NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

Don, save the Siraz for me

In London graben trendige Weinbars den Bierpubs das Wasser ab.

Von Hanspeter Künzler

Serena Sutcliffe, die Leiterin der internationalen Weinabteilung des Auktionshauses Sotheby's, erschaudert, wenn sie ans schlimmste Erlebnis ihres Lebens denken muss: «Es war ein Wein, den ein Freund selber gemacht hatte - aus Erbsenhülsen!»

Ich selbst erinnere mich nur allzu gut an die gesundheitlichen Folgen einer Party von Sekundarlehrern in Wembley Ende der siebziger Jahre. Zur Auswahl standen heimfabrizierte Weine aus Sellerie, Rüebli und Holunder. Später ruinierte der Papa seiner Herzensflamme die Küche, als der gärende Reiswein in die Luft flog. So war es in den mittleren achtziger Jahren eine Offenbarung, als mit dem neuen Importwein aus Bulgarien ein erschwinglicher Tropfen den Weg in die Regale der Läden gefunden hatte, der nicht zu Gehirnerschütterung und Darmverstauchung führte. Waren das Zeiten! Viele Londoner reisten meilenweit, um an ein echtes lauwarmes Bitterbier heranzukommen, wie es schon von Asterix und Obelix liebevoll belächelt worden war. Heute ist das meistverlangte Produkt in Bars, Pubs und Restaurants weder ein «Bitter» noch ein «Lager», noch gar ein Mineralwasser, sondern ein Glas Weisswein.

Duncan Vaughan-Arbuckle könnte einem Roman von Agatha Christie entsprungen sein - der nuschelnde Besitzer des Landhauses, wo der Gärtner von einer mysteriösen Blondine abgemurkst worden ist. Bestimmt trinkt er zum Dinner gern den traditionellen Drink der oberen Schichten, einen Claret nämlich, also einen Bordeaux. Claret heisst er in England, weil man diese Weine im Mittelalter nicht mehr als zwei Tage lang fermentieren liess, sie daher «klarer» erschienen und als «vinum clarum» gehandelt wurden. Vor zehn Jahren hatte Vaughan-Arbuckle unter den Bögen der Eisenbahnbrücken hinter der Station London Bridge ein Labyrinth von verlotterten Lagerhäusern entdeckt. Er hatte eine verwegene Vision. Sie bestand darin, hier, inmitten eines Geisterquartieres voll leerer Fabriken und trauriger Arbeitsloser, ein Weinmuseum einzurichten.

Sechs Jahre lang erntete Vaughan-Arbuckle für seine Mühen nur Lacher, besonders von den potentiellen Financiers. Erst als die Tate Gallery beschloss, ihren neuen Ableger im ausrangierten Elektrizitätswerk an der Themse einzurichten, wandten sich die Dinge zum Besseren. Die «Bankside» mit ihrer rauschenden Vielfalt von Restaurants, Bars, Galerien, Theatern und Shops ist zum neuen In-Quartier von London avanciert, und Vaughan-Arbuckles «Vinopolis» ist Tatsache geworden. In einer Art Themenpark wird der Besucher mittels diverser «Plateaux» über Kopfhörer und CD-Player, die je nach Wunsch schemenhafte oder tiefgründige Kommentare abgeben, in die Geheimnisse des magischen Traubensaftes eingeführt. Hie und da darf man sogar Wein probieren oder an den Sprayvorrichtungen schnuppern, die demonstrieren, wie «Zapfen» nun wirklich riecht.

Die Besucherzahlen sind bis jetzt unter den Erwartungen geblieben. Das wird sich nach Meinung von Vaughan-Arbuckle aber schon noch ändern. Sofort Erfolg hatten dagegen das vor anderthalb Jahren eröffnete angegliederte Restaurant Cantina Vinopolis und die Weinbar Vinopolis Wine Wharf, die seit Januar 2000 besteht. In beiden Lokalen werden über vierhundert Weine geführt, viele davon schenkt man auch im Glas, ja im Quartino, aus. Die «Wine Wharf» machte schon im zweiten Betriebsmonat Profit.

An einem gewöhnlichen Dienstagabend um 7 Uhr findet man hier keinen freien Sessel mehr, geschweige denn ein freies Sofa. Das Lokal ist modern und geräumig, eine makellose Mischung aus Glas, Beton, Holz und Metall. Acht Uhren über der Luke, hinter der ein Koch mit Salaten hantiert, zeigen die Zeit in Weinbau- und Weinhandelszentren an: Coonawarra, Stellenbosch, Beaune, London. Das Alter der Gäste bewegt sich zwischen 20 und 35 Jahren. Der Montur nach zu schliessen, sind viele aus dem Businessquartier herübergewandert. Andere sind teuer-casual, im Stil von Werbe- und Medienleuten, gekleidet. Zwei Herren in dicken Wollpullovern entpuppen sich als Weinhändler, die «einiges» ausprobieren wollen.

