NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Der Lauscher

Wenn die Nacht zur Hölle wird - ein Krimi.

Von Roger Graf

Ein einzelner Regentropfen benetzte seine Stirn. Er schaute nach oben, sah die Sterne und wunderte sich, woher der Tropfen kam. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Die Narben juckten ihn, wie sie das immer taten, wenn er nervös war. Die Stimmen in seinem Kopf waren verstummt. Jedesmal, wenn dies geschah, wurde ihm heiss und kalt, er bekam Panikattacken und Herzflattern. Er nahm einen Schluck aus der kleinen Flasche Schnaps, die er immer bei sich trug, und schon Sekunden später fühlte er sich besser.

Doch wenn die Stimmen zurückkehrten, half kein Alkohol. Sie liessen sich nicht besänftigen. Mit den Jahren war es ihm gelungen, eine Alltagsroutine zu entwickeln, mit der er den Stimmen Einhalt gebieten konnte. Nachts, so hatte er festgestellt, wurden sie unerträglich, wenn er sich in seiner Wohnung oder einem anderen geschlossenen Raum aufhielt. Nachts musste er auf die Strasse, musste stundenlang gehen, sich bewegen wie eine Raubkatze, nur so gelang es ihm, die Stimmen zu besänftigen und manchmal ganz verstummen zu lassen.

Alles hatte an jenem verhängnisvollen Freitag vor zwölf Jahren begonnen, als er bei einem Zugunglück in Holland schwere Verletzungen erlitt. Sein Gesicht war seither entstellt, und in seinem Kopf hatten sich die Stimmen eingenistet. Zuerst hatte er geglaubt, dass sie den Opfern des Zugunglücks gehörten. Er stellte sich vor, dass sie sich beim Aufprall in seinen Kopf geflüchtet hatten und danach nicht mehr zurückkonnten, weil der Körper, zu dem sie gehört hatten, nicht mehr da war. Doch bei dem Unglück waren nur zwei Menschen gestorben, ein alter Mann und ein kleiner Junge, und zu denen passten die Stimmen, die er hörte, nicht. Seit dem Zugunglück lebte er von einer bescheidenen Invalidenrente. Die Psychologen schafften es nicht, die Stimmen zu vertreiben, auch lange Aufenthalte in den Bergen und am Meer brachten keine Linderung. Er nahm die Stimmen mit wie andere Leute ihre Alltagssorgen. Nur die Nacht befreite ihn manchmal für einige Stunden davon.

Er zog den Reissverschluss hoch, da der Wind kühler wurde und er sich schon oft erkältet hatte auf seinen nächtlichen Touren durch die Stadt. Er war längst ein geübter Spaziergänger geworden, er wusste, welche Strassen belebt waren, an welcher Ecke man sich verpflegen konnte, welche Gassen man meiden musste, um nicht Drogensüchtigen zu begegnen, deren feindselige Blicke er fürchtete. Trotzdem ging er gerne in den Rotlichtbezirk, beobachtete das Treiben, stellte sich an eine Hausmauer und liess sich von schönen Frauen ansprechen. Sie gaben sich Mühe, seine Narben zu übersehen, doch er liess sich nicht überreden. Mit der Zeit hatte es sich herumgesprochen, dass er kein Freier war.

Von einigen Frauen wurde er wie ein alter Bekannter begrüsst, andere gesellten sich zu ihm und rauchten eine Zigarette, ehe sie wieder ihrer Arbeit nachgingen. Die Frauen waren es auch, die ihm seinen Spitznamen verpassten. Den Lauscher nannten sie ihn, weil er mit einem Mikrophon durch die Strassen ging, einem Richtmikrophon, schmal und lang, mit dem er Gespräche belauschen konnte. Es war an ein kleines Tonbandgerät angeschlossen, das er in seiner Jackentasche trug. Die Kopfhörer waren in der Dunkelheit kaum zu sehen.

