NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Mich fasziniert das Vorher und Nachher»

© Gianfranco Acocella
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Von Anja Jardine

Debora Rubino, Zürich, Schweiz, ist 23 Jahre alt. Sie lebt noch bei ihren Eltern in Birr im Kanton Aargau und fährt jeden Morgen mit dem Zug zur Arbeit nach Zürich. Ihre Hobbies sind Lesen, Musikhören und Ausgehen.
Die Arbeit bei Marc + Carla Coiffure ist Deboras erste Anstellung nach der Lehre; sie verdient brutto etwa 3300 Franken; zu Hause gibt sie 600 Franken ab.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Pony und Asymmetrie, aber es kommt natürlich auf die Leute an.

Ich hätte gern einen Pony, der schräg aus der Stirn fällt, und den Rest kinnlang, aber nicht so akkurat wie Mireille Mathieu.

Ist gut.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ich schneide gern im nassen Zustand, weil man Wirbel und Wellen besser sieht. Ausserdem arbeite ich lieber mit der Schere als mit dem Messer. Nur wenn die jungen Leute es sehr fransig haben wollen, nehme ich das Messer. Zuletzt kommt bei mir immer die Effilierschere zum Einsatz, das ist die mit den Zacken. Mit der kann man die Stufen ausgleichen, die beim Schneiden mit der Schere entstehen. Und man kann dicke Haare ausdünnen.

Warum sind Sie Coiffeuse geworden?

Als Kind habe ich beim Coiffeur nicht erklären können, wie ich es haben wollte, deshalb habe ich es hinterher immer ­selber korrigiert, und dann auch meinen Cousinen die Haare geschnitten. Ich merkte, dass es mir gefällt. Ich bin sehr gern mit Menschen zusammen. Und mich fasziniert das Vorher und Nachher. Das ist es, was ich am meisten an meiner Arbeit liebe: dass man Menschen verändern kann. Und dass man sie glücklich machen kann.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Ich habe in Aarau eine vierjährige Lehre gemacht, drei Jahre Damen und dann ein Zusatzjahr Herren. Heute lernt man beides zusammen innerhalb von drei Jahren. Am Ende bekommt man ein grünes Büchlein, in dem steht, dass man die Fachprüfung bestanden hat. Ich bin im letzten Jahr fertig geworden.

Haben Sie Vorbilder?

Wenn ich nach Italien gehe und dort an Coiffeursalons vorbeikomme, schaue ich immer, was die grad machen. Jeder Coiffeur schafft anders.

Was hat Sie nach Zürich verschlagen?

Ich habe das Inserat in der Zeitung gesehen. Mich hat es immer interessiert, in der Grossstadt zu arbeiten. Die Leute sind ganz anders hier, viel trendbewusster. Und zum Glück habe ich die Stelle bekommen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte die Meisterprüfung machen. Als ich im vierten Lehrjahr einen Unterstift bekam, habe ich gemerkt, wie viel Spass es mir macht, mein Wissen weiterzugeben.

Haben Sie Stammkunden?

Noch sind es wenige, ich bin ja erst sechs Monate da. Aber es werden immer mehr.

Was sind das für Leute?

Ganz normale, und auch ganz unterschiedliche. Wenn jemand sich aus Gewohnheit immer die gleiche Frisur machen lässt, schlage ich auch mal vor, das nächste Mal etwas anderes zu machen.

Welche Art Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Die, die eigentlich eine Veränderung wünschen, zum Beispiel einen ganz neuen Schnitt, aber doch unsicher sind. Ja, nein, soll ich, oder soll ich nicht? Dann zeige ich ihnen Coiffeurbücher, und wir schauen gemeinsam, in welche Richtung es gehen könnte. Da spüre ich schon eine Verantwortung.

Klingt fast nach therapeutischer Arbeit.

Ja, aber ich höre gern zu. Die Kunden erzählen viel von ihren Problemen, und sie wollen vom Alltag abschalten. Grad beim Färben fällt mir manchmal auf, dass sie etwas ändern wollen in ihrem Leben oder dass es ihnen nicht so gut geht.

Wann ist ein Haarschnitt aus Ihrer Sicht gelungen?

Wenn der Kunde strahlend aus dem Geschäft geht, so richtig lachend.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Ich wohne ja nicht in Zürich, sondern komme jeden Tag mit der Bahn aus dem Aargau und fahre abends heim. Von Zürich habe ich noch nicht viel gesehen, aber den See finde ich sehr schön. Und in der Weihnachtszeit gefällt mir der Baum am Bahnhof sehr. Aber ich wohne lieber auf dem Land.

Wo waren Sie zuletzt in den Ferien?

Ich fahre immer nach Florenz. Meine Grossmutter hat dort ein Haus. Früher habe ich gesagt, wenn ich erwachsen bin, gehe ich für immer nach Italien, aber wenn man älter wird, sieht man das anders. Ich bin eben hier geboren. – Und, wie gefällt es Ihnen?

Gut. Richtig gut.


Marc + Carla Coiffure

Der Salon an der Weinbergstrasse wirkt von aussen trendiger, als er ist, tatsächlich herrscht eine wohltuend gemütliche Atmosphäre; man spürt, dass viele Kunden Stammkunden sind, denen es sogar erlaubt ist, zu rauchen. Bedient werden Herren und Damen.

Preis für durchschnittlichen Haarschnitt

Ein Herrenhaarschnitt kostet 63 Franken, ein Damenhaarschnitt zwischen 78 und 108 Franken.

Schweiz

Einwohner: 7,46 Millionen
BIP pro Kopf: 68 000 Franken
Milch: 1l CHF 1.40
Brot: 1kg CHF 6.–
Kinobillett: CHF 18.–
Zigaretten: CHF 6.10
Taxi: 10 km CHF 41.50

Anja Jardine Ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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