NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Vom Segen des Computers

Von Joni Müller

ES IST NICHT LANGE HER, da wurde der Computer im privaten Bereich neben dem Spielen fast nur fürs alphabetische und chronologische Ordnen der Plattensammlung sowie für die effiziente Bewirtschaftung des Weinkellers eingesetzt. Belesene Leute erstellten auch gerne einen möglichst professionellen Katalog ihrer Bibliothek, der jedes Buch nach allerlei Kriterien abrufbar machte. Wenn etwa plötzlich die Frage auftauchte, wer denn eigentlich «Die Brücke am Kwai» geschrieben habe, so tippte man einfach ein knappes «Kwai» ein, und der PC gab bereitwillig Auskunft und ersparte so manch mühsamen Gang zum Bücherregal.

Damals hat man solche Leistungen noch bestaunt und sich über die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung gewundert. Heute wundert man sich höchstens darüber, dass der PC seine Antwort nicht mit der Titelmelodie des Films untermalt und weshalb er sie nicht gleich vorliest. Was er selbstverständlich gerne täte, wenn man ihn nur liesse. Nun gehört ja ein PC, der mit englischem Akzent, wählbarer Stimme und idiotischer Betonung einen beliebigen Text vorliest, zu den lustigeren Dingen des Alltags. Weit weniger lustig ist es dagegen, das Gerät so weit zu bringen.

Davon, dass der Weg das Ziel sei, kann hier gewiss nicht die Rede sein. Und dass die Frage nach dem Autor des erwähnten Werkes nach menschlichem Ermessen im menschlichen Leben gar nie auftauchen wird und dass die Zeit, die man dafür aufwenden muss, um den Computer zu einer richtigen Antwort zu befähigen, ein Mehrfaches der im unwahrscheinlichen Bedarfsfalle allenfalls gesparten ausmacht, macht die Angelegenheit rational betrachtet zu einer irrationalen. Ebenso irrational ist es, für die lückenlose Kontrolle von vielleicht 200 Flaschen Wein eine Rechenleistung einzusetzen, um die einen vor kurzem selbst CIA und FBI noch beneidet hätten.

Doch heute braucht fast niemand mehr seinen potenten PC nur für solche Albernheiten, denn heute haben wir das Internet. Wo man praktischerweise jederzeit herausfinden kann, dass niemand anderer als Pierre Boulle «Le pont de la rivière Kwaï» geschrieben hat und Gottfried Beutel den Roman ins Deutsche übersetzte.


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