NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

«Flüchtlinge» im Jahre 1920

Italienische Auswanderer im Glarnerland.

Von Werner Catrina

Eigentlich sind die Masantis wegen Aldos Urgrossmutter ausgewandert. Sie nämlich hatte die Familie entzweit, was schliesslich zur Emigration des Enkels führte. Maddalena Casacca soll eine böse und ungerechte Frau gewesen sein, die einen ihrer beiden Söhne bevorzugte. Dieser war nach Südamerika ausgewandert, kehrte aber mittellos wieder in die Lombardei zurück und bekam den elterlichen Hof. Der andere, ältere Sohn, Antonio, verzichtete auf sein Erbe, zog zu seinem Onkel ein paar Häuser weiter und heiratete, sehr zum Unwillen der Verwandtschaft, eine arme Frau, Rosalia Montini aus dem Bergdorf Catasco nahe der Schweizer Grenze.

Das Ehepaar hatte zwei Söhne und fünf Töchter und musste sich und die Kinderschar als Taglöhner und Kleinbauern durchbringen. Ein Schleck war das Leben nicht am Fuss des Bregagno. Ganze zwei Jahre konnte der 1892 geborene Santino zur Schule gehen, schon als Kind musste er bis in die Nacht hinein an einer Spinnmaschine arbeiten. Viele Familien entlang des Comersees besserten ihren Lebensunterhalt mit den vielfältigen Arbeiten in der Seidenindustrie auf. Und dann ereilte die Familie ein schreckliches Schicksal: Die Mutter starb, noch nicht vierzig, und dann starben innert weniger Jahre alle Kinder, ausser Santino, an Tuberkulose und Mangelkrankheiten. So nahe diese Schweiz war - über den Passo San Jorio nach Bellinzona ungefähr 25 Kilometer -, so fern war dieses Land für die einfachen Leute am Comersee. Santino spielte seine schlechten Karten so gut wie möglich aus. Nach der Arbeit in den Spinnereien krempelte er die Ärmel hoch und lernte bereits als Halbwüchsiger das Bauhandwerk. Die Provinz begann 1902, den uralten Saumpfad entlang des Comersees als Fahrstrasse auszubauen. Eine Lira verdiente er als Pflasterbube, und das war immer noch etwas mehr als in der stickigen Fabrik.

Um die Jahrhundertwende zogen aus Norditalien im Frühling jeweils Wanderarbeiter nach Graubünden, wo die Rhätische Bahn ihre letzten Strecken erstellte. In eine Gruppe von Arbeitssuchenden reihten sich im Jahre 1906 auch der verwitwete Antonio Masanti und sein einziges überlebendes Kind, der 14jährige Santino, ein. Sie wanderten nach Mesocco und von dort über den San Bernardino durch den Rheinwald ins Schams. Am Eingang zur Viamala lasen sie auf einem Warnschild: «Achtung, Wegelagerer! Durchgang in der Nacht auf eigne Verantwortung.» Unbehelligt in Thusis angekommen, marschierten sie nach Surava zur Baustelle der Albulabahn, wo sie während der Sommermonate in Filisur und Wiesen arbeiteten. Zwei-, dreimal kamen Vater und Sohn nochmals gemeinsam in die Schweiz, dann zog Santino allein über die Berge nach Norden. Um die Schuhsohlen nicht zu strapazieren, wanderten die Muratori streckenweise barfuss über die Berge.

In den nächsten Jahren suchte der junge Saisonarbeiter sein Auskommen im schweizerischen Mittelland, er machte sich in Meilen, Rapperswil und im Kanton Aargau im Hochbau nützlich. In Brugg traf ihn 1912, er war damals zwanzig, das Schicksal in Form eines Aufgebotes in die italienische Armee. Er zögerte, ob er in der Schweiz bleiben und das Aufgebot ignorieren sollte, doch dann dachte er sich, dass er in diesem Falle wohl nie mehr nach Italien zurück könnte, und rückte ein. Eben hatte die Verrücktheit des Libyen-Feldzuges im Krieg Italiens gegen die Türken begonnen; Santino Masanti wurde in das nordafrikanische Land verschifft.

