Shop


 Audio


NZZ Folio 10/06 - Thema: TV-Serien   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich würde sehr gern fliegen

© Gudrun Sachse
Charles Jiva, Lilongwe, Malawi Linktext
Von Grudrun Sachse
Charles Jiva, Lilongwe, Malawi, ist 31 Jahre alt, nicht verheiratet und hat einen 9-jährigen Sohn. Der Sohn lebt bei seiner Mutter in Moçambique, Charles Jiva hat ihn seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Für den Unterhalt muss er nicht aufkommen. Seit acht Jahren hat er eine Freundin. Charles Jiva wohnt allein in einer Einzimmerwohnung auf dem Gelände des Flughafens der Hauptstadt Lilongwe. Dort ist auch der Standplatz seines Taxis. Er fährt einen Toyota Corolla, Jahrgang 2000, Zählerstand 220 000 Kilometer.
Charles Jiva verdient im Monat rund 25 000 Malawi-Kwacha (256 Franken), was seine Lebenshaltungskosten deckt. Wenn Reparaturen am Auto fällig sind, muss er dafür oft zwei Monatslöhne aufwenden.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Sieben Tage die Woche von 7.30 Uhr bis 8 Uhr abends. Ich muss so viel arbeiten, aber ich arbeite auch sehr gerne.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

Ich hatte noch nie Ferien, warum auch? In den Wartezeiten kann ich mich sehr gut erholen. Vielleicht mache ich aber doch mal Ferien, schön wäre es am Malawisee. Oder in der Schweiz. Ich habe noch nie Schnee gesehen.

Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?

Eigentlich bin ich Kaufmann. Ich habe das College abgeschlossen und anschliessend alles mögliche aus Moçambique nach Malawi importiert, damit allerdings kein Geld verdient. Also habe ich mir in Südafrika ein Auto gekauft, bin damit hierhergefahren und seitdem als Taxifahrer tätig.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Für Mister Water vom Flughafen Lilongwe nach Mzuzu und am gleichen Tag wieder zurück. Das sind 700 Kilometer. Mister Water ist ein guter Kunde von mir. Er ist geschäftlich in Malawi.

Wie verhalten Sie sich im Stau?

Stau haben wir hier nicht. In Malawi gibt es keine 40 000 Fahrzeuge. Dafür muss ich oft sehr lange auf Fahrgäste warten. Dann lese ich die Zeitung oder unterhalte ich mich mit meinen Kollegen. Wir reden meistens über Geld, manchmal auch über Mädchen.

Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?

Mister Hewilt. Der ist für mich der Allergrösste. Er ist Geschäftsmann in Simbabwe und alle drei bis vier Monate in Malawi. Dann bucht er mich jeweils für drei oder vier Tage. Pro Tag bekomme ich pauschal 62 Franken. Wenn Mister Hewilt kommt, ist mein Monat gerettet.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Trinkgeld ist bei uns nicht üblich. Aber von Mister Hewilt habe ich einmal 2 Franken bekommen.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Glücklicherweise noch nichts. Es gibt einen neuen Trick in Lilongwe: Ein Fahrgast vergisst etwas im Auto, zum Beispiel sein Handy. Der Fahrer bemerkt es nicht. Der nächste Fahrgast, ein Kumpane des ersten, nimmt das Handy mit. Dann kommt der Fahrgast, der das Handy angeblich vergessen hat, zurück und beschuldigt den Fahrer des Diebstahls. Der muss dann das Handy bezahlen.

Was war Ihre teuerste Busse?

33 Franken, weil ich meinen Führerschein nicht dabeihatte. Ich werde oft gebüsst. Bezahlen muss ich auch dann, wenn sich ein Fahrgast nicht anschnallen will. Das kostet mich 5 Franken. Früher, unter Präsident Banda und später unter Muluzi, hat die Polizei willkürlich Bussen verteilt. Heute sind die Preise eigentlich fix. Aber die meisten Polizisten lassen dennoch mit sich reden.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet eine Fahrt dorthin?

Bei uns gibt es eigentlich nichts Schönes, vielleicht die «Parkling Farm». Das ist ein ruhiger, ziemlich cooler Ort ausserhalb der Stadt. Man kann dort etwas trinken und Golf spielen. Ich habe mal von draussen zugesehen. Dann gibt es noch das Restaurant «Mama mia», das ist ein Pub mit einer Disco. Die Fahrtkosten dorthin sind Verhandlungssache.

Was macht in Ihrer Stadt einen guten Taxifahrer aus?

Er muss viel Geduld haben. Hier geht alles sehr langsam. Und manchmal wartet man den ganzen Tag vergeblich auf einen Fahrgast.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Nein, so etwas kommt in Malawi nicht vor. Hier gibt es keine Pistolen. Oder sagen wir, es kam bisher nicht vor. Mit der Demokratisierung des Landes ist auch mein Job gefährlicher geworden. Geschehen ist mir aber noch nie etwas.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Eine Pension habe ich nicht zu erwarten. Ich werde arbeiten, bis ich ungefähr 50 bin, und dann ein zweites Taxi kaufen und jemanden für mich fahren lassen.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Den Pilotenschein machen. Ich würde sehr gern fliegen. Mein Traum wäre es, über den Malawisee zu fliegen.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich gehe mit Freunden aus. Alkohol trinke ich nicht mehr. Das hat mir nie Glück gebracht. Ich sitze auch gern mit meiner Freundin vor dem Fernseher. Den kann sich hier nicht jeder leisten.


Taxameter
In Malawi gibt es weder Taxameter noch Taxischilder auf dem Autodach. Taxis erkennt man an Nummernschildern mit roter Schrift. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt kostet 25 Franken, was sich in der Regel nur Geschäftsleute leisten können.

Malawi
Einwohner: 12,5 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 224
Benzin: 1 l CHF 1.50
Milch: 1 l CHF 1.75
Brot: 1 kg CHF 1.–
Reis: 1 kg CHF 1.–
Coca-Cola: 1 l CHF 0.30
Kinobillett: CHF 5.70
Zigaretten: CHF 1.60
Maismehl: 1 kg CHF 0.70
Zur Herstellung von Nsima, einem Gemisch aus Maismehl und Wasser.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.