Der Lauscher ging an einem Imbissstand vorbei. Zwei Männer unterhielten sich. Als er an der nächsten Strassenecke stehenblieb und das Mikrophon auf die beiden Männer richtete, konnte er das Gespräch mithören. Sie redeten über einen Arbeitskollegen, machten Scherze. Der Lauscher ging weiter. Es ging ihm nicht darum, intime Gespräche zu belauschen. Er war auf der Suche nach jenen Stimmen, die ihn tagsüber plagten. Diese Stimmen, da war er sich sicher, gehörten zu lebenden Menschen, und er redete sich ein, dass er die Stimmen im Kopf nur loswerden konnte, wenn er jenen, denen sie gehörten, leibhaftig begegnete, ja sie zur Rede stellte, um von ihnen zu erfahren, weshalb sie ihn heimsuchten.

Tagsüber verabredeten sich die Stimmen in seinem Kopf für die Nacht, ohne zu sagen, wo. Kommst du auch heute nacht? Selbe Zeit, selber Ort? Lass uns den Mond küssen! Lass uns die Sterne zählen! Die Nacht ist unsere Verbündete. Zweifellos wollten sie ihm etwas mitteilen, ihn hinauslocken in die Nacht, damit er ihnen endlich begegnen konnte. Unzählige Stimmen hatte er schon auf den Strassen vernommen, war den Menschen manchmal gefolgt wie ein Schatten, bis er resigniert stehenblieb, weil es wieder die falsche war.

Auch in dieser Nacht hatte er bereits eine Stimme belauscht, die ihn an eine in seinem Kopf erinnerte. Eine derbe Stimme, laut und vulgär. Er glaubte sie bei einem Taxifahrer wiederzuerkennen, der sich mit einem Kollegen unterhielt und über Verkehrsberuhigungsmassnahmen fluchte. Der Lauscher stand beim Eingang zu einem Sexkino, das Mikrophon war auf das Taxi auf der anderen Strassenseite gerichtet. Aber nicht die Stimme war es, die ähnlich klang, es waren die Worte des Taxifahrers. Der Lauscher wollte das Mikrophon gerade abschalten, als er eine andere Stimme vernahm.

«Sind Sie noch frei?»

Wie elektrisiert starrte der Lauscher auf die Frau, seine zitternde Hand suchte mit dem Mikrophon nach ihrer Stimme. Die Frau stieg nicht sofort ein, fragte, ob sie mit Kreditkarte bezahlen könne. Die Antwort des Taxifahrers interessierte den Lauscher nicht mehr, nur noch die Stimme der Frau wollte er hören, immer und immer wieder, denn er wusste, das war eine der Stimmen aus seinem Kopf. Hastig verstaute er das Mikrophon, eilte über die Strasse und bestieg das andere Taxi. «Folgen Sie bitte dem Taxi», sagte er.

Der Taxifahrer grinste und musterte den Lauscher im Rückspiegel, während er aufs Gaspedal drückte.

Carla stand an der Ecke vor den Toiletten und nippte an einem Glas Champagner. Die Bar war voll, der Zigarettenrauch brannte ihr in den Augen, und die Blicke der Männer waren ihr lästig. Einer suchte ihren Blick, andere feixten ab und zu herüber, meist herausfordernd grinsend. Carla schaute durch die Männer hindurch. Ein kurzgeschorener junger Mann mit dünnen Armen kam auf sie zu. Er hatte sich aus einer Gruppe gelöst, spöttische Blicke folgten ihm. Als Carla ihn mit einem Spruch abblitzen liess, schwoll das Gelächter in der Gruppe an, was den jungen Mann erst recht anstachelte. Er bestellte ein Glas Champagner für Carla, sie winkte ab und gab dem Barkeeper zu verstehen, dass ihr nicht danach war, eingeladen zu werden. Der junge Mann bestand auf der Bestellung. Carla ging wortlos an ihm vorbei und verliess die Bar.

Draussen war es kühl. Drei Männer und eine Frau standen herum und tranken Bier. Carla lehnte sich an die Hausmauer und griff nach dem Handy in der Handtasche. Jürg hatte sich nicht gemeldet. Scheisstyp, dachte sie. Scheissleben. Um ein Uhr stieg die Party, und sie stand vor der Bar und wartete auf den Koks. Koks für eine Nacht, zwölf Werbefritzen und Carla als Vermittlerin, die sich auf einen Schlag eine Wochenration verdienen konnte. Doch Jürg meldete sich nicht.

