NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Schlaglicht -- Die Schicksalsfahrt der «Titanic»

© Angelo Boog
Linktext
Bis heute fasziniert die tragische Geschichte des stolzesten Schiffes der Welt, das auf seiner ­Jungfernfahrt einen Eisberg rammte und sank. Warum?

Von Wolf Schneider

Am 1. September war es 25 Jahre her, dass der amerikanische Ozeanograph Robert Ballard südöstlich von Neufundland in 3600 Metern Tiefe das Wrack der «Titanic» aufspürte – des 1912 elend versunkenen schwimmenden Palasthotels, das nie aufgehört hatte, die Gemüter zu bewegen; nun zerborsten, zerfressen, überwuchert, ein Gespenst in ewiger Finsternis. Und natürlich der Anstoss zu einem neuen Schwall von Theorien und Romanen und 1997 zum aufwendigsten Film der Geschichte.

Was fasziniert uns an der «Titanic» noch immer? Wie das stolzeste Schiff der Welt, das bis dahin überhaupt gewal­tigste Produkt der Technik, sogleich auf seiner Jungfernfahrt zerschellte; wie Wallace Hartleys Ragtime-Band unerschüttert blies und fiedelte, bis der Atlantik sie verschluckte; wie der Multimillionär John Jacob Astor, im Wasser treibend, von einem der vier fast fünfzig Tonnen schweren Schornsteine der «Titanic» erschlagen wurde.

Warum ging sie unter?

Weil sie, allen Eiswarnungen zum Trotz, ihre Höchstgeschwindigkeit beibehielt, um ihre Triumphfahrt in New York pünktlich zu beenden. Weil sie weder ­einen Scheinwerfer noch auch nur ein Fernglas an Bord hatte, womit der Eisberg rechtzeitig hätte gesichtet werden können. Weil ihre Aussenhaut zu dünn war, gemessen an ihrem gewaltigen Volumen. Und weil ihre 16 Schotten nicht hoch genug reichten: Das Wasser schwappte über von einer zur anderen. Die Katastrophe war fast vorhersehbar.

Wie ging sie unter?

Sie sank zwei Stunden vierzig Minuten lang in der eisigen Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 – ohne Lärm und bei völlig ruhiger See; hell erleuchtet bis zum Untergang, denn die Ingenieure blieben im Maschinenraum (und kamen alle um). Zunächst senkte sich das Vorderschiff so langsam ab, dass die Passagiere eher belustigt die Weisung des Kapitäns befolgten, mit ihren dicken Korkschwimmwesten an Deck zu gehen.

Erst nach anderthalb Stunden bildeten die Reihen der festlichen Lichter in den sieben Überwasseretagen einen auffallenden Winkel zum Meeresspiegel, und erst zehn Minuten vor dem Ende begann das Vorderschiff zügig abzutauchen – bis der Rumpf sich fast senkrecht stellte und die Passagiere, die sich aufs Heck geflüchtet hatten, in schreienden Bündeln ins Meer stürzten. Dann rauschte der Riese erstaunlich leise in die Tiefe.

Warum starben so viele?

Erstens, weil für die 2206 Menschen an Bord nur 1178 Plätze in den Rettungs­booten verfügbar waren – mehr wurden im britischen Handelsschifffahrtsgesetz nicht verlangt. Und zweitens, weil von den 1178 Plätzen 467 leer blieben – die Folge einer panikartigen Auslegung des Seemannsgebots «Frauen und Kinder zuerst»: Wenn die nicht in die Boote wollten, wurden sie von keinem Offizier genötigt – die Männer aber abgewiesen.

So starben 1503. Die meisten erfroren in ihren Korkwesten (das Salzwasser hatte minus ein Grad, dabei gefriert es nicht); die anderen wurden vom Wasser erschlagen im Innern der «Titanic», als sie mit dem Tempo eines Expressfahrstuhls dem Meeresgrund entgegensauste.

Wie das Wrack gefunden wurde

Schon 1914 begannen die Spekulationen, ob und wie man die «Titanic» orten könne – um sie zu heben! Robert Ballard machte 1985 anhand der Daten von 1912 eine Fläche von drei Vierteln des Bodensees als wahrscheinlich aus, 65 Tage lang liess er dort den Meeresgrund von einem Sonargerät durchkämmen, am 1. September war das Wrack gefunden, zwei Kameras nahmen vier Tage lang 20 000 Bilder auf – und zu heben war nichts mehr.

Das Vorderschiff liegt 15 Meter tief im Schlamm, das Heck weitab, Koffer, Pfannen, Tassen, Weinflaschen in einem riesigen Trümmerfeld. 1986 tauchte Ballard im U-Boot hinab und stellte fest: Keine Leichen (alle von Bakterien zersetzt) – keine Möbel (von der Schiffsbohrmuschel aufgefressen).

In vielen Tauchfahrten wurden seitdem 5500 Gegenstände heraufgeholt, vom Kopf einer Puppe bis zu einem tonnenschweren Stück der Bordwand. Im Mai 2009 starb in einem englischen ­Altersheim die letzte Überlebende der «Titanic», Millvina Dean, damals neun Wochen, nun 97 Jahre alt. Um ihren Unterhalt zu bestreiten, hatte sie 2008 einen Koffer versteigert – von ihren Eltern zwar in New York gekauft, jedoch als erstes Stück nach der Rettung. Kurz vor ihrem Tod sandten Leonardo DiCaprio und Kate Winslet eine Spende, die zwei vom Film.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.