NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Die Macht des Clowns

© Archiv Dimitri
Clownskinder Nina, David, Masha, Ivan und Dimitri (v.l.n.r.) im Circus Knie 1973. Nur eines, Ivan, trat nicht in die Fussstapfen des Vaters. Linktext
Dimitri hat im Tessin eine einzigartige Welt erschaffen. Wie erhält man ein Unternehmen, dessen ­Produkt der Gründer selbst ist? Und dessen Rendite das Lachen der Menschen?

Von Anja Jardine

Wenn ein Clown ein Haus kauft, läuft das folgendermassen: Er liebäugelt mit ihm. Wann immer er vorbeigeht, bewundert er die Fassade, die Fensterläden, den schönen Garten. Das Haus ruft: «Da bin ich», und der Clown antwortet: «Wie gern würde ich dich unser nennen.» So geht das fast 40 Jahre. Eines Abends geschieht das Unverhoffte. Nach der Vorstellung wartet vorn an der Kasse ein Engel auf den Clown, sagt: «Guten Abend, ich weiss, ihr braucht mehr Platz, hier hast du einen Check.» Darauf steht: Für den Kauf eines Hauses. Der Clown ist perplex. Aber so perplex dann auch wieder nicht. Das Realisieren von Träumen ist seine Lebensart, und dass Engel sich ihm dienlich machen, ist er gewohnt. Und schon hat er tausend Ideen, was hineinsoll in seine neue «Casa del Clown»: Bibliothek, Werkstatt, Restaurant und im Garten ein Skulpturenpark.

Sobald Clown und Gönnerin das Geschäft angebahnt haben, überantworten sie den praktischen Vollzug irdischen Kräften. Eine davon heisst Roberto Maggini. Er zählt im Dimitri-Universum zu den Traumverwaltern ersten Ranges – jener Handvoll Menschen, von denen Dimitri sagt, dass sie «zu hundert Prozent an mich glauben». Sie sitzen an allen strategisch wichtigen Punkten.

Roberto Maggini war ein Elektriker aus Intragna, der abends in der Osteria seiner Eltern Volkslieder sang, als Dimitri vor 40 Jahren seinen Weg kreuzte. Der nahm ihn als Techniker mit auf Tournee, sie fingen an, gemeinsam zu musizieren. Noch heute tragen sie als «Dimitri & Roberto» Tessiner Liedgut vor. «Dimitri hat mir neue Wege aufgezeigt», sagt Roberto. Er wurde einer der ersten Schüler der 1975 gegründeten Scuola Teatro Dimitri, trat danach in die Compagnia ein, half nebenbei in der Buvette aus, agierte als Hauswart, und als 1987 eine Überschwemmung das Theater flutete, war es Roberto, der in Unterhosen die Instrumente rettete. Heute leitet er das Theater.

Sein Büro findet sich in der Carà del Teatro Dimitri. Im Headquarter des Dimitri-Imperiums arbeiten vier Mitarbeiter, hier laufen die Fäden zusammen. Nur die Schule ist – organisatorisch – selbständig, seit sie 2006 als «Hochschule für Bewegungstheater» staatlich anerkannt worden ist. Die anderen Unternehmungen stehen auf wackeligen Füssen. Das Restaurant hat 2008 knapp schwarze Zahlen geschrieben, das Museum ist ein Zuschussbetrieb, das Theater defizitär.

180 Vorstellungen locken jedes Jahr 20 000 Besucher nach Verscio. Gut die Hälfte des Programms bestreiten Dimitri, die Compagnia und die Schüler der Schule selber, vor allem im Sommer; im Herbst lädt Roberto Gäste ein. «Grosse Namen können wir uns nicht leisten, da wir mit 200 Plätzen nicht viel Kasse machen können», sagt er. «Also müssen wir junge Künstler entdecken.» Die wiederum kennt niemand. Dimitri ist also immer noch der unangefochtene Kassenschlager. Wenn er in «Ritratto» die Geschichte der Königstochter erzählt, die ihr Lächeln verlor, und er es ihr zurückschenkt, ist das Haus voll. Doch das reicht nicht. Der ­Kanton Tessin zahlt 50 000 Franken Subventionen. Ohne zuverlässige Sponsoren und die «Freunde des Theaters», die jährlich 70 000 Franken beisteuern, käme das Theater gar nicht über die Runden. Auch so bleibt jährlich ein Loch von 150 000 Franken, das die «Fondazione Dimitri» stopft.

