NZZ Folio 10/08 - Thema: Gratis   Inhaltsverzeichnis

Der Fremde im Bett

© James Robert Fuller, Bangkok, ...
Simon Brinkrolf auf dem Weg zu einem kostenlosen Schlafplatz. Linktext
Wer will, übernachtet heute weltweit umsonst – zum Beispiel bei Simon auf der Couch. 170 Gäste pro Jahr sind für ihn normal.

Von Corinne Stöckli und Samuel Hufschmid

Für Olga ist es das erste Mal, dass sie Spargel isst. Das erste Mal, dass sie bei Simon und seinen Mitbewohnern zu Gast ist, das erste Mal, dass sie überhaupt einen von ihnen persönlich trifft. Vorsichtig knabbert die tschechische Studentin am unbekannten Wurzelgewächs. «Die Spitzen sind das Beste», sagt Simon Brinkrolf und schöpft ihr selbstgemachte Sauce hollandaise auf den Teller. Der runde Holztisch mit dem dampfenden Spargelberg füllt die Küche beinahe aus. Es ist eine jener Küchen, in denen die Gewürzdosen dick mit Filzstift beschriftet und die Kerzenständer noch dicker mit Wachs überzogen sind. In solchen Küchen wechseln die Bewohner ähnlich geschmeidig vom Englischen ins Deutsche wie von «Calvin and Hobbes» zu Marx und Engels. Was diese Küche aber einzigartig macht, ist das blassbraune Sofa, auf dem Olga sitzt. In den letzten zwei Jahren haben mehr als 350 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt darauf geschlafen. Kostenlos.

Ein Log-in, fünf Mausklicks und ein Telefonanruf haben Olga und die anderen Gäste auf Simons Sofa in Hamburg geführt. Zusammen mit seinen Mitbewohnern bietet der 26-Jährige über die Online-Gastgeberdienste Hospitality Club, CouchSurfing und BeWelcome kostenlos vier Schlafplätze mitten in Hamburg an. Der Geographiestudent mit dem rotblonden Pferdeschwanz ist damit Teil eines weltweiten, rasant wachsenden Gastgebernetzwerks: Allein der Hospitality Club hat heute über 430 000 Mitglieder in 221 Ländern – 7000 davon in der Schweiz. Doch keiner der Eidgenossen hat auch nur annähernd so viele Gäste beherbergt wie der Hamburger.

Nachdem Olga auf hospitalityclub.org die Stadt Hamburg angeklickt hatte, standen ihr 2328 Türen gastfreundlicher Elbstadtbewohner offen, die auf ihren Profilen um neue Gäste werben. Das System ist denkbar einfach: Nachdem sich Olga kostenlos registriert hatte, prüfte ein freiwilliger Helfer des Hospitality Club ihre Daten und gab ihr Zugriff auf die Angaben aller anderen Mitglieder. Die Profile zeigen neben den verfügbaren Schlafplätzen auch die persönlichen Vorlieben der einzelnen Gastgeber.

In Simons Profil steht, dass er gerne Vögel beobachte, über 50 000 Kilometer getrampt sei und dabei Gegenden wie Grönland oder Kirgistan besucht habe, dass er studiere, gleichzeitig zwei Nebenjobs habe und gerade an seinem zukünftigen Zuhause, einem alten Zirkuswagen, bastle. In seinem Profil macht Simon klar: Er empfängt zwar liebend gern Gäste, doch wer bei ihm unterkommt, darf nicht erwarten, dass er im Mittelpunkt steht. Seine Gäste werden einfach in Simons Alltag integriert. Den Spargelschmaus hätte es also auch ohne Olgas Besuch gegeben. Und weil Simon heute Abend lieber zu Hause bleibt, hat er für Olga anderweitig vorgesorgt: Sein Mitbewohner nimmt Olga mit zu einer Geburtstagsparty, ein zusätzliches Fahrrad ist organisiert. Und für den Fall, dass sie früher nach Hause möchte, wird man ihr einen Schlüssel hinterlegen.

Olga revanchiert sich postwendend: Zurück von ihrem Aufenthalt in Hamburg, spricht sie ihren Gastgebern vir­tuell das Vertrauen aus: «Danke! Auch wenn ich euch ­während der vier Tage selten gesehen habe, fühlte ich mich bei euch wie zu Hause!» Ähnlich wie bei Ebay sind solche Rückmeldungen ein Vertrauensbarometer für die Mitglieder. Simons virtueller Leumund ist astrein, so dass selbst skeptische Zeitgenossen seine Türschwelle vertrauensvoll überschreiten und an seinem Tisch unbekanntes Gemüse kosten. Die Kommentare geben aber nicht nur Sicherheit, sie helfen dem Nutzer auch, unter den vielen Angeboten den zuvorkommendsten Gastgeber, den ambitioniertesten Koch oder die beste Geschichtenerzählerin zu finden.

