Wie ein Fluss vor dem weiten Blau des Himmels wellt sich das Dach über Kazuyo Sejimas Haus in Katsuura am Pazifischen Ozean und erinnert - unweit des dichten Siedlungsgebiets der südöstlich von Tokio gelegenen Chiba-Provinz - an den versöhnlich fliessenden Strom in der letzten Episode von Akira Kurosawas Film «Yume - Dreams». Diese heitere Linie, die von spitzen Dreiecksformen attackiert wird, ist das weithin sichtbare Symbol der Aussöhnung von Natur und Technik in der neuen japanischen Architektur. Damit nimmt dieses Haus eine Gegenposition ein zum aggressiven Modernismus der fortschrittsgläubigen Metabolisten der frühen sechziger Jahre, deren Kapseltürme erster Ausdruck einer eigenständigen zeitgenössischen japanischen Baukunst waren.
Heute zählt die Architekturszene im Land der aufgehenden Sonne zu den spannendsten und kreativsten überhaupt. Gerade in den Ballungsräumen der Grossstädte trifft man überall auf Bauten mit Vorbildcharakter. Im dichten, labyrinthartigen, aus ungezählten kleinen Häusern bestehenden Gewebe der japanischen Riesenstädte finden vor allem auch junge Architekten ein unerschöpfliches Arbeitsreservoir. Ohne die hier gegebenen vielfältigen Möglichkeiten zur Erprobung neuer architektonischer Ideen hätte die japanische Architektur mit Sicherheit nicht die Beachtung erlangt, die sie heute zu Recht geniesst. Engen auch die räumlichen Verhältnisse die bauliche Entfaltung ein, so sind doch der Phantasie kaum Schranken gesetzt. Zwar werden auch in Japan die meisten Grossprojekte an Generalunternehmen vergeben; Einfamilienhäuser, Boutiquen, kleine Geschäftshäuser und Restaurants aber werden häufig von schöpferischen jungen Baukünstlern realisiert. Künstler-Architekten wie Tadao Ando, Toyo Ito oder Shin Takamatsu kamen so zu Weltruhm; und sie betreiben ihre architektonischen Forschungen noch immer auf diesem Gebiet.
Japans junge Architekten glauben nicht mehr an die futuristischen Rezepte der Metabolisten für die chaotisch wuchernde Megalopolis. Vielmehr akzeptieren sie deren Widersprüchlichkeiten und beschränken sich auf fragmentarische Lösungen. Im solcherart gewandelten Stadtverständnis haben auch eigenwillige Neuinterpretationen des herkömmlichen japanischen Wohnhauses Platz. Ein Beispiel ist das im Auftrag eines Kleiderfabrikanten im Juli 1988 in Katsuura fertiggestellte Haus «Plattform Nr. 1» der 35jährigen Tokioter Architektin Kazuyo Sejima. Das auf Metallstützen schwebende Gebäude verblüfft durch die Symbiose von internationaler Technik und heimischer Tradition.
Ihre Architektur, die Bauformen von Ando und Ito verbindet, basiert auf These und Antithese: Im abendländisch geschlossenen Betonbau findet man ausser dem Schlafraum die traditionellen Wohnbereiche des Ofuro genannten japanischen Bades und des der Teezeremonie und anderen Anlässen dienenden Tatami-Raumes. Hingegen sind im Teil, der sich leichtfüssig auf einer Plattform erhebt und die Bautradition mit neuen Techniken interpretiert, das westlich möblierte Wohnzimmer sowie eine modernste Küche eingerichtet.
Während der aus dem Boden wachsende Betonteil auf die burgartige Architektur alter Steinbauten verweist, erinnert die dünnwandige Stahl- und Glasbauweise des podestartig erhöhten Teils an die klassisch offene Leichtbauweise aus Stützen, Trägern und Schiebewänden. Dabei sind Bezüge zu der auch für die abendländische Moderne wichtigen Katsura-Kaiservilla in Kyoto ebenso offensichtlich wie die Berücksichtigung klimatischer und seismischer Gegebenheiten. Statt aber den Formenschatz der Tradition zu bemühen, strebt Kazuyo Sejima - wie einige ihrer Kollegen - im Geiste von Zen nach der Vereinigung von erdnahem Beton und glänzendem, dem schönen Schein verpflichtetem High-Tech.