Dieser Stiftung gehören alle Gebäude, die der Clown in Verscio gekauft hat: das alte Theater mit Restaurant und Turnhalle, das 1983 erbaute neue Theater, das Bürohaus, das Museo Comico sowie die Schulhäuser. Und neuerdings die Casa del Clown. Dieser neueste Teil in Dimitris «Kulturzentrümli», wie er es nennt, wird mit Renovierung 5,9 Millionen Franken kosten, 3,9 Millionen fehlen noch. Roberto zuckt mit den Schultern, «bisher hat es immer geklappt». Er ist als Tessiner Urgestein Dimitris wichtigster Lobbyist vor Ort. Zwar ist Dimitri längst Ehrenbürger von Verscio, aber ursprünglich eben Deutschschweizer, was – Clown hin oder her – hier nicht unbedingt die Herzen öffnet. Roberto aber kennt jeden Lokalpolitiker, er besucht am Abend die Vorstandssitzung der Raiffeisenbank, und er war es auch, der mit einer Flasche Grappa zum Besitzer der Casa ging – dessen Vater war einst sein Fussballtrainer – und den Kauf des Hauses unter Dach und Fach brachte. «Rivalität mit Dimitri?» Roberto runzelt die Stirn. «Hat es nie gegeben. Dafür ist Dimitri zu gross. Als Artist. Und als Mensch.»

Auf dem Plakat, das im Schaukasten vor dem Theater hängt, sind es nur wenige Linien: die Augen zwei Kreuze, die Nase ein Haken, der Mund ein Halbmond. Das genügt. Dimitri. Seinetwegen reisen die Menschen aus aller Welt an, setzen sich in Locarno in die Centovallibahn, die schnurstracks das Tal hinauffährt. In Ponte Brolla öffnet sich der Blick in Felsschluchten, tief unten das Türkis der Maggia. Mit jeder Station wird die Welt grüner, verwunschener. Im Sommer sorgten Nacktbadende für Unmut, Schlimmeres steht hier nicht zu befürchten.

Nahe dem Bahnhof hängt das erste Schild «Teatro Dimitri», geschrieben wie von Kinderhand. Kein Zweifel, hier ist ein leiser, ein freundlicher Clown beheimatet, einer, der sich als «handelnder Dichter» versteht: unschuldig, aber schlitzohrig, ungeschickt, aber virtuos, scheu und doch frech. Nur eines, so sagt dieser Clown von sich und meint alle, ist ein Clown niemals: wirklich böse. «Derbheit», die «ins Primitive rutscht», ist ihm ein Graus. Kollegen, die auf der Bühne die Hosen runterlassen, verkörpern für ihn die «Perversion des Clowns». Mehr noch: Dimitri ist «überzeugt, dass jeder gute Mensch ein wenig Clown in sich hat und dass ein böser Mensch niemals ein Clown sein kann».

Dieser Geist ist es, der in Verscio weht, wehen soll. Zwar sitzt Dimitri auf keinem Chefsessel, doch die Statuten der Stiftung verlangen, dass Theater, Schule, Compagnia und Museum «im Sinne ihres Begründers Dimitri» gefördert werden sollen. Und so ist die Schule nicht nur eine Hochschule für Bewegungstheater, sondern auch eine Menschenschule. Gelehrt werde «theatraler Zehnkampf», sagt Johannes Rühl, bis vor kurzem Direktor der Schule: Akrobatik, Tanz, Jonglage, Gesang, Pantomime, Rhythmus, Maskenspiel, Seiltanz und mehr. Alles ausser Sprache. Der eigene Körper als akkurates Instrument.

Die Türen der Turnhalle stehen offen. Es riecht nach Schweiss; Körper in Leggings und am Leibe klebenden Trikots biegen sich gegen die Natur: Ein Mädchen ruht einen Augenblick aus, indem es – auf seinen Unterarmen lagernd – die Füsse auf seinem Kopf abstellt. Ein anderes erklimmt fremde Knie, Schultern, Köpfe, wird zum obersten Baustein einer Pyramide. Ein junger Mann hängt, einer Fledermaus gleich, mit den Zehenspitzen an der Sprossenwand. Die Atmosphäre ist konzentriert und schweigsam, nur ab und zu vernimmt man kurze Anweisungen auf italienisch.

Die Nähe ist nicht nur physischer Art. Dem Weltgeschehen entrückt, gehen sich die jungen Menschen drei Jahre lang selbst auf den Grund. Im Improvisationskurs zum Beispiel – «nimm den Stuhl und mach was damit». Der junge Mann betrachtet den Stuhl, zögert. Dann klettert er mühsam hinauf und dort – sich plötzlich der schwindelnden Höhe bewusst – beginnt er vor Angst zu zittern. Das ist nicht zwangsläufig komisch. Im Zweifelsfall ist es peinlich. Es sei denn, er hat das Zeug zur Komik. Dann kann es sein, dass das Absurde unvermittelt ins Herz trifft, an irgendetwas rührt. Was macht einen Clown zum Clown? – Eine Frage, die jedem, der es mit dem Stuhl aufnimmt, an die Substanz geht, auch wenn nur die wenigsten Clown werden wollen.