Simon und seine Mitbewohner gehören zu den Spitzen­reitern, was die Anzahl überschwenglicher Kommentare betrifft. Ein Gast aus Finnland ging sogar so weit, ihre Wohnung als «die Personifizierung des Hospitality Club» zu ­bezeichnen. Zusammen mit seinen drei WG-Kollegen hat Simon die Gastfreundschaft richtiggehend professionalisiert. In einem gemeinsamen Onlinekalender tragen sie Anfragen und Bestätigungen ein und teilen sich die Betreuung der zahlreichen Gäste auf. Wer gerade da ist, begrüsst die Gäste, führt sie durch alle Zimmer, zeigt ihnen den Schlafplatz und den Kniff mit der klemmenden Abwaschmaschine.

Gäste sind in Simons Wohnung immer willkommen. Sofern sie unkompliziert sind – und die 123 Treppenstufen bis ins Dachgeschoss schaffen. Der erste Schlafplatz im Angebot ist das braune Sofa in der Küche. Daneben gibt es in jedem der vier Schlafzimmer zusätzliche Schlafplätze und Bettdecken. Neben der Toilette liegt ein Gästebuch mit poetischen Einträgen aus aller Welt, ein Stapel Gratisstadtpläne liegt griffbereit auf einem Gestell im Flur. Im Regal darüber sammeln sich Mitbringsel und Plunder, der von den Gästen vergessen wurde: Tschechische Becherovka steht neben türkischem Yeni Raki und polnischem Wodka, auf eine alte Toffifee-Verpackung wurde eine Abschiedsnachricht gekritzelt, neben einem verstaubten Psychologieskript der Universität Wien liegt ein leeres Nécessaire.

Zwei Tage nach Olgas Abreise kommen Camilo und seine Freundin aus Bogotá in Simons WG an. Die jungen Kolumbianer sind dabei, Europa zu entdecken. Sie sind schüchtern. Interkultureller Austausch kann auch bedeuten, dass man ohne grosse Worte zusammen indisch kocht und sich dann gemütlich den «Tatort» anschaut. Heimischer Krimi als Kulturlektion. Darum geht es den Initianten des Hospitality Club. Kostenlose Schlafplätze als Ort für interkulturelle Begegnungen, die sonst nicht stattfänden. Denn je mehr sich Menschen über die Landesgrenzen hin­w­eg austauschen, umso weniger haben sie Verständnis für Gewalt gegen die Landsleute ihrer Gäste. Davon sind Simon und sein Freund Veit überzeugt.

Veit Kühne war es, der den Hospitality Club im Jahr 2000 gegründet hat. Der Tramper und Friedensaktivist war 22 Jahre alt und Mitglied bei der Friedensorganisation Servas. Auf seinen Reisen konnte er bei anderen Mitgliedern der Organisation kostenlos übernachten. Die zeitaufwendige Abwicklung und der Umgang mit den gedruckten Mitgliederlisten waren ihm aber zu umständlich und zu bürokratisch. Der Student erkannte schnell, dass das Internet das ideale Medium ist, um die Idee eines internationalen Gastgebernetzwerkes mit dem Ziel der Friedensförderung einem grösseren Kreis von Menschen näherzubringen.

Vom ersten Tag an war das Internet für den Hospitality Club die perfekte Vernetzungsmaschine, die Anbieter und Nachfrager, zum Beispiel Camilo aus Kolumbien und Simon aus Deutschland, zusammenbringt. «Es war das Internet, das eine Bewegung in dieser Dimension erst ermöglichte», sagt Veit. Heute ist «sein» Hospitality Club neben CouchSurfing einer der zwei grössten Gastgeberdienste weltweit. Das anfangs utopische Ziel von einer Million Mitgliedern ist längst in Reichweite gerückt. Nach der Gründung ist Veit zwei Jahre durch Europa getourt und hat tüchtig die Werbetrommel für den «Club der Gastfreundschaft» gerührt. Nie verlor er dabei das eigentliche Ziel aus den Augen und betont auch heute, dass jede einzelne dieser Begegnungen gleichzeitig als ein kleiner Schritt hin zu einer friedlicheren Welt zu sehen ist.

Simon steht in der Küche und säubert Erdbeeren. Auch er glaubt an die grosse Wirkung vieler kleiner Schritte. «Die Gesellschaft verändert sich über die Meinung des Einzelnen», ist seine Überzeugung. «Das Ganze soll nicht nur praktisch sein und Spass machen, sondern gleichzeitig einen anderen Blick auf die Welt vermitteln – auch wenn die meisten das gar nicht bewusst wahrnehmen.» Er schnipselt sorgfältig die faulen Stellen an den Erdbeeren weg. Der Supermarkt wollte sie eigentlich wegwerfen. Dabei schmecken sie so überreif besonders süss. Auch das Joghurt auf dem Tisch hat das Verfalldatum hinter sich. Der sparsame Umgang mit Lebensmitteln ist mit ein Grund, warum die vielen Gäste für die WG nicht zu einer finanziellen Belastung werden. Ausserdem gleiche sich das Geben und Nehmen über die Zeit hinweg aus. Der eine Gast isst auf ihre Kosten, der nächste füllt den Kühlschrank wieder auf. «Kürzlich brachte ein Engländer acht Flaschen guten Wein mit, einfach so», sagt Simon und isst eine Erdbeere.