Typischer für den Wandel der Zeiten ist das übermütige Grüppchen von Krankenschwestern an der Bar. Schon den ganzen Tag seien sie «on the razzle», sagen sie. Früher hätten sie Lager und Cocktails getrunken, seit ein paar Monaten haben sie lieber Wein - an diesem Abend ist das ein argentinischer Pinot gris zu £ 13.80 die Flasche. Am anderen Ende des Raumes ist ein Dutzend junger Leute um einen ovalen Tisch versammelt, vor sich ein Sammelsurium von Gläsern und etikettenlosen Flaschen. Statt die Teilnehmer einer Konferenz von Jungbankern abends im alten Stil mit einem Go-Kart-Rennen oder einem Dinner auf der Themse bei Laune zu halten, hat man ein Blind-Tasting organisiert. Es geht darum, ein für allemal herauszufinden, ob die französischen oder die australischen Weine besser sind.

Die imposante Weinliste an der Bar umfasst auch zwei englische Weine. Der Versuch, ein Glas roten Gribble Bridge zu erstehen, erweist sich als gar nicht so einfach. Die Bardame muss lange suchen. Sie öffnet die Flasche und schnüffelt gekonnt: «Hm, nicht gerade vielversprechend . . .» Dann ist der Wein im Computersystem der Kasse auch noch nicht registriert, worauf es aus Protest sogleich in Streik tritt. Dabei ist der Wein ausgezeichnet, selbst wenn er Gribble Bridge heisst.

Der erfolgreiche Pächter der «Wine Wharf» ist ein alter Hase im boomenden kulinarischen London. Schon vor zehn Jahren gewann Trevor Gulliver Auszeichnungen für ein Restaurant, das er bei Waterloo in einem ehemaligen Feuerwehrdepot eingerichtet hatte. Heute ist er bekannt für «St. John», ein Restaurant in der Nähe des einstigen Fleischmarktes von Smithfield, dessen Ziel es ist, von einem geschlachteten Tier kein Teil nicht auch auf den Tisch zu bringen. «Chitterlings» heissen dort zum Beispiel die frittierten Gedärme. Eingehüllt in mehrere Windjacken, erscheint Gulliver mit der Vespa zur Arbeit. Er gleicht dem Schauspieler Stephen Berkof und klagt über einen Kater: Gestern seien sie zu sechst, alles Köche, nach Wales gefahren, um sich im berühmten «Walnut Tree» verwöhnen zu lassen.

«Wein ist das neue Bier!», donnert Gulliver. «Wein ist Sex. Reisen. Kunst. Musik. Ökologie. Und Landwirtschaft.» Aber bis jetzt sei Wein in London preislich überrissen gewesen, qualitativ minderwertig «und serviert von ignoranten Wichtigtuern». Diese drei Merkmale wollte Gulliver korrigieren. So schickt er sein Barpersonal jeweils als Erstes in den Weinkennerdiplom-Kurs des Wine & Spirit Education Trust. Für die anderen Weinbars hat er fast nur Verachtung übrig, sei es für die, die noch vom Miniboom der siebziger Jahre übriggeblieben sind, oder für die, die jetzt wie Kraut aus dem Boden schiessen, weil die grossen Getränkekonzerne den lukrativen Trend endlich auch gewittert haben. «Weitherum ist der Wein doch nur ein Anhängsel zur Speisekarte!» Mit dem Wein finanzierten diese ihre Designerküche. Das sei natürlich stupid. «Bei uns ist die Speisekarte Teil der ganzen Philosophie. Ich sage immer: Ein gutes Mahl muss zu Tränen rühren.»

Die Cranbourn Street liegt nahe des Leicester Square. Dort warten Strizzis auf naive Girls in Hotpants, denen sie sich anhängen können, um doch noch in die Hippodrome-Discotheque hineinzukommen. Rechts ein Sexshop, links ein stinkender Pizza-stand. Dazwischen eingeklemmt ein Schaufenster. Darin ein paar Champagnerflaschen, etwas Fasnachtsdekoration sowie vergilbte «Empfehlungen» aus diversen Touristenführern. Hinter dem Schaufenster - besser: im Keller darunter - befindet sich «The Cork & Bottle Wine Bar & Bistro». «Der krasse Eingang ist perfekt für uns», grinst Don Hewitson, der stolze Besitzer: «Davor schrecken sogar die Touristen zurück.»