«Die Schule bietet eine phantastische Grundausbildung, die zeitgenössische Regisseure begeistert», sagt Johannes Rühl, «denn die Grenzen zwischen Tanztheater, Komödie, Oper und Schauspiel verwischen sich zunehmend.» Doch die Schule stehe vor grossen Herausforderungen. Der Leistungsauftrag, sagt Rühl, ist seit der Anerkennung als Fachhochschule gewachsen. Neben dem Bachelor-Studiengang für 36 Studenten werde seit kurzem ein Master-Studiengang für weitere 12 Studenten angeboten. Ausserdem müsse wissenschaftliche Forschung betrieben und ein konkreter Wissenstransfer nachgewiesen werden. Doch wie kann wissenschaftliche Forschung an der Scuola Teatro Dimitri aussehen? Oder Wissenstransfer? Auf diese Fragen müssen Antworten gefunden werden.

Hinzu kommt ein bevorstehender Generationswechsel. Den Stil der Schule prägende Lehrer wie der tschechische Pantomime Richard Weber hören bald auf. Zwar haben sie ihr wertvolles Wissen an jüngere Lehrer weitergegeben, sagt Rühl, doch wären zudem neue Impulse wünschenswert. Junge Dozenten haben das Erbe übernommen und tragen es weiter. Die Schule öffnet sich zunehmend für ­zeitgenössische Kunst in allen Bereichen – Musik, Theater, bildende Kunst. Im Sommer ist Rühl mit zwei Klassen zur Biennale nach Venedig gefahren, die Studenten waren begeistert. «Die Ausbildung in Verscio muss den jungen Menschen handwerkliche Grundlagen vermitteln, mit denen sie sich im 21. Jahrhundert behaupten können.»

Ein Satz, den jeder im Dimitri-Universum unterschreiben würde, allen voran Dimitri. Vorausgesetzt, dass mit dem Neuen nicht das Derbe Einzug hält. Oder das Ordinäre. Das Laute und Aggressive. Oder gar das Schrille. Sobald sich dergleichen andeutet, werden alle Traumverwalter zu strengen Wächtern. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung wäre ein Verrat an dem kleinen Mann mit dem grossen Mund und dem noch grösseren Herzen. So empfindet jeder hier. Und so steht es ja auch geschrieben in den Statuten. Manchmal meldet sich der Clown höchst­persönlich zu Wort. Gefällt ihm eine Abschlussarbeit der Studenten nicht, schreibt er einen freundlichen Brief mit deutlichen Worten. Als er an der Schule eine Tendenz zu «intellektuellem Sprechtheater ausmachte», musste er bremsen, sagt Dimitri. Vorschläge dieser Art werden «behutsam eliminiert, harmonisch ausgeschieden». Wie genau das geschieht, ist nicht immer durchschaubar.
«Ich gebe nur die Grundlinie vor», sagt Dimitri. «Ansonsten lasse ich alle Freiheiten.» Doch wo fängt die an, wo hört die auf? Wie unterscheidet man das gute Neue vom bösen, vor allem noch bevor man das Neue kennt? Solange Dimitri sein Universum beseelt, drängt die Frage nicht. Er füllt den Raum. Eines Tages aber könnte sich ein Vakuum auftun, könnte die Verpflichtung an den Geist eines Abwesenden ins Dilemma führen – für jeden, der ebendiese Welt vital halten möchte. Besonders für jene, die ihn lieben. Allen voran die Clownskinder, seine potentiellen Nachfolger.

Doch zunächst einmal ist da noch La Gunda. Sie hält sich so sehr im Hintergrund, dass sie leicht übersehen wird. Tatsächlich aber gäbe es in Verscio ohne Gunda weder Theater noch Schule, keine Buvette, keine Compagnia, kein Museum. Bei allem hat sie die Pionierarbeit geleistet, oft während Dimitri monatelang auf Tournee war. Sie hat die Schule geleitet und das Theater, hat Bühnenbilder gefertigt, die Finanzen geregelt, Briefe geschrieben, wenn das Geld ausging, den Einlass gemacht und in der Buvette gekocht. Nebenbei die Kinder. Man nannte sie in der Gegend «den roten Blitz», weil sie mit einem kleinen roten Auto durch die Gassen flitzte. Fotos zeigen stets eine scheue, schöne und etwas geheimnisvolle Frau.