Camilo und seine Freundin sind gestern abgereist, für Donnerstag hat sich bereits Sara, 22, Ergotherapeutin aus Dänemark, angemeldet. Nächste Woche kommt eine 36-jährige Frau aus Iran mit ihrem Freund zu Besuch. Für Simon gehören Gäste zum Alltag, eine Atempause braucht er nicht. Ob er in seinem Bett oder auf irgendeiner Matratze im Nebenzimmer schläft, ist ihm einerlei. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. Auch seine Eltern haben öfter Gäste – allerdings erst, seit Simon sie mit seiner Leidenschaft angesteckt hat. In ihrem Haus hat es Platz für bis zu fünfzehn Gäste, die ihnen Simon teilweise weitervermittelt. Am Wochenende wird sein Vater aber bei Simon zu Gast sein. Er hilft dem Sohn beim Renovieren seines Zirkuswagens.

Ende Monat wird Simon für ein paar Tage nach Bonn reisen. Übernachten wird er beim Hospitality-Club-Mitglied Tonia. Sie reagierte als erste auf seine Onlineanfrage. Simon schrieb bewusst solche Mitglieder an, die schon länger keine Gäste mehr hatten. Schliesslich hat er eine Mission zu erfüllen: Er möchte die Idee weitertragen und die Grenzen des Systems ausloten. Die Grenzen liegen vor allem in der natürlichen Selektion der Mitglieder. Auf der Plattform treffen sich vor allem gebildete, reisefreudige, unkomplizierte und internetaffine junge Menschen. «Ich glaube, es ist vor allem ein Netzwerk, das coole Leute mit coolen Leuten zusammenbringt», sagt Simon.

Diese Happy Travellers, die Partytiger auf der Jagd nach möglichst vielen und witzigen Kommentaren, sind es auch, die das System am Laufen halten. Wahre Gastfreundschaft aber ist bedingungslos. Was, wenn nicht die hübsche Medizinstudentin aus Brasilien, sondern der 50-jährige Hilfsarbeiter aus der Nachbarstadt für seinen Scheidungstermin einen Schlafplatz in Hamburg braucht? Er fände wohl nicht bei vielen Mitgliedern Unterschlupf. «Für die Zukunft des Hospitality Club wünsche ich mir, dass die Idee noch vermehrt über Studentenkreise hinaus in anderen Gesellschaftsschichten Fuss fasst», sagt Simon. Ob sein Wunsch in Erfüllung geht, und ob das System überhaupt noch funktioniert, wenn die homogene Gruppe aufgebrochen würde, wird sich zeigen.

Simon zieht in den nächsten Wochen in seinen Zirkuswagen – ohne Strom, Wasserversorgung und Heizung. Auch dort wird er drei Schlafplätze anbieten. Veit möchte mit dem Hospitality Club bald die Millionengrenze knacken. Seine Chancen stehen gut: Für die ersten 10 000 Mitglieder brauchte der Club drei Jahre, heute kommen innerhalb eines Monats so viele dazu. Die leidenschaftlichen Gastgeber können also auch in Zukunft Gäste empfangen – ob für den Weltfrieden oder einfach nur aus Spass.

Corinne Stöckli und Samuel Hufschmid studieren Journalistik an der Hamburg Media School.


Leserbriefe:

Zu Der Fremde im Bett - NZZ-Folio Gratis (10/08)

Wir haben uns sehr gefreut, vom Hospitalityclub in Ihrem letzten Heft zu lesen. Wir sind zwischen 50 und 60 Jahre alt und haben Anfang 05 eine dreimonatige Reise durch Australien unternommen und vorwiegend bei Hospitality-Mitgliedern in unserem Alter übernachtet. Das waren ganz wertvolle Erfahrungen. Wir durften mit den Gastgebern wandern, Velo fahren, Landmaschinen-Oldtimer besichtigen, Rummy spielen, sie an Quizabende oder Konzerte begleiten, Schafe füttern, Erntefeste feiern, Kuchen und Rösti backen und gar während ihren Ferienabwesenheiten die Hühner füttern und den Pool geniessen. Seither hatten wir auch schon einige interessante Besucher bei uns. In unserem Alter sind meistens die eigenen Kinder ausgeflogen und man hat ein leeres Zimmer oder sogar noch Bad dazu. In Australien hat das Fernsehen den Hospitalityclub bekannt gemacht und gerade eben auch unter dieser Altersgruppe geworben. Es wäre schön, wenn sich auch in Europa mehr "gesetztere" Semester für diese Idee begeistern könnten. Wir möchten dazu nur ermutigen.
Felix und Christine Reutimann, per E-Mail



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