NZZ Folio 12/93 - Thema: Diamanten   Inhaltsverzeichnis

A Diamond's best Friend

Eine vierhundert Jahre alte Tradition.

Von Claudia Kühner

DAS DIAMANTENSCHLEIFEN soll im 15.  Jahrhundert im belgischen Brügge erfunden worden sein, das am Ende der Handelsroute von Venedig lag. Als Brügges Hafen versandete, verlagerte sich der Diamantenhandel in der zweiten Hälfte des 15.  Jahrhunderts allmählich nach Antwerpen, die andere belgische Hafenstadt. Portugiesen, vor allem Juden, die vor der Inquisition in den Norden geflohen waren, und Italiener beherrschten den Diamantsektor. Als der Portugiese Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien entdeckte - das damals einzige Herkunftsland von Diamanten -, gewann die Handelsroute Lissabon - Antwerpen zusehends an Bedeutung. Antwerpen wurde zum blühenden Handelszentrum, seine Schleifer wurden wegweisend für die Entwicklung neuer Bearbeitungstechniken.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts verlagerten sich Diamantenindustrie und -handel allmählich nach Amsterdam, einer Stadt mit politisch und wirtschaftlich besonders freiem Klima. Portugiesische Juden waren willkommen und spezialisierten sich auf Finanzierungen. Glaubensbrüder aus Antwerpen zogen nach. Gleichzeitig gingen die indischen Diamantvorkommen zur Neige. Als im 18. Jahrhundert Diamanten in Brasilien entdeckt wurden, war es Amsterdam, das nun profitierte; der Nachschub wurde von der holländischen Seemacht garantiert, und die besten Steine waren für Amsterdam reserviert. Antwerpen musste sich mit weniger profitabler Rohware begnügen. Allerdings verstanden es die Schleifer, auch sie noch zu Schmucksteinen von hoher Qualität zu verarbeiten. Das festigte ihren Ruf, der bis heute gehalten hat.

Ein Boom bis dahin nicht gekannten Ausmasses folgte der Entdeckung des ersten Diamanten in Südafrika: das moderne Diamantenzeitalter begann. Mit der Industrialisierung wuchs eine neue, wohlhabende Oberschicht heran, die Nachfrage nach Diamantschmuck stieg. Jetzt fanden auch in Antwerpen wieder Tausende von Schleifern Arbeit. Das Geschäft lief blendend, und sonntags feierten alle so, dass sie sich montags erholen mussten. Der «Antwerpner Montag» wurde zum Begriff.

Damals fingen die Grosshändler, Schleifer und Juweliere an, sich in Kneipen rund um den Bahnhof zu treffen und dort ihre Geschäfte zu verhandeln. Das war auf Dauer angesichts der wertvollen Ware, um die es ging, keine Lösung. So gründeten die Diamantenhändler nach und nach vier Diamantenbörsen.

Seine endgültige Weltgeltung als Diamantenstadt errang sich Antwerpen nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige hundert belgische Diamantenhändler hatten im Krieg nach England fliehen und von London aus den Handel mit den vor den Deutschen geretteten Steinen weiterführen können. Bald nach Kriegsende kehrten viele Diamantaires nach Antwerpen zurück; zusammen mit den Schleifern, mehrheitlich Christen, konnten sie die Diamantenindustrie rascher, als das in Amsterdam der Fall war, neu beleben.

Hinzu kam - und das ist so geblieben -, dass die belgischen Diamantgewerkschaften weniger rigide waren als die holländischen und der Staat bezüglich Vorschriften und Steuern entgegenkommender war. Das mag sich damit erklären, dass die Niederlande protestantisch-streng sind und es im katholischen Flandern «lateinischer» zugeht. Ohnedies ist der Diamantenhandel für Steuerbehörden nicht gerade einfach zu kontrollieren. Jedermann in Antwerpen spricht offen darüber, dass bis heute nach altem Brauch ein Teil der Löhne in Schwarzgeld bezahlt wird.

All das trug und trägt zur Bedeutung Antwerpens als Diamanthandelsplatz bei. In Brüssel ist man sich im klaren darüber, dass die Diamantenhändler morgen ihre Steine einpacken und sich an einem anderen Ort niederlassen könnten, stimmten die «Rahmenbedingungen» nicht mehr. Grosse Heimatgefühle hat in diesem Nationengemisch ausser den einheimischen Schleifern ohnehin niemand.


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