Noch heute ist sie das. Nach der Vorstellung sieht man sie und Dimitri im Hof ihres Theaters stehen, ein mit zunehmendem Alter symbiotisches Paar, Gunda als stille Eminenz neben dem Clown, das Extrovertierteste an ihr sind die grossen kunstvollen Ringe, die sie selber fertigt. Fragt man die beiden: «Wer ist der Finanzchef, der Manager in eurem Unternehmen?» schaut sie ihn liebevoll an, sagt sanft, aber bestimmt: «Du nicht.» Dimitri nickt. «Und wie wird es weitergehen, wenn ihr nicht mehr da seid?» – «Da mache ich mir null Sorgen», sagt Dimitri. «Ich habe Vertrauen ins Schicksal. Wir haben das hier auf die Welt gestellt, grossgezogen, und wenn es wichtig ist, wird es sich behaupten. Es steht unter einem guten Stern. Und ich bin sicher, dass unsere Kinder auf die Barrikaden steigen, wenn die Dinge schieflaufen.» Diesmal ist es Gunda, die nickt.

Noch umkreisen sie Verscio wie Planeten: David, Masha und Nina. Ivan, der Älteste, ist ganz aus der Reihe getanzt und Techniker geworden. 1973 aber standen sie im Circus Knie alle gemeinsam auf der Bühne: ein grosser Dimitri und vier kleine. Sie fuhren mit einem klapprigen Auto in die Ferien, Klein Nina am Steuer. Das Auto explodierte, die Dimitris liessen sich nieder und begannen ihre Künste zu üben. Nicht viel anders war es im echten Leben. Von klein auf besuchten die Kinder ihren Vater im Studio, eiferten ihm nach. Allerdings nur in einzelnen Disziplinen. Den Clown als Ganzes zu imitieren, wagte niemand.

«Wie sollte man das toppen?» fragt David. Stattdessen suchte sich jeder intuitiv ein eigenes Terrain. Nina hat gesungen, immer schon. David wählte die Akrobatik. Masha entdeckte das Schlappseil. Kaum 14, 15 Jahre alt, gingen sie alle von zu Hause fort, lernten ihr jeweiliges Handwerk, reisten mit anderen Truppen um die Welt. Nina ist heute Sängerin, David ein Meister auf dem Seil mit eigenem Programm, Masha ist Akrobatin, Komödiantin, Regisseurin und vor allem «noch immer auf der Suche». Sie arbeitet seit zwölf Jahren eng mit ihrem Vater zusammen, führt Regie in Verscio oder tritt selbst auf. Aber weder ist sie feste Hausregisseurin noch in offizieller Funktion.

In diesem Sommer nun standen sie wieder gemeinsam auf der Bühne: Vier grosse Dimitris plus Schwiegersohn Kai Leclerc präsentierten: «La Famiglia Dimitri». Es war ein Erfolg, sogar in New York. «Wir haben Schwein gehabt», sagt David. «Ich hatte Zweifel, ob das funktioniert, wenn jeder von uns ein paar Nummern bringt, das Ganze locker verknüpft. Aber ich habe den Familienbonus unterschätzt.» Wer das Stück gesehen hat, dem bleibt vor allem eines in Erinnerung: Ein Clown, der vergebens einem Schmetterling nachjagt, mit kleinen Trippelschrittchen. Es ist die vertraute Melodie, der vertraute Charme – was nur folgerichtig scheint, haben doch alle dieses Dimitri-Lächeln.

Doch wer sie genauer anschaut, sieht Unterschiede: ­Mashas kindlicher Schalk ist dem des Vaters am ähnlichsten. In Davids Lächeln aber findet sich eine Spur James Bond, und die findet sich auch in seiner Arbeit. In Ninas Lächeln liegt unverkennbar der Schmerz, von dem auch ihre Musik erzählt. In «La Famiglia» kommt all das nicht vor, der rosa Schmetterling übertönt sie alle. Wie kommt das? «Sobald mein Vater anwesend ist, denkt man nicht ganz eigenständig», sagt David. «Schon aus Respekt lässt man ihm automatisch den Vortritt.» Es ist ein vorauseilender Gehorsam aus Liebe, den der Clown gar nicht verlangt. Niemals, da sind sich alle einig, habe er versucht, sie in seine Richtung zu lenken. Oder Druck ausgeübt, einer solle in Verscio die Nachfolge antreten. Ganz im Gegenteil, die Eltern hätten sie immer ermutigt, eigene Wege zu gehen.

Doch sie selbst sind es, die wollen, dass Verscio weiterlebt. Was also sollen sie tun, die Clownkinder? Einen eigenen Geist im Geiste Dimitris entwickeln? «Ja», sagt Masha, «etwas Eigenes sein, neben ihm, ohne ihn und mit ihm. Aber noch ist es zu früh.»

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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