Eigentlich hatte Don eine Karriere als Trompeter im Auge. Aber dann ging ihm auf, dass er sein Leben lang die dritte Trompete im Symphonieorchester von Wellington, Neuseeland, bleiben würde. So liess er sich im «einzigen passablen Restaurant der Stadt» in die Geheimnisse von Küche und Bar einführen, ehe er mit 25 Jahren die für «Kiwis» obligaten Arbeitsferien in Europa antrat. Prompt blieb er in London hängen. Das war 1971. Gerade war hier ein kleiner Weinbar-Boom vorbeigegangen. «The Cork & Bottle» mit seinen winzigen hölzernen Räumen und den Postkarten an den Wänden war eine der ersten Weinbars gewesen und stand vor dem Ende. Hewitson analysierte den Misserfolg: «Ich erkannte, dass die Bars versuchten, mit den Pubs statt mit den Trattorias zu konkurrenzieren. Wein und Essen gehen Hand in Hand.»

Hewitson übernahm das Lokal, verteilte Blümchen auf den Tischen, hängte noch ein paar Postkarten mehr auf und widmete der Speisekarte so viel Aufmerksamkeit wie der Weinliste, auf der bald auch Champagner im Glas erschien. Der Anfang war zäh. Die Bar überlebte nur, weil die Arbeiter der Theater an der Shaftesbury Avenue Gefallen fanden an der Bohème-Stimmung von «The Cork & Bottle» und Don sich nicht um die gesetzlich vorgeschriebenen Öffnungszeiten kümmerte. Dabei hatte der joviale Hewitson einen grossen Vorteil. Als Neuseeländer genoss er Narrenfreiheit: «Die Weinhändler, meist Angehörige der Upper Class, akzeptierten mich als etwas Exotisches, und die Gäste akzeptierten mich, weil ich nicht zur Upper Class gehörte.»

Hewitson spürte die Wende, als in den frühen achtziger Jahren im Clubhaus des altehrwürdigen Cricketstadions «Lord's» plötzlich Wein getrunken wurde statt Bier. Bis dahin hatten selbst die oberen Schichten Wein nur zum Nachtessen getrunken. Heute geniesst «The Cork & Bottle» legendären Status. Sir Simon Rattle ist nur einer von vielen Stars, die hier diskret ein und aus gehen. Im Eingang von Hewitsons zweitem Lokal, dem «Shiraz» im nahen Covent Garden, hängt ein Foto von Emmylou Harris: «Dear Don, save a bottle of Shiraz for me, love Emmylou», hat die Sängerin draufgeschrieben.

England war in puncto Wein nicht immer ein Entwicklungsland. Einst waren die Briten im Weinbau sogar führend. Dann, im Jahre 1152, heiratete Eleanor von Acquitanien, der auch Bordeaux gehörte, Henry Plantagenet, der zwei Jahre später als Henry II König von England wurde. Die Verbindung intensivierte sich 1204 noch, als der Sohn von Eleanor, King John, die Steuer für Weine aus Bordeaux senkte, damit ihn Bordeaux im Krieg gegen den König von Frankreich unterstütze. In den folgenden Jahrhunderten waren die englischen Könige unersättliche Bordeaux-Trinker. Alexander III musste einem Weinhändler von Bordeaux die Jahreseinnahmen des Hafens von Berwick überschreiben, um seine Weinrechnung zu begleichen.

Die englischen Weine konnten mit den Bordeaux-Weinen nicht konkurrenzieren, und die 1300 englischen Rebberge verschwanden rasch. Das tat der Vorliebe der oberen Schichten für Wein keinen Abbruch. Die Weinhändler von London nahmen europaweit eine starke Position ein. Erst im genussfeindlichen England von Queen Victoria liess der Konsum nach, und die Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre machte die Fronten vollends klar: Wer sich's leisten konnte, trank Bordeaux, wer nicht, trank Bier.

Gassennamen und Gebäude zwischen der U-Bahn-Station Mansion House und der Themse erinnern an die grosse Vergangenheit des englischen Weinhandels. Gleich neben der «Vintner's Hall» befindet sich das «Five Kings House», wo mehrere Gremien, die sich mit dem Weingeschäft befassen, ihre Adresse haben. So befindet sich im zweiten Stock der Wine & Spirit Education Trust, eine 1969 gegründete (Berufs-)Schule, deren Diplomkurse an mehreren Orten im In- und Ausland unterdessen jährlich 7000 Schüler absolvieren.