Der Feldzug fern der lombardischen Heimat machte Santino nicht zum Patrioten, im Gegenteil. Der junge Mann war immer mehr von der Sinnlosigkeit dieser zweifelhaften Militäraktion überzeugt, ein Krieg, den König Vittorio Emanuele zwar gewann, der für die zurückkehrenden Soldaten jedoch im Desaster endete, fanden die Libyen-Veteranen doch oft keine oder nur sehr schlecht bezahlte Arbeit. Santino Masanti hatte keinen Respekt mehr vor seinem Heimatland, obwohl er es sehr liebte, und wollte sich nach diesem Krieg so rasch wie möglich ins Ausland absetzen. Zusehends klarer wurde ihm, dass seine neue Heimat die Schweiz sein würde, wo bereits ein Cousin im Glarnerland Wurzeln geschlagen hatte: Cesaro, Sohn des einst nach Südamerika emigrierten und wieder an den Comersee zurückgekehrten Onkels Alessandro.

Aldo Masanti erzählt mir im Büro des gutgehenden Baugeschäftes, das er zusammen mit seinem Bruder Remo betreibt, die Geschichte seines Vaters. Er legt an dieser Stelle einen in alten Lettern verfassten Brief aus dem Familienarchiv auf den Tisch; es ist der Brief eines Wirtschaftsflüchtlings aus den zwanziger Jahren . . .

Mitlödi, 16. August 1920.

Lieber Cousin und Kamerad, wenn Ihr kommen wollt, kommt sofort. Dieses Passgesetz ist noch in Kraft, aber nur in diesem Kanton. Also, wenn Ihr kommen wollt, am Sonntag könnt Ihr da sein. Hört, wenn Ihr das Leumundszeugnis (Nulla Osta) von der Gemeinde bekommt, ist es besser für Euch. Geht zum Sekretär - jenem mit dem Bärtchen aus Gravedona -, und Ihr werdet ihm sagen, er solle Euch dieses Dokument ausstellen. Und wenn Ihr das Papier von ihm bekommt, dann sagt ihm, Ihr würdet selbst nach Como gehen, damit es rascher geht. Statt dessen bringt Ihr das Dokument zusammen mit den Militärentlassungspapieren hierher, wie ich es gemacht habe.

Ihr müsst es so machen: geht nach Menaggio, wie ich es gemacht habe, wechselt italienische Lire, bis Ihr jeder 25 Franken habt, welche genug sind, um bis hierher zu kommen, das heisst, dass ich bereit sein werde für eine erste Unterstützung, wenn Ihr hier ankommt. Dann muss Eure Roba (Habe, Gepäck) schnell geschickt werden. Hör zu, Santino, gehe zu meiner Schwester Rosa; Du wirst ihr sagen, sie solle Dir meine Pelerine geben, und diese wirst Du mit Deiner Roba senden. Am meisten müsst Ihr im Tessin aufpassen. Es ist leicht möglich, das sie Euch zurückschicken. Zieht Eure Sonntagskleider an, um die Grenze zu passieren. Zieht Euch aber (für die Überquerung des San-Jorio-Passes, Anm. des Übersetzers) kaputte Stoffinken und kaputte Hosen an, um nicht die schönen Hosen zu ruinieren. Und die Sonntagsschuhe tragt Ihr in einem Paket zusammen mit Krawatte und Kragen. Sobald Ihr die Grenze überschritten habt, werft das alte Zeug weg und zieht Euch schön an. Schliesslich müsst Ihr mit leeren Händen dastehen.

Die Grenze (San Jorio) müsst Ihr beim Einnachten überqueren, so werdet Ihr Carena und andere kleine Dörfer nachts unbemerkt passieren. Ihr werdet Giubiasco ungefähr um vier Uhr morgens erreichen, wenn die Polizisten noch schlafen. Ich bin nach Bellinzona gegangen, um dort einzusteigen. Das wäre besser, weil dort ein bisschen mehr Betrieb herrscht. Geht auf die Station und fragt, wann ein Zug Richtung Zürich kommt. Wenn Ihr die Zeit kennt, zieht Euch in ein Restaurant zurück. Lasst Euch nicht auf der Strasse blicken. Eine Viertelstunde vor Abfahrt lauft direkt zur Station, löst das Billet und fahrt ab. Ich habe es so gemacht, um hieher zu kommen. Aber viele andere sind zurückgeschickt worden. Wenn Ihr entschlossen seid zu kommen, dann müsst Ihr das sofort tun, weil hier jeden Tag Leute ohne Papiere ankommen. Und wie mir der Gemeindeschreiber gesagt hat, kann es sein, dass jeden Moment die Bremsen angezogen werden und dass sie niemandem mehr Pässe ausstellen.

Ich grüsse Euch, Dein Cousin C. M.

Santino Masanti tat, wie im Brief aus dem Glarnerland geheissen. Er kam allein; an der grünen Grenze erwischte ihn jedoch ein Tessiner Polizist und schickte ihn zurück. Im Morgengrauen des nächsten Tages gelang es ihm dann doch, seine Reise erfolgreich zu beenden.