So verweist das Rikyu-Grau der Metallkonstruktion auf die strengen Ideale der Edo-Zeit. Hingegen kommt dieses zwischen Tradition und Moderne vermittelnde Gebäude ohne postmoderne Dekorationselemente aus. Darin folgt die Architektin ihrem Lehrer Toyo Ito, dessen «Silberhütte» genanntes Glaszelt in Tokio vorbildlich für die luftige Leichtigkeit von «Plattform Nr. 1» war. Dieses Haus sicherte Kazuyo Sejima, heute die Diva unter Tokios jungen Baukünstlern, denn auch den begehrten Yoshioka-Preis für Nachwuchsarchitekten; und ihr Wettbewerbsprojekt für ein japanisches Zentrum in Paris wurde ranggleich mit Itos und Riken Yamamotos Entwurf und noch vor Takamatsus Beitrag ausgezeichnet.
Trotz der Vielfalt der äusseren Erscheinung von «Plattform Nr. 1» konzentriert sich das Hauptinteresse von Kazuyo Sejima, die als Verfechterin prozessualer Architektur ihre Bauten als Behältnisse von raumdefinierenden Handlungen versteht, auf das Gebäudeinnere. Dieses organisiert sie - gleichsam als Antwort auf das städtebauliche Chaos - gemäss einer urbanistischen Raumlogik: Vom leicht ansteigenden Garten aus gelangt man zunächst in den hellen, zweigeschossigen Eingangsbereich, einen platzartigen Raum, der als Scharnier zwischen dem Betonbau und der darüber um 120 Grad gedrehten Plattform funktioniert. Eine dunkle «Gasse» führt zum japanischen Bad, eine überdachte «Strasse» hingegen zum Schlafbereich und zum Tatami-Raum. Diesem labyrinthartig in die Tiefe vordringenden «Wegsystem» entgegengesetzt führt eine von einem Schirm gekrönte Freitreppe aus dem geheimnisvollen Dämmerlicht des Erdgeschosses in die rationale Übersichtlichkeit und Helle des ersten Stockes.
Dort schwingt sich eine Blechtreppe hoch zur belvedereartigen Küche, zur Bar und zum grossen Sonnendeck, einem Open-air-Salon. Wie im klassischen Sukiya-Haus mit seinem variablen Raumgefüge setzt sich hier die räumliche Transparenz als optisches Kontinuum fort. Ungehindert gleitet der Blick vom Sonnendeck durch alle Raumschichten zurück in den trotz Sofa, Fauteuils und Beistelltischen japanisch karg wirkenden Salon. Durch stoffbespannte Fenster oder feine Rolläden werden die lichtdurchlässigen Shoji-Schiebewände traditioneller Räume hier neu interpretiert. Grosse Schiebefenster öffnen sich zur schwebenden Aussichtsplattform, so dass man ähnlich wie bei der Katsura-Villa von innen und von aussen die Landschaft betrachten kann - nur dass es sich hier nicht um einen Garten handelt, der kosmische Dimensionen reflektiert, sondern um eine Vorstadtlandschaft mit kleinen Häusern inmitten von Kiefern, Kamelien und Kampferbäumen.
Naturbezug manifestiert sich demnach nicht nur in der Durchdringung von Innen- uns Aussenraum, sondern neu auch in der eingangs gestreiften Formensprache des Hauses: Die Wellenform des Daches, ein Naturzitat, wie es auch bei anderen Baukünstlern der Shinohara-Schule von Ito bis Itsuko Hasegawa zu finden ist, beschwört die Fluten des nahen Pazifik, die sanften Hügelzüge oder den Wind, der über die Reisfelder streift - und ist darüber hinaus eine Metapher für Japans zyklisches Naturverständnis.