Die Teilnehmerzahlen der Kurse sind in den letzten Jahren rasant angestiegen - nicht zuletzt, weil nun auch viele Hobbyweinkenner erscheinen. «Als ich vor dreissig Jahren ins Geschäft einstieg», erinnert sich Rektor David Hunter, Sohn eines schottischen Lädelibesitzers, «da wurden jährlich 85 000 Harasse Wein aus Australien nach England importiert. Jetzt sind es 8 Millionen.» In der Hitparade von Weinimporten sind ausserdem Neuseeland, Südafrika und Kalifornien auch Länder wie Chile, Argentinien und Ungarn vertreten.

Kein Experte verfügt über mehr Expertise als ein Teilnehmer des zweijährigen Kurses, der seit 1953 in dem ein Stockwerk höher gelegenen Institute of Masters of Wine durchgeführt wird und dessen erfolgreiche Absolventen die Buchstaben MW - Master of Wine - hinter ihren Namen setzen dürfen. 60 bis 70 Leute nehmen jedes Jahr teil, entweder in London oder in den Zweigstellen Napa Valley und Sidney. Nur zehn Prozent bestehen die exklusive Prüfung.

Die alte Garde der Masters of Wine besteht fast ausschliesslich aus Männern. Zur jüngeren Garde gehören vermehrt auch Frauen wie die Weinjournalistin Jancis Robinson. Robinson und ihre Generation befreiten den Wein aus den Klauen der verkorksten alten Snobs und machten Weintrinken und Essen für eine breitere Schicht zum Thema. Früher, sagt Robinson, hätten die puritanischen Engländer Essen und Trinken als Teil eines Prozesses erachtet, der kaum weniger peinlich gewesen sei als der Ausstoss des Abfalls, mit welchem der Prozess sein Ende fand. Weinbars entstanden, und sie wurden - anders als die Pubs, in die Frauen noch bis vor zehn Jahren kaum ohne Männerbegleitung gehen konnten, ohne ihren Ruf zu gefährden - auch von Frauen besucht. Selbst Bastionen wohlbetuchten männlichen Weingenusses wie das «El Vino» in der Nähe des Obergerichtes und der City mussten vom Prinzip Abschied nehmen, Frauen nicht zu bedienen.

Im Zug von Waterloo erlebt der Passagier zwischen Leatherhead und Dorking eine Überraschung. Da verändert sich die typische Agglomeration plötzlich in ein putziges Landidyll. Dann, kurz vor Dorking, nochmals eine Überraschung: Reben so weit das Auge reicht! Seit Menschengedenken hatte der imposante Landsitz mit Namen Denbies den Lords Ashcombe gehört. 1984 musste die Familie kapitulieren. Jetzt wohnt ein gewisser Adrian Edwin White hier, der sein Vermögen im Wasser- und Abwasserbusiness gemacht hat. White verwandelte 265 Morgen seines Besitzes in einen Rebberg, der heute 10 Prozent des englischen Weins hervorbringt. Das Gut ist ein Wein-Themenpark. Täglich finden Touren statt, samt Fahrt durch die «Berge» in der Minieisenbahn. Derzeit stehen elf Weine im Versandprogramm - vom billigen Weisswein über einen frischen Roten bis hin zum Dessertwein Noble Harvest.

Verantwortlich für die Produktion ist der «fliegende Weinmacher» John Worontschak, ein imposanter, um die 40 Jahre alter Australier. Zwei Tage pro Woche arbeitet er in Dorking, etwas Zeit verbringt er noch in zwei anderen englischen Weingütern. Meist aber ist er unterwegs in Südafrika, Chile, Rumänien und sogar Frankreich, wo er dafür sorgt, dass der Wein den Ansprüchen der britischen Supermärkte genügt.

«Die englische Weinszene ist im Vergleich zu 1985 nicht wiederzuerkennen», sagt er. «Nirgends sonst auf der Welt ist das Weinangebot so anspruchsvoll.» Ihm selber ist es gelungen, dem schwierigen englischen Weinklima ein paar ausnehmend süffige Tropfen abzuringen. Ironischerweise liegen die Probleme beim Absatz. Denbies beliefert zwar die Supermärkte, aber weil die Herstellungskosten in anderen Ländern tiefer sind, ist das kein vorteilhaftes Geschäft. So wird der Grossteil der Produktion an die jährlich 250 000 Besucher verkauft. Und, was nicht gerade dazu angetan sei, den Ruf des englischen Weines bei den jungen Weinfans zu verbreiten: «Das Durchschnittsalter unserer Kundschaft liegt bei 105 Jahren.»

Hanspeter Künzler ist Kulturjournalist und lebt in London.


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