Im Glarnerland erstellte der junge Mann zusammen mit Freunden aus der Lombardei zuerst als Akkordarbeiter Bruchsteinmauerwerk für verschiedene einheimische Baufirmen. Hart im Nehmen und gewohnt zu kämpfen, setzte er sich in der neuen Heimat erstaunlich rasch durch. 1921 heiratete er Filomena Largo aus Lamon in Belluno. Filomena, 1899 in Lamon geboren, lebte mit ihrer Familie bereits seit einigen Jahren in der Schweiz und besass die begehrte Niederlassung.

Auch die Largos, Hausierer, wie übrigens damals die meisten Bewohner von Lamon im Ausland, waren von schweren Schicksalsschlägen getroffen worden. 1916, zwei Jahre nach der Einwanderung von Belluno nach Schwanden im Glarnerland, starb der Vater, zwei Jahre danach die Mutter während einer Grippeepidemie; zurück blieben zehn unmündige Kinder. Die Älteste, Filomena, hatte von Geburt auf nur einen Arm und musste die ganze Familie durchbringen, was nur mit der weitherzigen Unterstützung von einheimischen Freunden und Bekannten gelang. Diese Filomena nun heiratete Santino Masanti. Im ersten Ehejahr musste das junge Paar über die Wintermonate zurück nach Italien, weil Santino die Ganzjahresbewilligung noch nicht besass.

1924 konnte das junge Ehepaar in Mitlödi ein Haus kaufen, die Hypothek für viereinhalb Prozent gab ihm die Armengemeinde von Mitlödi. 1925 machte sich Masanti selbständig, sein «Geschäft» bestand aus einem Gädeli mit Sand, Schaufel und Pickel. In den zwanziger Jahren eröffneten eine ganze Reihe italienischer Immigranten Baugeschäfte im Glarnerland. Am Anfang arbeiteten sie ohne Angestellte; die eingewanderten Muratori halfen sich gegenseitig aus. Bezahlt wurde nicht bar, sondern in einer Gutschrift zum Arbeitseinsatz in gleichem Umfang im Betrieb des Konkurrenten. Santino Masanti arbeitete vorwiegend für Landwirte und Fabrikarbeiter, die ihn zum Teil mit Käse, Butter oder gar Wildbret bezahlten. Dann kamen die ersten Aufträge der Gemeinden.

Die Söhne der Familie, Remo, 1926, und Aldo, 1934 geboren, wurden Maurer, die beiden Töchter erlernten Berufe in andern Branchen. Aldo besuchte im Burgdorfer Technikum die Tiefbauabteilung und hatte bereits mit knapp 22 Jahren das Diplom in der Tasche.

1948 erkrankte der Vater schwer. Sohn Remo musste, erst 22jährig, die Geschäftsleitung übernehmen. Die beiden Brüder bauten das Baugeschäft aus bescheidenen Anfängen im Laufe der Jahrzehnte durch harte Arbeit und den Zukauf eines Betriebes in Schwanden zu einem blühenden Unternehmen aus. Längst sind die Masantis vom kleinen Schuppen auf das Gelände einer liquidierten Textilfirma umgezogen. Aus dem einen Lastwagen, den das Unternehmen in den fünfziger Jahren anschaffte, ist ein moderner Fuhr- und Maschinenpark geworden. Aus der Firma Masanti-Largo wurde 1951 Masanti und Sohn und 1958 Masanti & Co; seit 1974 heisst das Unternehmen Masanti AG und zählt eine Belegschaft von 80 Mitarbeitern, davon sommers 30 zumeist spanische Saisonniers.

Die Masantis sind zu «ganzen» Schweizern geworden. Es würde Aldo Masanti nie einfallen, mit seinen Geschwistern Italienisch zu reden: «Wir sind hier im Glarnerland, und da ist es klar, welche Sprache wir sprechen.» Er und seine aus dem Kanton Bern stammende Frau haben keine Kinder, der Sohn des Bruders ist Berufsoffizier in der Schweizer Armee.

Der Vater, Santino, der vor drei Jahren 96jährig starb, hatte immer gesagt, sein Vaterland habe ihn zweimal hintergangen. Seine Familie half im 18. Jahrhundert, die Kapelle Madonna delle Neve zu bauen, doch in den schlechten Jahren verhungerte die Familie beinahe neben den satten Pfaffen. Und dann habe er in diesen Libyen-Krieg ziehen müssen. «Und als wir zurückkamen, gab es keine Arbeit.»

Werner Catrina lebt als freier Journalist in Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.