf dem laufenden hielt. Oder die auf ein Aquarium in Kalifornien gerichtete Fishbowl-Cam. Jenni faszinierte die Vorstellung, rund um die Uhr eine Kamera in ihrer Studentenbude laufen zu lassen. Die meisten fürchten die Überwachung durch den Grossen Bruder, Jenni öffnete ihre Tür sperrangelweit und bat ihn herein. Oder vielmehr viele Kleine Brüder. Und auch einige Schwestern.
Zunächst hatte sie nur ein paar wenige Besucher auf ihrer Website, aber die Jennicam wurde schnell über den engsten Freundeskreis hinaus bekannt. Das College, das sie mittlerweile abgeschlossen hat, hatte bald Grund, über seinen überlasteten Server zu klagen. Jenni fand Fans, die ihre Server für die Jennicam zur Verfügung stellten, aber einer nach dem andern ging unter dem Ansturm der Voyeure in die Knie. Die Site hatte pro Tag mehr Besucher als die des «National Geographic Online», bei dem Jenni eine Weile jobbte, in einer Woche.
Das grosszügige Angebot eines Sponsors, der ein «inhaltliches» Mitspracherecht forderte, schlug Jenni aus. Statt dessen beschloss sie, einen eigenen Server anzuschaffen und mit Gebühren zu finanzieren. Seit Juli 1997 verlangt sie von ihren Besuchern 15 Dollar pro Jahr. Tausende haben sich davon nicht abschrecken lassen. Täglich und nächtlich besuchen sie Jenni, die nun in Washington wohnt, als freie Web-Designerin zu Hause arbeitet und inzwischen eine zweite Kamera in ihrem Wohnzimmer installiert hat.
Es ist acht Uhr morgens, Jenni schläft noch, aber die Kamera ist wach. Sie zeigt ein nacktes Bein, das über die Bettkante hängt, sonst tut sich nichts. Später sitzt Jenni im Pullover am Computer, und jetzt sieht man ihr ungeschminktes Gesicht von nahem. Sie ist eine angenehme, aber keine auffällige Erscheinung. Im Moment wirkt sie ein bisschen verschlafen, die langen rotblonden Haare hastig gekämmt; offensichtlich hat sie sich für die Kamera nicht zurechtgemacht, das tut sie nie.
Im Zweiminutentakt wechselt ihr Gesichtsausdruck: Mal beisst sie sich konzentriert auf die Unterlippe, dann verzieht sich ihr Mund zu einem Lachen; mal runzelt sie nachdenklich die Stirn, die sich aber gleich wieder aufhellt. An die Kamera, an die tausend Augen, die auf sie gerichtet sind, scheint sie keinen Moment lang zu denken. Wahrscheinlich beantwortet sie gerade ihre elektronische Post; täglich erhält sie Hunderte von E-Mail-Messages.
Etwa ein Viertel davon wollen Auskunft über Jennis Sexleben oder fordern sie auf, ihr T-Shirt auszuziehen. Die löscht sie gleich. Viele schicken auch Geschenke, Bücher, Computerprogramme, Unterwäsche, Handschellen, Hüte. Fussfetischisten lassen ihr Schuhe zukommen mit der Bitte, sich darin vor der Kamera zu zeigen. Das lehnt sie ab. Nicht dass Jenni prüde wäre: Sie scheut sich nicht, sich nackt in ihrer Wohnung zu zeigen und mit ihrem Freund herumzuschmusen, aber mit Pornographie will sie nichts zu schaffen haben. Was sie auf ihrer Website zeigen will, ist das wirkliche Leben, «real life», und dazu gehört ab und zu auch Nacktheit. Auf diese Momente zu spekulieren lohnt sich allerdings nicht, dafür sind sie zu selten.
Aber was ist es denn, was die Besucher in Scharen dazu bewegt, an ihrem Computer eine junge Frau zu betrachten, die telefoniert oder ihre Brille aufsetzt, auf dem Bett liegt und liest oder mit Freunden zusammen am Tisch sitzt? Erklärungsversuche für die Faszination der Jennicam gibt es viele: Nudisten glauben das Geheimnis in Jennis natürlich-harmonischem Körperbewusstsein gefunden zu haben. Feministinnen, falls sie Jenni nicht rundheraus ablehnen, sehen auf ihrer Website die komplexe Dialektik zwischen der Frau als Subjekt und der Frau als Objekt am Werk. Psychologen vermuten, Jenni habe all ihre Neurosen in der Kamera verdinglicht, um ihnen nicht länger unterworfen zu sein. Soziologen erkennen in Jennis Exhibitionismus eine Gegenreaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die bestimmt sind von zunehmender Überwachung und dem Verlust der Privatsphäre. Und der Erzbischof von Denver fühlt eine grosse Trauer in seinem Herzen, weil Jenni und all jenen, die ihre Website besuchen, etwas im Leben fehlt.
Es ist wohl schlicht der Reiz des Banalen, der die Jennicam so faszinierend macht. In Jennis Schlafzimmer sehen, ohne gesehen zu werden: Darin liegt jener voyeuristische Kitzel, dem das Alltägliche Schauspiel genug ist. Die Jennicam befriedigt die Augenlust, indem sie jegliche Gesetze von Dramaturgie und Ästhetik ignoriert. In der Beliebigkeit der Bilder liegt die Provokation - oder der Trost. Er schätze die Möglichkeit, Einblick in ein durchschnittliches Leben zu bekommen und zu sehen, dass es nicht besser und nicht schlechter sei als sein eigenes, sagt ein 28jähriger Jenni-Fan, der von ihr gelernt haben will, dass es die kleinen gewöhnlichen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. So gesehen, sind die Bilder, die die Jennicam überträgt, letztlich nichts als eine Projektionsfläche. Aber ist das, was wir darauf zu sehen meinen, wirklich Realität?