Carla wurde bewusst, dass es genau so war wie damals, als sie in Jürg verknallt war und sie sich jeweils in dieser Bar trafen, spätnachts. Er hatte ihr erzählt, dass er verheiratet sei und seine Frau Ärztin sei und Nachtschicht habe, während er sich mit Carla vergnügte. Meine Spätschicht, so nannte er Carla manchmal, und sie kam sich ausgenutzt vor, sagte Jürg aber nicht, wie sie sich fühlte, und blieb bei ihm. Bis er ihr eines Nachts offenbarte, dass er gar nicht verheiratet war, dass sein ganzes Leben aus Lügen bestand und es ihm egal sei, wenn Carla ihn deswegen verachtete. Aber Carla verachtete ihn nicht. Jürg dealte mit Koks, und mit Koks bekam das Leben Drive, und das mochte Carla. Ohne Koks und ohne Jürg stand sie jetzt vor der Bar herum, trostlos und verloren.

Ein Liebespaar blieb vor ihr stehen und küsste sich innig. Carla starrte auf die Zungen, die miteinander spielten, bis ihr bei dem Anblick ekelte und sie sich abwenden musste. Als ihr Handy klingelte, erschrak sie zuerst, drückte dann nervös auf die Tasten und war erleichtert, als sie Jürgs Stimme hörte.

«In einer halben Stunde beim Güterbahnhof.»

Jürg klang gereizt. Carla wollte wissen, weshalb er nicht in die Bar gekommen war.

«Keine Fragen jetzt. Hast du das Geld?»

Carla griff nach dem Umschlag, der in ihrer Tasche steckte. Jürg unterbrach die Verbindung, und Carla ging eilig zu dem Taxistand.

«Sind Sie noch frei?»

Der Taxifahrer nickte wortlos, auch als sie ihn fragte, ob sie mit Kreditkarte bezahlen könne. Sie wollte nichts aus dem Umschlag nehmen. Carla stieg ein. Zum Güterbahnhof. Der Taxifahrer hob die Augenbrauen ein wenig, als er losfuhr. Wahrscheinlich eine dieser Parties in einem der alten Lagerhäuser, dachte er. Im Rückspiegel nahm er wahr, dass sein Kollege hinter ihm herfuhr. Eine gute Nacht, dachte er.

Fredy zündete sich eine Zigarette an. Michelle trank Cider aus einer gelben Flasche. Sie hatten sich in der Lagerhalle getroffen, unten auf dem Dancefloor, zufällig, nachdem sie sich zwei Jahre nicht gesehen hatten. Michelle hatte geheiratet und war mit ihrem Mann nach London gezogen. Fredy war schon immer in sie verliebt gewesen, aber das hatte er ihr nie gesagt. Jetzt strich er ihr mit der Hand übers Gesicht, unsicher.

«Ich bin allein da», sagte Michelle, und Fredy verlor sich in ihren Augen, warf die Zigarette weg und glaubte, die Sterne am Himmel mit den Händen fassen zu können. Er suchte nach Worten, doch es fielen ihm nur Floskeln ein, für die er sich schämte und die dieser Nacht jegliche Magie genommen hätten. Michelle kam näher, ihr Körper schmiegte sich an seinen, er spürte ihre Arme auf seinem Rücken. Wie gelähmt stand er da, sein Puls raste, und er erschrak, als er spürte, dass Michelle weinte. Fredy wusste nicht, was er mit ihren Tränen anfangen sollte.

«Es tut mir leid», stammelte er. Michelle schüttelte den Kopf, und die Tränen leuchteten im Mondlicht. Jetzt erst begriff Fredy. Es waren Tränen der Freude. Die Liebe hatte sie beide getroffen wie ein Blitz. Jetzt war Fredy es, der Michelle umarmte. Er hob seinen Kopf, schaute zum Himmel hoch und spürte einen leichten Schwindel, als er die Sterne sah.