Vielleicht sind wir bereits der von Paul Virilio prophezeiten «kollektiven Erblindung» zum Opfer gefallen. Der französische Philosoph sieht die Webcams als unheilvolle Beschleuniger der «Entwirklichung aller Dinge», die uns in eine unerhörte «Verwirrung unseres Verhältnisses zur Wirklichkeit» stürzen wird. Tatsächlich fällt es schwer zu begreifen, dass ein 9 × 12 Zentimeter grosses, stummes Bild auf dem Computerschirm, das alle zwei Minuten neu geladen wird, so fraglos als Inbegriff des Authentischen wahrgenommen wird. Die Künstlichkeit der Versuchsanordnung kann nur ignorieren, wer das Sichtbare verabsolutiert, wer Bild und Person gleichsetzt. Und genau dies scheinen Jennis Besucher, scheint auch Jenni selbst zu tun. Ich inszeniere nichts, sagt sie, die Kamera zeigt, was der Fall ist. Im Fernsehen sieht man perfekte Menschen mit perfekten Frisuren und perfekten Leben - das ist nicht die Realität, ich bin die Realität.
Jenni sitzt wieder am Computer. Zuvor hat sie sich ausgiebig mit einem der Kätzchen beschäftigt, ist damit auf dem Bett herumgetollt, hat es lange im Arm gehalten und gestreichelt. Als Jenni für eine Weile das Zimmer verliess, hat sich die Katze faul gestreckt und dann zufrieden zusammengerollt. Jetzt starrt Jenni konzentriert auf den Bildschirm. Es ist 14 Uhr Washingtoner Zeit, ein gewöhnlicher Arbeitstag. Ein paarmal greift Jenni zum Telefon, sie spricht unhörbar, ihr Gesicht verzieht sich zu Grimassen, die die Kamera für jeweils 120 Sekunden einfriert. In den nächsten Stunden werden sich die Bilder kaum voneinander unterscheiden. Die Kamera verbreitet die Realität ungetrübter Langeweile.
In einer früheren Phase ihres Experiments produzierte Jenni sich gelegentlich in lasziven Strip-Shows, was dem Erfolg der Jennicam gewiss nicht abträglich war. Inzwischen hat sie das jedoch aufgegeben. Die eigenartige Mischung von Schamlosigkeit und Unschuld funktioniert auch ohne Show, gibt Jennis Besuchern wohl eher noch das Gefühl von Intimität. Jenni macht auch die Ferienfotos ihrer Europareise öffentlich und verrät unter dem ironischen Titel «Kannst Du ein Geheimnis für dich behalten?» ihre kleinen Geheimnisse: Lieblingsfilme, Lieblingsbücher, Lieblingsmusik und eine Sammlung selbstverfasster Gedichte.
Die Jenni-Fans sind dankbar für jeden Zipfel, den sie von dem erhaschen, was sie für das Leben ihres Idols halten. Sie plaudern unter ihresgleichen im Internet (IRC, Efnet und Undernet, Kanal jennicam), errichten auf ihren Homepages «Jenni-Altäre» oder befördern den «Planet Jennifer» ans Firmament des Cyberspace. Einige scheuen keinen Aufwand: Josh zum Beispiel kopiert täglich seine Lieblingsbilder von Jenni und stellt sie auf seiner Website zu Wochenrückblicken zusammen.
In kürzester Zeit wurde Jenni zu einem Web-Star - und bald rissen sich die Medien um die Pionierin des öffentlichen Privatlebens. Sie hat, von ABC bis BBC, über hundert Interviews gegeben, wurde zu Talkshows eingeladen, ein Fernsehmehrteiler über ihre Lebensgeschichte soll in Planung sein. An einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Florida, an der persönliche Gegenstände von Berühmtheiten versteigert wurden, ging ein Paar Schuhe von Jenni zum höchsten Preis weg.
Es überrascht nicht, dass Jenni inzwischen auch regelmässig mit Angeboten von Firmen eingedeckt wird, die Produkte unter ihrem Namen vermarkten möchten: Jenni-T-Shirts, Jenni-Kalender, Jenni-Puppen, Jenni-Accessoires, ein Jenni-Parfum. Andere versuchen sie dazu zu bewegen, für gutes Geld ihre Produkte unauffällig, aber gut sichtbar im Bereich der Kamera in ihrer Wohnung zu placieren. Bisher ist sie auf solche Vorschläge nicht eingegangen.
Vor allem aber hat die Jennicam einen Boom der sogenannten Homecams ausgelöst. The Nose, ein Webcam-Fan der ersten Stunde, verzeichnet zurzeit 470 Homecam-Websites auf seiner Liste - und er erhebt den Anspruch, nur die interessantesten zu berücksichtigen. Darunter sind offenbar einige ein einträgliches Geschäft. Gegen Gebühren, die um vieles höher sind als jene von Jenni, zeigen sie leichtbekleidete Frauen, die an einem Computer sitzen und sich in regelmässigen Abständen des wenigen entledigen, das sie tragen.
Weder vom grassierenden Webcam-Fieber noch vom Rummel um ihre eigene Person lässt Jenni sich beirren. Sie lebt den Traum eines narzisstischen Teenagers aus, sich vor dem grösstmöglichen Publikum zu präsentieren: der ganzen vernetzten Welt. Was als Experiment begann, wurde zum Lebensprojekt. «Ich werde weitermachen», hat sie einer Reporterin der ABC News erklärt, «bis ich achtzig bin, Cookies backe und stricke.»
Live bei www.jennicam.org.