Dumpf hörte man die Musik, zu der in der Halle getanzt wurde. Minuten verstrichen. Die Nacht war wie ein Tuch, unter das sich die Liebenden verkrochen. Da zerriss ein Schrei jäh das dunkle Tuch. «Nein!», und ein Schuss peitschte durch die Dunkelheit, der die beiden traf wie ein Donnerschlag.

«Was ist da los?» fragte Michelle, doch noch während sie fragte, sah sie drüben bei den Schienen einen Körper reglos am Boden liegen und eine Frau, die sich ihm näherte. Fredy versuchte, Michelle zurückzuhalten, doch sie schüttelte seine Hand ab. Fredy blieb einen Moment stehen, mit offenem Mund, dann folgte er ihr.

Der Lauscher stieg aus dem Taxi und schaute sich um. Die Frau war beim Güterbahnhof ausgestiegen, eine Gegend, die der Lauscher nicht kannte, weil sie nachts wenig belebt war. Kein Ort, um nach Stimmen zu suchen. Und doch war es genau der richtige Ort. Sie stand nur wenige Meter von ihm entfernt, mit dem Rücken zu ihm. Sie rauchte und schien auf jemanden zu warten. Ein seltsamer Ort für ein Rendez-vous, dachte der Lauscher. Er stellte sich unter ein Wellblechdach neben parkierte Fahrräder.

Er richtete das Mikrophon auf die Frau. Er wünschte sich, dass sie Selbstgespräche führen möge, damit er wieder ihre Stimme hören konnte. Natürlich, er hätte sie ansprechen können, doch er wusste, wie sein Gesicht seit dem Unfall auf Fremde wirkte. Die Minuten vergingen. Der Lauscher sah das Liebespaar, das drüben vor einer der Lagerhallen stand, innig umschlungen, er spürte die Sehnsucht, die sich seiner bemächtigte. Ein Handy erklang. Und dann hörte er wieder ihre Stimme, und diesmal war er sich sicher, es war eine der Stimmen aus seinem Kopf, er hatte sie gefunden.

«Ich bin da», sagte sie. «Wann kommst du?»

Ein anderer Mann, dachte der Lauscher, und er fragte sich, ob er es ertragen würde, wenn diese Stimme, die ihm so vertraut war, einem Mann Liebesworte zuflüsterte. Der Lauscher hörte eine Wagentür, und er hörte Schritte, leise nur. Er suchte mit dem Mikrophon nach der Geräuschquelle. Die Schritte wurden lauter, und er sah in der Dunkelheit einen Schatten, der sich auf die Frau zubewegte. Dieser Schatten gehörte zu einem Mann. Gross war er, in einen langen Mantel gehüllt. Der Mann blieb stehen, er war jetzt auf der Höhe des Lauschers. Die Frau sprach immer noch in ihr Handy, sie sah den Mann nicht, und so sah sie auch nicht, wie seine Hand im Mantel verschwand und eine Pistole hervorzog.

Der Lauscher traute seinen Augen nicht, doch es gab keinen Zweifel, der Mann richtete eine Waffe auf die Frau, auf die Stimme in seinem Kopf. Er zog den Stecker des Mikrophons aus dem Tonbandgerät und liess das Mikrophon zu Boden fallen, ehe er losrannte, um sich zwischen den Mann und die Frau zu werfen. Er rief laut «Nein!», und er hörte, wie die Frau aufschrie. Sie schrie nicht wegen des Mannes, der die Waffe auf sie richtete, nein, sie schrie, weil sie glaubte, dass er, der Lauscher, sie angreifen wollte. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der Frau, als es knallte und ein heftiger Schlag in den Rücken ihn zu Boden warf. Er hörte Schritte, die sich eilig entfernten, und er hörte die Frau, ihre Stimme, die sich ihm näherte.

Carla wurde wütend, sie hasste es, wenn Jürg sie warten liess. Alles, was er ihr am Telefon sagte, klang nach Ausflüchten, er erkundigte sich nach völlig unsinnigen Dingen, wollte wissen, was für eine Party es war, für die Carla den Stoff brauchte. Irgend etwas stimmte da nicht. Zuerst dachte sie, jemand sei ihr im Taxi gefolgt, doch als sie sich umsah, entdeckte sie nur ein Liebespaar vor einem der Lagerschuppen. Die Nacht war voller Liebespaare, und Carla fühlte sich schäbig, allein in dieser trostlosen Gegend, in der Hand eines Mannes, der sie hier herumstehen liess, anstatt endlich zu kommen und den Deal über die Bühne zu bringen.

«Leb wohl, Carla», sagte Jürg unvermittelt.

«Was soll das?» fragte Carla. Dann hörte sie Schritte und einen Schrei. Sie drehte sich um. Also doch, jemand war ihr gefolgt, ein Mann, der jetzt auf sie zugerannt kam. Sie blieb wie angewurzelt stehen, unfähig, etwas zu tun. Ihre Hand umklammerte das Handy, als es knallte und der Mann umfiel, wie wenn er über etwas gestolpert wäre.

Doch er war nicht gestolpert. Carla sah einen zweiten Mann wegrennen. Stefan. Sie erkannte ihn sofort. Stefan, der Geschäftspartner und Freund von Jürg. Stefan, den sie beleidigt hatte, weil sie ihn abblitzen liess, als Jürg nicht mehr mit ihr ins Bett wollte. Das wirst du noch bereuen, Carla, hatte er gesagt.

Sie hatte ihn nicht ernst genommen, ein Möchtegern, ein Dummkopf, der Jürg nicht das Wasser reichen konnte. Die Schritte Stefans verhallten in der Dunkelheit. Der Mann am Boden krümmte sich, sie hörte ihn stöhnen und ging langsam auf ihn zu. Sie sah, dass sich das Liebespaar ebenfalls näherte, die Frau zuerst, der Mann hinter ihr, zögernd. Was soll ich tun? dachte Carla. Sie starrte auf den Mann und sah, wie sich seine Jacke verfärbte. Blut, dachte Carla, er stirbt.

Das Paar stand jetzt neben ihr, die Frau riss ihr das Handy aus der Hand und versuchte eine Nummer zu wählen. Polizei. Carla dachte an den Umschlag in ihrer Tasche. Ich muss weg hier. Der junge Mann kauerte neben dem Verletzten, versuchte ihm zu helfen, sprach auf ihn ein.

«Bitte nicht», sagte der.

«Er sollte sich nicht bewegen», sagte Carla und staunte selber über die Ruhe, die in ihrer Stimme lag. Sie sah jetzt, wie der Verletzte lächelte.

Der Lauscher lag am Boden, und ihm war kalt. Der Schmerz in seinem Rücken war jetzt so stark, dass er sich wand, er versuchte eine Position zu finden, die erträglich war. Jemand hatte auf ihn geschossen, eine Kugel steckte in seinem Körper, und er wusste, er war in Lebensgefahr. Die Frau würde ihm helfen. Er sah, wie sie sich ihm näherte. Doch sie war nicht allein, da waren auch noch eine andere Frau und ein junger Mann. Das Liebespaar, dachte er. Der Lauscher hörte ihre Stimmen. Es waren die Stimmen in seinem Kopf. Sie waren zurückgekehrt.

«Bitte nicht», sagte er.

Er sah in das Gesicht des jungen Mannes, und er sah, wie sich seine Lippen bewegten und dass die Lippenbewegungen zu den Worten passten, die er in seinem Kopf hörte. Jetzt sagte auch die andere Frau etwas. Der Lauscher lächelte. Er erkannte die Stimme. Alle drei waren Stimmen aus seinem Kopf.

Der Schmerz liess nach, dafür wurde es kälter. Er fröstelte, und er glaubte zu spüren, wie das Blut aus seinem Körper wich. Sie werden mich retten, dachte er, meine Stimmen werden mich retten.

«Er stirbt», sagte der junge Mann leise zu seiner Freundin. Ich sterbe nicht, dachte der Lauscher, und er lächelte, als es Nacht wurde in seinem Kopf.

Roger Graf, Schriftsteller, lebt in Zürich. «Kurzer Abgang», sein jüngster Krimi, ist eben im Zürcher Verlag Kein & Aber erschienen.


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